Wortkrieg im Sommer, Frieren im Winter

Weil ich mich aus den Kommentaren zum Krieg Russlands gegen die Ukraine (und Europa) weitgehend heraushalte, darf ich einmal eine Ausnahme machen. Einstieg: Begriffskrieg: Norbert Frei beschreibt in der Süddeutschen die unterschiedlichen Auffassungen zur deutschen Haltung in diesem Krieg (SZ 22.7.2022, und dabei geht es auch um die Analogien zu Hitlers Krieg und zum Faschismus. Da gibt es die zwei Seiten, Adam Tooze hält die Deutschen eher für eine gelungene postheroische Gesellschaft, aber Timothy Snyder verfolgt eine Faschismusthese, auch im Detail. Das kennen wir, dazu sage ich schon genug. Aber dann gibt es eine Passage: In Russland fehlt die Massenbewegung, die den Führer stützt, dafür gibt es eine Reihe anderer, diktatorischer Regime, die sowohl von den Massen getragen werden als auch die Merkmale faschistischer Systeme tragen.

Das ist schon ein besserer Leitartikel als viele zum Thema. Aber zum letzten Punkt habe ich eine Perspektive, die mit dem Krieg gegen die Ukraine wenig zu tun hat, mehr mit der Frage, ob wir der Illusion der Demokratisierung weltweit nach 1989 erlegen sind. Ich spreche von Illusion, also einer unvollkommen begründeten Wunschvorstellung. In unseren Zeiten (1968) und davor, in der Zeit der Dekolonialisierung, war die Illusion, dass die Befreiung von FremdHERRSCHAFT zur Demokratie führen würde. In den meisten Fällen gab es aber Überginge in neue Formen der Diktator und autoritären Staatssystemen. Und bis heute ist der Nord/SüdKonflikt noch immer eingekleidete in verlogene Markt- und Wachstumsideologien der globalen Ökonomie.

Das ist nicht neu, aber nicht Gegenstand von Allgemeinbildung und weithin geteiltem Politikverständnis. Ich bin zunehmend Bildungs-skeptisch geworden und setze mehr auf Wissen und Wahrnehmung. Wenn heute die Klimakrise die dominierende unabhängige Variable ist, wo gehört dann die Demokratie hin? und wie kann sie den Unsinn von Wachstum als Motor für (angestrebte) soziale Gerechtigkeit ausbremsen?

Desillusioniert kann man sagen, dass es keine lupenreinen Demokratien gibt, dass vielleicht ein Viertel der Staaten weltweit demokratisch strukturiert sind, genauso viele sind lupenreine Diktaturen und der Rest tendiert mehr zu diesen als zur Demokratie. Die postkoloniale Weltökonomie ist kolonial, auch im Inneren, also im nationalen und subnationalen, und die angestrebte globale Demokratie kann schon durch das Gerülpse von China und Russland im Sicherheitsrat oder den Selbstentzug einer Weltjustiz wie durch die USA ausgehebelt werden. Es triumphiert der so genannte Exzeptionalismus (den Begriff habe ich nicht erfunden, er sagt nur, dass ein Staat oder eine Gesellschaft für sich Ausnahmeregeln vom ansonsten durchaus vertretenen universalen Anspruch verlangt, und natürlich sind die Atommächte da im Vorteil).

*

Ich mache keine politischen Vorschläge, wie denn auch auf einer Seite. Aber ich verlange, dass sich Demokratie dort ausbilden kann, wo die Menschen wissen, was der Fall ist, und worum es geht, wenn es z.B. im Winter zuhause weniger warm wird. Lassen Sie einmal einen der Demagogen zum Thema das den so genannten Massen erklären, anstatt den richtig argumentierenden Habeck als pessimistisch anzugreifen, wie der Blackrockmanager Merz tut; und, auf noch höherer Ebene: nehmen Sie sich die Mühe, den wirklichen Zusammenhang zwischen Putins Angriffskriegen seit der Krim und unserem Wirtschaftsgefüge erklären, anstatt die Behauptungen dazu immer und immer wieder auszumalen, bis die Menschen die Begriffe sich wie Implantate nicht mehr rausnehmen können. Erklären kann Demokratie sein, wo Behauptungen nur Wandmalereien sind. Auch die Unterscheidung ist Demokratie (bzw. ihr Gegenteil, wenn der Diktator Putin Krieg durch Militäraktion ersetzt, ist das wie in „1984“, wo das Kriegsministerium Friedensministerium heißt).

Zurück zum Anfang: Faschismus, Kommunismus und andere undemokratische Herrschaftsformen haben meist die Massen inspiriert, indem sie ihnen die Sprache entfernt und in verheerend anderer Form zurückgegeben haben. Wo die Massen nicht folgen, werden sie gefoltert und in Angst gehalten, das ist übrigens auch dort der Fall, wo sie „eigentlich“ ihrem Führer folgen wollen, wenn es nur für die persönlich nicht so schrecklich ausgeht wie für die, die es nicht besser verdien.

Weiches Hirn und harte Fakten

Wenn die Not am größten ist, zeigt sich a) das Rettende auch, wenn aber nicht b) gewöhnen sich die Menschen an die Not, und dauert diese an c) wird sie als nicht so schlimm oder gar als lebenswerte Alternative gewendet.

Ich bin nicht Hölderlin, also scheidet a) aus. Dafür sind b) im Übergang zu c) der Rahmen, in dem wir die in die Hitzewelle, Wasserknappheit und Trockenheit hineintorkeln, als ob nicht manche PolitikerInnen sinnvolle und viele von ihnen blödsinnige Vorschläge raussprudeln würden, ermattet und aufgeweicht durch das Sommerwetter.

Das Klima wird verdrängt durch Russlands Angriffskrieg, die Ukraine in Not wird verschoben, wenn die Raumtemperatur im Winter unter 17° fallen sollte, die Staatshilfen werden dafür gespalten in Hilfen für alle (Reichen) und die weniger Wohlhabenden und besonders Not Leidenden (die Armen). Ja, es gibt im reichsten großen Land Europas viele Arme; das ist den neoliberalen Markttrotteln egal, weil sie nur in ihrer gegenwärtigen Lebenszeit denken können, und es ist den Spitzenbürokraten egal, weil sie alle Probleme mit der engführenden Planwirtschaft des „Wir wollen“ abfangen.

Währenddessen beobachte ich mit vielen anderen (Gleichdenkenden?) wie die tatsächliche katastrophale Häufung dazu führt, dass der klassenübergreifende Pöbel die Probleme aufschiebt (AKW Fortführung) anstatt Konflikte regeln zu wollen (dass wir alle im Banne der Kriege leiden werden, ist klar, und die Regelung bestünde darin, die enormen sozialen Spannungen zwischen den besser Gestellten und der breiten Masse abzubauen. Stattdessen brüllen die Inselmagnaten Freiheit! Und die Bürokraten Gerechtigkeit!).

Das alles ist eigentlich nicht neu und lässt sich durch Realpolitik nicht nachhaltig ändern. Aber genau die wird gefordert, vor allem die Liberalen sehen darin „Entideologisierung“. Über all das kann man reden, soll man nachdenken, und vor allem, wir müssen handeln. Dass sich die aufgeregten Halbdenker nach wie vor mehr über die documenta 15 und den Konflikt zwischen Antisemitismus und Antikolonialismus erregen als über Morde an jüdischen und ausländischen Menschen, zeigt nur, wieviel an unseren Potenzialen schon beschädigt ist.

*

Wie immer, geht es mir nicht um die weitere Kommentierung des bis zur Unkenntlichkeit kommentierten Geschehens an der Oberfläche unserer Gesellschaft. Dazu reichen die Kolumnen der besseren Medien, die aber die nicht die Meinungsbildung des Pöbels beherrschen. Ihr fragt, warum ich vom Pöbel spreche. Man denkt an Brot und Spiele, an die Populisten, Le Pen, Trump, auch bei uns gibt’s die, aber ich meine damit noch mehr: Pöbel, das sind die Gegenwärtigen, die sich nicht vorstellen können, wie ihre Kinder und Enkel in Zukunft nicht besser leben können, sondern schlechter.

Viele von uns hatten 1989, bei Überwindung des alten Kalten Kriegs gedacht, die aufkommende Demokratie würde den Klassenkonflikt beenden, so wie das Ende der Geschichte wohl angekommen sei. Von Nord/Süd war überraschend wenig die Rede. Zwanzig Jahre davor war auch wenig die Rede davon, wie viele Gesellschaften im Zuge der Entkolonialisierung in neue Formen der Diktatur übergehen würden, und davor…Befreiung von einem Übel heißt nicht Freiheit von jedem anderen Übel. Trivial? Wohl nicht, sonst hätte man vielleicht anders mit alle dem umgehen können.

Es klingt seltsam: aber ich denke, dass ein angestrebter Kompromiss immer falsch ist und der Demokratie schadet. Ein Kompromiss als Ergebnis des ausgetragenen Konflikts kann, muss nicht, die einzige, beste Alternative sein.

Dass man den Konflikt in der Demokratie austragen kann, wird heute bezweifelt. Manche träumen von der Ökodiktatur, andere von der Zwangsverteilung des potenziellen Reichtums. Dahinter steckt oft eine gute Absicht. Aber die Voraussetzung einer Änderung der Verhältnisse zum Guten ist ja nicht einfach, richtiger und besser als bisher am Objekt zu handeln (=Politik statt Meinung, oft auch Befreiung statt Freiheit). Da sind ja auch noch wir.

Rilke dichtet dazu: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
(1908, Archäischer Torso Apolls).

Da geht es auch um die Tatsache, dass wir angesehen werden von den Objekten, in diesem Fall von der Schönheit einer Skulptur. Peter Sloterdijk, den ich nicht mag, hat einem seiner guten Bücher diesen Titel gegeben „Du musst dein Leben ändern“ (Suhrkamp 2012), es kommt nicht darauf ein, seine These nachzuvollziehen. Vielmehr ist wichtig, dass wir unser Leben ändern (nicht unbedingt verbessern!!!), damit wir mit dem umgehen können, was uns ansieht: und das ist ja das Ende der Gattung durch unsere Untätigkeit.

Zu apokalyptisch? Schaut euch verdursteten Viehherden an. Den Gletscherabbruch. Das weiche Hirn der Aufschubpolitik.

Jüdischer Einspruch: Mendel hat Recht

Jüdischer Einspruch. Den macht Meron Mendel in der SZ vom 11.7.2022: „Wir brauchen keine Oberaufseher“.

Er hat sich als Vermittler von der documenta 15 zurückgezogen, erklärt das, und spart an einer Stelle nicht mit einer wichtigen Kritik, die ich teile: Über den Auftritt von Botmann vom Zentralrat im Kulturausschuss. „Die Documenta wird jetzt genützt für eine Generalabrechnung mit allen vermeintlichen Feinden. Man wirft das Banner, die Konferenzen ‚Hijacking Memory‘ und das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung in einen Topf…-Es gibt offenbar Menschen, die den Skandal dazu nützen wollen, um vorzugeben, was in diesem Land diskutiert wird, und diese Vorstellung basiert auf einem weiten Verständnis dessen, was Antisemitismus ist“.

Dass der Zentralrat nicht nur hier, auch anderswo den Antisemitismus nicht nur bekämpft, sondern auch fördert, ist bekannt und lässt sich nachweisen. Aber auch hier gilt, dass schwarz-weiß als Diskurslogik verboten ist, und man endlich dem Zentralrat mit adäquater Kritik entgegentreten muss, wie das Mendel sehr präzise tut. Mir geht’s nicht um die Documenta, sondern um das Reden darüber, vor allem von Menschen und Gruppen, die zum Thema nichts zu sagen haben und sich hinter ihrer Definition des natürlich abzulehnenden Antisemitismus verstecken.

*

In Zeiten wie diesen darf der Diktator Putin den jüdischen Selenskyi Nazi nennen. Darf er nicht? Er tut es. Wenn manche sagen, man müsse mit Putin trotzdem reden, dann frage ich nicht, ob ja oder nein, sondern worüber. Über seinen Nazi-Vergleich? Nein. Nicht mit ihm. Darüber müssen wir reden. Wir umschreiben so vieles bis zur Unkenntlichkeit, dass selbst Megaworte, die längst keine Begriffe mehr sind, zur taktischen Waffe verkommen. Man kann und vielleicht muss man Putin als Faschisten bezeichnen, wenn man Faschismus als wissenschaftlichen Begriff ernst nimmt. Man kann und vielleicht muss man die AfD als Nazipartei bezeichnen, der klassische Faschismus passt weniger auf sie. Man kann und vielleicht muss man die ukrainische Geschichte, von den Judenmassakern 1920f. bis hin zu Bandera, ebenso kritisieren wie die Abwägung der Position zur Gegenwart. Ob das von ausgerechnet denen kommen sollte als Argument, die an der Abdrängung der Ukraine aus der deutsch-russischen Freundschaft beteiligt waren, bis vor ganz kurzem, ist eine innenpolitische und eine Frage der Aufrichtigkeit.

*

Zurück zu dem verdienstvollen Mendel. Dieser reflektierte Mensch fasst in ein paar Sätzen zusammen, was im Augenblick untergeht, weil die Diskussion über die Ufer tritt. „…Mit dem Völkermord an den Herero und Nam muss man auch in Deutschland daran denken, wie man auf Rassismus gegen Schwarze reagiert. Darum dreht sich ja die aktuelle Diskussion um multidirektionale Erinnerung von Holocaust und Kolonialverbrechen. Diese Diskussion kann nicht durch Dekret für beendet erklärt werden. Deshalb tue ich mir auch schwer mit Statements wie dem, dass Israels Sicherheit deutsche Staatsräson ist, wie Angela Merkel 2008 vor der Knesset verkündet hat. Wir brauchen keine Oberaufseher, die sagen, wie über Israel diskutiert wird, wir brauchen eine gesellschaftliche Diskussion…“ Er schreibt noch mehr richtiges, aber das sitzt bzw. soll wirken.  

*

Jüdische Argumente gegen den Antisemitismus sind selten deckungsgleich mit deutschen Argumenten dagegen, und mit den Argumenten anderer Gesellschaften. Manches muss man als jüdischer Deutscher dann den Deutschen überlassen, wenn man die nicht verheilte Wunde des Bindewortes weiterhin schwären sieht. Deutsche UND Juden.

Deutsche Argumente gegen den Kolonialismus sind selten deckungsgleich mit den Argumenten anderer Gesellschaften, wenn es um die konkrete Geschichte und nicht um den universellen Begriff geht.

Was Mendel mit multidirektionaler Erinnerung meint, steht der so sehr herbeigeredeten Eindeutigkeit, auch in der Politik, entgegen.

*

Die deutsche Zeit scheint manchmal still zu stehen. Da tobt der Krieg Russlands gegen die Ukraine, da versucht der globale Süden sich aus dem Schwarzweiß-Denken der postkolonialen Zeit zu befreien, da strickt sich Deutschland einen weiteren wärmenden Pullover für den nächsten nicht nur Kalten Krieg.

Schluss jetzt.

Erinnert euch daran, dass vor einigen Jahren ein Gedicht von Eugen Gomringer an der ASH zensiert und durch einen absurden, angeblich politisch korrekten Text, ersetzt wurde. Zur Auffrischung des Gedächtnisses: Streit um Gomringers „avenidas“-Text: Das neue Gedicht für die Alice Salomon Hochschule – Wissen – Tagesspiegel.

*

Die Zensur schreitet weiter voran. Schon den BEGRIFF darf man nicht verwenden, es ist so ähnlich wie Putins Verbot, vom KRIEG zu reden (7 Jahre Haft). Wer die identitätsschwere Ablehnung von Kritik oder kontroversen Meinungen selbst ablehnt, wird mit Shitstorm oder Ausgrenzung bestraft. In einem ganz neuen Fall mit Ausladung. Lest erst einmal: Marie-Luise Vollbrecht: Der Vortrag, den ich nicht halten konnte (ZEIT #28, 7.7.2022, S. 11.). Die Hauptthese des Vortrags ist:

„Zu erklären, warum es aus biologischer Sicht nur zwei Geschlechter gibt. Klarzumachen, dass Debatten um soziale Geschlechterrollen etwas anderes sind. Und zu begründen, warum ich es für falsch halte, wenn beides vermengt wird“.  Es geht im Kern um die Vermengung von zwei Begriffen, Sex und Gender, die unterschiedliches bedeuten und verschiedenes in Kommunikation und Praxis bewirken.

Peinlicher noch als die Absage ist die selbstgerechte Unterwerfung des Vizepräsidenten der Humboldt-Universität unter die möglichen Folgen und Kontroversen, wäre der Vortrag in der Langen Nacht der Wissenschaften wirklich gehalten worden. Er hat im Übrigen die Differenz von Sex und Gender nicht verstanden und sagt zum Abschluss des Interviews: „Die Universität ist aber nicht dazu da, die politische Meinung ihrer Mitarbeiter zu schützen“. (Gleiche Ausgabe, S. 39).

*

Schlimm, aber mit dem Vorteil, dass nun sehr viel mehr Menschen den Vortrag von Frau Vollbrecht kennen und darüber nachdenken oder auch streiten können. Auch das Gedicht von Gomringer ist nun weit verbreitet und ist überall nachzulesen. Das nenn ich Dialektik. Dass es in beiden Fällen um Sex und Gender geht, ist besonders auffällig und nachvollziehbar, die beiden Begriffe berühren ja wirklich alle Menschen. Begriffe: nicht jedes Wort ist ein Begriff, und Adorno setzt in seiner Negativen Dialektik (Adorno 1975), eine zugegeben schwierige, aber überraschend aktuelle Kritik der neuerdings so modischen Identitäts-Konstruktion in den Text.

So, wie ich mich nicht hindern lasse, LGBTQY zu unterstützen, im Allgemeinen und meist in den besonderen Fällen, so wenig lasse ich mich daran hindern, andere wissenschaftliche Erkenntnisse daraufhin zu prüfen, wieweit sie gesellschaftlich in das Konkrete unseres sozialen und individuellen Lebens übersetzbar sind. Kritik und Übersetzung macht unsere Kommunikation aus, nicht Ablehnung des Abgelehnten (und nicht Verstandenen?).

*

Ich würde das gerne ausdehnen auf meinen Appell, aufzuhören mit dem mittlerweile dummen Anti-(anti)-Anti²- ANTI-semitischen Kommentaren zu dem, was sich auf der Documenta 15 tut. Viele, die da mitzureden meinen, meinen nur ihre Mein8ungen zu etwas, das mit jüdischen Menschen, meinetwegen „Juden“ nichts zu tun, aber mit deutschen Nabelschau, die sich nur als gereinigt und moralisch einwandfrei betrachten möchte. Damit kann man Vergangenheit auch auslöschen oder unscheinbar machen. Den Antisemiten machts Freude. Sagt mal schnell, um welchen Begriff es hier geht.

Adorno, T. W. (1975). Negative Dialektik. Frankfurt, Suhrkamp.

Deutschland so klein, so klein…Ach ja, der Westen. Ich bin nicht allein

HA! Ausnahmsweise war ich früher. Aber die SZ von gestern hat nachgezogen: Deutschland im Stillstand. 2.7.2022). Aber lest trotzdem erst bei mir weiter.

Die Selbstverzwergung der europäischen Führungsmacht, vor der Alpenkulisse, im Verkehr, in den Medien, wäre ein Thema für eine gesellschaftliche Opposition, nicht einfach Nahrung für den Meinungsstreit. Da aber die Auseinandersetzung entweder in der Blase der regierenden Eliten incl. Opposition erfolgt oder sie in der „Breite der Bevölkerung“ oft grund- und bodenlos aufspritzt wie ein Geysir und dann schnell zusammenbricht, bleibt vom zurückbleibenden Deutschland der schale Geschmack einer sich abhängenden Nation.

VORSICHT: selbstverständlich gibt es personale Ausnahmen, PolitikerInnen, die das ähnlich sehen und auch aussprechen, Medienkommentare, die sich daran hängen…ABER der Mainstream faltet die Hände vor dem Wohlstandsbauch und wehrt sich dagegen, dass die Armen es besser haben sollen und die Wohlhabenden abnehmen müssen, und dass das mit der Zwergenperspektive sehr wohl ursächlich und logisch zu tun hat.

Solche Gedanken könnten innenpolitisch aus der Linken kommen, tun sie aber nicht. Der außenpolitische Zwerg hat sich wieder brav dem Transatlantik statt der EUROPA-Sicht der Krisen- und Kriegssituation untergeordnet.

VORSICHT: das ist kein Antiamerikanismus, sondern die Einsicht, dass die USA im Falle einer wirklichen Ausweitung des Kalten in einen Heissen Krieg von den russischen Atomwaffen weit genug entfernt sind, um sie in Deutschland und Europa zu stationieren. Sehr wohl ist meine AMERIKAKRITIK stärker geworden mit der Spaltung der USA in einen faschistischen Flügel, von der Gerichtsmehrheit bis hin zu den neuen Rassismen, und einer ungeordneten Verteilung von geschwächtem Vorbild an Demokratie. Diese Kritik ändert nichts an meiner ABLEHNUNG  der russischen und chinesischen Diktaturen, also kein Einfallstor für die amerikafeindlichen Urdeutschen, die noch immer an den Vorsprung der deutschen Kultur vor dem Rest der westlichen Welt glauben, und in Putin auch das Opfer der früheren westlichen Aggression sehen (teilweise Frau Dardelen im DLF am 1.7.). Noch schlimmer aber ist, dass die Verhandlungsbefürworter (das sind WIR auch immer, wir nicht-Bellizisten) einfach vom Westen reden, als wäre das eine objektive Macht: Im Appell „Waffenstillstand jetzt!“ (ZEIT, 30.6.) ist dauernd vom Westen die Rede, da kommen wir so wenig vor wie die USA. DASS alle Forderungen der AppelliererInnen ganz gut sind, versteht sich. NUR wie die diplomatische Großoffensive zustande kommen soll, wenn es den herbeischwadronierten Westen SO nicht gibt…?).

Dieser Zugang ist nicht von mir gewählt, um das Land aus der Zwergenblase in die aufrechte Wunschgröße zu befreien, das wäre ein neuer Nationalismus. Bloß nicht. ABER wie kann Kritik zwischen dem erwünschten, aber nicht erwarteten Kosmopolitismus und einer erhofften nationalen Selbstbesinnung „richtig“ und breit verankert politische Perspektiven bieten, die über das Meinungsniveau hinausgehen?

*

Ich bin da überhaupt nicht allein mit diesen Ansichten. Denn es ist kein monolithischer Block von Kritik, der sozusagen eine Politikwende fordern würde, sondern jedes Element am Zwergenmenu hat sein Thema und seine Alternative. Teile davon sind in den Medien, andere Teile richten sich gegen die Medien. Ich fange mit Beispielen zum letzteren an:

Da wird tatsächlich berichtet, wenn ein Mensch oder mehrere Dächer in Bayern durch ein Gewitter umkommen – und die hunderten, tausenden Toten im Krieg der Russen gegen die Ukraine werden vergleichsweise marginal erwähnt. Das ist nicht trivial und lässt sich analog vervielfältigen.

Zwergisch ist auch die deutsche, neoliberal ruinierte Coronapolitik, die nach wie vor mehr Tote in Kaufnimmt und noch nicht einmal eine auswertbare Statistik vorweisen kann.

Zwergisch ist die lächerliche, hinter der Dritten zurückgebliebene IT Politik, die auch auf einen Mangel an technisch-zukunftsorientierter Perspektive zurückgeht. Was wiederum auch auf

die zwergische Bildungspolitik zurückgeht: Deutschland investiert in Tankstellen, aber nicht in Bildung (–> OECD Übersichten), wir sind im Mittelfeld und werden nicht nur von wohlhabenden Ländern abgehängt.

Und so kann ich die Verzwergung an einer langen Liste weiterführen, aber ich bin kein Dichter und mache keine Märchen draus. Keiner bremst Lindner mit seiner blödsinnigen Klientelpolitik für die Reichen. Die Verarmung ist auch ein Ergebnis der Verhinderung von Konflikten, dort wo sie eigentlich hingehören: in die Öffentlichkeit.  Das machen fast alle, und die Aufarbeitung, wo die Katastrophen und Zwergenlandschaften herkommen, lässt auf sich warten. Mehdorn läuft noch immer frei herum, und er ist nur ein Symbol für viele seinesgleichen. Geld für Hitler/Hindenburg (=Garnison)kirche in Potsdam ist in Millionenhöhe da, die Armen werden mit nichts abgespeist; und weil nicht einmal der Klassenkonflikt, sondern die Stimmung mitregiert, wird nicht wirklich und aufrichtig von einer Notwendigkeit der Wohlstandseinschränkung gesprochen, die nicht nur die Armen trifft, sondern die Vermögen der Vermögenden in einer der reichsten Gesellschaften der Welt (ob sie nun auch noch Geld in Westchina verdienen oder durch den Export von verdorbenem Fleisch in den globalen Süden, ist dann nur ein Element….). Es geht wirklich ums Ganze, und kaum jemand erinnert sich wirklich, wieviel die europäischen Siegermächte nach dem 2. Weltkrieg sozial erdulden mussten, so 1945-1950 ca., obwohl sie gesiegt und andere befreit hatten. Noch verdienen etliche am Krieg Putins gegen den Westen. Und dass es „den“ Westen längst nicht mehr gibt, sollte endlich auch ins Zwergenreich durchdringen, so wenig wie es Osten ja nie wirklich gegeben hat, polit-geographisch.

*

Wie ich zu solchen Sätzen komme? Ich bin ja nicht so blöd, dass ich nicht wüsste um wieviel komplexer die Situation ist. Aber für die Zwerge ist das anders: da gehören Orban und Erdögan und noch ganz anderes Gesindel „dazu“, und bei der Frage, wozu dieses „Dazu“ eigentlich da ist, wird auf der abstrakten Ebene der Zeitenwende geantwortet und die Einigkeit vor dem Alpenpanorama. Ich bin dafür, diese Einfachheiten sofort zurückzunehmen, wenn die Komplexität auch angesprochen wird. (Übrigens: Habeck und Baerbock können das, es ist kein Zauberkunststück; aber wieweit dringen sie gegen das laissez-faire in den Grundsatzfragen des neuen Kriegs durch?). Vieles, das ich hier schreibe, findet sich in den Medien auch, ich erfinde nichts.

Und noch etwas wichtiges: Wenn ich diese Dinge, ausführlich und differenziert, mit anderen diskutiere, erklären mir manche, dass die Züge hier zwar zu spät sind, aber anderswo, in Vietnam und Kenia, noch viel mehr Verspätung haben; dass unser Internet zwar lückenhaft ist, aber man muss ja nicht alles digitalisieren; dass unsere Milde gegenüber der Korruption anderswo nur formal gekontert wird, bei uns aber alles doch relativ normal vor sich geht; „EIGENTLICH“ geht’s uns doch gut. Und dann werde ich ärgerlich, nicht wie in diesem Artikelchen. Ja, es geht uns gut, zu lasten anderer, und eigentlich heißt ja nur, dass wir die bestehenden Spaltungen nicht beseitigen wollen. In dieser, nur in dieser, Hinsicht sind mir die Konflikte in den USA in der politischen Praxis näher, weil sie noch etwas bewegen wollen, während wir eher nur befestigen.

*

Im Bewusstsein, dass berechtigte Kritik an diesen Zeilen schon deshalb kommt, weil vieles an der Politik auch richtig (?) ist, sage ich jetzt nur noch, dass die Maßstäbe im Zwergenreich andere sind, wie bei der Spielzeugeisenbahn. Es macht keinen Spaß.

Hysteria Germanica

im Stadium trockener Erschöpfung betrachtet sich die Welt, als wäre man auf dem Weg zur eigenen BeerdigungAber man kann sich in den Trost flüchten, dass das alles, alles was man so in drei Tagen sieht und hört, wie eine Folge von Zeichentrickfilmen und Avataren vor einem abläuft, und dahinter, erst dahinter, ist die Welt. So ist es schon dem Panther von Rilke ergangen. Noch nicht so lange her.

Da treffen sich die so genannten Staatslenker in Elmau, das kostet uns nur ein paar hundert Millionen Euro und dient doch dem guten Zwekc, die Bedeutung der Beschlüsse durch die Kulisse anzuheben. Das Gleiche wiederholt sich in Madrid mit 30 Natoländern und noch mehr Polizisten, Das Gleiche im Kleinen auf x Konferenzen.

Glaubt ihr, ich kritisiere den Rahmen, weil das Bild schlecht ist? Nein, denn dies ist die Technik derer, denen kein Bild gut genug ist, meist von politischen Rändern oder zugekifft von absurden Phantasien über den Zustand ihrer Wahrnehmung. Nein, nehmen wir die Verschwendung unserer Gelder hin, als Indiz für eine noch durchaus verbesserungsbedürftige Demokratie. Ärgern tut einem die Verarmung unserer Armen trotzdem. Aber das ist das gute Recht aller.

Das Wortgeklingel ist vorbei, die erwartbare Frontbegradigung ist erledigt, die USA an unserer Seite (nicht wir an ihrer, da ist ein Unterschied), die Sekundärdiktatoren in ihren Sätteln gefestigt und die hippeligen Demokratieförderer auf eine neue Runde eingestellt. Ist doch normal. Alles, was in den letzten Wochen geschehen ist, hat den Klimawandel verdrängt, unsere Kinder werden schon nicht ersticken, und wenn, erlebt es die Generation Lindner hoffentlich nicht. Diese Form der Rückkehr zur „Normalität“ hat den Vorteil, dass niemand am Stammtisch seine Version des neuen Kalten Kriegs vorbringen muss. Die Hsyterie kann sich dem sinnlich wahrnehmbaren hingeben, den Warteschlangen an den Flughäfen (prima, je weniger Flüge, desto besser), den zunehmend verspäteten Zügen (prima, wir sollen nicht so überheblich auf die Eisenbahn in der Dritten Welt schauen), dem Wassermangel in Brandenburg und anderswo (prima, dann gewöhnt man sich schneller an die eingetretene Zukunft der Dürrer) und dass alles teurer und langsamer zugleich wird (prima, wer hat denn jahrelang gegen die Hektik der Ämter und Discounter gehetzt?). Alles gut, sagt der deutsche Michel und lehnt sich zurück. Andere Sorgen habt ihr nicht? Und dass Hysterie nicht hektisch sein muss, wissen wir auch.

*

Ich wende meinen Blick von der Weltpolitik ab. Die Brücke zu den obigen Beobachtungen ist klar: vor meinen Augen vertrocknet der Park, und über das Klima zur Armut lassen sich alle möglichen Erscheinungen beobachten. Aber wie sieht das im Mikrobereich des Tagesablaufs aus, wenn man durch die Hitze etwas schlaff und unmotiviert ist, wenn die Augen den Bildschirm nicht festhalten wollen, wenn man nicht so richtig schwitzt, weil man schon geschwitzt hat, wenn…früher hätte man gesagt: ein schöner, heller Sommer! Ja, der trockene Sommer war ein Lob der Jahreszeit. Jetzt hofft man auf Regen und verspricht dem Hund, dass wir beide im kalten Guss extra hinaus gehen. Die Spaltung der Gesellschaft läuft diesmal anders: die, die weg wollen und schwitze es, was es wolle, und die, die es auch wollen, aber nicht tun, weil sie es nicht können oder weil sie abwägen, um wieviel ärgerlicher die Bewegung wäre. Das ist keine Philosophie der Sommerträgheit, sondern die unerfreulich notwendige Feststellung, dass man in diesen Tagen die Sozialstruktur unseres Landes durch das abgeschmolzene Sommerfett deutlicher, bedrückender sieht als sonst. Die soziale Agenda rückt wieder vor, zugleich mit der kulturellen. Die Schuldenbremser und Haushaltsasketen verlagern alle unsere Mittel zu den Waffen, zu Investitionen in die Infrastruktur und an die Baustellen. Bildung, Kultur und im materiellen Bereich Reparaturen bleiben auf der Strecke. Und weil die beiden Sphären nicht zusammen kommen, entlädt sich dazwischen eine Stimmung angespannter Hysterie, die wichtige Entwicklungen unserer Geschichte löscht, aber keine neuen findet. Vom Kalten Krieg bis zur Einschränkung des Lebensstandards sind die Brocken des Anstoßes verteilt vor den Füssen der Aufgeregten. Hessel schreibt. Empört euch! und ich sage: regt euch ab. Widerstand kann nicht hitzig begonnen werden, er wird noch heiß genug. Denn Widerstand ist nicht zwischen Elmau und dem Verkehrsdesaster angebracht, sondern mitten unter uns, wo sich alle über alles gleich aufregen.

USA – Scholz: Zwei torkeln zusammen

Das Lob von Biden für Scholz in Elmau lässt den Kanzler erblühen. Nicht die dummen deutschen Kritiker, nein, die lieben Verbündeten in den USA haben ihn, ja was? gelobt haben sie ihn. Wofür? Wenn die Ukrainepolitik in Deutschland einiges an Scholz‘ Zaudern gut macht, dann ist das nicht sein Verdienst, sondern das von Baerbock, Habeck, und vielen Menschen der zweiten Reihe, die einfach das grinsende Nichtstun gar nicht beachten. Ich weiß schon: man darf nichts überhasten, gut und ausdauernd beobachten, dann wird man eines Tages glaubwüridg trauern können – behaltet das im Auge, es wird so kommen.

Was Elmau betrifft: die Süddeutsche Zeitung hat das gestern besser als andere zusammengefasst: Kassian Stroh vom Newsdesk. https://www.sueddeutsche.de/politik/news-nachrichten-ukraine-g7-russland-kiew-1.5609783. NEIN: ich kritisiere nicht die Inszenierung der Politik, die muss wohl sein, um durchzusetzen, was sonst unbemerkt von den Massen gemacht werden könnte. NEIN. ich kritisiere nicht den Scholz im Einzelfall Elmau. Selbst die hunderten Millionen Euro sind besser angelegt als Steuergeld für die Potsdamer Hitler-Hindenburg-Kirche.

Mir stößt etwas anderes auf: Herr Biden spricht nicht für die USA. Er spricht für die halben USA. Es gibt eine faschistoide Mehrheit unter den Republikanern, unter den Bundesrichtern, unter vielen Staatsrepräsentanten. Und die bestimmen zur Zeit die Politik der USA mehr als die demokratischen Beharrungskräfte (das sind nicht einfach die Parteidemokraten).

Und Scholz rückt Deutschland näher an diese USA, und die NATO ist wiederbelebt wie lange nicht, und kaum einer redet mehr von einer europäischen Verteidigung, als wären die USA verlässliche Verbündete. Wenn Putin den Westen angreift, und das traue ich dem Wiedergänger Hitlers und Stalins zu, dann greift er uns an und nicht die USA.
Und dann. Ich hoffe, aber ich bete zu niemandem, ich hoffe, ich habe UNRECHT.

Vieles, was die G7 und Gäste machen, ist schlechter als in Deutschland, manches ist besser. Das ist nicht das Problem und denkt an die klugen Sätze von Koehler im letzten Blog. Aber die USA weitermachen lassen mit Assange, Frauenfeindlichkeit, Rassismus….das geht in einem Bündnis nur, wenn sie nicht Verbündete sind, sondern in einigen Bereichen Vertragspartner. Das ist ein Unterschied. So, wie es in der NATO einen positiven Unterschied machen würde, den Erdögan rauszuschmeissen und den Orban etc. Wenn es uns trifft, ist es zu spät.

Amerika? und wir?

Keine Zeit für spitze Schreie. Viele haben mich in den letzten Jahren gedrängt, den Unterschied zwischen USA und den Diktaturen Russland und China einzuebnen, wenn ich ihn hervorgehoben habe. Das war so etwas wie ein Grundton meiner Arbeiten auf den politischen und kulturellen Konfliktfeldern. Gerade beim Ukrainekrieg wurde ich oft aufgefordert neben der Kritik an Putin die Mitschuld des Westens an diesem Krieg wenigstens anzuerkennen (etwa in der Linie von Wagenknecht).

Warum ich hier subjektiv von mir schreibe? Weil ich Familie in den USA habe, weil ich seit Jahren Kritik und Erbschaft dieses Landes im eigenen Habitus verarbeite und weil die heuchlerische Ablehnung der USA durch ansonsten kluge Menschen politische Urteile erschwert (so sagte mir ein Freund, er kritisiere die USA eben heftiger als Russland, weil man über die Wirklichkeit dort weniger wisse als über die amerikanische, und das sei schon wichtig für die Urteile über beide Systeme…).

Nun ist es den meisten egal, was ich denke, ich verlasse diesen subjektiven Türöffner. Gestern waren in den USA nach dem Urteil des Obersten Gerichts zum Schwangerschaftsabbruch und in Deutschland nach dem Bundestagsbeschluss gegen das ärztliche Informationsverbot dazu gegensätzliche Stimmen zu hören, und eine öffentliche Debatte nimmt Fahrt auf.

*

Es gibt einen komplizierten Zugang zum Problem. PolitikerInnen aller Lager bauen in ihre Rhetorik bestimmte Singulare ein, die in sich bereits den Keim des Konflikts tragen, weil dieser Singular die Wirklichkeit partiell ausschließt (lest dazu Marlene Streeruwitz (Streeruwitz 2021)). Mein Beispiel hier ist „der Westen“. Abgesehen davon, dass das Gegenstück, „der Osten“ gar nicht verwendet und bestimmbar ist, sondern früher mit dem kommunistischen Regime gleichgesetzt wurde (Ostpolitik), aber nach 1989 wie ein Patchwork aussieht. Der Westen, gemeinhin meint er die demokratischen Gesellschaften in Europa und Nordamerika, allen voran die Führungsmacht USA. Waren wir jemals dieser Westen? Der Gebrauch des Begriffs hat sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf die USA konzentriert, Siegermacht und demokratisches Vorbild zugleich, aber schon damals nicht weiß (=gut) gegen das rote (=schlechte) System des Ostens. Westen mit Demokratie gleichsetzen, wieder so ein Singular, geht. Aber dann muss man Geschichte sich aneignen. Der Unterschied zwischen der amerikanischen Verfassung und dem Contrat social (Rousseau) (Dazu kurz: Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes – Wikipedia) trägt bis heute und spaltet die Philosophie im Westen, wie viele andere Unterschiede auch. Dazu: (Lepore 2018) über eine wirkliche Geschichte der USA. Zusammengehalten wird dieser singuläre Westen durch einen tatsächlich funktionierende, also auch mit Mängeln behaftete Demokratie und Grundrechten, die den Diktaturen „im“ Osten abgehen. Dass der Nord/Süd-Konflikt im Westen für gewöhnlich nicht vorkommt, ist einer Mängel (Das kann man am derzeitigen Konflikt um Antisemitismus und Antikolonialismus an der documenta 15 genauer sehen).

Wie sehr wir in den westeuropäischen Ländern von den USA mit geprägt waren, kann man an der 68er Bewegung und der linken Amerika-Kritik ablesen: kulturell ist hier der fast „dialektische“ Austausch nicht nur zwischen Westeuropa, sondern viel weiter und ungleichmäßig, und den USA evident.

Hier ist ein wichtiger Haken: ein Teil des Antiamerikanismus weiter Teile der linken und liberalen Diskurse hat keine linke (also sozialistische oder sozialdemokratische) Herkunft, sondern teilt seinen „Antikapitalismus“ mit der Debatte zwischen „unserer“ Kultur und der Zivilisation des Westens, die vor und im und nach dem Ersten Weltkrieg sehr massiv gewirkt hatte. (Der Faden zieht sich auch vom später ganz anders argumentierenden Thomas Mann bis hin zum Einfluss des amerikanischen „Kampf der Kulturen“ (Fukuyama, Huntington)). Der Haken ist, dass anscheinend dem westlichen=globalen Kapitalismus kein wirksames Gegenstück gegenübertritt, sondern eine Vielzahl von Varianten, die alle auch davon leben, dass dieser westliche Kapitalismus auch keine Einheit, kein Singular ist.

*

Also rechnet man auf. Vietnam gegen Afghanistan ist ein Beispiel, an dem man das gut abhandeln kann; Einflusssphären, Atomwaffendrohung, Lebensstandard versus politische und kulturelle Freiheiten, Grundrechte versus Verhaltensdiktatur etc.

Schauen wir in die USA der letzten Monate:

Es kommt einem das Kotzen – pardon – wenn man die terroristischen Waffengebräuche sieht mit hunderten Toten, wenn man die Politik gegen Assange analysiert, wenn man die faschistischen Auswirkungen des Trump-Regimes auf Gerichte, nicht nur den obersten Gerichtshof, wenn man die Auswirkungen des „Exzeptionalismus“, (Danner 2011), also der Ausnahmeposition der USA, bei den internationalen Gerichten und Abkommen sieht, vor allem nach 9/11; wenn man Guantanamo analysiert.  

Ich sage bewusst faschistisch und beziehe da ebenso bewusst die meisten christlichen Aktivistengruppen und weißhäutigen Suprematisten der USA mit ein. Spaltung der Gesellschaft zwischen demokratischen und faschistischen Kräften, Spaltung der Ökonomie und in der Folge der Politik.

Aber schauen wir uns in Europa auch an:

Faschistoide Gesetzgebung in Polen, faschistische Regierung in Ungarn, kaum ein Land, in dem die Faschisten weniger als 15% in den Parlamenten stellen. Das hält die Demokratie – nicht? Nicht länger? Weiterhin? – aus…dto. In den USA?

Wäre es so einfach.

*

Sehr vereinfacht heißt die jetzige Situation, dass die Verbindungen, Bündnisse, aber auch komplementären Geschäfte unter den Gegnern des Angriffskrieges von Putin & der russischen Macht auf die Ukraine eine Hierarchie angenommen haben (mussten? Konnten?), die mit unserem, weiteren, liberaleren Politikverständnis kollidiert (Türkei, NATO-Politik, Öl aus dem Nahen Osten etc.). Das kann, muss, man kritisch sehen, aber so, wie das Robert Habeck tatsächlich tut (contre coeur, nicht kontrafaktisch). Wenn wir uns nur auf die EU konzentrieren, dann gilt eine Überlegung, die ich meinem Kollegen Jan Koehler in ihrer Prägnanz verdanke:

Der Sozialanthropologe Georg Elwert erklärte seinen Studenten den brillanten Aufsatz von Albert Hirschman „Wieviel Gemeinsinn braucht die liberale Gesellschaft“ seinerzeit am Beispiel des politischen Konfliktes um Schwangerschaftsabbrüche in den USA einerseits und in der Bundesrepublik andererseits. Das zentrale Argument Hirschmans ist, dass die Kohäsion von liberalen Gesellschaften nicht auf Gemeinsinn, sondern in der (institutionell verankerten) Fähigkeit gegründet ist, Entweder-Oder Konflikte in Mehr-oder-Weniger Konflikte umzuarbeiten. Elwert nannte dies Alternativ- und Gradualkonflikte.

Abtreibung in den USA wurde zunehmend zu einem emotional massiv aufgeladenen Alternativkonflikt, der zudem in den essenziellen Kategorien der Grundrechte auf Freiheit und Leben ausgetragen wurde.

In Ländern wie Deutschland wurde das Thema hingegen (immer wieder) institutionell kleingearbeitet – der politische Streit ging nicht um das Prinzip, um Alles oder Nichts, sondern um viele Details, wie Zeiträume, Indikationen und letztlich auch Dinge, die heute anachronistisch anmuten, wie das Werbeverbot. Diese kleinen Dinge brauchte es aber, um immer wieder eine konsensfähige politische Mitte für diese emotional leicht aufzuladenden Fragen zu finden. Es waren zunächst die politischen Institutionen, nicht der gesellschaftliche Diskurs, der diese Konfliktarbeit immer wieder geleistet hat (in einigen EU-Ländern hat der gesellschaftliche Diskurs dann wohl die Institutionen in dieser Frage – wie auch in der Frage der gleichgeschlechtlichen Ehe – überholt, aber das ist eine jüngere Entwicklung).

Die langweilige Alte Tante EU war (ist?) die Großmeisterin im Kleinarbeiten von Konflikten, für die sich bis vor kurzem (und seit noch kürzerem wieder) Nationalstaaten an die Kehle gegangen sind – und dafür hat sie gerade noch rechtzeitig und zu Recht den Friedensnobelpreis verliehen bekommen. (Jan Koehler, 25.6.2022)

Auch hierzu kann man Varianten einbringen und seine Politik aushandeln. Aber die gesellschaftlichen Spaltungen sollten den Westen nicht vereinen. Was die USA angeht, hat Jill Lerpore vor ein paar Tagen in Bremen (Hannah-Arendt-Preis) herausgearbeitet, dass die Spaltung unter dem Aspekt „FREEDOM“ undüberbrückbar ist: Abortion = Murder, Guns = Freedom versus Abortion = Freedom, Guns = Murder.

Nun, wir können es anders machen und unsere Spaltungen verringern (Dazu gehört übrigens, die CDU Stimmen zur gestrigen Abtreibungsinformationsfreigabe zurecht zu weisen, die klingen ganz nach dem evangelikalen Duktus in den USA).

*

Zurück zur Frage, was sind die USA für uns? Dazu grundsätzlich: Partner müssen nicht Freunde sein und schon gar nicht alle Werte teilen (Das spräche für eine eigene, europäische Verteidigungsmacht, die würde allerdings teurer sein als die NATO-Mitgliedschaft; es spräche auch für ausgetragene Konflikte (Fall Assange, auch gegen England). Freunde müssen nicht konfliktfrei sei, auch Verbündete nicht (Einstimmigkeit ist immer ein Zwangsmittel). Und dann natüßrlich Weltpolitik, diese Fragen etwas anders stellen: was sind wir für die USA? Wenn uns die Russen mit taktischen Atomwaffen angreifen, sind wir beschädigt, nicht die USA jenseits das Atlantik….).

Aber das ist große Politik und gehört nicht in den Blog. Was hierher gehört, ist die Abkehr vom s-w Denken. Kein Opfer ist überall und ganz unschuldig, und man bekämpft den Gegner nicht wegen seiner goldenen Kuppeln. Unschuld ist keine Kategorie in Konflikten, wo die Schuld und die Handlungen eindeutig sind, es geht auch nicht um Wegschauen oder Kleinreden.

Danner, M. (2011). „After September 2011: Our State of Exception.“ NYRB 58(15): 4.

Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.

Streeruwitz, M. (2021). Geschlecht. Zahl.Fall. Frankfurt, Fischer.

Die Zeitschrift vorgänge widmet sich 2000 (# 149) dem Thema „Linker Antiamerikanismus“. Schon lange her.

Jüdischer Einspruch: Kasselquasselrassel

Wären die Diskussionen um die blödsinnigen faschistoiden Designs auf dem großen Bild an der Documenta 15 die einzigen zum Thema gewesen, dann wäre alles klar. Solche Rassismen fallen nicht unter die Kunstfreiheit, sind antijüdisch und gehören entfernt. Basta…Claudia Roth hat es gesagt, wie es sich gehört, hatte ich anfänglich gedacht. Leider muss ich das zurücknehmen, nachdem ich alles dazu von ihr gelesen habe und ihren Vorschlag nach Bundeseingriff und Zensur wahrnehme.

Was unbedingt zu lesen ist und zu eigenen Gedanken anstiftet: Eva Menasse: Im Rausch des Bildersturmsd, SPIEGEL 27 S. 40-41

*

Nun waren aber im Vorfeld geradezu Chöre zu hören, meist musste man lesen wie Antisemitismus gegen Antikolonialismus gegen Kunst gegen Freiheit gegen außereuropäische Kulturblickwinkel gegen identitäre Profilierungen etc. ausgespielt wurden, eingespielt …. Diese Chöre wurden durch mehrere Untertonreihen im Basso continuo angereichert, antimuslimische Kritik als Rüstung der Anti-Anti-Semiten, rechte Politik unter dem Deckmantel der Israelfreundlichkeit usw. ALSO NICHTS NEUES.

*

Ich bin keine Stimme in diesen Chören. Weder das Vorfeld hat mich groß aufgeregt noch sage ich was zur Documenta bevor ich nicht dort gewesen bin, aber Halt: ich sag doch was. DASS Israel diesmal mit keinen VertreterInnen eingeladen war, wird „exzeptionalistisch“ begründet, weil ja 150 weitere Nationen auch nicht eingeladen waren. Das ist eine hochbrisante ambivalente Angelegenheit, für Veranstalter und Kritiker gleichermaßen, bei den Begründungen der Kritik verheddern sich viele. Das Argument, es seien ja auch Palästinenser eingeladen, ist so ein Gang auf des Messers Schneide, denn am Ende läuft das Argument auf die Trump Philosophie hinaus, truth müsse immer mit der alternative truth begegnet werden. Dass man Israelis einladen hätte können, kein Zweifel, ob man sie einladen hätte sollen, hängt mit dem Konzept zusammen, nicht mit der „quid pro quo“ Formel.

Der Exzeptionalismus, d.h. die Rechtfertigung außergewöhnlichen Verhaltens (=sich Freiheiten Herausnehmen) wegen außergewöhnlicher Eigenschaften (=Macht), gehört meist den ganz großen Großmächten USA, Russland, China. Aber er findet sich auch in den Diskursen auf allen Ebenen. Es gibt Menschen, die Israel „exzeptionalistisch“ beschreiben, um sich als anti-anti-semitisch zu etikettieren. Und es gibt Menschen, die den Antisemitismus weit von sich weisen, wenn und weil sie Israel wegen der Politik im Westjordanland und im Gaza kritisieren. Wie gesagt: es geht um die Diskurse und nicht um die Wirklichkeit, schon gar nicht die politische.

Dabei bleiben die Grundrechte und Pflichten in der Demokratie auf der Strecke, einschließlich des Austeilenkönnens und Einsteckenmüssens – bis zu einem bestimmten Grad, immer. Darauf wird Interessenpolitik gekocht. Und man hat wieder genügend Nahrung für Empörung.

Was mich empört ist, dass die grausigen Anlässe für diesen Konflikt nicht benutzt werden, um eine wirkliche Auseinandersetzung zu führen. Die geht nicht um den lächerlichen BDS, der auch dort verkehrt ist, wo er nicht anti-israelisch oder antisemitisch ist, die geht nicht um das post-koloniale Aufrechnen nicht-erinnerter Kulturen, die geht auch nicht um das Fremde und das Eigene. Die geht um die kritischen und konfliktreichen Aspekte von Ansätzen und Ansprüchen, die alle ihre partielle Legitimation haben und einander ambig gegenüberstehen. Ambig = je nach dem System in dem ich argumentiere, gerechtfertigt oder nicht; anders als ambivalent.

*

Wer auf dieser Debatte sein Süppchen kocht, ist unangemessen.

Bitte lest: Susan Neiman im Interview mit Sonja Zekri: https://www.sueddeutsche.de/autoren/sonja-zekri-1.1409260

und meine früheren Blogs zum Antisemitismus. und mein Buch „Der Antisemitismus macht Juden“ 2007

NACHTRAG

Herr Scholz fährt nicht zur Documenta. Der Streit geht weiter. ES IST KEIN STREIT UM KUNSTFREIHEIT, es ist ein Streit um EIN WORT – ANTISEMITISMUS. Und wir müssen mitansehen, wie dieses Wort, das längst KEIN BEGRIFF mehr ist, instrumentalisiert wird. Man legitimiert seine politischen Vorstellungen und Handlungen allein damit, sich als Gegner des Antisemitismus dar- und vorzustellen.

Erich Fried: „Ein Antifaschist, der nichts ist als ein Antifaschist, ist kein Antifaschist.“

Gegen den Antisemitismus zu sein, ist keine Kunst. Ihn zu verstehen und seine Herkunft in uns, um uns und gegen uns aufzuklären, ist mühsam und oft selbst-beschämend oder verletzend.

Jüdischer Einspruch: Soviel jüdisch…was bleibt da noch?

Es kann gar nicht genug sein? Das ist der Unterschied zwischen Gourmet und Gourmand in der Antwort.

Was wäre, wenn….

Die Jüdischen Tage sind dicht und sehr heterogen, und was wäre, wenn…das Jüdische Filmfest Berlin Brandenburg nur Filmfest hieße und die gleichen Filme im Wettbewerb zeigte? Was wäre, wenn sich der Skandal um einen akademischen Problemfall nicht im Feld der Jüdischen Studienereignete? Was wäre, wenn es sich bei einer gestern erfolgten Erweiterung meiner Familiengeschichte nicht um eine jüdische Mischpoche handeln würde? Was wäre, wenn der Leo Trepp Preis nicht um die jüdische -deutsche, besser jüdische Geschichte in und mit Deutschland, sich thematisch handelte? Wenn ich nicht StipendiatIInnen eines jüdischen Studienwerks betreute, sondern solche ohne ethnische oder religiöse Attribute…?

Ist aber nicht.

Das jüdische Prädikat oder Attribut häuft sich manchmal, und dann fragt man sich, welche besondere Bedeutung es in Deutschland, „bei uns“ also, wirklich hat.

Die häufigsten Assoziationen sind

  • Die Shoah, hier fast immer als Holocaust bezeichnet
  • Der Antisemitismus

Beides kann ich erklären, aber das ist nicht einfach. Wenn wohlmeinende Menschen freundlichen sagen, das Judentum gehöre zu Deutschland, zu den Deutschen, dann wird hier eine Trennung implizit beschrieben, eine, die überwunden werden soll zwar, aber eben keine Integration. Wenn man fragt, wie viele jüdische Menschen denn hier leben, wird die Zahl meist zu hoch geschätzt – tatsächlich sind es maximal 250.000, also weniger als andere kleine Minderheiten vorweisen. Und wenn man dann differenziert…Kontingent-Immigranten der 90er Jahre, Angehörige aus Familien, die nach der Shoah zurückgekehrt sind oder gar hier überlebt haben, Israelis, die aus religionskritischen oder säkularen Gründen hier sind und solche, die hier religiöse Verwirklichung suchen, Scheinjuden und Anscheinjuden…nein, ich mache keine Witze, aber ich kann auch nicht ernste Miene machen zu einer Situation, die viel komplizierter ist, als sie den Anschein hat. Ignaz Bubis hat mir einmal gesagt, dass wir so wenige sind, und also über das Judentum hinaus besondere Werte, humanitäre vor allem, für die Gesellschaft vertreten müssten. Nun gut, wir sind wenige, aber….wir fallen auf, und das kann nur bedingt allen gefallen, weil sie ja differenziert und oft uneinheitlich sind, der Einheitsgemeinde zum Trotz.

Beides, Shoah und Antisemitismus, schwingen in den Diskursen dieser Woche dauernd mit, und einiges will ich hier ein Stück genauer abarbeiten, durchaus in pädagogisch-kurzschlüssiger Absicht.

*

Das Jüdische Filmfestival 14.-19.6.22 ist schon etwas besonderes. Ich sehe einmal von den Eröffnungsreden ab, die so routiniert wie unnötig waren, ich habe mich über die Moderation von Shelly Kupferberg gefreut, und dass mein Freund und früherer Student Max Czollek in der Dokumentarfilm Jury ist, hat mich auch gefreut. Aber darum geht es nicht: was ist jüdisch an Filmen, die Jüdisches zum Thema haben? (Klassische Frage an Musik, Malerei, Literatur). Bleiben wir bei den Themen. Diesmal steht Biographisches im Zentrum, auch bei der Eröffnung „Eine Frau“, die Dokumentation von Janine Meerapfels Muttergeschichte, deutsch-argentinisch. Solche Geschichten sind hundertfach, tausendfach erzählt, das besondere ist, welche Fragen wie gestellt und wie beantwortet werden: Warum die Chronologie der Ereignisse an wichtigen Schnittpunkten nicht das analytische Messer ansetzt. Diese Form der Chronologie ist nicht notwendig mit der biographischen und dokumentarischen Professionalität verbunden, auch die Rückwärtserschließung muss sich rechtfertigen. Dass die Akademiepräsidentin dann doch auch den Preis im Wettbewerb bekommen hat, war zu erwarten gewesen, und eine Auseinandersetzung hat es nicht gegeben, was diese Form der biographica judaica eigentlich bewirken soll… Diese Kritik gilt noch viel mehr für den als „orthodox“ vorangekündigten Film „Shattered“ (2022) von Dina Perlstein. Die Nacherzählung eines angeeigneten Kindes, das den Opfern der argentinischen Diktatur entrissen wird und doch zu seinen familiären Wurzeln zurückfindet, wäre eine spannende Metapher, ist aber als chronologische Geschichte so glaubwürdig wie irreal. (Abgesehen von der weltfremden Einspielung der wichtigen Botschaftssituationen, die für den Schluss der Handlung, die Cousinen finden sich wieder, ja wichtig ist. Man weiß nicht, was an dem Film orthodox sein soll, außer dass manchmal Baruch haShem gesagt wird und einiges Aufrufcharakter hat. Eine gute Idee wurde verspielt, aber das Verhältnis der argentinischen Diktatur nicht zu ihren Gegnern, das kennen wir, sondern zum Judentum, wäre hier ein spannender Nebenton gewesen.

Positives Gegenteil: der Dokumentarspielfilm „Back in Berlin“, (2021) der im Wortsinn die Stolpersteine der komplizierten zweiten Generation geretteter jüdischer Menschen und zur Erinnerung gebrachter Deutscher an einer sehenswerten und ambigen Konstellation zweier Freunde darstellt. John Lax, Hauptdarsteller, Regisseur, Motivator war auch anwesend und glaubwürdig.

Also: was ist ein jüdischer Film? Immerhin haben jüdische Menschen ihn angeschaut. Und wenn jüdische Personen im Film vorkommen, werden sie von jüdischen Menschen für jüdisches oder gerade für antisemitisches Publikum gespielt.

Es gibt unendlich viele Diskussionen, Schriften, Meinungen zu diesen Fragen, aber sie scheinen eine breite Öffentlichkeit nicht zu erreichen. Oder merken wir nicht, WIE sie diese Schichten erreichen und beeinflussen? Es würde mich nicht bedrücken, wären meine eigenen Kommentare, Antworten und Meinungen dazu unbeachtet oder irrelevant. Aber die plötzliche Welle ist doch be (un) ruhigend. Als ob die jüdischen Menschen in diesem Land so etwas wie ein Katalysator für etwas ganz anderes, für viele andere Aggregatzustände gesellschaftlichen Bewusstseins und Handelns wären.

Zum Beispiel, dass die relativ wenigen jüdischen FunktionärInnen – mehr Männer als Frauen – in relativ vielen jüdischen Organisationen und Institutionen relativ wichtige Positionen haben und deshalb Netzwerke und Inkompatibilitäten erfahren oder bewirken. Der Problemfall um die namentlich nicht genannte Hauptperson des Universitäts- und Rabbiner- und Kolleg-Person führt natürlich dazu, dass man sagt: ach, nicht nur die christlichen Kirchen…und in diesem Fall die Liberalen (das freut die Orthodoxen) und schon denken viele an die unvermeidlichen Schnittflächen mit der großen Anzahl von Institutionen und Positionen…

Zum Beispiel, dass und wie nichtjüdische Schülerinnen und Schüler für den Leo-Trepp-Preis Judentum und jüdische Geschichte bedacht, rekonstruiert oder in der Gegenwart lebendig gemacht haben, ohne dauernd Shoah und Antisemitismus als zentrale Brennpunkte zu haben, war beeindruckend.

*

Der Preis für die zentrierte Aufmerksamkeit, von der einige sogar profitieren, viele aber sehr ambige Zustände bekommen, wird in der Soziologie als „Privileging the marginalized“ genannt. Um besonders beachtet, geachtet, geschützt oder befördert zu werden, bedarfs es eines coming out, man muss also als jüdisch erkennbar sein. Vor Jahren bezog es sich stark auf LGBTQY, auch oft nur auf Frauen, bevor es wissenschaftlich erweitert und verallgemeinert wurde. Willst du gefördert werden, weil du etwas besonderes oder anderes (?) bist, musst du dich zu erkennen geben.

Müssen wir? Für viele eher die Antwort auf die Frage: sollen wir. Damit macht man bisweilen Karriere, bisweilen Eindruck, manchmal Irritationen, – und in fast allen Fällen befestigt man die Vorurteilsstruktur gegenüber der ausgewählten Gruppe. Das hat mit Judentum wenig zu tun, schaut auf die unterschiedliche Behandlung von Migrantengruppen – ob sie marginalisiert oder im Scheinwerferlicht sind, schaut auf die Erfolge von LGBTQY – oder Teilgruppen. Das ist auch Teil der gestrigen Plenardebatte des Leo-Trepp-Preises, wo häufig angesprochen wurde, woher die Mittel zur Normalisierung des jüdischen Lebens im Deutschland von heute kommen könnten, wenn die Shoah „nicht mehr zieht“ und es keine überlebenden Zeitzeugen mehr gibt. Erinnerung ist „an sich“ nicht zu dogmatisieren, sie muss einen aktuellen Kontext haben. Schmerzlich für das, was spöttisch oft die Holocaust-Industry genannt wurde, weshalb Erinnerungskultur auch Anlässe und Verbindungen zu unserer Gegenwart braucht, worauf viele leider zu wenig achten.

*

Mit der Be- und Verarbeitung der Shoah kommt unsere Gesellschaft langsam und unter Schmerzen voran. Schmerzhaft, weil man sich in einer Generationen-Kaskade immer den gleichen Schmerzen Bildern des Schreckens hingeben kann oder sich von der Survivors‘ guilt auffressen lässt – dagegen halte ich es mit Jean Améry: Recht haben die Überlebenden. Und wenn es keine Zeitzeugen gibt, dann wird die Erinnerungskultur eine sein müssen, die andere neue Elemente für die Zukunft herstellt, am Besten (das ist meine Deutung) die Erinnerung selbst, und nicht die Shoah, für die Zukunft aufbereiten, und das heißt Wandel, auch der jüdischen, jedenfalls der gesellschaftlichen Kultur und der zugehörigen Diskurse. Umstritten, aber fruchtbar.

Anders das Problem des Antisemitismus. Selbst meine persönliche Bibliothek hat dazu meterweise Material, und selbst ich habe dazu geschrieben und gesprochen. Aber der AS ist nicht einfach etwas gegen die Juden zu haben.  Dann wäre das „Philo-„ bei den Philosemiten nicht nötig, wenn die Förderer des Judentums bei uns angesprochen werden. Ich bleibe bei meiner These, dass der Antisemitismus „Juden macht“ (Daxner 2007), weshalb ich selten von Juden, sondern immer von jüdisch spreche, um das Nomen oder Verb zuordnen zu können.

Putin dreht im Augenblick den Spieß um, wenn er den jüdischen Selenskyj und die Juden insgesamt für den faschistischen Angriff auf sein Reich verantwortlich macht. Das Muster kennen wir, und subkutan hat es beträchtliche Wirkung. Natürlich nicht nur Putin….

*

Wenn da nicht noch etwas wäre, das ich am Anfang dieses Blogs nur angedeutet hatte. Man entkommt dem allen nicht, „dem“, das ist die jüdische Teilidentität – man ist kein Jude, aber jüdisch so wie männlich so wie kulturell, sozial, ökonomisch und kommunikativ in mehrere weitere IdentitätEN zusammengefügt, und selbst wollte man sich von der einen oder andern befreien oder lösen, der Habitus bleibt. Genetisch-kulturell hat das der Film „Shattered“ im Subtext zu beweisen versucht, viel subtiler als jede „Rassenlehre“; sozio-kulturell bleibt von der jüdischen Geschichte selbst dann etwas hängen, wenn lächerliche Gemeinden auf der jüdischen Mutter bestehen und den jüdischen Vater nur widerwillig überhaupt wahrnehmen; religiös sind die meisten jüdischen Gemeinden längst nicht so zerfallen wie die christlichen (von Sekten abgesehen), das kommt daher, dass sie nicht missionieren und deshalb die Unterschiede nur reflektiert attraktiv sind, aber nicht intuitiv…das ist schwierig, ich gebe es zu, aber es hat mich viele Jahrzehnte lang beschäftigt.

Bleiben wir lieber bei der notwendigen Aufgabe, die Erinnerungskultur selbst kritisch zu hinterfragen, wo ihr spezifisch Jüdisches ist, und wo es um Menschlichkeit geht. Ich könnte mit der Rabbinerin Horvilleur sagen, das Spezifische ist, dass wir nie mit uns fertig sind (Horvilleur 2020)…im Gegensatz zu all denen, die durch Ausgrenzung anderer mit sich fertig sein wollen. Ich kann das säkular drehen und dann wird etwas Praktisches draus: du bist jüdisch, na und…? Soweit sind wir lang nicht, außer dass es uns nicht verlässt. Der vor-monotheistische Ahnenkult schlägt, so haben unsere Vorfahren begonnen, jüdisch zu sein und nicht bloß hebräisch? Aber das führt zu weit. Näher liegt, die Erinnerung strikt auf das Diesseits zu konzentrieren, sie hier, bei uns zu behalten, und dann wundert man sich nicht, wie wenige Juden so viel gemacht haben, es waren ja doch ziemlich viele?

Daxner, M. (2007). Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg, merus.

Horvilleur, D. (2020). Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Berlin, Hanser.

                Ich wiederhole hier eine kleine Rezension: Delphine Horvilleur Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Der bescheidene Titel verdeckt ein gutes Buch. Sie baut ein wenig  auf Sartre, Lacan, Derrida auf….ist aber sehr eigenständig, manchmal nahe an Bodenheimer. Im ersten Teil eine blendende Thora und Talmud Exegese,  die den AS bis auf Abraham, Isaak, dann vor allem Jakob vs. Esau begründet. Thesen hier und später: die Zweiten sind weiter als die Ersten (hab ich schon  früher gesagt), weil sie nicht vollendet, immer im Werden sind, die Ersten beanspruchen Macht und vor allem Ganzheit. Schön entwickelt anhand von Ester, Haman versus Mordechai, das kann man auch genealogisch hinbiegen. Aber schon hier: AS ist übermäßig männlich, Jakob und die Juden mit hoher Weiblichkeit.  Juden gegen Römer, das Gleiche. Der Rabbi und der Kaiser (Antoninus Pius spielt da eine namentliche Rolle). Juden werden gehasst,  weil sie etwas haben, das ihre mächtigeren Gegner gerne hätten, und weil sie nicht haben, was diese Gegner aber integrieren müss(t)en um ganz zu werden. Sie geht auch das nachfolgende stereotype Gewirk des AS durch, wenig Politökonomie, viel Freud. Gut der Abschnitt über Weininger. Spannend und brisant die gegenwärtigen Varianten – das kann man fortsetzen, etwa den AS, der auch in black lives matter enthalten ist, und vor allem identitären Ideologien. allen Israelkritik ist dann und nur dann richtig  und legitim, wenn sie sich der Identitätsdebatte entzieht. Der wirft sie vor, sich dem aufgeklärten Anspruch der Person (fände ich besser als Individualität) zu verweigern, man kann hier von  einer Opferkonkurrenz sprechen, in dem die Juden negativ, alle andern Opfer positiv konnotiert sind. Horvilleur lässt sich auch (zu) kurz mit der gegenwärtigen aus den USA herüberkommenden Bewegung der kulturellen Aneignung ein. ich stimme mit ihr überein, dass wir nicht die Shoah zum Brennpunkt und Maßstab alle jüdischen Geschichtemachen sollen, können.  Da steht uns noch ein gewaltiger Kampf um. Gerechtigkeit bevor. In ihrer Kritik am linken AS und an einem AS Feminismus kann ich ihr zustimmen, die Brücke allerdings von der schon hebräischen Weiblichkeit des später jüdischen Mannes als eines unfertigen, weil der Zukunft noch offenen Menschen, gegen die Ganzheitlichkeit, müsste noch viel weiter ausgebaut werden. Hinweise auf die Quellen bei Mo Urban, und der will ich neue Quellen in diesem Buch mitteilen. Schöner Satz „Das wahre Judentum ist in Israel nicht präsenter als in der Diaspora. Letztlich ist es nur dort wahr, wo es nicht alles über sich selbst gesagt zu haben glaubt“ (128). Darum schreiben wir weiter.

Gerade in den letzten Tagen habe ich viel Frankl, Sarid, dann Primo Levi und Fred Wander gelesen. „Der Jude“ im KZ. Immer mehr wird mir gerade an der Leidensgeschichte auch klar, dass Kertesz recht hat: ich – ein anderer. Dann kann ich über das Überleben berichten. Dieses Überleben, die Hartnäckigkeit der Nichtintegration hat diese Position der Juden von Anfang an geprägt, seit Amalek, und wenn Max Czollek mit seiner Desintegration das meint, kann ich mich eher mit dem Aufruf versöhnen.