Deutschland, sei einen Augenblick still

Da warten sie alle, gespannt auf das Ergebnis, Trump oder Biden,das verdrängt fast Corona spotting hot, auch in Deutschland, man prognostiziert voluntaristisch, was unter Biden besser und was auch nicht gut werden wird, und wappnet sich, ja womit?, gewinnt der Sexist, Rassist, … der Proto-Diktator Trump, der ja nie wirklich Präsident war.

Natürlich wollen die meisten denkenden Menschen weltweit das Ekel weghaben. Aber viele deutsche Stimmen sind fast so ekelhaft, überheblich: wir haben auch keine Wahlrechtsreform hinbekommen, die die Verfassungsrichter uns bestimmt haben, seit Jahren; wir haben ein Kabinett von Rechtsbrechern (Scheuer, vor ein paar Jahren Glyphosat-Schmidt) und Lobbysklaven (Klöckner); wir sind unfähig zu einer artikulierten solidarischen Außenpolitik (in aktuellen Fällen kann man nur Macron  loben)…IST JA OKAY. Eine Demokratie hält das aus, und die haben wir ja. Aber sich dann lang und breit und bräsig über die negative Entwicklung der amerikanischen Demokratie auszulassen, ist überheblich: wir haben deren Politik ja gestützt – nicht nur in der NATO, nicht nur in den Handelsbeziehungen. Wir haben vor allem einen Wertekonsens herbeigeschwindelt („Westlich“), wo partielle Übereinstimmung von Interessen zu einer demokratischen Partnerschaft gereicht hätten. Jetzt suchen wir die werte dort, wo kein Licht hinfällt. Wer die Geschichte der USA kennt, weiß, dass wir nur teilweise die gleichen und die selben Werte teilen, und dass unsere deutsche, junge Demokratiegeschichte vieles dort bis heute lernen kann, dass aber auch der Abbau von Demokratie dort nicht ohne die globalen Verschiebungen in der Sicherheitstektonik und in einer wachsenden Spaltung der Gesellschaft von sich hätte gehen können – das ist  doch nicht allein Trumps Schuld, sondern auch die irrsinnige, ungebildete imaginative Wählerwucht von großen Teilen der amerikanischen Abgehängten, die in Obama vielleicht einen Trittstein hätten finden können (Gesundheitsversicherung) und jetzt wieder im Dunkel der ethnischen, religiösen, wirtschaftlichen Spaltung leben – immerhin gibt es dort massivere Proteste seit langem (Black lives matter…u.a.). Natürlich ist es gut, wenn Biden wieder zu Paris, WHO, NATO ex ante zurückkehren würde. Aber das Problem ist doch auch bei uns, dass wir unsere eigenen  Spaltungen nicht wirklich ernst nehmen. Kann man ja alles zahlen…

Ich habe Familie in den USA. Wir haben Grund, den Amerikanern für ihren Beitrag zum zweiten Weltkrieg zu danken. Aber solche Konten werden natürlich im Lauf von Jahrzehnten nicht größer. Und wenn wir jetzt schon wieder eine größere Rolle spielen, dann sollten wir auch in der Dramaturgie mitreden, bevor wir uns im kritischen Feuilleton überbieten. 

Vor dem Ende

Vorschlag:

Bis zum Ende der Stimmauszählung machen wir keine Prognosen zum Ausgang der USA Wahl

Bis Ende 2020 machen wir keine Prognosen zum umfassenden Impfschutz zu CoVid

Bis Ende…

Konzentrieren wir uns lieber auf drei andere Perspektiven:

Ab sofort setzen wir (Ihr wisst, wer WIR sind) auf eine radikale Klimapolitik

Ab sofort ordnen wir sie Sicherheitspolitik gegen die Ansprüche religiöser und weltanschaulicher Sonderrechte

Ab sofort …

So hör doch auf mit diesen Plakaten!

Kann man so keine Politik machen? Nein. Aber ohne solche Plakate auch nicht.

Paris, Dresden, Wien – Verschärfung der Gesetze? Würdigung der Solidarität – das muss praktisch geschehen: die beiden turkogenen Österreicher, die einen Polizisten gerettet haben, sind die wirklichen Vorbilder, nicht die stereotypen Beileidsadressen, von Christen, Muslimen und anderen Gläubigern der Macht. Aber diese Gewalt ist ja wie Blut aus den Medien gewichen, die noch nichts wissen, aber uns zu beruhigen reden müssen – unsere Ungeduld zu zügeln, ob alles noch schlimmer wird, oder weniger schlimm bleibt.

Man erfährt immer früh genug, wann man sterben muss. Oder wann mit einem Besuch des Abholkommandos zu rechnen ist. Wird man überrascht, zeigt sich wie gut man vorbereitet war.

Die kurzfristige Offenlegung geistiger Dürftigkeit bei den (meisten der) Spannung steigernden Interviews zur US Wahl offenbart die fortgeschrittene hysterische Demenz relativ einfacher politischer Aussagen. (ARD Erstes Bild „Trump: wir haben gewonnen“). Man bietet Unterwerfung unter das Ergebnis – warten gehört m.E. auch zur Demokratie – ohne zu sagen, was man wie ändern möchte. Das Fazit von 90 Minuten zuhören für mich ist: Unter Biden wird es nicht gut, aber besser. Unter Trump müssen wir uns „arrangieren“ (ich versteh den Begriff, aber womit? sagt keiner). Schlaft euch lieber aus, und in ein paar Tagen, wenn das Ergebnis vorliegt, sagt, welche Politik ihr machen wollt. Das ist keineswegs abstrakt, vor allem, wenn es nicht (nur) um Wirtschaft geht. Es setzt vor allem die Bereitschaft voraus, sich auf Konfrontationen einzulassen, auf  Konflikte, regelbare und fundamentale, auf supranationale Prioritäten und nicht auf nationale (weil Deutschland da weiter hinten im Orchester sitzt). Haben wir das nicht eine lange und gute Liste und weitgehend demokratische Konsensfähigkeit…?

Bei Covid so ähnlich: die Programme der Regierung kann man unterschiedlich beurteilen. Aber es hat wenig Sinn, es ist unmoralisch, sich den Blödsinn herauszupicken und akzeptable Vorschriften zu begrüßen. Wir unterwerfen uns nicht, wenn wir das jeweilige Pakte befolgen so wie wir die Straßenverkehrsordnung ja auch nicht täglich zerpflücken und nur angenehme Paragraphen einhalten. Stimmt der Vergleich? Ich weiß schon, wo er hinkt, aber diese Diskussion muss es ja geben. Es gibt Gemurmel über die Einschaltung der Parlamente gegen die Machenschaften der Exekutive, aber keine Partei hat auch nur einen Covid Gesetzesentwurf eingebracht und zur Diskussion gestellt. Dazu haben wir eine Exekutive, und vieles hat mit Grundrechten sehr wen-ig zu tun, den Gerichten, der FDP und anderen hinter die Ohren geschrieben.

Zwei Beispiele  von vielen. Mir geht es nicht um eine hohle Programmautorität, die anmahne, weil ich sie selbst nicht habe. Ich will eher andeuten, dass die unmögliche Rückkehr zu einem Status von „VORHER“ nicht im Fokus sein darf, dass Begriffe wie „Lockerung“, „Verschärfung“, „Übergang“ allmählich unverständlich werden. Wir werden alle ärmer werden, und das trifft die, die jetzt schon arm sind, und viele, die nahe am Prekariat sind. Wir werden unser öffentliches Verhalten für lange Zeit umstellen müssen, und da hilft nicht die Flucht in das eigene Auto und schon gar nicht die Gefangenschaft in zu kleinen vier Wänden. Wir werden unsere Habitus ändern müssen, Kommunikation, Kultur etc. und darüber beraten, weil es um Zukunft geht, und nicht darum, was wir in ein paar Monaten nach Corona machen. Es gibt keine Apokalypse für eine Endzeit, die wir selbst vor uns herschieben wie den Stein des Sisyphos. Wir sind ja dabei nicht so glücklich.

Es kommt die Zeit, dass wir alle unsere Beiträge werden leisten müssen und nicht nur sollen. Und wenig Wahl haben. Wenig heißt nicht nichts, und da ist der Unterschied zwischen Freiheit und Diktatur.

Alle die, die ohnedies politisch in diese Richtung arbeiten, brauchen solche Aufrufe nicht, sie sind weiter. Aber ich erstaune immer wieder, wie viele an die Beschwörung mithilfe von abmildernden Vermutungen über den Zustand von Welt und Politik glauben (siehe Erklärungen zur US Wahl 6.30-8.00 heute morgen).

Überleben bedeutet viel, aber nur, wenn es noch Spielraum zu handeln lässt. Und das wird konfliktreich, wahrscheinlich gewaltsam, mit Einschränkungen und unerfüllbaren Forderungen versehen.

Farbenlehre

Schwarz ist eine modische, manchmal elegante Farbe. War das schon immer in manchen Kulturen. Es ist  auch eine Farbe der Trauer, in manchen Kulturen.

Schwarz war auch die Farbe faschistischer Organisationen nach dem Ersten Weltkrieg, mit Auswirkungen auch auf den Nationalsozialismus(Braun!): https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzhemden#Uniformen

Wir tragen alle manchmal schwarz, wie auch nicht, warum auch nicht,  so wie wir braun,  grün und rot tragen. Nicht alle Assoziationen sind notwendig, folgerichtig und angemessen. Manchmal schon.

*

Ein unbestellter Modekatalog eines mittelschicht-orientierten Moderversandes im Postkasten, regelmäßig. Diesmal eine Werbebroschüre ganz in Schwarz. Titel: Manchmal genügt ein schwarzes Hemd.  Der Mann, der uns schwarzhemdig anschaut, ist sehr männlich, muskulös und blauäugig, ein Model halt. Und so harmlos sich die Garderobe auch im Innern herausstellt, es zuckt. Wofür genügt ein schwarzes Hemd, wann, was ist manchmal?

Die ersten zehn Eintragungen im Netz zeigen überraschend genau die Verbreitung und faschistische Konnotation von Schwarzhemden zwischen den beiden Kriegen. Sie werden, WENN sie uns auffallen, interessieren, in mehreren Diskursen kritisch hinterfragt (Italien im Abessinienkrieg, gegen die Schwarzen; Übernahme durch spätere faschistische Parteien in anderen Ländern; nicht vergessen: Gegenfarbe zu rot, usw.).

Ich muss das nicht über Gebühr auswalzen. Aber der Spruch lässt sich transponieren: in den gegenwärtigen, oft widersprüchlichen Streit um Denkmäler, Texte und Textstellen, Straßennamen etc. Drückt die Gegenwärtigkeit früherer – oder auch weiterlebender – Symbole und Erinnerungen unbewusst und im Subtext Identifikation oder Anerkennung aus? Keine triviale Frage. Wird sie positiv beantwortet, liegt darin nicht (bereits) ein Versagen von Erziehung, ein Fehlen von Bildung? Wie würde man sonst mit diesen Wegweisern in eine kritikwürdige, manchmal unerträgliche, manchmal triviale Vergangenheit umgehen? Das SONST wäre dann die Brücke zwischen Geschmack und Politik, zwischen Geschichte und Kritik.

Die Lektionen aus der Geschichte, kritisch und auch veränderungsbewusst, können, m.E. sollen sich auch nicht  in der Auslöschung der Erinnerungsgegenstände ausdrücken, sonst würde das frühere Unrecht ganz und gar vergessen, dann liefen der Antikolonialismus, der Antifeminismus, die Aufklärung gegen die Reaktion ins Leere. Aber bloß kritische Gedenktafeln anbringen, reicht auch nicht. Und vor allem – am Beispiel der Schwarzhemden – wie sozialisiert, vergesellschaftet sich meine Aufmerksamkeit im konkreten Fall, den ich im engsten Umfeld präsentiert bekommen habe (ich hätte die Werbung gar nicht angeschaut)? Die Fragen ergeben die Antworten, teilweise, mehr als reflexhaft. Hinterfragen ist Bestandteil der ausstehenden Bildung, und die  Hinterantworten  decken die Wahrheit hinter dem Geschehen auf. Was nichts heilt oder besser macht.

Immerhin.

Nun: Uniformen wie die damaligen Schwarzhemden wird es bei uns wohl nicht mehr geben. Viele Modeaccessoirs sind aber zeitweise wie Uniformen gewesen und sind es bei Vielen noch heute. Was dann jeweils an frühere Zeiten erinnert (Blue Jeans? Vor 60 Jahren…) oder ein demonstrativer Haarschnitt. Das Äußere bewirkt etwas, wenn und nur wenn man es entschlüsseln kann.  Das kann richtig oder falsch sein, aber auf das JE NACHDEM kommt es an.

Kaum zu glauben

Apropos Tote: In Berlin dürfen bei Bestattungen mit Pfarrern/Predigern momentan mehr Menschen (max. 30 P.) teilnehmen, als bei solchen mit weltlichen Ritualen (max. 10 P.). In Wilmersdorf hatte ein entsprechender Hinweis für Aufsehen gesorgt. CP-Kollege Julius Betschka hat bei der Gesundheitsverwaltung nachgefragt, sechs Tage später hieß es: Die unterschiedliche Behandlung von Beisetzungen mit oder ohne Pfarrer/in ergibt sich aus der Privilegierung der Religionsfreiheit in Art. 4 GG.“ Merke: Vor Gott sind alle Menschen gleich, aber manche sind gleicher. (Tagesspiegel 30.10.2020)  
Wilmersdorf ist nicht die Welt. Tja, lohnt die Aufmerksamkeit nicht. Oder doch. Die Privilegierung der Religionsfreiheit ist Unsinn, ebenso wie Glaube und Religion nicht das Gleiche sind, können die mit ihnen verbundenen FREIHEITEN gleichgesetzt werden. Keine Angst, hier folgt kein Ausflug in die mehrtausendjährige Apologetik religiöser Unterwerfung, gleich welcher Konfession. Machen wir es einfach: Glaubensfreiheit gehört zur menschlichen Würde (und ist ohnedies nicht zu kontrollieren und zu überwachen, es sei denn durch Folter, Einschüchterung – oder Religion). Religionsfreiheit ist nicht die Freiheit der sozialen Institution „Religion“, sondern letztlich die Freiheit einzelner Menschen, sich einem Verein anzuschließen, der aus dem Dogma einen Herrschaftsanspruch ableitet: PiS  das Recht auf den weiblichen Körper, viele muslimische Länder mit dem Konversionsverbot, die Deutschen Christen mit dem Antisemitismus im Namen Gottes etc. Der Name Gottes steht a) für den Zweifel, dass der Glaube einzelner Menschen hinreichend für das Privileg der Religionsfreiheit ist – siehe oben: da haben ein paar Deppen etwas nicht verstanden, und b) dient dieser Name zur Befestigung unserer Gotteskonstruktionen, und ist deshalb nicht universell, kann es nicht sein. * Nicht wegen der Berliner Verhunzung des Grundgesetzes, sondern weil ja überall zitiert wird, dass islamISTISCHE Mörder gerne „Allahu Akbar“  (Gott ist groß) rufen, so wie früher Christen gegrölt haben „Deus lo vult“ (Gott will es), d.h. man ruft sein Gottesbild an, um in seinem Namen geschützt Unrecht tun zu dürfen.  Auf dem niedrigen Niveau des Beerdigungsdiskurses kann man sagen, wenn Gott beim Begräbnis im Spiel ist, gilt die Glaubensfreiheit weniger…das kann man so machen, aber mehr Kircheneintritte wird es auch nicht geben. Nun ist die Situation aber ernster, es werden immer wieder mehr Menschen im Namen Gottes gedemütigt und getötet, und zwar um DIE MACHT DER RELIGIONSGEMEINSCHAFTEN VOR DEM ZUGRIFF DER VERNUNFT ZU SCHÜTZEN.      

Spaltung spaltet

In Zeiten der Krise ist es einfacher, schwarz-weiß zu denken und zu sprechen, aber falsch.

In Gefahr und größter Not / bringt der Mittelweg den Tod. (Alexander Kluge)

CoVid spaltet die Menschen und Gesellschaften. Wie bei jeder Seuche trifft es nach anfänglicher Gleichheit zunehmend die Armen, die Nicht-Weißen, die Ausgegrenzten. Begründet wird das von denen, die wir früher schlichte die Herrschenden genannt haben, und die heute sich gerne hinter den Vorhängen ihrer Götzen verstecken (Gottesdienste bleiben erlaubt, in der Hoffnung, dass sich die Richtigen anstecken) oder die Wirtschaft in den Vordergrund rücken, als müsste diese nicht mit einem totalen Seuchenzoll ganz weit unten landen, bevor sie neu aufgebaut werden kann. So gesehen ist CoVid harmlos. Harmloser als ein wiedergewählter Trump? (aber auch da sollte man ihm vor zwei Wochen nicht gewünscht haben, länger an der Infektion zu leiden – was sind die Alternativen denn in seinem Lager? Pence? Giuliani? Pompeo?).

Mich bedrückt die Absturzhysterie aus wohlgeordneten Verhältnissen heraus. Was zählt zur Zeit? Die Opposition in Belarus – die hunderte, tausende Menschenleben riskiert für eine Freiheit, die sich massiv von der Freiheit unterscheidet, die die FDP für die Coronamaßnahmen bei uns fordert. Es zählt die Opposition gehen den katholischen Klerikofaschismus in Polen, der den Frauen ihre Freiheit nimmt und mit einer weit ausgreifenden kranken Generation droht, wenn sie nicht über Kacka gewinnen. Es  zählt der Widerstand der EU gegen die innereuropäischen Diktaturen Ungarn, Polen, gegen die kriminellen Enklaven – denn was nützt die liberale Freiheit, wenn sie von der Mafia und den Clans im Namen der Gleichheit vor dem Gesetz benutzt wird,  oder bei uns von der AfD, die vor einem gutgläubigen Gericht als „Partei“ gleiche Rechte besitzen soll. Gleichheit mit wem?

Wer entscheidet, welche „Nebenwirkungen“ wen treffen, wenn es um eine wichtige Sache, also ein „Medikament“ für mehr Menschlichkeit und Vernunft geht? Macron hat Recht, indem er die Meinungsfreiheit gegen religiöse Beschränkungen verteidigt. Wenn jetzt Islamisten weltweit dagegen protestieren, führt das wieder zu Gewalt  und weiterer Spaltung, trotzdem haben er und die Franzosen Recht, nur: den Preis der Freiheit nicht zu bedenken, ist fahrlässig, v.a. von uns Kommentatoren. Wir nehmen das Leben in Lukashenkos Folterkellern nicht in Kauf, wir lassen uns von den Armen in Pakistan nicht ablenken, Prophet statt Lebensqualität zu verehren, wir werden zwar in Europa erheblich leiden, wenn der Trump im Amt bleibt, aber zu erheblich besseren Bedingungen als Millionen innerhalb und außerhalb der Stacheldrahtburgen des frommen Amerika – das war einmal anders…

Ja, wir können Politik gegen die faschistischen Regime in Polen, Ungarn, Belarus machen. Das bedeutet aber auch hier bei uns, dass wir uns exponieren müssen, dass wir uns einmischen müssen, wo unser Alltag nicht unmittelbar betroffen ist: Außenpolitik, Verteidigungspolitik, und natürlich immer wieder Klima und Flüchtlinge. Sich zu exponieren ist bei uns nicht so gefährlich, eigentlich gar nicht. Damit das Wort „noch“ nicht eingefügt werden muss, heißt das „politisiert euch!“ (besser als „empört euch!“). Und das wiederum heißt, dass wir uns einmischen müssen – und keineswegs immer ganz oben, weil sich ja die ethnischen, religiösen, ideologischen Spaltungen vor unserer Haustür abspielen und von dort ausbreiten.

Zwei Querschläger, ein wenig kompliziert: Am Beispiel der Islamismuskritik von Macron und der Reaktion des unsäglichen Diktators Erdögan ist es wichtig, dass wir unsere Position nicht nur zu den „Nichtdeutschen“ (ethnokulturellsozial) im Land immer überdenken, sondern auch die Nebenwirkungen für die Religionsfreiheit bedenken. Es ist ja nicht nur der radikale Islam, es sind radikale Christen, Juden und Hindus und und und…, die sich religiöse Extrawürste, kosher oder nicht, zu Lasten der Freiheit braten. Und hier ist es nicht angebracht, gegenüber Religionsgemeinschaften eine sanftere Rhetorik anzubringen als gegenüber politischen und kulturellen Gruppen mit Extrawurstlizenzen. Und zweitens: gerade wenn, wie zu erwarten, ganze Gesellschaften und Kontinente ärmer werden, Not leiden, muss die soziale Spaltung mit der kulturellen in einem Atem politisiert werden, denn Bildung und Kultur werden allzuleicht als verzichtbare freiwillige Leistungen dem Bruttoinlandsprodukt fetischisiert geopfert. Schulschließungen und das <Theater/Kino/Konzert/Malerei/Circus> Sterben  sind Vorboten der Diktaturen, die kein Corona brauchen, um eine Generation von ihrer Zukunft abzuspalten.

Ewiges Reich der Dummheit

Regierung zahlte 186 Millionen an Berater: Die Bundesregierung hat im ersten Halbjahr mindestens 186 Millionen Euro für externe Berater ausgegeben, wie aus einer Antwort des Finanzministeriums auf eine Anfragen des Linken-Abgeordneten Matthias Höhn hervorgeht. Spitzenreiter waren demnach das Innenministerium mit 79,8 Millionen und das Finanzministerium mit 48,2 Millionen Euro. Dahinter folgten das Gesundheitsministerium mit 16,3 Millionen und das Verkehrsressort mit 16 Millionen. Das Verteidigungsministerium gab dagegen als einziges Ressort an, von Januar bis Juni gar kein Geld für Berater ausgegeben zu haben. Höhn warf der Regierung Irreführung über die wahren Kosten vor. „Während Krankenpflegerinnen und Kassierer nur einen Applaus erhalten, hat die Regierung externe Berater trotz Lockdown und Wirtschaftskrise weiterhin mit fürstlichen Summen belohnt“, so Höhn.
tagesspiegel.de (26.10.2020)

Lasst euch nicht verwirren. Das ewige spielt nicht auf das tausendjährige Reich an, das wiederum, wie das Dritte Reich, einer Verkrümmung des geschichtlichen Gedächtnisses entspringt und aus Angst vor dem Weiterzählen – viertes, fünftes etc. – bald nach 1933 verschwunden war. Aber die Erinnerung an ewige Dummheiten bildet doch eine Brücke.

Dass Teile der Bundesregierung korrupt und unfähig sind, hält die Demokratie, unsere, eine Zeitlang aus. Eine der Schwachstellen der Demokratie, jeder Demokratie, ist das Einknicken vor der Absolutheit bestimmter Verfassungs- und Moralbestimmungen, die den Feinden Demokratie immer auch noch die zweite Backe hinhalten muss. Dagegen hilft kein Querulieren, nur Aufklärung. Was beim Urteil des brandenburgischen Verfassungsgerichts (einstimmig) zugunsten von NPD (!) und AfD und gegen die Frauen durchscheint, was bei dem Kuhhandel der SPD mit Seehofer durchscheint: Rassismusstudie ultra-light versus menschenverachtende weitere Befugnisse für die Geheimdienste; was bei der Abschiebedebatte nach Syrien durchscheint (statt auf das Versagen der Überwachungen von Gefährdern abzuheben). Also: dagegen kann man etwas tun, wenn und indem man es öffentlich macht, Namen nennt, keinen Korpsgeist zulässt, und vor allem die Loyalität als formale Verfassungstreue zugunsten einer kritischen und inhaltlich begründeten aufkündigt.

Warum dann der Lobbyartikel am Anfang? Die Gauner von der Fleischindustrie dürfen schon wieder Menschen krank machen und Gastarbeiter ausbeuten – Corona hat zwei Monate lang gesetzlich gewirkt,  jetzt schon wieder vorbei: Fleischlobby. Dass die unfähigen und korrupten Beamten Berater brauchen, verwundert nicht, dass diese Berater meist von Lobbys gesteuert sind und bis hin in die Gesetzesformulierungen wirken, wissen die Menschen nicht.

Pharma-, Landwirtschaft-, Verbrennungsmotoren-, Rüstungs-, Chemie-, Finanz- LOBBY:

Das sind nur einige. Hilflose und oft wenig kompetente Minister lassen sich nur zu gerne einladen und feiern. Wie gesagt, bis zu einem gewissen Grad hält das die Demokratie aus. Darüber hinaus bleibt nur die Alternative: Populismus, also Bevorzugung einiger weniger Lobbys zugunsten unmittelbarer Herrschaft oder Durchgreifen als Mittel der Demokratie. Das heißt z.B. Lobby-unabhängig bei Coronapartys eingreifen statt weiter Falschparker als Ausrede für überlastete Polizei zu benutzen; das heißt aber auch, die Magneten der Lobbys, also die besonders anfälligen Regierungsmitglieder unmöglich zu machen (Seehofer und die Rechten bei der Polizei, Klöckner und die Großagrarier, Scheuer und die Raserlobby, etc.

Wie macht man Politiker unmöglich? Indem man sie in der Diskussion aus der alles verfinsternden Schattenwelt von Corona treten lässt und ihre Demokratiefeindlichkeit offenbart. Dem kann fast jede/r zustimmen. Warum dann die Anspielung auf die Dreireichelehre?

Da verstehe ich weniger Spaß…seit mehr als hundert Jahren sind die drei Reiche des Joachim de Fiore:

Und dazu den hochgestochenen Alltagslobbyismus verschwenden? Ja, weil im Schatten von Corona die Lust an der Apokalypse wächst und das Hirn schrumpft, wie man an der gestrigen Coronademo in Berlin und der überrumpelten Polizei sehen kann. Was man nicht erklären kann, soll uns überschwemmen, dann sind wir wenigstens nicht dran schuld, wenn wir uns im Jenseits an nichts erinnern können…das schädigt die Demokratie noch mehr als jeder einzelne Ausrutscher eines Gerichts oder eines Geheimdienstes.

Regt euch nicht auf!

BITTE UPDATE BEACHTEN: ich habe auf diesen Blog zustimmene (likes)und ablehnende Kommentare bekommen. Ich reagiere deshalb darauf, weil ja das Eindringen der Nachrichtendienste in die private Kommunikation undndie verwässerte Information über die rechtsradikalen Kerne in der Polizei die Gemüter bewegen… 22.10.2020

Ich gratuliere dem fremden Blindgänger Seehofer und seinen Sbirren bei den Geheimdiensten, dass der Rassismus bei der Polizei nicht untersucht wird und statt dessen die Bürgerinnen und Bürger noch sehr viel mehr ausgeforscht werden dürfen als bisher.

Mein Glückwunsch ist ehrlich: mittlerweile haben sich die lese- und denkkundigen Rechtsradikalen bei den Sicherheitsorganen und im Innenministerium bemüht, ihre Spuren zu verwischen, viel Chats wird man nicht mehr finden und es ist schade um den Aufwand, in einer Nebelwand zu stochern. Außerdem WISSEN WIR, dass es rechtsradikale Netzwerke bei der Polizei und anderswo gibt, und dass keineswegs alle Polizistinnen und Polizisten mit ihnen sympathisieren. Ich begrüße den Generalverdacht, denn nur wenn er bestehen bleibt, kann sich das Schweigekartell um die rechten Netze lockern, es wird brüchig durch Whistleblower – und durch unser Verhalten. 

Meine Sorge: wenn schon unsere Apps und Kommunikation noch weiter heimlich ausgeforscht werden, wie sollen die beschränkten Sicherheitsorgane noch Wahrheit und Fake in den Messages unterscheiden können, wie sehr wird hier die Grauzone verfestigt zu einer Nebelkammer? Nur, beruhigt euch: mit den meisten Informationen können unsere „Dienste“ eh nichts anfangen als ihre Jobs zu sichern. Und dass sich die Polizei vor blödsinnigen oder gemeinen Attacken durch eine weitere Untersuchung schützen lässt, begrüße ich, denn da wird viel Selbstbeschreibung und auch Selbstmitleid öffentlich werden, das uns Einblick in die Motivation, den Sicherheitskräften beizutreten, gibt.

Also regt euch nicht auf.

Worüber ich mich aufrege: wieviel Zeit hat Herr CumEx Scholz mit Seehofer telefoniert, um die Ausweitung unserer Überwachung doch noch durchzubekommen?

UPDATE SIEHE EINLEITUNG.

Ich hatte in meinem Blog IRONIE (Glückwunsch an Seehofer) und PATHOS (Verteidi-gung des Generalverdachts) bewusst gemischt, weil die Situation kompliziert ist. Das sollte man in der Wissenschaft nicht tun, aber im Blog darf man es allemal. Nun wurde ich von Kritikern belehrt, dass man bei meinem Text die beiden Formen durchaus vertauschen kann, und dann würde es ja literarisch, aber nicht mehr gut verständlich:

deshalb im indikativen Klartext:

  1. Die jetzt angesagten Studien bei der Polizei kommen zu spät und sind unscharf. In zwei Jahren wird ein Ergebnis kommen, das die Verharmlosung des Rechtsextremismus durch Seehofer und das BMI und die Dienste weiter befestigt.
  2. Solange der Generalverdacht aufrecht erhalten wird, kann die Öffentlichkeit – wir – das Problem ebenso öffentlich wie unaufgeregt diskutieren.
  3. Die Kompromisse, an denen auch Vizekanzler Scholz mitgewirkt hat, haben mit dem Problem Rechtsradikalismus bei der Polizei nichts zu tun, sondern dienen dazu, die Befugnisse der Dienste gegen die Bürger zu erweitern und nicht mehr Sicherheit, sondern mehr unkontrollbare Macht außerhalb des Rechtsstaates zu schaffen.

Südlich der Donau…Alt werden.

Weil ja demnächst wieder die Reisen eingeschränkt werden, trägt jede größere Entfernung einen Hauch von Abschied oder Nie wieder bei sich. Wisst Ihr, wo Lunz am See ist?

https://www.lunz.at/ und https://de.wikipedia.org/wiki/Lunz_am_See . Wenn man liest „Eines von zwei Bergsteigerdörfern“, kann man sich da etwas vorstellen? Ich hatte mir den Ort größer, wichtiger vorgestellt, so etwas wie ein Bad Aussee der niederösterreichischen Alpen, Lunz liegt ja nahe am Ötscher und am Hochschwab.  Große Bergklötze, nicht so nah an Wien wie Rax und Schneeberg, noch nicht im Salzkammergut, mit einem Wort, ich war nie da…und viele andere auch nicht. Im Rahmen des Alterswohnprojekts haben wir uns dort eingemietet, weil Wiens Coronaampel rot ist und es zu jedem unserer Befragungsorte von Lunz ungefähr gleich weit ist. Wir = Hannes Heissl aus Wien und ich. Er hat einmal bei mir studiert und jetzt leitet er das Projekt. Mehr dazu weiter unten.

*

Endlose Solarfelder in Bayern, endlose EFH (Einfamilienhaus) Zersiedlung, spielt eine große Rolle im Projekt, … Richard Ford in der FAZ schreibt das Requiem auf die USA, nicht ohne Hoffnung, aber ohne Zuversicht.

Hannes holt mich in Amstetten ab, dieser Ort verfolgt mich negativ seit Robert Sedlazek, ein Sekundäronkel der Nachkriegszeit,  mit seinem Fiat 1100 und mir das erste Mal 100 gefahren ist. Damals eine schrecklich heruntergekommene Stadt in der russischen Zone, die sich nur mühsam ein neues Image zu geben versucht. Entlang der Bundesstraße 1 Kasernen oder ähnliche Häuserzeilen, immerhin eine Betonstraße, wie ich stolz in der Schule berichte. Die Arbeit beginnt. Aber gleich kommt sie: Hinreißende Landschaft. Aus dem flachen Alpenvorland nach Ulmerfeld, dort im Mehrgenerationenhaus der Genossenschaft Frieden geht das Projekt weiter. Das ist gut und hilft uns weiter. Covid bremst alles andere aus. Allmählich kriecht es kalt.

Nach der Besprechung in die Dunkelheit, ich freue mich schon aufs Tageslicht morgen im Ötscherumland und am Lunzer See. Das Navi führt uns durch enge, engere, engste Straßen – immer steiler hinaus und hinunter, es heißt ja Alpenvorland und ist eine schöne, bewaldete und bewieste MoränenLandschaft, und dann kommen schon echte Hügel. Unser Hotel Zellerhof, wohl #1 in Lunz, ist natürlich für uns super, fast  leer und billig…es ist auch das einzige größere Hotel hier, und wird nicht leer bleiben.

Es wurde ein verregneter, aber produktiver Tag. Der Weg zum See und zurück ins Dorf zeigt einen sehr kleinen Touristenort, besser als vieles am Semmering, keine Verhüttelung, aber natürlich karg, 1 Supermarkt, 1 Friseur, 1 Bäcker, alles da, aber einmalig. Unser Hotel ist eigentlich Spitze, würde anderswo die ++++  bekommen, wären da nicht die kleinen vielen Ausrutscher, wie das weibliche Pornofresko am Männerklo. Sehr schöne Bilder wechseln sich mit grauenvollem Kitsch ab, dazu plärrt ununterbrochen in allen Gasträumen Musik der 70er, teilweise nicht einmal schlecht, aber nervtötend. Kaum Schlafgäste, aber viele Leute zum Essen, und man erwartet  nächste Woche einen Bike-Pulk. Die Einrichtung und das Essen sind erstklassig, kaum Personal. Zweischiffige gotische Kirche, alte Bürgerhäuser seit dem 14. Jh., wir sind ja an der „Eisenstraße“, es gibt 4 kleine Wasserkraft-E-Werke (ursprünglich oder noch immer privat vom vorausblickenden Herrn Schweighofer eingerichtet) und ein überdimensioniertes Autohaus…aber sonst nichts sehr modernes. In den flussnahen Gassen wird vor dem „Schwall“ gewarnt, der aus den Zuleitungen zu den E-Werken kommen kann. Da es die ganze Zeit regnet und wir arbeiten, sind die ethnographischen Ausflüge kurz und fragmentiert. Ein seltsamer Ort, von dem von untersuchten Bevölkerungsschwund auch betroffen, was jetzt noch hier ist – wohlhabend, oft Zweitwohnsitz, erstmals 2020 ein FPÖ Mandatar im Gemeinderat (sonst immer nur satte ÖVP Mehrheit, kleine SPÖ, vor 1995 war das umgekehrt!, keine Grünen…).

Man muss sich schon orientieren: alle Bäche scheinen in andere Richtungen zu fließen als man erwartet, weil sie ganze Gebirgsstöcke umrunden. Das viele Wasser macht Freude.

Regen. Nach einem Arbeitstag am Seminartisch nach Gutenstein, da waren wir schon einmal mit dem Projekt, im weiteren Wiener Umland. Jetzt direttissima von West nach Ost. Südlich des Ötscher, nordwestlich des Hochschwab. Durch eine besonders schöne, vielfältige Landschaft, über Mariazell (das scheußlich ist, aber umfahren wird. Der katholische Hauptwallfahrtsort Österreichs, ich habe ihn immer gemieden, die Busparkplätze sind jetzt auch leer…“selbst im guten Österr=/ reiche tadelt man die Klöster“ sagt Wilhelm Busch). Ansonsten nicht übertrieben: Traumstraße. Oft kurvenreich auf den bewaldeten Höhen (teilweise schon beschneit), nach Osten sehr tiefe Täler. Über St. Ägyd nach Gutenstein, die Landschaft verliert irgendwie, bleibt aber schön. Vorbei an dem Kameltheater, in der Einschicht, da gibt es einen Zoo; ich denke die ganze Zeit darüber nach,  warum ich diese Strecke so besonders schön finde. Aber nicht theoretisierend, sondern meinen Gefühlen und vor allem Erinnerungen nachspüren, woran mich welches Feld, welcher Felsen, welches Panorama erinnert.

Wir sind nicht auf Urlaub: mein Kollege Hannes Heissl und ich fahren ja in die entlegensten Gegenden für unser Erkundungsprojekt “Wohnen im Alter“. Dazu an anderer Stelle mehr. Die Arbeit in Gutenstein ist mit den üblichen Ambivalenzen bei größeren Menschengruppen verbunden (18), es sind meistens Bürgermeister, Gemeinderäte, mehr weibliche übrigens; die Diskussion schließt die Arbeit in der Leaderregion Süd ab https://www.leader-noe-sued.at/   (Leader hat nichts mit Führer zu tun, sondern bedeutet Liaison entre actions de developpement de l’economie rurale…), ein EU Programm seit 1991, das in 7 jährigen Zyklen in ländlichen Gegenden gemeindeorientierte, also bottom-up Konzepte entwickelt. Für uns geht es also um das Wohnen im Alter in einer bestimmten Region, die 33 Gemeinden umfasst, von denen 8 aktiv Projekte angemeldet haben. Wir verbinden diese Diskussionen und Befragungen mit einem ähnlichen Auftrag der niederösterreichischen Landesregierung in vergleichbaren Regionen (da gibt es eine Menge Synergieeffekte). Manchmal freut mich, wieviel brauchbare Soziologie und wieviel Bourdieu bei mir hängen geblieben ist…es wird Berichte geben und ich werde die Ergebnisse ankündigen. Wie bringt man Gemeinden dazu, sich der Wohnprobleme Alternder anzunehmen und nicht auf die flächendeckenden Anordnungen und Förderprogramme von oben zu warten? Mitbestimmung und kreative Ideen vor Ort.

In Gutenstein tagen wir übrigens in der Einrichtung „Alte Dorfschmiede“, die einer Genossenschaft gehört, in der Wohnwagons erfolgreich und umweltfreundlich hergestellt werden: www.wohnwagon.at …das zweite g im Waggon wurde der Umwelt geopfert. Den  Hauptvortrag hielt ein alter und sehr erfolgreicher Sozialarchitekt, Friedrich Matzinger, der auch das Intergenerationenprojekt Garsten mitgeplant hat. Erstaunlich, wieviel es in diesem Bereich bereits gibt – und wie langsam und lahm nicht einfach die Politik, sondern viele Betroffene an den Möglichkeiten des erfreulichen (und ökologischen,  auch kostengünstigen) Wohnens im Alter vorbeigehen…das thematisieren wir in unserem Projekt häufig. Und so fahren wir weiter, jetzt an Wien vorbei über die Autobahn, nach Amstetten, einer wachsenden Mittelstadt, wo wir in einer sehr kleinen Gruppe diese Frage in Überleitung zum andern Projekt intensiv diskutieren. Amstetten war früher ein negativ konnotierter Platz, ist jetzt gesichtsarm, durchaus innovativ, kürzlich haben die Konservativen die Stadt von der SPÖ zurückerobert, unsere grüne Gemeinderätin hatte einige Mühe im Gespräch. Hier erkenne ich viele „deutsche“ Probleme – Misstrauen gegenüber den stark migrantisch bewohnten Neubauquartieren.

Noch bei Tageslicht zurück nach Lunz, durchs Mostviertel auf die alte Eisenstraße: die Orte sind stattlich, es gibt auch bisweilen unerwartet große Industrie, aber bald nach den ersten Hügeln kommt die besonders schöne Landschaft zurück. Im Hotel dann großer Andrang. In allen vier Gaststuben Abendgäste, keine Feiern, nur „Wochenende“, Gäste, die nicht im Haus wohnen…derer sind nur wenige. Wenn ich ein zweites Mal den einzigen Supermarkt betrete, werde ich von allen begrüßt wie ein Einheimischer, auch danach auf der Straße. Der nahe Friedhof muss besucht werden. Sehr seltsam: oft stehen Namen von offenbar familienfernen oder gar fremden Grabinsassen weit abgesetzt unten auf den Grabsteinen, sozusagen relativ abgewertet – aber das trifft auch auf Gefallene zu, die schon der oben prangenden Familie angehören. Keine Einzelfälle…Auch sonst irritiert: die Mehrzahl an geschlossenen Hotels und Geschäften, die Reichskriegsflagge im Fenster eines kleinen Häuschens im Zentrum, die scheint noch niemandem aufgefallen zu sein. Über der Ybbs in einem Holzhaus malerisch auf der Anhöhe „Chez Pierre Pub Pizza“, das nenne ich Internationalität.

Man kann gut im Hotel arbeiten, im Spielzimmer mit Schach- und Mühletischen, daneben gibts Billard…alles jetzt verwaist. Wünscht man sich Alterswohnen so? Das Haus ist voll, auch weil die Motorad/cross?  Rennfahrer da absteigen, teilweise mit Familien und olympischem Appetit, etwa auf drei-stöckige Burger. Aber gesittet maskiert, wie die meisten hier.

Die Rückfahrt nach Amstetten diesmal die große Bundesstraße an der Erlauf, erst kurz vor dem Ziel wechselt man wieder ins Ybbstal. Bevor es ins flachere Mostviertel geht, wieder dieses schöne, besonders schöne Land. Ich denke, viel liegt an den Mischwäldern, an den wenig regulierten größeren Flüssen, dem undefinierbaren Mischgestein (Grauwacke), aber auch an der wohlhabenden Bebauerung an der Eisenstraße (https://de.wikipedia.org/wiki/Eisenstra%C3%9Fe_(%C3%96sterreich))  – bis heute noch einige Industrie und die Erinnerung an den Schulunterricht, wo diese Handwerksfurche hinunter zum Erzberg in der Steiermark sozusagen die stolze rote Vene im grünen, also schwarzen Alpenvorland war – und ausgewalzt wurde. Kommt man noch etwas nach Norden, ist die Donau nahe, mit den größeren und kleineren Geschichten und Schlössern, Ardagger, Grein, aber auch Mauthausen. Die Vierkanter hier sind fast alle wie für die Ausstellung renoviert, die Wiesen und die Kühe fett, von Österarm sieht man hier nichts, obwohl es das auch gibt.

Das ist eines der Probleme unseres Studienauftrags: wie ärmeren Österreicher alt werden und dann wohnen werden, ist schwer zu ermitteln, weil natürlich die großfamiliäre Solidarität auch am Land nicht mehr funktioniert, wenn auch oft beschworen. Ja, die Jugend zieht es aufs Land, wer weiß wie lange noch? Was wir machen, ist Mittelschicht. Gesellschaftsanalyse in Österreich kann nicht einfach alle deutschen Indikatoren durch 10 dividieren, was der Bevölkerungszahl entspräche. Dass mich jetzt die Unterschiede interessieren müssen, macht die Altersstudie natürlich spannender und auch überraschender. Die Politik des Kanzlers Kurz und der österreichischen Grünen zu verstehen, heißt noch lang nicht sie billigen. Schon beim Lesen der Tageszeitungen kommt einem Deutschland, genau beobachtet, wie ein fernes Land vor, jenseits der unlustigen Comedian-Vergleiche und der binationalen Feuilletons. Ich halte mich dabei nicht lange auf, weil ich ja auf beiden Schultern trage, aber ich muss darauf achten, dass meine Autorität nicht als deutsch, sondern als österreichisch und damit oft europäisch wahrgenommen wird (was die Autorität freut, aber auch das Verschwinden der früher so intensiven Ambivalenz gegenüber den Jungen, die nach Deutschland gehen, um dort erfolgreich zu sein, und dann bei der Rückkehr doch anders, weltgewandter, wieder aufgenommen zu werden (nicht so die überlebenden jüdischen Österreicher nach 1945, das ist wieder die andere, die ungute Geschichte). Alltag: Kulturseiten lesen, Kulturprojekte abzählen, kleinteiliger und erstaunlich gut fundiert – oft, mit scheußlichen Abstürzen dazwischen. Das geht mir durch den Kopf, als sich mein Zug Passau nähert, der bairischen Grenzpolizei und dem andern Virus. Diese Stadt mit ihrer katholischen Kolonialgeschichte war natürlich auch Schulstoff, und meine privaten Erinnerungen sind auch eher österreichisch, was mir die Aschermittwochsgetöse rundherum weniger aufdringlich macht (Vilshofen, da hält der ICE sogar manchmal…). Hier IST eine Grenze. Der lange Güterzug, der in Linz schon an mir vorbeigezogen ist, überholt uns wieder, weil hier ja eine Grenze ist. Wenn Verspätungen gesammelt werden, dann ab hier. Eigentlich wird die Donau erst ab hier der „Schicksalsstrom Europas“, ich  würde des kleiner geben, aber da ich ein Jahr lang Strophe für Strophe das Nibelungenlied habe lesen müssen, mit einigen Einsichten und viel metrischem Leerlauf, beginnt der Fluss für mich doch erst spannend zu werden in Linz, in Pöchlarn, in Melk…und erst recht danach. Was einen Eintrag im Buch unnötiger Bildung verdient, oder gerade nicht: mit den Merkzettelchen liest es sich leichter, sofern sie das Hirn nicht verlassen.

Mit dem Durchmarsch dreier schwerst gepanzerter Bundespolizisten  endet diese Geschichte.

Jüdischer Einspruch XVIII: die antianti-semitische Gemeinschaft

Zum Jahrestag des Anschlags von Halle überboten sich Politiker, zumal der Bundesländer, in antisemitischen Bekenntnissen. Die Worthülsen sind wie rhetorische Patronenhülsen, aus denen man das Projektil nicht mehr rekonstruieren kann: es wurde gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz gefeuert, und eben gegen Antisemitismus. So ein Glück. Quer durch alle demokratischen Parteien ist man sich einig wie selten. Kostet ja nichts. Der Ruf „Nie wieder!“ wiederholt sich auch in vielen Stellungnahmen.

Nie wieder? Der Antisemitismus hat in den letzten Jahren zugenommen, er ist öffentlicher geworden, wir haben eine Nazipartei in den Parlamenten, Anschläge und Verunglimpfungen im Netz vermehren sich. Nie wieder?

Der Bundesinnenminister Seehofer beschützt die rechtsradikalen Strukturen der Sicherheitsorgane. Mich erinnert das an den Witz von Erich Fried: Nicht der Waldheim war ein Antisemit, sondern sein Pferd war antisemitisch.

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Es herrscht unter „DEN“ Deutschen eine Vorstellung von „DEN“ Juden, die es leicht macht, Antisemitismus zu ächten: solange man das tut, solange hat man etwas aus der Shoah gelernt, solange ist das Nie wieder glaubwürdig…äh? Als obs auf die Kippa ankäme, die zu tragen manche nicht wagen. Wer und was ist antisemitisch? Da zögern die Bekenner, weil sie Gruppen denunzieren müssen, die sie sonst lieber als Klientel, Wähler*innen oder im Abseits hätten. DER Antisemitismus ist so wenig ein konkreter Feind wie DIE IDENTITÄT und sowenig wie es DEN JUDEN gibt, gibt es DIE JUDEN. Und schon gar nicht für DIE DEUTSCHEN.

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Judentum, das Jüdische,  kann man nicht allein durch Religion bestimmen, nicht ausschließlich durch ethnische und kulturelle Geschichte, nicht durch den Grad der Integration in die deutsche Gesellschaft. DIE gibt es nämlich SO auch nicht.

Bleiben wir bei Adorno: wenn der Antisemitismus das Gerücht über die Juden ist (Minima Moralia 1951), was soll dann geschehen, um das Verhältnis jüdischer zu deutschen Menschen besser, gleicher, demokratischer, transparenter zu machen? Da es weder eine Gleichheit neben einander gibt (Deutsche UND Juden…, für mich eine gräßlichliche Floskel) noch „die“ Juden in der deutschen Gesellschaft aufgehen, muss man sich schon mehr bemühen, um ein Verhältnis herzustellen und zu verstehen. DIESE BEMÜHUNG WÄRE SCHON EIN RECHT GUTER ANFANG UM DAS GEREDE VON DER ANTISEMITISCHEN GEMEINSCHAFT ABZUBAUEN.

Die stille Post der Zukunftslosigkeit

In meiner Jugend, also in der Jugend, die wirklich weiter zurückliegt, war der Hinweis, jemand oder etwas sei „unmodern“ fast ein Schimpfwort, während oft zum Prädikat „modern“ gesagt wurde: das verstehe ich nicht. Was also dann?

Der großartige journalistische Essayist Kurt Kister schreibt am 6.10. in der SZ:

Die Moderne nämlich, mit der sich Habermas und Kollegen so ausführlich beschäftigt haben, hat in den letzten zwanzig Jahren eine technologiebedingte, enorme Beschleunigung erfahren, sodass sie sich selbst einschließlich der Postmoderne längst überholt hat. Leider hat diese Beschleunigung keineswegs nur zur weiteren Verbreitung von Vernunft und Kompromissfähigkeit geführt, sondern in einer Art Gegenreaktion auch bei vielen Leuten die Neigung zu Irrationalismen gefördert – das reicht vom „Querdenken“ über Autoritarismus à la Orban bis hin zur präsidentgewordenen, trumpischen Zusammenballung nahezu aller gegen die Beschleunigung der Moderne gerichteten Vorurteile.

Diese Beschleunigung konnte immer beides sein: Demokratisierung und entgrenzte Verbreitung allen Blödsinns dieser Welt, und nicht selten beides zugleich.

Die Gegenreaktion kann Widerstand bedeuten, oder in einer besonders wirksamen Dialektik so zur Moderne gehören, wie der Teufel zur Gotteskonstruktion,  oder die Aushöhlung der Demokratie durch ihre eigenen Verfahren (man wählt ihre Abschaffung, nicht erst einmal).

Mit diesen Thesen könnte ich ganze Semester an der Uni gestalten und auch noch die Rückwirkungen auf den Alltag und kleine, weniger umfassende Beweisketten mitteilen. Mache ich vielleicht noch, heute aber fällt mir nur auf, dass das „Unmoderne“ einen seltsamen Reiz auch auf anscheinend aufgeklärte, „moderne“ Menschen ausübt, als eine Art habitueller Nostalgie.

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Im Feld der ganz großen politischen Philosophie – dem Postkolonialismus – ist mir aufgefallen, wie ausgerechnet der so angefeindete Achille Mbembe (Mbembe 2018) – angeblich Antisemit, angeblich anti-europäisch – schon sehr früh (2006) die Probleme, auch die Dialektik ausgebreitet hat: Übrigens unter ausdrücklichem Bezug zum jüdischen Denken, zu Bloch und Benjamin…also Vorsicht mit der selbstbezogenen Zuschreibung der eigenen Position (anti-kolonial und anti-antisemitisch) zur aufgeklärten Moderne. Mbembe: Humanität ist nicht abgeschlossen,  sie kommt zum Vorschein, wenn die kolonialen Figuren der Unmenschlichkeit – ich sage dazu nur: die Diskussion um Denkmäler und Straßennamen… – und der „rassischen Differenz“ weggeputzt sind. Nur dann lässt sich so etwas wie globale, universale Gleichheit (Brüderlich-Schwesterlichkeit im heutigen Sprachgebrauch) herstellen. Zum Unmodernen, das mir auffällt, – und das ist die Verbindung – gehört die Sucht, das Gute im Schlechten, das Wichtige und Richtige im Vormodernen, das gesellschaftlich Brauchbare vor der Demokratie zu verorten und gar zu beschönigen, und es mit den Fehlern der Gegenwart zu begründen.

Das kann man am Kitsch der restaurierten Innenstädte sehen, am scheinbar authentischen der Herkunft, die eine Identität, die jetzt zerfällt, oder an der fast genüsslichen Auflistung von Dysfunktionalitäten in der Demokratie. Ganz schnell ist man dann bei dem, was uns die Moderne genommen hat, was uns die Postmoderne nicht geben konnte, also bei Verlust

Kisters Kritik an der unkontrollierten Beschleunigung ist dabei auch wichtig: Sie kann zur Moderne beitragen insofern sie eine Zukunft heranrückt, in der die Wiederholung des immer Gleichen nicht mehr geschieht, und sie kann an ihrem Abbau mitwirken, wenn sie uns keine Zeit lässt, den Atem nimmt, an der Gestaltung dieser Zukunft mitzuwirken – und die Irrationalismen in den Händen der gewaltsamen Herrscher belässt (das hatten wir vor der Moderne auch schon, tausende Jahre lang, und danach auch noch – nur nicht immer, und oft widersprochen und im Widerstand bekämpft).

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Wieviel man bei Mbembe lernen kann, sieht man  am unverschämt offenen kolonialen Erbe des Wiederaufbaus der à Potsdamer Garnisonkirche. Am Widerstandsprojekt „Lernort Garnisonkirche“ bin ich auch beteiligt, nicht nur um dieses Erbe aktiv zu bekämpfen, sondern auch um zu zeigen, wie und wo der Kolonialismus sich in seiner „post-„Form bis heute hält und oft nicht einmal versteckt (http://lernort-garnisonkirche.de/). Der „Post-ismus“ sagt ja nicht, dass etwas vorbei ist; nur dass es so, wie es einmal war, auch nicht mehr geht. Im Volksmund nennt man das Heuchelei, aber die Monumente neu zu bedeuten, ist oft eine besonders ungute Art, den Zugang zur Zukunft zu beschränken.

Mbembe, A. (2018). What is postcolonial thinking? Widening the Context. G. Frederiksson, Nellen. Vienna, Eurozine: 165-173.

Den kulturellen Postismus meine ich ausdrücklich nicht (https://de.wikipedia.org/wiki/Postismus) – aber dass viele Menschen gerne „post-“ einem Begriff voranstellen, ist ein oft taktisches Manöver um vom wirklichen früheren Geschehen abzulenken.