Macht der Gewohnheit – Ohnmacht im Widerstand

Kramp-Karrenbauer umarmt Soldatinnen und Soldaten. Wie schön. Die haben natürlich ein paar Tage lang in Kabul richtig Gutes geleistet, Gutes, das diese sogenannte Ministerin vorher geschickt verhindert hat. Wir stoßen mit dem Bier auf sie an, das sie anstatt Menschen aus Afghanistan hat zurückholen lassen. Die Macht der Gewohnheit: die letzte Emotionalität verdrängt alle Schatten der Vergangenheit, für viele.

Bei allen Ministern wird nach wie vor eine typisch deutsche Frage gestellt: aber er hat doch auch etwas Gutes getan, oder? Oder umgekehrt wird festgestellt: na, so richtig hat er eigentlich nichts geschafft.

  • Mit dem Loblied auf die afghanische Aktion von BW und KSK (war da was?) wird die Diskussion der letzten Tage schon zuzudecken begonnen. Wir treffen uns wieder beim Zapfenstreich.

Das ist mehr ein Reflex als eine Reflektion. Als ob irgendein anständiger Mensch die Bundeswehr für diese Tage kritisieren würde… Die Macht der Gewohnheit bläst zum Angriff als Verteidigung vor der größeren, d.h. oft schlimmeren Wahrheit.

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Zur Macht der Gewohnheit gehört nicht nur die Lüge, (siehe den letzten Blog), sondern auch der Versuch, mit „Einsicht“ oder „Verständnis“ frühere Untaten auszulöschen. Ist ja gut, dass selbst Seehofer jetzt Menschen retten will, aber dass er und andere deren Notlage mitverursacht hat, nicht nur verantwortet, sondern haftet, wird durch die späte Einsicht nicht getilgt (obwohl typisch christlich, wo über den bekehrten Sünder mehr Freude herrscht als über ohnedies gute=vernünftige Menschen, naja, im sogenannten Himmel). Alle wollen sie retten, von Merkel bis weit hinunter in die Kanzleien der Schreibtischtäter. Aber sie können ja nicht aus eigener Kraft. (Der wirklich gute Botschafter Pötzl ist zur Zeit einer der wenigen, die richtig und vor allem kompetent verhandeln, den sollten wir hochschätzen).

  • Manchmal zünden Feuerwehrleute eine Scheune an, um sie dann fachkundig zu retten…Gott, ist das eine schlechte Metapher. Aber Sie wissen schon, was ich meine

Die Ablehnung des Antrags zur Rettung von Ortskräften vom 23.6.2021 durch die CDU/CSU/SPD im März ist nicht rückgängig zu machen. Sie hat vielen Menschen Leben und Freiheit gekostet. (https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2021/kw25-de-afghanische-ortskraefte-846934)

Das ist nicht rückgängig zu machen, es wird auch nicht vergessen. Dagegen ist die Sauerei mit den geretteten Bierdosen nur ein Divertimento von AKK.

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Es gibt eine Partei, der man aufgrund eines Slogans eine Koalition mit anderen demokratischen Parteien empfehlen kann:

„Laut Umfrage wünschen sich 91% der Taliban Heiko Maas weiterhin als Außenminister“ (Die Partei, Ortsverband Cuxhaven, 23.8.2021).

Das ist eine verlockende und freundliche Einladung an die Gewohnheiten der deutschen Politik.

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Was inmitten meiner Bitterkeit fehlt, bewusst: die Konsequenzen für mich, mit mehr als 15 Jahren Arbeitsschwerpunkt, nicht dem ausschließlichen, aber dem maßgeblichen. Dazu wserde ich mich äußern, aber noch ist selbst die Frage, ob die Gewohnheit von Tagebüchern an die Öffentlichkeit gehört, zweitrangig. Tagebücher sind Tabubrüche. JETZT geht es nur um jeden einzelnen Menschen, der gerettet werden kann, nicht so platt „den wir retten können“.

  • Die Verlierer eines langen Krieges – Deutschland hat wenige Verluste im Vergleich zu anderen Beteiligten, und schon gar gegen die Afghanen, aber wir haben diesen Krieg mitverloren – die Verlierer können keine oder nur ganz wenige Bedingungen stellen. Die Taliban wollen vielleicht unser Geld, aber sie brauchen es nicht, jedenfalls nicht dringend. Für nichtdemokratische Länder ist es einfacher, mit ihnen zu einem Ausgleich zu kommen. Aber es geht um eine verhungernde, teilweise binnenflüchtige, und entwurzelte Gesellschaft. Wir sind nicht der Westen, das müssen wir bei humanitärer Hilfe auch nicht sein.

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