Jüdischer Einspruch VIII: kein Zwang, bitte.

Es gibt eine JÜDISCHE STUDIERENDENUNION DEUTSCHLAND (JSUD).

Man kann da einiges nachlesen: https://www.facebook.com/JSUDeutschland/posts/1048560308630558

Es gibt eine Gruppe  „orthodoxer“ Rabbiner und jüdischer Aktivisten, die eine Policy „Pluralistisches Judentum innerhalb der JSUD“ attackieren und kritisieren. Das ist ein wenig satirisch, wenn der Text unter https://juedische-zukunft.de/ zu lesen ist. Unterzeichnet u.a. von Vorständen der orthodoxen Rabbinerkonferenz und einer Reihe von Rabbinern, Einzelpersonen und Verbänden.

Für manche gibt es große Freude: die jüdische Kontroverse in Deutschland lebt, das ist ja ein Zeichen von Normalität: zum Beispiel  Chaims Sicht: www.sprachkasse.de/blog/2019/02/22/endlich-mal-wieder-eine-richtungsdebatte

Gut, dass ich das am Karnevalswochenende der deutschen Tradition in die Hand bekomme. Da schreiben die Verfasser des „Offenen Briefs an die JSUD“ unter anderem:

„…Durch die erklärte Liberalisierung der Zielgruppe der JSUD können und werden nachhaltige Probleme entstehen, die die junge jüdische Gemeinschaft daran hindern werden, jüdische Traditionen und Werte weiterhin zu bewahren. Unsere Religion legt aus, dass die Partnerschaft ausschließlich mit einem halachisch jüdischen Ehepartner möglich ist. Alle anderen Verbindungen sind verboten. Außerdem stellt die Assimilation, neben dem Antisemitismus, momentan die größte Gefahr der jüdischen Zukunft in Deutschland dar.“ UndWir fordern von der nächsten JSUD Vollversammlung, die Gefahren der Assimilation durch eine Liberalisierung zu erkennen, zu benennen und sich entsprechend zur Wahrung einer jüdischen Zukunft in Deutschland zu positionieren.“

Zum einen geht es um die Erfordernis der jüdischen Mutter…darauf gehe ich als ehem. Professor für jüdische Studien gar nicht ein, die Kontroverse ist zu absurd, um ernst genommen zu werden.

Zum andern aber geht es um die dogmatische Auslegung der Religion…Lesen Sie bitte die beiden obigen Absätze genau, nicht ironisch, nicht mit dem Kopfschütteln über die Ewig-Gestrigen. Der Text des offenen Briefs ist blasphemisch, unmenschlich und geeignet, die Gemeinden weiter zu entleeren. „Unsere Religion legt aus…“. Jüdische Menschen, die sich nicht „zu uns“ bekennen, sind wohl keine jüdischen Menschen. Ich denke: Gesegnet sind alle Partnerschaften, die gut und lebbar sind. Sie kommen vor der Auslegung. „Alle anderen Verbindungen sind verboten“. Da wollen wir einmal nicht in das Leben der Unterzeichner hineinschauen, sondern nur sagen: Wer wagt es, Partnerschaften zu „verbieten“?

Und dann der Satz der Sätze: „Außerdem stellt die Assimilation, neben dem Antisemitismus, momentan die größte Gefahr der jüdischen Zukunft in Deutschland dar“. Das Reformjudentum kommt vorwiegend aus Deutschland, die jüdische Aufklärung, auch der Fortschritt der jüdischen Religionswissenschaft…ja, man kann sich über die jüdische Heterodoxie nicht nur freuen, man muss sie als stärksten Widerstand gegen Antisemitismus und Antijudaismus auch anerkennen. Assimilation stellt eine Gefahr für die jüdische Zukunft dar, wohlwollend gesagt: soll sein, es geht nicht um die jüdische Zukunft, es geht immer um die menschliche Zukunft. Denkt euch den Satz ohne die Parenthese „neben dem Antisemitismus“…wo könnte der so stehen?

Mit diesem “Offenen Brief“ wird nicht nur die JSUD beleidigt. Alle jüdischen Menschen, die sich der Intention des jüdischen Lebens verpflichtet fühlen, werden mit einer inquisitorischen und ausgrenzenden Polemik an den Pranger gestellt. Wer offen antiliberal ist, wer so offen gegen die Pluralität agitiert, steht nicht in der jüdischen, sondern leider auch in der deutschen Tradition…

Weniger wohlwollend:  so ein Judentum können jüdische Menschen doch nicht wollen. Nach dem Schrecken der Shoah und vieler Antisemitismen davor und danach muss doch endlich deutlich sein, dass Religion eine gesellschaftliche Ordnungsmacht ist, die die Freiheit der Menschen zu verwirklichen hat, die Freiheit, die ein Preis ist und ihren Preis hat. Und wenn die jüdische Religion dazu nicht in der Lage ist, hat sie schon abgedankt, noch bevor sie ihre letzten Anhänger verliert.

Damit könnte es sein Bewenden haben, den Ernst kann man diese orthodoxen Ultras ja nicht nehmen (aber sie nehmen sich arg wichtig -jüdische Zukunft in Deutschland, wow). Aber ich fühle mich angegriffen, wenn à Gschaftlhuber im Namen meines Stammes, meiner jüdischen Lebenswelt da Beziehungen verbieten, wenn sie definieren, wer sich mit wem paaren darf und wer nicht. Noch schlimmer können es die katholischen Zölibatäre mit ihrer Heuchelei nicht treiben. Ich lasse es nicht dabei bewenden.

  • Wenn sich die Briefschreiber auf die Halacha berufen, also auf eine traditionelle, alte Konstruktion, keine Offenbarung, dann vergessen sie, wie kontrovers und uneinheitlich jede Zeile, jedes Wort des à Tenach ausgelegt wurde und wird; dann verstehen sie nicht den Unterschied zwischen Glauben und Religion, zwischen unverfügbarer, freier Überzeugung von Menschen und Vereinsmitgliedschaft, zwischen religiöser und säkularer Stammesmitgliedschaft, Dogma und Wirklichkeit; und weil sie ihn nicht verstehen, ebnen sie ihn mit einem Verbot ein.
  • Das aber dürfen gerade orthodoxe jüdische Menschen nicht, denn wie sollen sie sich herausnehmen, Verbote zu formulieren, wenn sie sich dabei nicht auf ihren Gott berufen können. Die Halacha konstruiert das Kollektiv „Judentum“, und innerhalb desselben sind ja die Individuen nicht die Gemeinschaft der „Gläubigen“, sondern je für sich (man möchte sagen: für sich verantwortlich). Aber die Halacha sprengt geradezu die Einheitlichkeit der Auslegung und zwar durch die Praxis, sie ist kein Katechismus (und die Partnerschaft, nebenbei, ihr Rabbiner, ist kein Sakrament… von wegen „verboten“). (Und für die säkularen, nicht religiösen jüdischen Menschen bedeutet das nicht automatisch, dass sie nicht oder etwas „anderes“ glauben, sondern dass auch ihre Praxis sich an dem messen lässt, was die Halacha an Freiheiten jedem Menschen zugesteht). Im Übrigen kann auch ein Nicht-Gläubiger diese Praxis üben.
  • Die Briefschreiber können gegen liberales Judentum, gegen LGBTY, gegen Regelbrüche schimpfen, sie können – wenn sie das können – Gegenargumente ausarbeiten, sie können auch die Gemeindestrukturen ändern, einschließen, ausschließen etc. Das ist ihr Recht, und wieweit sie damit kommen, wird man sehen, denn natürlich haben sie das Recht auf Opposition damit auch aktiviert. Aber was sie nicht dürfen: jüdische Menschen mit Drohungen an den Rand der Gesellschaft drängen. Es gibt keine jüdische Gesellschaft in Deutschland, es gibt eine Gesellschaft in Deutschland mit jüdischen Menschen als einem Teil. Darum spreche ich nie von Deutschen und Juden. Denn Juden sind eine Konstruktion, die selbst völlig willkürlich durch eine machtbestimmte Normierung geschaffen werden. Wer ist Jude? An der Antwort sind alle gescheitert, manche zu spät, mit vielen Opfern, andere in erheblicher Unerheblichkeit. Die Arbeit an der Antwort, für manche nur à Pilpul, für andere eine lebenslange Auseinandersetzung in vielen Diskursen, das bestimmt die Plätze für jüdische Menschen in der Gesellschaft, ihre wechselnden  Beziehungen und ihre Lebenswelt.
  • Ich sehe im offenen Brief der Rabbiner einen Angriff. Auf die Grundrechte, auch auf die Religionsfreiheit, aber vor allem auf die unerlaubte Ausdehnung einer bestimmten Auslegung religiöser Normen über eine Gruppe von Menschen, die durch die Religionsgemeinschaft gar nicht erfasst wird. Das ist der erste Schritt zu genau dem Zang, dem sich jüdische Menschen seit tausenden von Jahren zu entziehen suchten. Teilwiese mit erfoolg, und shon gar hier, in unserem Land.

Nachsatz: Ich kenne – bewusst oder unbewusst – niemanden, der der JSUD  angehört und bin mit dieser nicht in Kontakt. Ich kenne auch einige aus der orthodoxen Rabbinerkonferenz, aber eher Kontrovers oder bei Begegnungen, an denen auch andere Rabbiner und RabbinerInnen teilnehmen.  Ich arbeite erkennbar als jüdischer Mensch, wenn es notwendig ist (zB. bei der Studienförderung). Aber ich halte die autoritäre Anmaßung der Briefschreiber für einen Angriff auf meine Lebenswelt in Deutschland.

  • Ich gebe hier weder religiöse noch wissenschaftliche Literaturhinweise, die meinen Standpunkt stützen; ich muss mich im Widerstand nicht auf Autoritäten stützen, die ich gleichwohl, wenn nötig anerkenne. Wenn es eine jüdische Zukunft in Deutschland gibt, dann auch im Widerstand gegen die Briefschreiber.
  • Der Pfeil kann Leser*innen zu ein Paar Fachausdrücken führen. Ich schreibe ja nicht nur für jüdische Menschen (obwohl auch ein bayrisch-österreichisches Fremdwort dabei ist).

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