Jüdischer Einspruch IX: Antisemitismus und Armut – Gelber Stern, gelbe Weste

Alain Finkielkraut, auch einer, der früher links war und sich seit längerem den konservativen Zweifeln am Multikulturalismus und anderen Emanationen der unabgeschlossenen politischen und kulturellen Aufklärung anschloss, einer von vielen. Sehr klug, sehr bekannt (Academie francaise), ein öffentlicher Intellektueller. Er hatte von Anfang an die Gelbwesten unterstützt.

Dieser A.F. wird am Rande einer Gelbwestendiskussion erkannt, angegangen, grob antisemitisch beschimpft. Als Reaktion beschwichtigt er nicht, aber implizit sieht er zwei Bewegungen: die legitime periphere der „Abgehängten“, die richtig auf die inadäquate Politik reagieren, und diejenigen, denen der Protest die richtungslose Agitation ihrer Ressentiments erlaubt (meine Zusammenfassung, begrifflich sieht das Im Französischen anders aus). Ich nenne diese zweite Gruppe Pöbel, und eine anti-plebejische Abneigung – hat nichts mit Frankreich zu tun –  bricht durch: warum liegt der Antisemitismus nicht nur bei den etablierten Parteien so knapp unter der Oberfläche, sondern auch bei den „Bewegungen“, die oft als Populismus verharmlost werden, ober die Verweigerung aus Unzufriedenheit ausdrücken – und wieder sind die Juden mit schuld? Finkielkraut analysiert in seiner Antwort auf die Frage die Delegitimierung der Bewegung durch zukunftsloses Sektierern (ich sage in Deutschland nur „Aufstehen“!). Eine Verallgemeinerung wäre: nicht nur was ist, zählt, sondern was tun? ist eine Antwort suchende Frager, an deren Ausgang Politik für die Zukunft, nähere wie ferne, stehen sollte. Nur: da könnte man statt Juden auch Kapitalisten, Oligarchen, ENA-Absolventen, Wirtschaftsweise oder Radfahrer sagen. Nein, die Juden.

Macron hat Finkielkraut sofort verteidigt (richtig), aber auch als Symbol der republikanischen Kultur (fragwürdig), denn die wird ja von den Populisten in Frage gestellt.  In ungeformtem Widerstand. Und die Juden? (Ihr wisst, dass pro-aktiv nie von Juden, sondern nur von jüdischen Menschen spreche). Das Konstrukt „Jude“ kann beliebige Leerstellen besetzen, es passt anscheinend immer.

(John McAuley: Low Visibility. NYRB 21.3.2019, 58-62): Lesenswert und erschreckend.

Und dann, eine Nummer später setzt die NYRB einen drauf: Jason Farago rezensiert Edouard Louis (J’Accuse! NYRB 18.4.2019, 22-26). Lesenswert und deprimierend. Vor ein paar Tagen haben wir in der Schaubühne „Im Herzen der Gewalt“ gesehen, Regie Ostermeyer, blenden in Szene gesetzt, aber die Hauptfrage offen: wenn er sich aus der Diskriminierung als Schwuler herausarbeitet, wenn er sich aus dem von links nach rechts schwenkenden Lebensumständen der Abgehängten in die Eliteschulen hinausarbeitet und an der ENA studiert, wenn der dann auch noch einen ambigen Rassismus trotz allem seinem Sexualpartner gegen zeigt, und ihn zugleich verteidigt,  weil Polizei, der Saat, die da oben usw. noch viel schlimmer sind – und dann viel deterministischer als je bei Bourdieu alls auf Klasse, Herkunft, Habitus und die sozio-genetischen Wurzeln schiebt (nur sich selber nicht, weil er das ja analysiert), dann wird das nicht veränderbare Unbehagen wirklich deutlich. So gings uns nach dem Theater, so geht es Farago, so geht es Louis selbst.  Aber wenn der gegen erwiesene Homophobie und Rassismus der Gelbwesten einwendet, die Kritiker meinten gar nicht dies, sondern sagen immer nur „Arme Leute, haltet das Maul!“, dann geht das natürlich daneben. Louis schreibt einmal: Schwulenhass = Armut. Auch das ist amputiert. Nur stimmt die Umkehrung nicht, da müssen wir uns in Acht nehmen.

Was aber aus all dem deutlich wird, dass Antisemitismus eine Folie darstellt, auf der verschiedene gesellschaftskritische und -ablehnende Aggressoren ausgebreitet und angeordnet werden können, dass Armut und Isolation eine solche Folie ist, auf der auch der Antisemitismus ein Puzzlesteinchen darstellt usw.

  • Die Hartnäckigkeit des Antisemitismus kommt auch aus der Konstruktion von Juden, gar im Singular „des Juden“. Ich wiederhole mich: seit Jahrhunderten sind die „Juden“ als Spezies, als soziale Gruppe Produkte des Antisemitismus, und ist nicht dieser das Produkt jüdischen Verhaltens, jüdischer Moral und Ästhetik;
  • Die Politik der israelischen Regierung unter Netanjahu und dessen Unterstützung durch Trump fördert die Camouflage des Antisemitismus als „Israelkritik“, gerade bei linken Antisemiten. Dabei übersehen die meisten, nicht nur linken, Kritiker, dass z.B. in der Iranfrage ja reale Gefahren für Israel, nicht für „die Juden“ bestehen, und dass in Israel jüdische Demokraten erheblich unter Druck von jüdischen Nicht-Demokraten stehen. Im Übrigen verstärkt diese Konstellation die Konstruktion der Juden.

Was gerade aus Frankreich aktuell angesprochen wird, gilt in Variationen für viele Gesellschaften in Europa. In vielen Diskursen gibt es eine jüdische Funktion von Katalysatoren gesellschaftlicher Ungleichheit und Konflikte, unabhängig von der Realität oder auch Absurdität solcher Zuordnungen; es ist eher eine Funktionalisierung der Juden als eine direkte Schuldzuweisung, aber immer mit dem „Die sollten es eigentlich besser wissen“ (als Opfer) oder sie „wissen es besser“, weil sie sich dem Opferstatus aktiv entgegenstellen – und, paradox, „Täter“ werden).

Die Gegenmaßnahmen gibt es, manche sind sinnvoll (Antisemitismusbeauftragte in Bund, Ländern und Kommunen; Curriculumreformen etc.). Das „Wachhalten“ der Erinnerung an die Shoah erscheint mir zu kurz gedacht und gesprungen, weil a) die Zeitzeugen rar werden und b) die Historisierung der Shoah unvermeidlich ist, also nicht politisch umgangen werden kann. Es kommt darauf an, das kollektive und kulturelle Gedächtnis immer wieder neu und kritisch zu formen, und dabei hilft die Shoah immer weniger (was die junge Generationen an sich nicht tragisch nimmt, weil das Wissen über den Holocaust notwendig weniger und transformiert wird). Vor allem hilft es nicht, dem Antisemitismus eine gesteigerte jüdische Identität entgegenzustellen, die sich aus der Desintegration (Max Czollek) in ein Selbstbewusstsein begibt, dem das Gegenüber fehlt. Die Shoah bleibt – bei uns – noch lange präsent, aber sie ist nicht die Grundlage einer Politik gegen den Antisemitismus, im besten und wünschenswerten Fall ist diese Erinnerung etwas, das unsere Kultur, unser ziviles Verhalten, unsere Urteilsfähigkeit stärkt: das wäre viel. Den Antisemitismus und seine Subtexte zu decouvrieren, ist mindestens so wichtig. Das ist nicht nur Forschung. Auch die Aufmerksamkeit gegenüber den antisemitischen – und nicht nur rassistischen, xenophoben, deutschthümelnden – Stereotypen ist notwendig; Aufmerksamkeit und Sorgfalt gehören zum Inventar einer guten politischen Diskursstrategie ebenso wie zur selbstkritischen Beobachtung der eigenen Handlungen und Argumente (was beim israelischen Fall besonders dringend und wichtig ist, damit wir nicht in eine unauflösbare Ambiguität gegenüber dem jüdischen Staat, dem einzigen, verfallen.

Nachsatz: es ist kein Zufall, dass ich die meisten Belegstellen der New York Review of Books (NYRB) ISSN 0028-7504, entnommen habe, einem der stärksten kritischen Organe des freien Teils der USA. www.nyrb.com: Ja, das ist Werbung. Typisch jüdisch, was? So kann Bildung auch für Gebildete sich fortsetzen.

 

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