Jüdischer Einspruch VI: Juden in der AfD

Zuerst habe ich es nur als Satire oder Fake beiseite geschoben. Aber es ist wirklich so: an diesem Wochenende möchte sich die Gruppe „Juden in der AfD“ konstituieren. Wahrscheinlich in Wiesbaden. Das Internet bietet eine nachdrückliche Dokumentation aller Ereignisse um diesen „Event“:

https://de.search.yahoo.com/search?fr=mcasa&type=D111DE1268G0&p=Juden+in+der+AfD

Heute,  6.10. im DLF, hat der AfD-Organisator Münch diese Gruppe in der AfD verteidigt, mit dem Argument, hier würde das „christlich-jüdische Abendland“ repräsentiert, und ja, liberale Muslime könnten ja so etwas ähnliches machen. Moderat im Ton, präsentierte sich die AfD als keineswegs antisemitisch, Münch kritisierte Gaulands Vogelschiss, und spaltete Höckes „Mahnmal der Schande“ bis in die Haarspitzen. Dem (guten) Moderator ist es nicht gelungen, auch nur ein anstößiges Wort gegen die Juden, in Richtung auf Antisemitismus oder allgemein Rassismus zu entlocken. Münch  kritisierte nur die ungerechte Kritik an der AfD, während die „Linke“ alles mögliche behaupten dürfe.

So weit, so schlecht. Wer diese JAfD kritisiert, macht es sich zu einfach, wenn nur die AfD mit all den nachweisbaren, unerträglichen Eigenschaften einer Nazipartei als inkompatibel mit der Zuwendung von (einigen, aber immerhin zählbaren) jüdischen Menschen kritisiert wird. (Oder diese jüdischen  Menschen  als im wahrsten Sinne nicht bei Trost gekennzeichnet werden).

Wenn es so einfach wäre.

Mit gutem Grund weigere ich mich seit Jahren, außer in der alltäglichen Konversation, von JUDEN zu sprechen. Ich spreche von JÜDISCHEN MENSCHEN, JÜDISCHEN DEUTSCHEN…JÜDISCHEN PRAKTIKEN: „jüdisch“ ist als Adjektiv oder Adverb immer das, was „Juden“ nur mehr als Konstruktion erscheinen lässt. (So heißt ja auch mein Buch von 2006: Der Antisemitismus macht Juden). Das wird jetzt wichtig im Kontext: Juden in der AfD analog zu Christen in der AfD bedeutet a) eine wenigstens auf den ersten Blick religionsbezogene Pluralität – Münch zitiert Paulus, um die Christen an die jüdische Herkunft zu binden), b) eine gegen den jetzigen Islam – der antideutsch, antisemitisch, kulturwidrig verortet wird – gerichtete völkische Vereinbarkeit; das ist mit Höcke nicht vereinbar, aber mit Gauland und Weidel.

(Natürlich kann man auch von Juden sprechen, wenn dieser Kontext klar ist, v.a. in der Vergangenheit war das auch wissenschaftlich nicht so problematisch.  Aber mich stört bis heute die Kopula bei „Deutsche UND Juden“. Im früheren Kontext muss man schon verwenden, was Hannah Arendt empfiehlt: Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen. Das ist mit dem Komplex „Jüdisch“ vereinbar).

Eien publizistische Reaktion blieb nicht  lange aus: Prominente Erstunterzeichner*innen veröffentlichten einen Protest gegen die Gründung: „Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart: c/o“ jalta@neofelis-verlag.de. Ein harmloser Text, dem man sich zu leicht anschließen könnte, ware da nicht  die oben beschriebene Schlagseite, die alle negativen – wirklichen, kein Vertun! – Eigenschaften der AfD auflistet, denen sich doch einige (wenige) Jüd*innen nicht anschließen können.

Ich weil dem einen Stachel entgegensetzen:

  1. Es gibt auch mir bekannte Motive, warum jüdische Deutsche oder Immigrant*innen zu analogen Ansichten wie die AfD neigen: ihre Kinder werden in der Schule von deutschen und islamischen Mitschüler*innen gemobbt und antisemitisch angegriffen. (Ich kenne Eltern, die ansonsten eher linksliberal oder konservativ aufgeklärt sind, aber in diesen Tatsachen kein Staatsversagen, sondern einen Mehrkulturen- oder Mehrgesellschaften-Kampf sehen). Elio Adler sagt mit Recht: Die Angst schaltet das Hirn aus[1]
  2. Es gibt jüdische Menschen, die sich in einem Maße der deutschen Kultur und Lebenswelt verschrieben haben, dass sie aus diesem Grund von der Multikultur nichts halten. Sie argumentieren nicht mit dem Abendland, aber mit den Klassikern und v.a. der romantischen Idee des Deutschtums; vor allem dann, wenn sie aus einer diktatorischen Gegenwelt kommen, in denen sich mit „deutsch“ auch „Freiheit“ verbindet. Die sehen in den Positionen der AfD das kleinste Übel zum Aufrechterhalten dieser Illusion. Die besteht darin, dass man nur da zu leben braucht, wo man die störenden „Elemente“ beseitigt hat.
  3. Jüdische Analogien zu AfD-Positionen finden sich nicht selten in anti-arabischen, anti-palästinensischen Vereinfachungen, die durch das Brennglas der Israelpolitik aufgeheizt werden. Auch hier finden sich hinreichend viele Ansatzpunkte bei der oft falschen Politik des Zentralrats und anderer jüdischer Repräsentanten. (Nur müssten diese kritischen Ansatzpunkte endlich Trigger für eine Reform der jüdischen Integration und Differenzierung in der deutschen, der europäischen Gesellschaft sein, anstatt sich einen „Verbündeten“ zu suchen, dessen Kritik ja nicht im Ansatz zu einer Veränderung der jüdischen und israelischen Institutionen in Deutschland und anderswo führen können.

Bevor ihr gegen diese drei Punkte protestiert: comprendre n’est pas du tout pardonner (um einen irrsinnigen Grundsatz zu persiflieren: alles verstehen heißt alles verzeihen – nix da).  Natürlich gefällt mir JAfD nicht. Aber wenn ich meine Punkte 1-3 in allen demokratischen Parteien und Institutionen und Organisationen auch wahrnehmen kann –  dann muss doch meine Kritik  dort ansetzen, und bei dem Einfluss, den sie auf eine Anzahl jüdischer Menschen haben.

Einige Aspekte:

Wenn viele Einzelpersonen oder kleine Gruppen sich in einem Aspekt erkennen, den die AfD prominent vorbringt, kann es „singe-issue“ Identifikationen geben: zwar ist man mit der AfD nicht einverstanden, aber in diesem Punkt haben sie recht, oder? Das kann/muss man doch als „jude“ sagen dürfen?!

Der gemeinsame Feind (=islamischer Antisemitismus) wird von zwei an sich unvereinbaren Positionen ins Visier genommen und stiftet eine „taktische“ Partnerschaft. Die wird dann umso wirkungsvoller, je weniger glaubwürdig die Abwehr des Gegners im eigenen politischen oder sozialen Bereich erfolgt (Mythos von der scheinbaren Privilegierung islamischer Antisemiten und Täter überhaupt gegenüber deutschen Übeltätern; Variante der Benachteiligung der lokalen deutschen Interessen gegenüber Migrant*innen,  auch in den Gewerkschaften und „linken“ Parteien).

Kulturelle Unsicherheit führt zur Dogmatisierung und Radikalisierung. Am Beispiel vieler Russlanddeutscher kann man das studieren und belegen. Man muss die behauptete Leitkultur vehement gegen ihre vermeintlichen Gegner verteidigen, auch um von der eigenen Erfolglosigkeit der „Integration“ abzulenken.

„Juden in der AfD“ erfordert ein Coming out; ähnlich wie „Schwule bei…“ . Sich öffentlich zu bekennen, heißt in diesem Fall erst einmal, sich jüdisch zu bekennen, und dann erst nationalsozialistisch. Die damit verbundene Strategie heißt anzustreben, dadurch geschützt zu werden – wer greift in Deutschland schon jüdische Menschen an, wenn diese sich als solche wahrnehmbar machen. Dieses Privileging the Marginalized hat eine lange und komplexe Geschichte und ist variabel anwendbar.

Damit im Zusammenhang steht eine gewisse Opferempathie: die AfD stellt sich gern als Opfer der herrschenden Verhältnisse dar, auch wenn sie bloß deren Produkt oder gar der selbstgewählte Antagonist ist. Jüdische Opferidentifikation gibt es und sie ist hinreichend analysiert. In der Praxis aber kann sie zu allen drei Erklärungsmustern hin modifiziert werden.

Zum zweiten Punkt, der deutschen Kultur: lange vor 1933 haben schon deutsche Intellektuelle davor gewarnt, was eintreten möchte, wenn sich der nationalsozialistische, also auch ultranationale Ungeist durchsetzt[2]. Auch jetzt fehlt es nicht an Warnungen, aber die sind solange defizient, solange sie nur die faktische Gefahr durch AfD, aber nicht die potenzielle Gefahr ihrer umworbenen Anhänger analysieren. Dabei spielt das soziale Abgehängtsein kaum eine Rolle, sehr wohl aber die soziokulturelle Position des verantwortlichen Agierens in einer differenzierten (Multi)kultur – viele wollen sich lieber von der vermeintlichen Leitkultur leiten oder umgeben lassen. (Mangelnde Bildung führt zu solchen Haltungen…).

Vergessen wir nicht: Nazis wie Höcke und Bachmann trugen in Chemnitz weiße Rosen am Revers. Dieses Zeichen ist Teil einer brandgefährlichen Geschichtsrevision (Vgl. https://www.swr.de/zur-sache-baden-wuerttemberg/weisse-rose-wuerde-sophie-scholl-afd-waehlen/-/id=3477354/did=18982592/nid=3477354/1uwy6j7/index.html (6.10.2018), bei denen Die Weiße Rose als Zeichen von Widerstand kontrafaktisch okkupiert wird.  Um die fatale Verschiebung von Wirklichkeiten und Erzählungen zu begegnen,  sollte man mehr wissen  als die bloße Legendenbildung um Hans und Sophie Scholl.  Zum Thema äußerst hilfreich das Interview des SPIEGEL mit Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der Weißen Rose (der Titel sagt schon das Wichtigste: „Kehrt nicht auch das Böse, wenn man es lässt, eines Tages zurück?“ (Spiegel 39/22.9.2018). Liest man die Flugblätter, dann ist da von der „Würde“ des „Kulturvolks“ die Rede. Dies aber muss man rekonstruieren um es zu verstehen – und da entlarven  sich die Behauptungen der AfD als nichtig. Der Widerstand war eben nicht ein „leerer“, d.h. um den Kampf gegen das System zu führen, sondern hatte klare Ziele, u.a. „die persönliche Freiheit“ (Flugblatt 6, ebenda).

Alles in allem passen diese Aspekte alle nicht ins Spektrum „Rechts-Links“, bzw. Antifaschismus versus…ja, was?

Erich Fried, ein Freund und stets komplizierter Diskussionspartner, hat gedichtet:

»Ein Faschist,

der nichts ist als ein Faschist,

ist ein Faschist.

Ein Antifaschist,

der nichts ist als ein Antifaschist,

ist kein Antifaschist.«

 

In selbstauferlegter Strenge paraphrasiere ich: „Ein Jude, der nichts ist als ein Jude, ist nicht jüdisch“

 

***

Die Liste ließe sich unschwer ergänzen und verändern. Ausnahmslose alle Erklärungsversuche führen nicht zu einer Akzeptanz von JAfD. Was tun? Erst einmal beobachten, was sich bei der Gründung ereignet und wer was sagt. Dann das eigene Umfeld sorgfältig darauf hin untersuchen, wo es u.U. Übereinstimmungen in einzelnen Segmenten des Diskurses gibt. Und dort ansetzen, zu kritisieren, zu verändern, und politisch zu agieren, u.a. gegen JAfD; Schließlich – und keineswegs nur im Bereich der subjektivierten Handlungen von JAfD – analysieren, wie dazu kommt, dass jüdische Menschen in der demokratischen, republikanischen Gesellschaft, im doch sehr weitgehenden Freiheitsraum dieser Gesellschaft, nicht die Freiheit nutzen, ihre Anliegen zu be- und verhandeln.

Der eigene deutsche Staat muss herausgefordert werden, entschiedener zu handeln, stärker im Vorfeld politischer Aktionen zu handeln,  natürlich auch die jüdischen Bürger*innen zu schützen, anstaat über ihre erlittenen Verletzungen zu klagen. Damit dieser Staat das kann,  darf er sich nicht auf die Stimmung in der Bevölkerung verlassen (NRW Innenminister Reul), sondern muss seine Gesetze konsequent anwenden; er kann nicht dem Verfassungsschutz und anderen eher rechten Vorfeldinstitutionen überlassen, die AfD zu beobachten, sondern die jüdischen Menschen müssen die Möglichkeit nachhaltig bekommen, im Rechtsstaat, in  den gesellschaftlichen Strukturen zu agieren, anstatt stets „MIT-„Bürger*innen oder als anderer Teil der „Deutschen UND Juden“ schon ausgegrenzt zu werden, bevor sie wissen, wovon.

 

 

 

[1] https://www.deutschlandfunkkultur.de/ueber-juden-in-der-afd-die-angst-schaltet-das-hirn-aus.1079.de.html?dram:article_id=429231, 29.9.2018 (6.10.2018)

[2] Kürzeste Zusammenfassung http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39540/erste-widerstaende?p=2 (6.10.2018); Angesichts der oft ambivalenten Haltung von Gerichten zu rechter Gewalt vgl. für die Weimarer Republik die Schriften von Emil J. Gumbel https://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Julius_Gumbel (6.10.2018)

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