Finis terrae XXVIII: Am Rande des Kriegs

In der beruhigenden Umgebung der deutschen Innenpolitik – man streitet, aber wer auch immer grad obsiegt, bewegt doch nur wenig – muss man nicht auf die so genannte Welt schauen. Natürlich können wir nicht ruhig sein, keineswegs beruhigt, wenn wir an das Klima denken, an die wirtschaftliche Abbruchkante, die Trump und Xi uns näherbringen, den Abbau von Demokratie, den Putin, Trump, und einige fünfzig von so genannten Völkern gestützte Schurken uns näherbringen, die fatigue de democracie, die wir uns selbst näherbringen, diese Müdigkeit an scheinbarer und scheinheiliger Politik. Manche Beobachter meinen, dass das alles für Deutschland auch zutrifft, sei das ein Zeichen für (endlich! Endlich erreichte) „Normalität“.

Die Ereignisse einer Vorkriegszeit sind dann normal, wenn sie eine Struktur aufweisen, die auf den sich abzeichnenden Krieg bzw. Kriegszustand hinweisen. (Deshalb zählen manche den Vorkrieg schon zum Krieg). Gegenläufige Entwicklungen sind Ausnahmen oder Placebos oder die Ankündigung des „Nun muss sich alles, alles wenden“ (Uhland). Nur reichen natürlich einzelne Anzeichen der Wende nicht, wie der Frühling beim Dichter. Das „Muss“ ist bedrohlich, wenn es nicht sagt, womit man den Krieg verhindert – oder die Klimakatastrophe in absehbarer Zeit.

Mit einer gewissen Befriedigung sehen Reaktionäre Deutschland endlich normal werden: wir missachten die Lehren aus der Vergangenheit zugunsten einer Angleichung an andere Staaten, die schon längst mit ihr abgeschlossen haben (konkret mit dem Kolonialismus, dem Überfall auf die Ukraine, der Kündigung von Verträgen, dem Rechtsbruch…). Es fällt auf, dass die mit Gewalt ausgeübten Normalisierungen fast allesamt in die Sphäre formaler Institutionen fallen. Man entledigt sich der regelsetzenden Instanzen, die das eigene Handeln einschränken bzw. in bestimmten Bahnen halten. Anders und einfach gesagt: wer sagt, das darf doch nicht wahr sein, wird belehrt: es kann aber wahr werden.

Es gibt keine Vorsorgepläne für den Vorkrieg. Ja, Vorräte erneuern und ergänzen, Trinkwasser und Teigwaren, den Verbandkasten ergänzen, wichtige Telefonnummern etc…schadet nie, hat aber damit nichts zu tun. Vorkrieg und Krieg sind weder Naturkatastrophen noch vorstellbar. Seltsam – Krieg soll nicht vorstellbar sein? Wo es doch Überfüllen an Literatur, Bildern, Musik, und geteilten Erinnerungen gibt. Zur Inhomogenitätvon Kampfhandlungen und individuellen Schicksalen gehört auch, dass man dauernd ein „Nebenan“ hat, Nebenan wird gekämpft, nebenan stirbt jemand, nebenan brennts, grade hier nicht mehr noch nicht schon wieder. Und schon entstehen die Erzählungen vom Verschontwerden, vom Aufschub des Sterbens, nicht gleich Überleben.

Vorkrieg: die eindrücklichen, erschütternden Passagen der Biographie von Walter Benjamin in Antonia Grunenbergs „Götterdämmerung“ (Herder 2018) zeigen, wie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs und davor die Stimmungen und Voraussichten und „Ahnungen“ und die Abwehrmechanismen im Exil in einander greifen. Man lese das Kapitel „Flüchtling sein“ (1938-1939) und unmittelbar darauf die Titelgeschichte des SPIEGEL 10/2019 (Titelblatt: Abschiebung. Ein deutsches Desaster. Titel: Deutsche Drecksarbeit). Brauchbar recherchiert, beschämend für die deutsche Republik im Frieden. Aber ich vergleiche doch, den früheren Vorkrieg als langdauernde, latente Vorbereitung zwischen dem ersten „Großen“ Krieg und dem zweiten, der mehr als ein Weltkrieg werden sollte; und unserem Vorkrieg, der beinahe schon so ist wie im Krieg (dazu in den früheren Finais terrae Blogs und in den Blogs zu Deportationen). Ich habs nicht erfunden, aber natürlich gibt es nachprüfbare Parallelen. Und Differenzen. Im Spiegel (S. 19) sieht man ein Foto des AustronaziKickl, des Italofaschisten Salvini und des deutschen „christ-sozialen“ Deportationsministers Seehofer. Das ist eine der Dreifaltigkeiten, die von den ordnungssüchtigen Populisten verehrt oder von den Demokraten verachtet werden, aber zu wenig gefürchtet und schon gar nicht bekämpft. Sie bereiten den Krieg nicht vor, sie sind Vorboten, Anzeichen wie eine jähe Bö vor dem Sturm. Aber die Boten sind auch Brandstifter, die sich noch als Biedermänner tarnen können…

Der Vorkrieg bietet viele Nischen, Plattformen, Schrebergärten, Hinterzimmer, in denen man sich wahlweise sicher fühlen kann oder auch vor der Realität verstecken, sie quasi leugnen. Ein scheinbar dazu nicht gehöriges Beispiel, das aber deutlich wie selten auch Vorkrieg signalisiert. Auch in Deutschland gehen Schüler*innen und Student*innen während der Unterrichtszeit am Freitag auf die Straße: fridaysforfuture.de. Gegen die Passivität der Politiker, gegen die Träge prä-mortale Alterstumpfheit der Erwachsenen, und gegen die Regeln, die auch noch bei der Klimakatstrophe Bahnsteigkarten verlangen – sagt doch die unglaublich gebildete und mit Geistesgaben überaus gesegnete Ministerin Karliczek, die Schüler sollten am Nachmittag (in der Freizeit“) demonstrieren, aber nicht in der Unterrichtszeit (http://taz.de/Karliczek-gegen-Fridays-for-future-Streiks/!5577348/). Sogar Merkel und Barley wissen das besser. Aber darum geht’s nicht: selbst die Symbolgewalt des Regelverstoßes muss zu Konsequenzen führen, sonst braucht es keiner Politik mehr.

Der Krieg wird nicht wegen der Klimakatastrophe stattfinden, er findet in ihr statt.

*

Denkt denn niemand daran, dass entwürdigte, misshandelte, sozial ausgegrenzte, internierte, untergetauchte, Flüchtlinge im Krieg tatsächlich GEFÄHRDER sein können, fragt sich nur für wen? Und für welche Sache.

Wir – Deutschland, die EU, die Großmächte, die Waffenexporteure – rüsten mittlerweile so intensiv auf, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, bei den ausbrechenden Kampfhandlungen von „eigenen“ Waffen getroffen und getötet zu werden. Das ist gut für die vaterländische Gesinnung und die Aktienkurse der Waffenschmieden.

(Ausflug. In den „Letzten Tagen der Menschheit“ von Karl Kraus, V. Akt, 25. Szene[1], wird gegen Ende des Ersten Kriegs in einem Café aufgeregt unter Schiebern, Wucherern, Adabeis diskutiert. Einer wähnt „Friedensfühler“, während die anderen Verdienstmöglichkeiten abklären. Der alte Schieber bekommt einen Zusammenbruch „…Laßts mich -ich bin e Pechvogel – ich hab Schkoda“ … und der Zustand steigert sich. „achab Schkoda“. Er hat Skoda-Aktien, und wenn Frieden kommt, dann wird aus der größten und einträglichsten Waffenschmiede und ihren Aktionären nichts…die Verbindung zur jetzigen Koalitionsdebatte um Exporte von Waffen nach Saudi-Arabien ist rein zufällig).

Und auf Menschen kann man weiterhin schießen und schießen lassen, wenn man sie in der Haft nicht klein kriegt. Die schmelzenden Gletscher und den Staub in der Lunge und das Plastik im Lachs bekommt man so nicht weg – das sagen einem die streikenden Schulkinder, und die besorgten Eltern und Großeltern nicken bekümmert: besser die Kinder schauen den Alten beim Sterben zu als umgekehrt. Oder?

[1] Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit, Teil II. dtv: München 1964, 169-172

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