Gedenkstarre

Mehr als Auschwitz…geht scheinbar nicht?!

Mir ist heute nicht nach Polemik, aber nach Kritik. Mir ist nicht nach Reduzierung der Komplexität, aber nach einer Durchdringung einer Materie, die so kompliziert ist, dass viele an ihr eher verzweifeln oder sie resigniert liegen lassen, als sie zu bearbeiten.

Zunächst ein Umweg.  Die bigotte politische Korrektheit der USA Medien lässt nicht zu, dass man Fucking, Cunt, oder   im Wortlaut (F***g, etc.) ausschreibt, aber der Präsident und die National Rifle Association (NRA) befürworten oder dulden weiterhin Amok und wahllose Massentötungen. Bei uns sind die Restriktionen und Tabus anders, aber im Medien- und Diskursbereich nicht weniger gefährlich.

Das N- und F- Wort.

Meist wird der Verharmlosung geziehen, wer einen Menschen oder eine Gruppe des Nationalsozialismus beschuldigt oder als Faschisten bezeichnet. Stattdessen wird diese Person oder die Organisation des Rechtspopulismus, der völkischen Ideologie oder eines übertriebenen Nationalismus beschuldigt, die gefährlich „nahe“ an N und F herangerückt sei. Wehret den Anfängen, tönt es dann.

Es gibt da noch eine weitere Komplikation. N und F werden im alltäglichen Gebrauch oft gleichgesetzt, was bedingt verständlich ist. Aber zwischen Nazis und anderen Faschisten gab und gibt es Unterschiede, und die machen es besonders schwer, ordentlich zu argumentieren. Zumal der vorgebliche Antifaschismus der DDR (und vieler Linker im Westen) über weite Strecken eine böswillige und verharmlosende Position zum Nationalsozialismus verdeckt hatte. Bei N und F kann man nicht einfach sagen, die einen seien besser oder noch schlimmer als die anderen, sie sind nur nicht deckungsgleich. Damit man das versteht, sollte man das Verhältnis von N und F zum Staat untersuchen, das sich doch massiv unterschieden hatte. (Nach Robert Paxton hätte vor allem der deutsche N alle fünf Stufen des F durchlaufen, s. https://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Paxton und mehr in der NYRB; es gibt eine Vielzahl deutscher Interpretationen, ich denke, die Sicht „von außen“, die es im Globalismus nicht mehr gibt, ist aber auch wichtig).

Ich sage: die AfD und die deutschen Identitären sind Nazis, und zwar in einer der Vorstufen zur Machtergreifung (darin unterscheiden sie sich von den Nazis nach 1933, aber sie haben in den Vorstufen dazu mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen, natürlich sind ganz andere intervenierende Variable im Spiel und Mediendiskurse, die diese Analogien weniger leicht durchschaubar machen). Dass ich die Nazis je verharmlost hätte, widerlegt sich durch 5o Jahre öffentliche Arbeit; dass ich viele Analogien zum Stalinismus und zu sozialistischen Staatsgesellschaften ziehe, die sich selbst als Anti-F definiert haben, ist eine wichtige, dazu gehörige Facette,  die mir viel Kritik und Ärger nach wie vor einbringt, aber mich eher darin bestärkt, hier mehr zu differenzieren ohne Abstriche zu machen.  

Und ich meine, es gehört zur demokratischen Streit- und Konfliktkultur, die N und F Wörter bedachtsam, aber zielgenau auszusprechen.

Das ist logischerweise einfacher, wenn man sich in relativ homogenen kritischen Diskursmilieus bewegt, wo man die Differenzierungen auf- und erklären kann, ohne sofort weitere Kontroversen zu entzünden. Wir brauchen diese Kontroversen aber, denn wir können und sollen das Ende von Weimar nicht wiederholen oder zumindest riskieren.

Auschwitz und die heutigen Gedenkveranstaltungen

Wer heute und in den vergangenen Tagen Gedenkveranstaltungen durchgeführt oder besucht hat, meint es in den meisten Fällen ernst, und eine Gedenkkalender sollte jede Gesellschaft ohnedies haben, nicht aber einen, der durch unzählige „Tage der/des….“ aufgeweicht wird. Wer es nicht ernst meint, wer auf Gaulands Vogelschisslinie tänzelt, der ist für dieses Gedenken ohnedies verloren (was nicht heißt, dass man ihn nicht bekämpfen oder korrigieren sollte, aber auch nicht als oppositionelle Stimme der Meinungsfreiheit will man ihn heute hören). Wenn in diesen Tagen Bilder von Überlebenden der Lager, die heute noch leben, gezeigt werden, gehört das, was sie sagen und zu sagen haben, zu diesen Bildern. Für sich können es gute oder schlechte Portrait-Photographien sein, die aber einen Kontext brauchen, damit wir wissen, was diese Menschen heute aussagen wollen. Bald werden sie nicht mehr leben, dann werden wir uns an Bild und Text erinnern müssen, wie wir jetzt schon daraus Erinnerungskultur gestalten. Wir leben, aber wir sind keine Überlebenden der Shoah. Wenn unsere Eltern, Großeltern, Verwandten solche waren, können wir von ihnen bestimmte Erzählungen bekommen haben – oder nicht; wir haben auch studieren können, was man über die Shoah weiß. Und was man wissen sollte. Und was man nicht wissen will, je nachdem, wie das Man Täter und Opfer anordnet und wahrnimmt.

In den heutigen Reden haben alle, die gesprochen haben, darauf hingewiesen, dass Auschwitz nicht abstrakt, sondern nur konkret aufgerufen werden soll, um die Wirkung des „Nie wieder!“ zu entfalten. Das ist zu kurz gedacht, bewirkt vielleicht das Gegenteil. Die Entwicklungsgeschichte zur Shoah ist der konkrete Lernort, der analysiert, kritisiert und gegen Wiederholung abgewendet werden muss. Die Geschichte der Erinnerung ist eine des Wissens, der Tatsachen, aber es ist nicht unsere Erinnerung. Die Wiederholung der Vorgeschichte würde, wird, unsere Gegenwart sein, oder besser nicht: also geht es um Politik, wenn diese Vorgeschichte nicht in ein neues 1933 münden soll.  

Anlass zu Hoffnung gibt die sehr weitläufige und sehr differenzierte Kommentierung dieses Gedenktages, die auch so schwerlastige Erscheinungen wie die Schuld der Überlebenden („Survivors‘ guilt“)  und die unbestechlichen Gedächtnisleistungen derer, die aus Auschwitz befreit wurden, mitbringt. Anlass zu Bedenken und Misstrauen öffnen nicht nur die antisemitischen, sondern alle rassistischen, ethnophoben und kulturell-einengenden Ereignisse, die ein Klima der furchtsamen vorbeugenden Leisetreterei erzeugen, in dem die Tabubrüche des neuen Faschismus ihren Platz haben, um uns dann scheinbar pluralistisch entgegenzutreten. Also Politik: wir können daraus lernen, dass nicht alle Nazis Antisemiten, nicht alle Antisemiten Nazis, nicht alle Rassisten völkisch usw. waren, aber wie und warum NSDAP und DNVP irgendwann ein Wählervolk wurden, fiel nicht vom Himmel, wie und warum die Kirchen und die Universitäten und das Volk sich in großer Mehrheit zusammenfanden aber, diese Geschichte ist nicht soweit entfernt von uns heute, wie manche gerne glauben wollen (das glauben wir ihnen gerne).

Mal sehen, was die nächsten Tage und Wochen bringen; mal sehen, wie die jährlich erneuerten Vorsätze sich rechtsstaatlich, administrativ, kulturpolitisch umsetzen – Erinnerungskultur heißt auch, an heute zu erinnern, an den 27. Januar, den Tag des hohen Tons. Den nehme ich hin, akzeptiere ihn – und gehe weiter.

*

Ich bin ein junger/alter Enkel (72). Aus einer Familie vieler Getöteter, einiger Überlebender, einiger Exilierter. Ich lese die Geschichten der anderen EnkelInnen, deren Großeltern Opfer oder Täter waren, und je älter ich werde, umso mehr unter dem Aspekt der relativen Entfernung dieser Geschichte von mir, von meiner verbleibenden Erinnerungszeit, aber auch von meiner Politik. Die Großeltern erlebten den Ersten Weltkrieg, durchlebten ihre Jugend in der Zwischenkriegszeit, da wurden unsere Eltern geboren, mache Großväter mussten noch einmal an die Front. Viele unserer Großeltern, Eltern, Verwandten starben im Gas. Das Überleben verwandelt sich in ein Leben, der élan vital beherrscht auch die Erinnerung. Da macht er keinen Unterschied zwischen den Nachfolgern der Opfer und der Täter. Aber in deren Politik, in deren Erinnerung an das von ihnen nicht Erinnerte,  liegt die eigentliche Chance, sich zu einer Zukunft zu wenden, die Freiheit an erster Stelle, die Menschenwürde, Kritik und entschlossene Abwehr der vergangenen, aber nie ganz abgestorbenen Muster setzt. (Hier hinein sollte man die Dankbarkeit allen denen gegenüber einsetzen, die kontrafaktisch, also auf der „falschen Seite“, dennoch Leben gerettet, Menschen überleben haben lassen, … es waren wenige genug, aber hinreichend viele um die am allerwenigsten zu vergessen).

Heute wird Rainer Höß aufgerufen (https://www.tagesschau.de/inland/auschwitz-hoess-101~_origin-b1309b36-456c-47d3-9518-6c4a181e9eab.html), man kann sich auch mit Ferdinand von Schirach auseinandersetzen (https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_von_Schirach#Vorfahren) oder eine große  weitere Anzahl von Kindern und Enkeln der Täter. Täter sind meist eindeutig.

Die Nachkommen der Opfer wollen oft nicht von Opfern sprechen, wenn sie ihre ermordeten Verwandten auch nur erwähnen, und ein wenig hängt das damit zusammen, dass das Deutsche nicht zwischen victim und sacrifice unterscheidet. Aber nicht nur damit.

Viele Probleme stammen schlicht daraus, dass in den Familien das beschwiegen wird, was in den letzten Generationen tatsächlich geschehen ist. Damit wird eben nicht nur Auschwitz beschwiegen, sondern auch die konkrete Geschichte der Familie vor der Shoah und in vielen Fällen nach der Shoah. Wie sich das heute auswirkt, hat Ines Geipel gut beschrieben: Umkämpfte Zone (2019). Wer nichts sagt, dem kann man nicht nachweisen, dass er etwas gewusst hat. Und gibt den Schrecken der Erinnerung an die nächste Generation weiter. Und das ist nie nur die Familie oder – enger – noch Eltern-Kinder – das ist immer auch die Gesellschaft.

Hier darf, hier muss man vergleichen, auch wenn es nichts Deckungsgleiches gibt. Wir sind nicht Weimar, aber vieles ist wie Weimar. Und wir sollten es nicht auf ein ähnliches Ende der Kultur ankommen lassen, aus Weimar wurde sie nach 1930 vertrieben, als die Republik zur Präsidialdiktatur überging (Vgl. Sabine Becker, Zu neuen Ufern, ZEIT Geschichte 1/2020, 19).

Nur wer weiß, kann das, was er weiß, vergessen wollen. Das gilt für Opfer wie für Täter. Jetzt versteht Ihr Aron Bodenheimers Satz: Nur wer vergessen will, darf sich erinnern. Wer nur die Erinnerung ohne Wirklichkeit aufruft, lässt die Gedenkkultur in Abstraktion erstarren. Die Wirklichkeit aufrufen ist Politik in Freiheit. 

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