Finis terrae XXXVIII. Es kann auch anders werden

Finis terrae XXXVIII

Worst case. Für die USA beschreibt Hari Kunzru das so:

The US becomes an autocracy, and devolves into a weak and fractious patchwork of jurisdictions run by more or less rapacious oligarchs who conduct a losing war with China, first cold then hot. Human rights become a quaint idea. The environment collapses, and the massive migrations of people lead to vicious authoritarian regimes taking control in richer countries. Genocidal wars are fought over water. The Tibetan plateau is a global flashpoint. New pathogens emerge out of the melting permafrost, killing millions. Life becomes hellish for all but the very wealthy. For the masses, the future looks like an insect world of starvation or highly-surveilled shock work; for the few, a melancholy decadence conducted behind walls. I always thought the shit would go down when I was young and strong. These days I am just hoping I won’t spend my old age picking through the ruins of my city looking for expired canned food.

Über Hari Kunzru (* 1969, englisch/indischer Journalist und Autor) kann man viel sagen und lesen, zB. „The Red Pill“ (Scribner) ganz neu und durchaus am Wannsee beginnend. Sein Szenario aus einem Interview ist die beste Zusammenfassung all dessen, was wir, allein oder in immer neuen Kombinationen (Grüne, Fridays for Future, Klimaforscher etc.) uns vorstellen können und müssen. Wie es „dann“ sein wird, ob wir im Müll nach Essen stochern, ob wir erfrieren, verhungern oder als Sklaven uns zu Tod schuften, weiß niemand, aber wir gehen davon aus, dass wir am Ende der Tage nicht zu den wenigen Reichen gehören werden, die bis zu ihrem Tod vom Schrecken der Welt verschont sein werden. (Vielleicht erlebt Trump das auf seinem Golfplatz so, egal.).

Völlig zu Recht, ich schließe mich da ein, trennt Kunzru nicht zwischen Innen- und Außen/Innenpolitik und Außenpolitik/Nationaler Regierung und Weltendiktatur. 1984 reicht nicht.

Was in den USA anfängt und sich beschleunigt, hat längst überall auf der Welt seine Vorboten gesetzt. Nein, meine Herrn Historiker, das war nicht schon so, oder so ähnlich. Es geht um den Überhang an irreversiblen gesellschaftlichen Bruchstellen, die allein mit Politik, aber auch nicht allein mit dem „Ändern“ von unser aller „Leben“ nicht zu kitten oder zu überbrücken sind. Auch hat das alles nicht mit Trump begonnen in den USA, sondern er ist schon von dieser Worstcasewelle hochgetragen worden, wie fast alle Repräsentanten dieser autokratisch gegliederten Welt.

Kunzru macht ein Szenario. Er lässt eine neue Polarität entstehen, und was er dann für die Welt beschreibt, beruht auf dem Sieg von China über die USA, das ist die prognostische Schwäche der Vorschau. Aber von den Erscheinungen wird es wohl so kommen, wie er sagt, als anders.

Warum also nicht resignierend den Tag noch voll genießen und dann in die Grube fahren? Abgesehen von der Kinder-Enkel-Gefühlsschranke ist diese Frage schwer zu beantworten (Blog-LeserInnen, wie wäre der Versuch einer Antwort?).

*

In den letzten Tagen war es schwer, der Unfähigkeit zur Kommunikation seitens der deutschen Regierung bzw. Spitzenpolitik zu entgehen. Die reden über Corona, Flüchtlinge, Rechtsstaat und Werte, und immer über die Zeit danach, obwohl wir in der Zeit davor sind.

Es kann auch anders kommen?

Jedenfalls nicht, wenn wir uns so verhalten, als wäre dieses Andere sicher, eine schlechte Unendlichkeit, oder die Wiederkehr des Immergleichen, um die deutsche Philosophie zu bemühen.  Die Sicherheit, über die Leichen von Weihnachten und Silvester hinweg in ein erneutes Wirtschaftswachstum und das endlich geimpfte Glück schauen zu dürfen, verklärt die Gesichter der Idioten, nachdem sie über den üblen Zustand des Jetzt lamentiert haben.

In diesen Tagen

  • Verfolgt und tötet der Diktator Lukashenko Abertausende,
  • Verfolgt und tötet der Diktator Duterte Abertausende
  • Verfolgt und tötet der Diktator Xi Abertausende
  • … vervollständigt die Liste

Und in diesen Tagen in Deutschland

  • Nichts Wichtigeres als die Hitler-Hindenburg Garnisonkirche in Potsdam mit 4,5 Mio € weiter zu fördern (Grütters)
  • Nichts Wichtigeres als Flüchtlinge endlich wieder nach Syrien abschieben zu dürfen (Seehofer)
  • Nichts Wichtigeres als das Verbot knapper Badeanzüge im armen Duisburg (Love Parade reverted)
  • … vervollständigt die Liste, ich habe schon bei #3 abgebrochen, mir ist das Beklagen der Unsinne selbst zu blöd, aber

In diesen Tagen entscheidet sich ja nicht das Schicksal des Virus, sondern z.B. Europas, ob die Christenparteien den Faschisten Orban und Ungarn in ihren Reihen halten, ob die Europäer nicht vielleicht zeitweilig ohne Polen, Ungarn und Slowenien besser leben können als mit ihnen, ob man die Amerikaner nicht aus den deutschen Kasernen rauswirft, wenn sie von hier Kriege führen, ob….

Vervollständigt die Liste.

Zu Ungarn:

„Gaskammer von Soros“: Verband ungarischer Juden protestiert

Der Verband Ungarische Jüdischer Glaubensgemeinden hat heute gegen die Aussagen des Leiters des Budapester Petöfi-Literaturmuseums, Szilard Demeter, protestiert. Dieser hatte dem US-Investor und Philanthropen George Soros vorgeworfen, Europa zu seiner „Gaskammer“ gemacht zu haben.

„Es sei geschmacklos, Europa als Gaskammer zu bezeichnen, und für den Leiter einer staatlichen Einrichtung sei es 75 Jahre nach Auschwitz unverzeihbar“, teilte der Verband mit. „In Auschwitz wurden mehr als 430.000 Ungarn vergast.“ Wer das im Zusammenhang mit aktuell politischen Fragen relativiere, sei unsensibel gegenüber „den Schmerzen der ungarischen Geschichte und des ungarischen Judentums des 20. Jahrhunderts“.

Ungarn und Polen „die neuen Juden“

Demeter hatte zuvor in einem Kommentar für das regierungsnahe Internet-Portal origo.hu geschrieben: „Aus den Fässern der multi-kulturellen offenen Gesellschaft entströmt das Giftgas, das für die europäische Lebensform tödlich ist.“ Ungarn und Polen seien „die neuen Juden“, führte er weiter aus. Demeter äußerte sich zum EU-Haushaltsstreit, bei dem Ungarn und Polen wichtige Budgetbeschlüsse im Umfang von 1,8 Billionen Euro mit ihrem Veto blockieren. Die beiden ost-mitteleuropäischen Länder wollen auf diese Weise verhindern, dass ein neuer Rechtsstaatsmechanismus wirksam wird. Dieser droht Ländern, deren Regierungen in die Unabhängigkeit der Justiz eingreifen, mit dem Entzug von EU-Hilfen.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban hat in der Vergangenheit immer wieder Hetz-Kampagnen gegen den aus Ungarn stammenden Holocaust-Überlebenden Soros gestartet. Diese unterstellen ihm, dass er Europa mit muslimischen Geflüchteten überfluten wolle, um die christliche und nationale Identität der europäischen Völker auszulöschen. Beweise dafür wurden nicht vorgelegt. Soros, der mit Investment-Spekulationen reich wurde, fördert weltweit Akteure der Zivilgesellschaft und Kämpfer für die Menschenrechte.

red, ORF.at/Agenturen

Und das zum Weltuntergang

*

Ich kann das auch anders schreiben, ironisch „multi-disziplinär politikwissenschaftlich-soziologisch-etc.“.  Ich bin nur bei der Lektüre der Zeilen von Kunzru wieder darauf gestoßen, dass das Ertragen dessen, was man weiß, das aber nicht zum Handeln uns bewegt (Politik), zum Archivieren führt, zum Eingeständnis der Schuld, die sich vor unseren Augen abspielt.

Es kann auch anders werden.

*

Nachsatz: man kann sich als glücklichen Menschen denken, der wie Camus‘ Sysiphos den Stein rauf und wieder runter und wieder rauf…bewegt. Aber dann müssen wir verhindern, dass sich diese Erde ohne uns regeneriert, und dass zu viele ihr Ziel darin sehen, den Stein leichter und geschmeidiger zu machen.

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