Man muss tief in den Wiener Dialekt einsteigen, um sich nicht von der Gegenwart ausbremsen zu lassen. Ich muss praktische Tätigkeiten im Haushalt anfangen, um nicht nach den deutschen Nachrichten sofort in das Tal der Depression abzustürzen, aber klar: Gipfel und Höhen gibt es alternativ so einfach auch nicht. Also…
In der römischen Geschichte gab es ein paar, wenige, gute Kaiser, die das Imperium richtig und sozial regierten (Titus, Vespasian –>), und viele, die als Tyrannen, Idioten und Verschwender in die Geschichte eingingen (Nero, Caligula –>). Nur politikerfahrene HistorikerInnen können das real korrigieren: die guten Kaiser waren auch grausam, und die schlechten haben auch mal besser gebaut. Und dann gibt es die guten Ausnahmen und die schlechten.
So reden viele über die NS Zeit, über die DDR Zeit, über die US Verbündeten usw. Sie wählen meist Personen aus, auf die man sich berufen kann. Für mich ist wichtig, wer das „MAN“ ist, die Regierenden, die Oberschicht, das „Volk“, die Bürgerinnen und Bürger, die Medien…wer ist also „Man“`?
Mich interessiert das immer mehr, weil die Zuordnung zu Namen weitgehend verschwiemelt und unklar wird. Sagt was wichtiges zu Merz…Das war in autoritären Phasen einfacher? Auch nicht. Hinter den Herrschernamen stehen immer noch andere und weitere Stützen, und hinter denen stehen Systeme, Kapital etc., und doch: manche schaffen es, zu herrschen, zu dirigieren, zu regieren…und auf die schaut MAN.
Wenn ich mich darauf nicht einlasse, muss ich mit Bewertungen und Zuschreibungen vorsichtig sein, man muss nicht nur die Diktatoren fürchten, sondern auch ihre öffentlichen Stimmen, ihre Medien und Influencer. Oder man fürchtet nicht, dann muss man anders agieren, nicht nur nachdenken oder sich zurückziehen, ins moderne Biedermeier. Man. Ich. Wir…
Zurück zur Realität. Meine Vorsicht, in letzter Zeit Politik zu bewerten, z.B. gestern die Wahlergebnisse in Israel, z.B. die Verarmungsstrategie der Sozialpolitik etc. kommt, nicht davon, dass ich nichts weiß, sondern dass ich das schlecht vermitteln kann. Denn ich bin nicht man, und wer interessiert sich für eine Meinung, die nicht politisch unterlegt ist?
Zurück nach Wien. Die Dialektik ist nicht philosophisch: es muaß wos gschehng – konnst eh nix mochn. Von Karl Kraus bis zum großen Ironiker der Gegenwart Ernst Jandl und bis zu Bernhard und Jelinek und vielen anderen wird das ausgenutzt um eines klar zu machen: du musst schon drin sein und nicht von außen alles betrachten und verurteilen. Bist du aber drin, gehst du verloren, wenn du nichts für dich und die Welt tust…äh, die Welt? Jetzt kommt Wien: naja.
Wenn ich die unlösbaren Themen nicht aufrufe, erkenne ich plötzlich, was mir auch wichtig und interessant erscheint. Allerdings nicht in der Welt der mich umrahmenden Politik, sondern in meinem Alltag, von dem aus ich das Ganze wahrnehme. Beobachte. Das kommt nahe an die Wiener Dialektik: da will man vieles verändern oder wiederholen oder sich mit einer Umgebung auseinandersetzen, die Entscheidungen verlangt – und oft lässt man das gedankliche Werkzeug gerade dann fallen, wenn man soweit ist. Die Liste der Dinge wird mit dem Alter immer länger, und das Fallenlassen immer häufiger, aber auch absurder. Immer schon wollte ich dem X schreiben, als ich dann dransetze, erfahre ich, dass er oder sie vorgestern gestorben sei. Das ist das paradigmatische Beispiel, nichts abstraktes oder absurdes.
Jetzt, zwei Tage nach meinem Geburtstag, klinkt sich dieser Alltag wieder ein, ich habe die Grüße beantwortet, die Geschenke bedankt, und mir – das ist nicht wirklich neu – nicht wirklich etwas vorgenommen, konkret zu tun oder zu unterlassen. Erinnert euch an die ersten Absätze: DAS kann MAN nicht entscheiden. Darum geht es mir heute gut, ich arbeite vor mich hin, höre Musik, die ich mir ausgesucht habe, halte mir offen, was ich unterlassen werde, obwohl ich es tun wollte, und ihr könnt euch mich nicht wirklich vorstellen…das gehört dazu.
Werte Leserin, werter Leser!
Schüttelt nicht gleich den Kopf und fragt euch, warum ich so etwas schreibe. Die Antwort ist doppelt: ERSTENS, weil ich zu einigen Themen nichts sagen will – und ZWEITENS, weil mir „Man“ oft auf die Nerven geht, wenn man zu diesen Themen etwas hört, sieht oder gesagt bekommt. Ich will mich zusammennehmen. Morgen bekommt ihr einen Endeoktober Blog, und übermorgen einen Anfangnovember Blog, in beiden Fällen nicht unbedingt auf dem Friedhof, aber wer weiß…