Herbst im August

Der herrlich lange Juli geht zu Ende. Ab und an sieht man einen Schmetterling, sogar einmal zwei, und die eine oder andere Mücke lacht über die Verschwörungstheorie vom Insektensterben. Braungebrannte Reichsbürger kommen zurück in die Quarantäne und stecken ihresgleichen an, und lassen währenddessen uns in Ruhe. Wenn der Park vertrocknet, gibt es dort kein Hochwasser, und wenn jemand sein Einfamilienhaus nicht verlassen will, weil es dort wieder ein Hochwasser geben will, so ist er durch das Recht auf Eigentum gedeckt. Die Idylle täglicher Ärgernisse trägt mich sanft aus dem Juli heraus, worüber soll ich mich nicht ärgern?

Jetzt habe ich so oft über Freiheit gebloggt, da kann man sich auch einmal freuen:

Freiheit: Käppner in der SZ: 31.7.21 https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2021-07-31/page_2.482626/article_1.5368677/article.html

Also, wozu sich dauernd echauffieren?

Es gibt eine Methode, die gleichermaßen von Schreibtischtätern und aktiven politischen Gegnern angewendet wird: provoziere vernünftige Kritiker anhand von kleinen und kleinsten Beispielen, so dass die bald erschöpft sind und niemand die Flut der Anklagen überblicken kann. Das fördert die kurzfristigen Orgien an Vergesslichkeit, die alle möglichen Sauereien, die nur Wochen zurückliegen, schon in den Müll entsorgen, und nur eine moralische Migräne hinterlassen. Da sind die Rechten und ihre Verbündeten recht effektiv, und unsereins muss sich oft vor Freunden rechtfertigen, wenn man sich aufregt und wie ein Radarstrahl rundum schimpft, weil es keine Ecke gibt, in der sich nicht der Unrat verdichtet.

Die Gegenstrategie ist mühsam, zugegeben. Sie bedeutet nicht Toleranz oder machtlose Hinnahme der großen und kleinen Ärgernisse, aber ihre Zwischenlagerung. Währenddessen rüstet man auf. Klingt seltsam, aber so wie man nur ausgeschlafen in den Konflikt gehen sollte, so muss man schon darauf achten – nicht, was gerade wichtig erscheint, sondern was wichtig ist. Und dies zu bedenken kann durchaus geschehen, während man durch den Park oder die Zeilen eines guten Buches geht oder Musik hört.

Was man ablegt, kann man wieder hervorholen, vielleicht wirkungsvoller und schärfer als jedesmal „jetzt“. Beispiel: den Aufbau der Hitler-Hindenburg-Kirche (Garnisonkirche genannt) in Potsdam kann ich jetzt nicht verhindern, der wirkungsvolle Einsatz der Kritik kann bis zur Eröffnung des Schandmals warten; die Abschiebung von Afghanen in den Tod, wie von Seehofer betrieben, kritisieren andere wirkungsvoller, meine Stimme wird wieder in den Chor gehen, wenn die nächste Abschiebung geplant ist; jetzt kann man sich schon um die Rettung der Ortskräfte kümmern, die schneller nach Deutschland kommen sollen; und noch kleinere Ärgernisse werden vielleicht in zwei Monaten mit einer neuen Regierung verschwinden. Das heißt nicht, dass solche Dinge unwichtig sind. Aber das Archiv der Gegenwart ist immer auch eines mit Wirkung für die nächste Zukunft. Und die will mich bei Kräften halten und nicht zum Gespött der Querulantenhasser machen, die selbst sich über gar nichts ärgern…

Dass ist keine Selbstberuhigung, weil ich gerade an den Beispielen sehe, wie sie im Untergrund der Psyche, im Unbewussten oder in den verdeckten Diskursen, weiterleben und sich entwickeln. Aber sie drängen nicht an die Oberfläche, die ja mein Gesicht auch trägt.

Es ist dies auch die Freiheit der Schildkröte, unter bestimmten Umständen in ihrem Panzer zu sitzen und erst einmal nichts zu tun; dauernd geht das nicht.

*

Natürlich bin ich nicht unter die Lebensberater gegangen. Dieser Moment der Reflektion hat sich aufgedrängt, weil die letzte Wochen eine solche Welle von Ärgernissen mich und meine Arbeit beeinträchtigt haben, dass ich beinahe am Rotieren um diese vielen Unerträglichkeiten erstickt wäre – mit einem kleinen Nebeneffekt. Das Archiv konnte ich mit Hinweisen auffüllen, die ich wieder hervorholen kann und dann was draus machen.

Jetzt schaue ich erst einmal, wie der Herbst im August kommt.

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