Hinten sein, vorne scheinen

Nicht von der Sonne im Herzen der Völker ist die Rede, sondern von Deutschland. Das Land ist hinten, im Vergleich zu anderen. Ich komme gleich zu den Verspätungen, die mich wirklich ärgern, und lass andere Schludrigkeiten im Winternebel.

Schludrigkeit hat etwas befreiendes im Land des Hauptmanns von Köpenick. Aber so schludrig wie Söder mit Covid, wie Wissing mit der Bahn, wie die Bahn mit ihren Kunden, wie…HALT. So wird nicht genörgelt und sich abgewandt. Das gehört zur deutschländischen Variante der österreichischen Zwiesprache: Da muss sich etwas ändern!…Kannst eh nix machen.

Der Vergleich zu anderen hingegen zählt, trotz des dauernden Verweises auf deutsche Erfolge (vorne). Wirklich ist, dass unser Schul- und Bildungswesen unterdurchschnittlich ist, trotz teilweise guter Gehälter. Wirklich ist, dass die Vorsicht und Umständlichkeit der Bürokratie die Digitalisierung ebenso behindert wie der Föderalismus. Dass dieser Föderalismus von der Verbrechensbekämpfung bis zur Gesundheit so ziemlich alles verzögert oder torpediert bis auf die Kultur. Wirklich ist, dass diese Kultur aber ziemlich abgehängt wird, wenn es um politische Prioritäten geht, finanziell und nach vorne ausgerichtet. Wirklich ist, dass wir ein schlechtes, teures Verkehrssystem haben (vor allem die DB, die Autobahnen).

HALT, schon wieder. Das ist ja das alltägliche Geplärre derjenigen, die es gerne sähen, wenn sich etwas änderte, aber das deutsche Unbewußte

Ich bestehe auf Vergleichen. Wo läuft es besser als bei uns, und vor allem warum, und noch wichtiger: zu welchem Ziel und Zweck? Und typisch deutsch: es gibt keine Vorbilder. Plural. Es gibt immer nur ein Vorbild für jeden Fall, und das ist dann unerreichbar. Nun ist es für eine  große Staatsmacht, die weder eine Großmacht sein kann noch will, das ist ja gut, nicht unbedingt schlecht, irgendwo in einem konstruierten Mittelfeld sich stabil zu halten. Aber es ist fatal, das eigene Absinken mit Blödworten (Zeitenwende) und einem dauernden Optativ zu verdrängen: es wird einem dauernd mitgeteilt, was man wollen soll und woran man sich jetzt machen wird. Die Kritik der politischen und Sozialwissenschaften könnte hier wirksam werden, tut es aber nicht, weil man noch immer auf die Beratungskompetenz und Pfründe wartet. Ich bestehe auf Vergleichen, deshalb in diesem Feld: mit großen Plänen gewinnt man bestenfalls eine Wahl.

HALT; SO GEHT’S JA NICHT: Politiker; Kommissionen, Beraterstäbe und Beauftragte gibt es hinreichend genug, oder sie sind vielleicht fehplatziert, aber nicht zu wenig. Das Murren im Volk will ja einen Anstoß von Macht, die wahrnehmbar etwas zum Besseren verändert.

*

Meine lieben Leserinnen und Leser, pardon: eine langweilige Einleitung zu einem kurzen Befund. Der lautet, dass sich das Land nach rechts wendet, nicht so schnell wie Osteuropa oder Österreich oder Schweden oder Italien oder…

Und eine Analyse sagt: nicht erst seit kurzem, seit Klima und Covid und Krieg die Kulissen bilden. Sondern seitdem die sozialen und kulturellen Strukturen dem aufgewachten Nachkriegsstaat in den Schatten des Mitspielens an den globalen Strukturen (“alternativlos!“) gepresst werden, und das geht schon eine ganze Weile, dass man die Ökonomie neoliberal und zugleich national agieren lässt, während die Politik eine – zugegeben in Deutschland wirkungsvolle – Kompensations- und Flickwerkstatt von erkennbaren Defiziten ist. Darum werden die armen Menschen in einem der reichsten Länder massenhaft noch ärmer (Beispiel: Hamburg, DLF 10.12., 8.00) und zugleich ist die Gießkanne das fast theologische Handlungsprinzip einer Politik, die ja nicht nur aus Regierung, sondern aus den Einflussakteuren der unpolitischen Ökonomie besteht.

Manchen gefällt es hinten zu sein, da kann man auf die da vorne gut schimpfen. Manchen genügt es, vorne zu sein und den Hinteren zuzurufen, wir sind für euch da. Aber aktivieren kann man die so nicht. Wenn man sich in München nicht festkleben darf, gehen halt die bairischen Bierkäfer noch schneller zugrunde. Und dann sind die Rechten wieder an der Macht, oder manche Linke, die auch rechts geworden sind.

HALT. Sie sind nicht ausgewogen. Jetzt sagen Sie doch einmal, was gut ist in unserem Land, was funktioniert und wo wir vorne sind!

Ich lobe doch, mit Gründen! (=Freiheit!) Baerbock, Habeck, Özdemir…Heil, und wie sie oben alle heißen, und hier herunten ganz viele, die etwas tun. Aber LOBEN ist keine POLITIK. Handeln.

?

Handeln ist keine ungebremste Dynamik des „etwas“ Tun. Wenn die soziale Kluft zwischen den liberalen Reichen und den engstirnigen Armen weiter so wächst, dann muss man diesem Liberalismus einen Kampf ansagen. Dann reicht das Kleben nicht. Denn nur wenn man den Armen eine Perspektive gibt, können sie liberal werden. So einfach? ja, doch.

P.S. und dass die Armen bei uns im Vergleich zu den Armen in armen Ländern doch gut dran sind, ist genau das Argument, das man nicht dulden darf.

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