Nicht dort: hier.

(Gegen den Krieg)

In wenigen Tagen erscheint ein Buch, ein HANDBUCH GEGEN DEN Krieg.

Marlene Streeruwitz: Handbuch gegen den Krieg: ISBN 978-3-903290-76-1 (Bahoe)

Wenn es vor Ihnen und euch liegt, lest es. Beginnt nicht mit dem letzten Satz:

Frieden ist ein anderes Wort für Gerechtigkeit. 

Da müssen wir erst hinkommen.

*

Es sind beschämende Tage. Man weiß, aber ich sage es nicht. Man erfindet Wahrheiten zum Krieg, aber man drückt sich vor seiner Wirklichkeit; ich drücke mich. Es macht aber keinen Sinn, die Meinungen zu sammeln und zu kritisieren, oder ihnen zuzustimmen: es sind Meinungen, die nichts bewirken als uns zu beruhigen, in Stellung zu bringen, uns – nicht die, die sterben, getötet und verwundet werden, auch nicht die töten oder töten lassen. Was wir meinen, betrifft erstmal uns.

Das sieht nicht jeder so: ein mäßiger österreichischer Autor und Literaturwissenschaftler[1], sagt dazu: „Künstler und Intellektuelle im Westen haben es leicht, sie müssen für nichts ihren Kopf hinhalten – dialektische Diskurse über „Meta-Narrative“ zu führen ist gänzlich ungefährlich…“. Und in einer bissigen Kritik an Marlene Streeruwitz fragt er gegen sie, ob es denn um „unsere Befindlichkeit“ ginge. Danach hackt er noch eine ganze Reihe anderer Künstler und Intellektuelle durch, zu denen er sich offensichtlich nicht zählt. Ich habe ihm einen kurzen Leserbrief geschrieben, er ist nicht mehr wert. Aber seine Fangfrage, die ist seltsam. Natürlich geht es um unsere Befindlichkeit. Als ob das Empathie, Stellungnahmen, Hilfe ausschlösse.

Was sich im Krieg abspielt, sind keine Befindlichkeiten, dort wo Krieg stattfindet.

Es ist leicht nachzuweisen, dass die meisten zugänglichen Texte und Bilder solche vom und über den Krieg sind, und nicht über den Frieden. Dass der gewollt und von vielen angestrebt wird – nehme ich doch an; dass der Frieden mit mehr Waffen oder welchen Waffen oder mit weniger Waffen oder nur durch Gespräche oder durch welche Maßnahmen auch immer, nähergebracht werden kann – mag diskutiert werden. Bei uns, bitte. Dort, im Krieg, sind diese Erörterungen oft Rahmungen einer Politik, die jedenfalls bis zum Waffenstillstand angreift oder sich verteidigt, oder gegen-angreift.

Kritische Leserinnen und Leser werden fragen, warum ich nicht die Schuldzuweisung in den Vordergrund rücke: Putin hat angreifen lassen – warum und wozu auch immer, die Ukraine ist das Opfer – warum und wie es dazu kam, mag analysiert werden. Krieg geht nach dem Muster, wer hat angefangen? Und das ist der Rahmen der Wahrheitssuche. Töten und Sterben und verwundet werden und vertrieben werden, das ist das Bild der Wirklichkeit. Aber Krieg wird ja nicht erklärt, er war da und ist da.

Wer kritisiert, dass wir in dieser Situation über uns nachdenken, in dieser Situation, hat eine unaussprechliche Option: in diesem Krieg selbst handeln, töten, sterben lassen oder selbst sterben.

*

Die jetzige Diskussion ist Teil eines hierarchischen Diskurses, der gerade – und schrecklich genug – beim Krieg Russlands gegen die Ukraine anhält. Er hält stärker an als beim Krieg um Syrien, um Afghanistan, um Jemen, um….(Herr Zeillinger: warum wird unsere Befindlichkeit stärker gereizt als bei den jüngsten anderen Kriegen, die ja alle nicht zu Ende sind und in den Frieden gemündet haben?).

Das Urteil über Schuld, Strafe, Vergeltung, Versöhnung kommt immer wieder, es kommt dazwischen, während der Krieg weitergeht, gestorben wird, getötet wird. Wenn diese Urteile aus unserer Befindlichkeit kommen, sind sie meist das Resultat der Tatsache, dass der Krieg dort, seine Narrative aber hier stattfinden. Anscheinend. Wenn dort nahe ist, dann färbt das die Diskurse mit Angst ein. Dort könnte hier sein, bald. Wenn nicht…und dann kommt die Schleife, Waffen, Dialoge, beides liefern…alles das kann moralisch begründet werden, aber diese Begründungen treffen Sachverhalte, in denen vieles fehlt: unsere Kinder und Enkel, unsere Fähigkeit, mit mehr als Worten zu verhandeln, also zu helfen und den Krieg anzuhalten, zu bremsen…für all das gibt es Beispiele, Vorbilder, aber das findet alles im Krieg statt, nicht im Frieden.

Ich habe den bitteren Verdacht, dass der Diskurs über das, was gedacht und gesagt werden kann und soll, eine Normalität des Kriegs befördert, die das Umschlagen von Befindlichkeit in Betroffensein, Flucht, Widerstand oder Untertauchen näher rücken lässt, ohne dass eben das thematisiert wird. Wir ergreifen Partei, das ist ethisch begründet und markiert unsere Befindlichkeit. Die Befindlichkeit derer, die im Krieg sind und bei uns eine sicherere eintauschen könnten, aber es nicht wollen, erwähnt Zeillinger am Ende seines Essays, als ob die Nichtannahme dieser Alternative unsere Fähigkeit zum Frieden beizutragen beschädigte – und die der Kämpfenden, Sterbenden, behinderte.

*

Wir beruhigen uns dadurch, dass wir ganz militaristisch eine Hauptkampflinie ausmachen, Russland gegen den Westen, die Ukraine in der Mitte. Und dann wird, analog zum Kalten Krieg abgestuft.

Befindlichkeit ist keine Konstante. Welche Befindlichkeit, wie sie zustande kommt, ist wichtig, und wodurch sie gefestigt oder erschüttert wird, wie sie sich zusammensetzt und wer sie mit wem teilt. Trivial? Nicht unwichtig.

Der eine akute Krieg teilt kämpfende Männer und fliehende unterstützende Frauen (jeweils in der Mehrheit). Die Frauen und Kinder werden aus den Kampflinien gebracht, gerettet, bei uns in Sicherheit gebracht. Das wirkt auf unsere Befindlichkeit. Übrigens auch auf die migratorische Arbeitsmarktpolitik. Falsch? Aber das ist die zweite Linie. Uns klar zu machen, dass schon dieser Krieg uns zwingt, von unserem nestbauenden Wohlstand Abstriche zu machen, nicht nur bei Gasöl, das sagt niemand so laut. Dass die Menschen in Afrika und Afghanistan weiter und vermehrt verhungern (das ist kein Kampf, sondern rangiert unter zivil), dass anderswo die Folgen weiter verheerend zunehmen, ohne dass sie kausal mit uns in Verbindung gebracht werden…

Das wäre ein pazifistischer Diskursrahmen, der aber den Krieg nicht eindämmt oder abschwächt; er beruhigt unser Gewissen, unsere Befindlichkeit nicht viel anders als die Begründung für mehr Waffen und eine Ausweitung der Kriegszone.

Einige Leseempfehlungen, die sehr unterschiedliche Meinungen zusammenbringen:  

Fred Grimm: Wie geht Frieden? Greenpeace Magazin 3.22, 4-10

Helmut Lethen: „Nicht die Zeit einer Kultur des Ausgleichs“ Der Freitag, 16/22, 18-19

Alissa Ganijewa: Wir Russen leben in einer Kultur der Lüge. Die Presse, 23.4.2022, III

Wladimir Sorokin: Unser Krieg. Süddeutsche Zeitung, 23.4.2022, 15

Jackson Lears: The Forgotten Crime of War Itself. NYRB LXIX, #7, 21.4.2022

Diese Liste soll auch bestätigen, dass man nicht mit zweierlei Maßstäben messen kann, die Verbrechen der Russen und die der USA oder die Chinas in ideologische Monaden kleiden.

Nebensatz: ich, in diesem Fall doch „man“, muss nicht alles immer und immer lesen und vergleichen und meta-meta-bedenken. Die „Kritik der kritischen Kritik“ hilft nicht. Aber wo immer man hineinsticht (Bibel? Zeitungsstechen?), es ist schwer, politisch und kriegsbezogen hinter Orwells 1984 zurückzugehen, aber ein Großteil der Friedensbewegung hat vielleicht doch ein Stück starrer Befindlichkeit gegen die Bewegung eingetauscht?

Was tun?

*

Was wir tun können, klingt auf den ersten Blick paradox. Lassen wir, wider besseres Wissen, die Schuldfragen und Beschuldigungen einmal beiseite, ohne sie zu vergessen; lassen wir auch die gewussten oder vermuteten Folgen unserer privaten Handlungen – Spenden, soziale Integration der Geflüchteten, was auch immer wir leisten – in unserer Befindlichkeit und erörtern sie nicht öffentlich; bedenken wir nur, dass es auf uns ankommt, auch auf uns, vielleicht vorrangig auf uns, dass wir Frieden und nicht Krieg als Rahmen für unser Denken und Handeln annehmen.

*

Ich mache einen Umweg. Wisst ihr noch, welchen Beitrag Deutschland zur Entstehung und Konsequenz der Balkankriege in den 1990er Jahren geleistet hat? Welchen Beitrag wir direkt und indirekt in Afghanistan erbracht haben? Was wir mit den Kriegen im Nahen Osten zu tun haben?

Noch einmal: es geht hier nicht primär um Schuld und Kausalität. Es geht darum, dass die Wahrheiten unserer Befindlichkeit oft mit Wirklichkeit nichts oder nur wenig zu tun haben.

Wirklichkeit ist dort. Wahrheit ist in den Bildern, den Berichten, die uns erreichen, in unzähligen Analysen, Aufrufen, politischen Entscheidungen zersplittert und nicht zusammensetzbar, fake news, Offenbarungen, Glauben und schlichte Evidenzen – gibt es alles, aber wenn dieses Mosaik nicht uns mit verändert, dann wäre unsere Befindlichkeit statisch, erstarrt im Auge des unendlichen Kriegs. Mit andern Worten: wenn wir uns nicht ändern, dann ändert sich nichts.

*

Jetzt nicht zynisch fragen, bitte, wie geht denn das? Vieles wissen wir, aber wir geben dem Handeln eine Schonfrist, bis das Dort hier einbricht. Es kommt, denken wir, noch früh genug. Wofür? Leider für unsere Kinder und Enkel, wenn nicht für unseren Lebensabend….

Wenn sich die Globalität anlässlich von Covid und dieses wie anderer Kriege auflöst, also die Lieferketten reißen und die Dominanz der ganz Großen zerbricht, kann es sein, dass wir in den alten Nationalismus zurückfallen, und daraus rechtfertigen mit welchen mittleren Tyrannen wir gegen die großen Tyrannen anrennen? Plötzlich ertragen wir Erdögan, PiS, Orban, und zugleich bemäkeln wir die SUVs von Oligarchen der kriegführenden Parteien vor unseren Luxushotels. Als ob wir an all dem keinen Anteil hätten und jetzt aus der Hügelperspektive die Schlacht beobachteten. Ein Bild, ein Text, ein Lied wird sich in unsere Geschichtsbücher eingraben, wenn die der Zensur entkommen…(Da haben wir es doch besser als viele andere, von wegen Gleichsetzung aller Systeme mit allen anderen).

Das alles hat mit uns zu tun, ich sage mir mit mir, und es ist gefährlich, den Umfragen, die in das Man des Kriegs zeigen, zu glauben. Das Wir des Friedens ist ihm entgegengesetzt. Altmodisch gesagt: wenn wir jetzt gerecht handeln, jede und jeder für sich, und zusammen, ändert das vielleicht mehr am Krieg als die Frage, welche Waffen geliefert werden und wie verhandelt werden soll. Wir sind schon mittendrin, die Chaussee von dort hierher ist kürzer als man denken mag.


[1] Gerhard Zeillinger: Feigheit oder Freiheit. Die Presse, 16.4.2022, I-II; Zusatz, der anderswo genauer ausgeführt wird: Künstler – d.i. maskulin, Intellektuelle – kann beide Geschlechter beinhalten. Das Femininum kommt nur bei Marlene Streeruwitz und sonst im Text nicht vor, bis auf ein Zitat einer Ukrainerin: „Die Wahl für die Ukrainer steht nicht zwischen feig und tot, sondern zwischen tot und feig und trotzdem tot“. Verstanden?

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