Finis terrae XXX: Na vreme, s’ist Zeit

 

Nur ein Atemholen. Ihr kennt das alle.

Na vreme, so hieß vor längerer Zeit eine NGO, an der ich beteiligt war. Es ist an der Zeit.

Das sagen uns auch alle, die in seriöseren Medien zu den drei großen Problemen schreiben oder reden, die zum Überleben jedenfalls wichtig sind: Klima, Gewalt, Migration. Weltprobleme, für die es einen Winkel gibt, der Abtauchen, Verstecken oder auch nur Schatten erlaubt. Und es hat den Eindruck, dass in den Ländern, wo freie Medien noch existieren und beachtet werden, ein fragendes Erwachen vor sich ginge: da wird nicht nur argumentiert, sondern auch abgewogen und – es wird gesagt, was getan werden muss. In den meisten Gesellschaften, die unfrei sind, werden diese Themen mit der Politik von Opposition, Widerstand, und dem Nachweis, was denn so ein Problem die Agitierenden anginge, behandelt.

Das Muster ist ziemlich abwechslungsarm. Zunächst wird der Alarmzustand – Notstand – bestätigt und ausgemalt, meist handelt es sich jetzt ums Klima, vor ein paar Jahren waren es die Flüchtlinge, und der Krieg, die Gewalt, im nahen oder weiten Sinn, bricht thematisch immer wieder herein. Dann wird beschrieben, wer was gegen die drohende Gefahr unternehmen soll, will, kann. Wie groß das Risiko des Nichthandelns in Überschaubaren Zeiträumen ist. Warum das, was manche tun, falsch, was andere tun ungenügend ist, und wie es vielleicht richtig sein könnte.

Ekelhaft ist das Argument, wie wenig es der Erde hilft, wenn nur wir in Deutschland, ja nur wir in der EU, ja wir in den entwickelten Ländern etwas tun, wenn die Diktaturen und Zwangsherrschaften ohnedies weiter machen, was sie wollen. (So nach dem Motto, Gott soll doch die größten Sündern zuerst und besonders streng strafen…tut er aber nicht).

Auch ist die Dummheit, wie sie die Große Koalition in Deutschland praktiziert, nahe an diesem ekelhaften Argument. Beim Klima – viel machen, um niemandem weh zu tun. Was tönt aus den Lobbyetagen, die ja längst Minister und Abgeordnete in ihrem Sold haben: Arbeitsplätze erhalten, die Armen am Konsum nicht noch mehr zu benachteiligen, Investitionen nicht gefährden. Alle diese Argumente sind falsch.

Arbeitsplätze gehen durch eine neue Klimapolitik nicht verloren, es werden mehr und diverse gebraucht. Nur nicht in der Autoindustrie… na und? Wenn die Mobilität als bürgerliche Tugend so hochgeliebt wird, dann gibt es auch eine Mobilität bei Qualifikation und beruflicher Tätigkeit. Die Hochlohnkulaken der Braunkohleindustrie brauchen unsere Solidarität nicht.

Der Konsum ist ein Problem, was die Lebenswelt mit ihren Regeln und den Lebensstil mit seinen Präferenzen betrifft (und er ist ein Problem der Mehrheit, denn tatsächlich können nur die Bewohner der oberen Etagen der sozialen Struktur tatsächlich auf etwas verzichten, ohne weiteren Schaden anzurichten  –  das sind wir, und wir sind gar nicht so wenig). Da geht es in der Tat um Binnenflüge, Kreuzfahrten, SUVs, übertriebenen Fleischkonsum, um die Attitüden der Wegwerfgesellschaft, um andere Formen der sozialen Beteiligung an Gegenmaßnahmen gegen den Klimawandel… (Solidarität ist nicht ein Prinzip, das verordnet werden kann, sondern eine Tugend, die angeeignet und kommuniziert werden kann, praktisch).

Investitionen… dass ich nicht lache: es wurde in den vergangenen Jahren eben nicht investiert. So lange, wie Deutschland braucht, um eine Stromleitung von Nord nach Süd zu legen, so lange, wie Bahnhofsneubau braucht,  so unfähig, wie die Öffnung des Nahverkehrs sich gestaltet, so wenig, wie zur Wiederaufforstung getan wird, so gewaltig, wie nur die Rüstungsindustrie und der Todesexport nach Saudiarabien und anderen Diktaturen gefördert wird, kann man nicht von Investitionslenkung, sondern von Marktversagen sprechen.

Ich spreche nicht nur vom Klima. Die Flüchtlingsströme werden anwachsen, so oder so, und viele werden zu uns kommen… wenn nicht legal, dann illegal, und vielen Illegalen wird man dabei helfen müssen, anzukommen… Schleyerfahndung hin oder her. Die Gewalt anderswo hängt vielleicht doch mit unserem Leben hier zusammen? Der Faschist Bolsonaro ruiniert den Regenwald. Ja, aber auch, weil wegen des Sojaanbaus und des Fleischkonsums hier, bei uns. Der Verbrecher Trump ruiniert die Handelsbeziehungen und zugleich ökologische Technologien. Ja, aber auch weil wir viele der amerikanischen Produkte bewusstlos übernehmen, anstatt uns ihnen gegenüber zu positionieren. Von den Diktatoren erwarten wir jetzt einmal nichts. Von den Demokratien, von der EU sehr wohl.

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Wie? Kennen wir alles? Ja, in der ZEIT, im SPIEGEL, in der SZ…in den Kulturprogrammen ist das alles zu finden.  Und?  Wird schon weitergehen, und lieber kleine machbare Schritte zu unternehmen als gar nichts zu machen, seid schön brav, Thunberg-Follower (aber kopiert nicht ihre Anständigkeit und ihren Mut).

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In der Diskussion wird oft gefragt, wer auf wieviel verzichten muss, um bestimmte Ziele – sagen wir 1,5 Grad C – noch zu erreichen; wieviel an Demokratie wir opfern müssen, damit die richtige Politik umgesetzt werden kann; wie schlecht unser Leben sein wird, wenn wir tatsächlich beim Klima Erfolge haben werden. Die Frage ist berechtigt, aber unzureichend.

Für alle drei Probleme gilt: wer die sogenannte Schöpfung bewahren will, muss dafür sorgen, dass die Menschen so schnell wie möglich aus ihr verschwinden, sondern wird sie viele Arten und Erscheinungen einbüßen, bevor sie beginnt sich zu regenerieren. Wer an den Unsinn nicht glaubt, aber die Natur erhalten will, die auch unsere Lebensgrundlage ist, steht hier vor einem Dilemma insoweit, als es keine Politik, keine Handlung nicht geben darf. Finis terrae oder weiter leben. Dass und nicht wie.

So, wie die Klimakatstrophe die unabhängige Variable größter Dimension für das Überleben ist, und Krieg und Migration besonders wirksame intervenierende Faktoren sind, bleibt uns nur: selbst richtig zu handeln (wie zB. die Grünen jetzt beim Klimapaket) UND Druck auf die andern auszuüben. Das kann unangenehm werden.

Und noch eines: diejenigen, die jetzt um Arbeitsplätze, Märkte und Kooperation barmen, werden (Gott sei Dank, möchte man sagen) nicht mehr erleben, wie ihre Enkel ersticken oder ertrinken. Das kann man leider nicht umkehren.

 

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