Ende einer Kur

Wenn einer drei Wochen lang seine maroden Körperteile kurend, weit ab vom Wohnort, zusammenflicken lässt, durchaus den vorgeschriebenen Anwendungen folgend, durchaus sonst gesund lebend, kaum einmal ein Bier oder zu viel Süßes, durchaus beweglich, also 2-4 Stunden täglich in den Wäldern rund um Marienbad, wenn sich also einer zur Heimfahrt rüstet, dann kommt eine gewisse Melancholie auf: sollte die Zeit der Weltfremdheit wieder zu Ende sein, wird jetzt der Platz am Ufer wieder mit der Mitte des Stroms vertauscht?

Ich war jetzt drei Wochen hier, ärztlich befördert, habe 36 so genannte Anwendungen an mir verüben lassen, placebo und evidenz-basiert gleichermaßen, habe die sozialen Effekte der Halbpension in einem guten Hotel studiert, z.B. wen man auf Deutsch nach seinem Befinden befragen sollte, bei wem man lieber nicht hinhört (Am Nebentisch: Die Grünen sollte man verbieten), und mich durchauskulinarisch auf dem Mittelweg zwischen gesund und schmackhaft bewegt. Woher also die Nachdenklichkeit darüber, wie es mir jetzt geht, außer dass ich gesünder bin.

Ich hatte hinreichend Zeit, die die Weltlage täglich über ARD, ZDF, Al Jazeera und CNN vor Augen zu führen, vieles regt mich auf, manches geht in die Blogs hinüber…und dennoch ist alles, was sich im wirklichen globalen Leben abspielt, wie durch einen milden Gazevorhang vor der Bühne getönt und unwirklich. Ich denke nicht ans Impeachment des verrückten Trump, wenn ich Goethes Spuren im Geopark verfolge; die künftigen Reibepunkte der österreichischen Koalition belasten mich nicht, wenn ich eine Wildschweinhorde meinen Weg kreuzen sehe; die Holzfäller erinnern mich an meine Kindheit in Oberösterreich und nicht an die Arbeitsbedingungen im ehemaligen Ostblock, und viele Speisen lassen mich eher an vergessene Kombinationen unserer Abendessen vor 60 Jahren denken als an eine aktuelle Degustation. Ja, sagt ihr, das ist doch gut: so soll eine Kur sein. Ja, sage ich, stimmt – und ist mir unheimlich. Es ist nämlich nicht normal, dass das, was meinen Punkt auf der Erdoberfläche bestimmt, politisch, kulturell, kommunikativ, plötzlich verschwindet hinter einer Routine, die den Körper zum Zentrum hat – was ja sonst nicht offensichtlich der Fall ist – und das Denken entgrenzt. Im Wortsinn. Anders gesagt: unkontrollierte Assoziationen, aus dem Hinterhalt erscheinende Erinnerungen, monologische Abhandlungen für fiktive Adressaten begleiten meine Wanderungen. Dabei haben die den Vorteil, dass man sich die Bäume, Steine, Wasserläufe und Quellen genauer anschaut, ohne Peter Wohlleben & Esoterik. Und die wichtigste Frage, wenn man sozusagen aus der Kurkapsel durch die Schleuse zurück in die Realität sich bewegt: wie kommt man dort an, wenn sich am Format der Nachrichten und dem unmittelbaren Umfeld nichts ändert?

Ich denke, die Erinnerung an die Kur ist der eigentliche Gewinn dieser Tage, jenseits der gebesserten Arthrosen und Blutfettwerte. Würde man wieder täglich so den Wald gehen, könnte man verschiedene Beschwernisse leichter nehmen, was einem frei macht für wichtigeres. Das muss einer erst einmal finden.

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