Wann und wie wir sterben

„Statistisches Bundesamt Deutsche kaufen weniger Klopapier

Stand: 23.04.2020 11:20 Uhr Desinfektionsmittel und Seife sind weiterhin stark gefragt, der Bedarf an Klopapier und Nudeln scheint erstmal gedeckt. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Vor Ostern stieg die Nachfrage nach Bier, Wein und Kondomen“.

Glück gehabt, wer heute erst wieder Klopapier braucht oder Bolognese kochen will.

Meine bösartigen Angriffe auf Hamsterdam haben längst aufgehört, würdig bereitet sich das deutsche Volk auf die Wallfahrt ins Lemmingland vor. Mit sauberem Hintern und ohne Reizdarm werden viele in der zweiten Welle des Virus dahingehen, im stolzen Bewusstsein, alles, aber auch alles getan zu haben, um sich und den Angehörigen bis zum Schluss die Analogie zum 2. Weltkrieg und zur Nachkriegszeit erspart zu haben. Die statistische Meldung verwundert nicht: zu Ostern stirbt man nicht, da steht man wieder auf. Deshalb auch die Kondome.

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Bolsonaro, ein faschistischer Stiefelknecht von Trump, verkündete zu Beginn des Virus, dass es ohnedies egal ist, „sterben müssen wir irgendwann alle“ (30.3.2020). Das sagt sich so leicht, wenn man nicht mehr lebt, sondern als Zombie die Wälder abbrennt und als Gangster die Massen verführt. Es kommt nie auf das DASS an, immer auf das WANN und WIE. Dass viele in Brasilien jetzt gegen die Maßnahmen, die ihr Führer doch durchsetzen will, protestieren, weil sie um ihr Überleben fürchten, ist keine Quittung, sondern folgerichtig. In den USA ist es in demokratisch geführten Bundesstaaten mit vernünftiger CoVid-Politik nicht anders.

Trotzdem werden unsere Politiker am Leichnam von Trump heucheln, und mancher wird so erleichtert sein über seinen Tod, dass er sich ähnlich ausdrückt wie bei einem Arbeitszeugnis eines endgültig abgetretenen Angestellten, den man eigentlich gefeuert hatte.

Ja, sterben müssen wir, und die Hamsterei, vor allem von Klopapier und Nudeln, hat etwas von atavistischen Grabbeigaben an sich, die man besser ansammelt als den Verwandten überlässt, weil man sich auf die nicht verlassen kann – vielleicht sterben die gar nicht oderwollen den Verblichenen auch nichts ins Jenseits mitgeben?

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Diktaturen haben es gut. Dort stirbt man nicht, da gibt es nur den Tod. Den Heldentod, den Tod fürs Vaterland, den Tod für die Anderen…In Demokratien ist das anders. Da gibt es keinen Tod, nur das Sterben jedes einzelnen Menschen. Mit Folgen für all die, die mit diesem Menschen gelebt, gearbeitet, gestritten oder geliebt haben, und wenn man alle Sterbenden nimmt, ist es eine ganze Gesellschaft. FAST, das ist ein Haken bei der Sache, fast die ganze Gesellschaft. Die Zurückgelassenen hinterlassen keine Folgen.

Warum ich das schreibe? Nein, da schließt sich keine Fastenpredigt an, sondern ein Reflex. Heute früh beklagte sich ein Arzt, glaubwürdig und empirisch belegt, dass sehr viele krebskranke Menschen (wohl auch solche mit anderen schweren Krankheiten) sich nicht mehr in Arztpraxen trauen, dass zu spät diagnostiziert und behandelt wird, was nicht Corona ist. Die Seuche beschleunigt das WANN, und vernachlässigt das WIE. Und zwar für lange Zeit und für viele Menschen.

Noch im vorigen Jahr (2019) starben Menschen in Indien an der Pest, noch vor hundert Jahren wurde die Pest hier immer wieder importiert. Aber keiner hat heute mehr Angst vor der Pest. So wird es bei CoVid auch sein, und an der Einsamkeit vieler Abgehängter in ihren Altersheimen wird diese Normalität nichts ändern. (Ich überlassen Begriff ungern den Nazis, „abgehängt“ sind sehr viel mehr Menschen aus der Bevölkerung als aus dem deutschen Volk).

Nicht woran man stirbt, sondern wann und wie, kann zu einem vernünftigen Gespräch und zu etwas mehr Lebensfreude bei weniger Panik führen.

Heute zu, morgen offen?

Erinnert ihr euch an Claire Bretecher, die französische Karikaturistin? In einem Strip mault der Mann: Du rauchst zu viel, vom Rauchen bekommt man Lungenkrebs! Und sie: Vom Nichtrauchen bekommt man Arschkrebs! Nicht lustig, ich weiß.

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Alle tragen Mund- und Nasenschutz, Masken. Weil man soll, an manchen Orten muss. Ob das irgendjemandem nützt, ist selbst bei den Virologen umstritten, und die Frage, wie man eine Maske aufzusetzen, abzusetzen hat, wird die Beraterliteratur ebenso anfeuern, wie die, die jetzt mit überteuerten Gesichtsfeudeln ein Zusatzgeschäft machen.  Ich hab auch eine Maske bei mir, und ich trag sie an den vorgesehenen Orten, nicht, weil ich eine Meinung dazu habe, sondern weil ich aus einem Nebenwiderspruch keine private Politik machen möchte.

Warum die Menschen ein Fußballstadium brauchen, wenn man die Vereine so gut im Fernsehen sieht?

Warum Möbelhäuser und Kirchen und … offen sind oder geschlossen bleiben?

Warum sich die Wiederkehr der kapitalistischen Normalität, also einer sozialen Verschlechterung unter dem Deckmantel staatlicher Solidarität als Verstätigung des Ausnahmezustands tarnt, oder umgekehrt?

Ihr kennt alle die Antworten. Immerhin ist heute das erste Mal seit Wochen, dass das Klimaproblem Teil der staatlichen Diskussion ist, nachdem es wochenlang in den Hintergrund geschoben wurde.

Ihr kennt alle die Antworten?

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Zu den Kirchen noch ein Wort. Da der jeweilige Konfessionsgott bewiesen hat, dass er gut abwesend sein kann von bestimmten Orten, mögen manche glauben, dass er wenigstens in der Kirche anwesend ist und dass Hostien so wenig ansteckend sind wie rituelle Fastenspeisen. Gemeinschaftsgefühl, nicht kollektive Solidarität…Die Politik macht daraus natürlich Politik, so wie mit dem Fußball. Sozusagen die Trump-Wahlkampfmasche auf niedrigerem, weniger weltpolitischen Niveau. Hausaufgabe: warum geht es um die Religionsfreiheit (=Ritualgenehmigung) so sehr viel mehr als um die Glaubensfreiheit, die ich sogar zu Hause ausleben kann?

Sieht denn niemand, dass dieses Problem unsere Gesellschaft auch spaltet? Ja, für ein paar Wochen wird es mehr gemeinsame Gebete geben – analog oder digital – dann wird der Gott, der abwesend zu sein hat, sich wieder verflüchtigen und was bleibt, ist die Erinnerung an die schreckliche Zeit. Rückwärts immer, vorwärts nimmer.

St. Corona

Dreh das Fernsehn ab

Hab ich geschlafen?
Hab ich geträumt?
Gab ich nicht acht?

Und zu passiv?
Ging etwas schief,
Während ich schlief?

Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Und der Abend ist zu schön für solche Sorgen
Und das morgige Programm beginnt erst morgen
Ich weiß schon heut, was man dann sieht –
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!

Jeder Feldmarschall kriegt ein besond’res Dekret
Was er tut, gilt sofort als verjährt
Man lässt trotzdem die Strafanstalt steh’n, wo sie steht
Sie wird einfach zum Irrenhaus erklärt
In der Ferne, wo niemand erkennen ihn kann
Geht ein Mann auf und ab ohne Ruh‘
Ich geh hin und – mein Gott! Ich bin selber der Mann
Und ruf einsam und leise mir zu:

Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Auf den Feldern reift das gestrige Gemüse
Die Antennen wachsen langsam durch die Wiese
Wer noch jung ist, wird schon jede Woche zäher
Und die Tränenlieferanten kommen näher
Irgendwer schreit, irgendwer flieht –
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!

Georg Kreisler, https://www.songtexte.com/songtext/georg-kreisler/dreh-das-fernsehn-ab-5bc21f7c.html (18.4.2020)

Georg Kreisler, einer der wichtigsten Anreger meiner Entwicklung und bis zu seinem Tod einer der wirksamsten und unbestechlichsten Künstler der intellektuellen Off-Szene (er war schon berühmt), hat dieses Lied zu einem eindringlichen Aufruf werden lassen.  Hör genau zu oder dreh ab.

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Na klar: in den Medien, aus dem Mund der meisten Politiker und Sykophanten kommt bei den ersten LOCKERUNGSÜBUNGEN ein Schwall von Normalisierungsforderungen. Das Licht am Ende des Coronatunnels: wir werden alle besser , klüger, geläutert, erfolgreicher, ertragreicher. Die meisten seriösen Medien berichten darüber eben: seriös. Das ist in Ordnung (ich rede nicht von Fox oder Tass oder der englischen Gossenpresse). Aber das, was sie 23 von 24 Stunden berichten, ist fatal. Corona zentral, peripher, als Bezugspunkt für die fernstliegenden Themen… In der Ferne, wo niemand erkennen ihn kann / Geht ein Mann auf und ab ohne Ruh‘ / Ich geh hin und – mein Gott! Ich bin selber der Mann. Mit einem Wort, niemand, auch ich nicht, kann sich diesem HINTERGRUNDRAUSCHEN ENTZIEHEN:  Worüber auch immer du mit einem andern Menschen redest, dauernd kommst du auf Corona zu sprechen, und eben nicht auf das was dich, uns, unsere Gesellschaft betrifft, sondern das, was sich ereignet oder thematisiert wird, damit die großen Probleme kleingeredet werden können oder gar verschwinden. Die verheerenden Einschränkungen von Demokratie  (nicht gleich die Grundrechte und -freiheiten, sondern ein Mechanismus). Ein böses Beispiel: Jahrzehntelang hat die katholische Kirche jede Menge Mitgliederschwund gehabt – zu Recht: Missbrauch, Zölibat, Heuchelei, Tyrannenhilfe (Polen, Lateinamerika)…jetzt plötzlich möchte sie die Kirchen schnell öffnen, damit die Gläubigen, ja was? Schutz suchen vor Corona, hoffen, dass der Gott, der schon in Auschwitz nicht war, ihnen jetzt beim Einatmen hilft…? Es gibt auch andere Seiten der katholischen wie auch der anderen christlichen, muslimischen, jüdischen Religionsgemeinschaften. Aber die Glaubensfreiheit – mit der Religionsfreiheit – zu verwechseln, DAS ist das, was mich am Hintergrundrauschen stört.  Man stört sich an der „Öffnung der Herrenboutiquen“ (ein Bischof). Ein weniger böses Beispiel: die Maskenpflicht wurde in Deutschland zu spät eingefordert.  Jetzt wird das Tragen der Masken empfohlen, aber nicht angeordnet, weil es schlicht zu wenig Masken gibt (Fehler der Regierung, aber was solls). Nun können sich die Muslimas schnell wieder vermummeln, weil es ja ein Taschentuch oder Schal auch tut. Wohlgemerkt: mir geht es NICHT um die Berichterstattung, aber um die Logik der dahinterliegenden Nachrichten über die Wirklichkeit, die dauernde Verwechslung von Anlass und Ursache, von Gefahr und Risiko und von Politik und Erkenntnis.

Bei Kreisler wird eben dieses Phänomen entwickelt. In den letzten Zeilen wird es klar: das ist der bedrohliche Zustand. Der Widerstand gegen die Tränenlieferanten kann sich aber nicht entwickeln, wenn alles und jedes mit dem heiligen Corona begründet wird. Die Seuche ist ernstzunehmen, wir können etwas gegen sie tun (vier , nur vier, Verhaltens-Regeln) und es gibt besonders betroffene Gruppen, hier wie anderswo, denen wir helfen sollen und können. Punkt. Und dann gibt es die Probleme der Welt.

Ein winziges Beispiel,  wie es auch und positiv gehen kann: eine junge Abgeordnete schreibt:

Corona-Verordnung in Brandenburg.

Mir persönlich liegt besonders am Herzen, dass wir durchsetzen konnten,

dass wieder Demonstrationen stattfinden können (selbstverständlich unter

Beachtung des Infektionsschutzes). Auch gegen die neue Regelung mit

einer Obergrenze von 20 Personen für Versammlungen gibt es

verfassungsrechtliche Bedenken u.A. vom wissenschaftlichen Dienst des

Bundestages, aber immerhin sind wir aus dem für eine Demokratie kaum

erträglichen Zustand des kompletten Demonstrationsverbotes nun heraus.

Meine Pressemitteilung zum Thema Seebrücke und Versammlungsfreiheit von

letzter Woche (ich hatte leider versäumt, sie hier über den Verteiler zu

schicken) findet ihr übrigens…

(Marie Schäffer, MdL Brandenburg, 20200417)

So öffnet man die Wallfahrt nach St. Corona wieder zur Welt.

Übrigens gibt es einen Ort mit 400 Einwohnern in Österreich „Sankt Corona am Wechsel“, kein schlechtes Programm: https://de.wikipedia.org/wiki/St._Corona_am_Wechsel

Nachwort: wenn wir Verschwörungstheorien (China, Labor, Jüdische Weltverschwörung etc.) kritisieren, werden wir oft als grüne Spinner abgetan. wenn wir Zusammenhänge früher als andere erkennen, traut sich das im Augenblick keiner: aber gesagt haben wir das schon früher: https://www.faz.net/aktuell/wissen/corona-krise-verschaerft-schmutzige-luft-das-pandemie-desaster-16728901.html?utm_source=pocket-newtab

Faschismus: Schlange und Maus

Antifaschismus war immer eine Art Baldrian auf die kontemplative Seele der Linken. Man war Antifa, und schon auf der richtigen Seite. In der DDR und im Staatssozialismus wurde der Begriff wie bei Orwells 1984 zur Propaganda des Gegenteils, und damit weit über die Grenzen der Diktatur hinaus ein Unwort. Im Westen war die Beruhigungswirkung etwas anders, sie löste sich in der Gleichgültigkeit, glich=gültig, von allem und jedem auf, und antifaschistisch zu sein war einfach, man konnte den Nazis den „Sozialismus“ aus dem Parteiprogramm und Namen wegdenken.

Die Auseinandersetzung mit diesem Problem gehört seit Jahrzehnten zu meinem beruflichen, d.h. wissenschaftlichen und politischen Programm, und zu meinem persönlichen, nicht nur privaten, obendrein.

Für einen Augenblick lasse ich eine Dimension – den Unterschied und die Gemeinsamkeiten von Nationalsozialismus und den Faschismen – außer Betracht, hier ein Nebenwiderspruch.

Mein Befund ist, dass die politischen Eliten und die populären Massen (also die Herrschenden und die Plebs, NICHT das Volk, NICHT die Zivilgesellschaft…) wie die Maus der Schlange ins Auge schauen, erkennend, was da ist, aber nicht handelnd, oder zumindest nicht genug handelnd.

Neben der beruhigenden Wirkung eines ozeanischen Antifaschismus (ozeanisch=ich mag ALLE Menschen, ich könnte die Natur ÜBERALL umarmen) gibt es eine ganz andere, dynamisierende Funktion: wenn ich Trump oder Putin des Faschismus zeihe, muss ich – müssen wir, politisch – handeln. Man kann nicht sagen: du bist ein Mörder, und dann das Glas erheben und weiter Hummer essen. Genau das geschieht aber.

Es ist leichter, Putin,  Xi und ca. 100 autokratische Machthaber unter den Faschismus einzureihen, als einige, die anscheinend zu „UNS“ gehören. Faschismus ist eben nicht eine dumme Ausgeburt des Kapitalismus (allein), nicht ein Ergebnis völkischer Suprematie (allein), nicht ein Produkt des Exzeptionalismus (allein), sondern ein Produkt aus all dem und mehr, immer in neuer Kombination und deshalb schwerer zu greifen.

Nehmt als Ausgangspunkt nicht die große Theorie (heide Gerstenberger: Unmittelbare Herrschaft), sondern eine kleinere, aber gut nachvollziehbare: Umberto Eco: Der ewige Faschismus (Eco 2020). In 14 Thesen fasst er seine Theorie zusammen (S. 30-40). Ich könnte es hier zusammenfassend nicht abdrucken, weil es zu dicht ist, aber ihr könnt das in einer Stunde verarbeitet haben, und ihr erkennt nicht nur die AfD oder die FPÖ oder – jetzt wird es heikler – Seehofer oder Maassen oder … ihr erkennt jeweils deutliche Kombinationen bei Erdögan (NATO Schwergewicht), Kaczynski (lenkt mit der deutschen Schuld von der Polnischen Gegenwart ab) oder Orban (ungerührte Neuauflage des Faschismus), und die EU, die deutsche Regierung,  viele kultivierte „Europäer“ sind die Mäuse.

(Selbstkritischer Einschub: wir, die 68er +/- 10 Jahre, haben mit unseren Parolen gegen das Neuaufleben des Nazismus/Faschismus etwas anderes gemeint, als gesagt, wir haben unser Pulver der Systemkritik dadurch verschossen, dass wir Faschismus dort identifizierten, wo er schon isoliert war, und wir haben übersehen, wo er noch gar nicht aufgetreten ist…das ist ein anderes, bitteres Thema).

Ich erwarte jetzt sofort einen Gegenschlag: Erdögan, naja, Kaczynski – da verkehrt man ja die Dimensionen deutscher und polnischer Schuld, Orban – mal sehen, wie er das nach Corona durchhält…und Seehofer: da gehst du jetzt zu weit. Der ist ein „fremder Blindgänger“, wie du ihn sonst nennst, bald unzurechnungsfähig, unempathisch gegenüber den Flüchtlingen und ausgesprochen EU-feindlich mit seiner Grenzpolitik, aber nein, Faschist ist er keiner. Hab ich auch nicht behauptet. Aber auch in seiner Innenpolitik sind genügend Elemente aus der Ecoschen Varietät enthalten um ihn zu nennen. Ich habe schlimmere Feinde – rhetorisch und in Gedanken. Aber: es kommt darauf an, diese Elemente des Faschismus auch dort zu erkennen, wo sie noch nicht aktiviert sind, wo sie noch keine Herdenimmunität produziert haben. Das ist mein Stichwort: es gibt so etwas wie demokratische Herdenimmunität gegen Faschismus, aber die hat keine lange Halbwertszeit.

Kennzeichnend schauen wir erst einmal auf Trump, noch immer Selbstherrscher unserer Bündnisse:

Nicht nur seine Schläge gegen die UNO, gegen die Klimabeschlüsse, gegen WHO, nein, seine Alltagsautokratie ist faschistisch:

Trump’s war against the Postal Service could have another casualty: tens of thousands of military veterans with disabilities   The Postal Service employs nearly 100,000 military veterans. Over half of them have a disability rating.   Business Insider
Sailor on USS Roosevelt, whose captain was fired after pleading for help, dies of coronavirus   The ship’s captain was fired after pleading for help for his crew of 4,800. The sailor is the first active-duty service member to die of the disease.   USA TODAY

Zusätzlich zu seinen Lügen, sexuellen und rassistischen Schweinereien, agiert er sehr wohl in dem Rahmen, den wir auch dann faschistisch bezeichnen könne, wenn er nicht alle Merkmale einer Diktatur erfüllt, sowenig wie die polnische, ungarische und Teile anderer EU-Regierungen in unterschiedlichem Maße. Darum geht’s mir auch gar nicht.

Der „ewige Faschismus“ entspricht der Apodiktik von Hannah Arendts Titel: „Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher“ (Knott 2000). Texte von 1941-45, von teilweise erschreckender Voraussicht, wie übrigens später bei Eco. Einen klaren Zusammenhang sieht man bei den Faschisten in Polen und Ungarn, anderswo sind die Bausteine etwas anders gemischt. Aber Netanjahu-Trump ist z.B. eine brisante Mischung.

Dass wir nicht Erdögan aus der NATO schmeißen, hat ja einen komplizierten Grund: hätten wir die Türkei vor mehr als 20 Jahren in die EU eingeladen, wäre sie vielleicht demokratischer geworden. Und heute ist das Problem, dass wir die NATO kritisieren können, wir haben aber keine europäische Armee, auch aus falsch verstandenem, „passiven“ Pazifismus). Dass wir den polnischen und ungarischen und anderen Autoritarismen nicht entgegentreten, ist noch komplexer: die meisten dieser betroffenen Länder hängen am ökonomischen Tropf der EU, richtig so, aber da muss man schon den Primat der Politik über die Ökonomie, die regionale Struktur- und Wirtschaftshilfe stellen…Aber Trump: der Führer des Westens ist der Führer, weil man ihn in seiner „Form“ noch anerkennt, während sich fast alle demokratischen Politiker einig sind, dass er „inhaltlich“ ein Verbrecher ist (ein Verbrecher am Klima, an unserem Leben, nicht nur dem der Amerikaner). Das hat man mit verschiedenen Faschisten der Vergangenheit auch gemacht, zeitweise und meist lange genug, um sie zu stabilisieren. Faschismus mag ewig sein, er ist nicht ubiquitär (=allgegenwärtig), und er tritt nicht mit geballtem, sichtbarem Herrschaftsanspruch auf; er ist oft bürgerlich gewandet (Eco) und noch öfter zitiert er unsere Werte, um sie uns bitter zu vergällen.

Wie werden wir, immer wieder, die Faschisten los?

Literatur:

Eco, U. (2020). Der ewige Faschismus. München, Hanser.

Knott, M.-L., Ed. (2000). Hannah Arendt: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. München, Piper.

Finis terrae XXXV: Tod oder Sterben? Keine Frage.

Sterben ist nicht schön, meistens. Und die es erlebt haben, erzählen wenig darüber. Die es beobachtet haben, erzählen viel, empathisch, ratlos, abgestoßen oder angezogen.

Ganz anders der Tod. Eine literarische Gestalt, auch mal weiblich, meist männlich: ohne Tod gäbs fast keine Literatur, Kunst und Philosophie.

In diesen Tagen werden Sterben und Tod meist zu einem schwer genießbaren rhetorischen Cocktail gemixt, den man 23 von 24 Stunden in den Medien, aus dem Mund von Politikern, Virologen, Nachbarn und Passanten hört, bzw. serviert bekommt.

Sollen wir etwa nicht aufklären? Sollen wir etwa unsere guten, hilfreichen, notwendigen, etc. Absichten und Empfehlungen bei uns behalten? Sollen wir etwa chinesisch beschweigen, bevor wir Trompeten erschallen lassen, wenn sich die Infektionskurve abflacht? Und was wird aus der Wirtschaft?

So schallt es beim leisesten Aufkommen von Kritik. Liebe BlogleserInnen: nicht Kritik an den paar Maßnahmen, die wir in überwältigender Mehrheit befolgen, und klugerweise wenig kommentieren. Mehr als vier sind es nicht. Nein,  Kritik daran, dass die Welt sich nur um CoVid-19 dreht und ansonsten offenbar stillsteht.

Was tut die Politik nicht alles, um zu verdecken, dass sie jetzt keine Zeit hat, für die Diktatoren,die im Schatten des Virus wüten – nicht nur Orban oder Bolsonaro oder Trump oder Modi, die Liste ist sehr lang und reicht bis in das feine Kapillarsystem persönlicher Beziehungen. Keine Zeit für Klima, keine Zeit für sterbende Flüchtlinge, keine Zeit für Kriminelle, die auf dem Ausnahmezustand ihre Suppen kochen, keine Zeit…

Offenbar sind die Dompteure der Überzeugung, dass nur die endlose Schleife die Murmeltiere, aus denen die Menschheit besteht, zu angemessenem Verhalten bewegt, und vor allem zur Unterwerfung unter den gaaanz groooßen Bruder, der nicht überm Sternenzelt, sondern in der Veränderung der Gewichte von Freiheit und Ordnung sich verwirklicht. China ist ein gern imitierter, wenn auch mild kritisierter Vorreiter. Statistik organisiert die Normalität, bzw. rechtfertigt den Ausnahmezustand, – nicht einfach als Freund/Feind-Konstellation, sondern:  du willst doch nicht, dass andere sterben? Oder gar du selber?

Und just da geht die Drohung vom Sterben zum Tod über. Die vier Regeln befolgen, ist für die meisten mehr oder weniger einfach. Eine Klassenfrage, keine des Gewissens oder der Bildung. Wer in einer engen Wohnung mit geringer Einrichtung und mehreren Kindern lebt, oder allein erzieht, oder gebrechlich ist, oder isoliert ist, leidet jetzt mehr als wir privilegierten, mit dem Park vor der Tür, dem Hund als Auslaufgrund, den Verwandten am Telefon oder Skype, dem dauernden Rattern der Mails. Viele, erfreulich viele, haben das erkannt und helfen so gut es geht, die allermeisten, ohne die Sonne öffentlicher Dankbarkeit und Anerkennung auf sich zu lenken. Prima. Aber gerade weil das irgendwie eine Zeitlang gut gehen kann, dürfen doch die Themen des Lebens, des Weiterlebens, nicht verdrängt werden.

Jetzt kommt die Pointe: Das Gerede um die Exit-Strategie, so pragmatisch notwendig es ist, hat doch wenig zu tun mit dem Weiterleben in der Klimakatastrophe, dem Weiterleben in den FlüchtlingsKZs zwischen der EU und dem Außen, dem Weiterleben im Bürgerkrieg in Syrien, dem Weiterleben zwischen drei Epidemien im Ostkongo etc. – die Liste ist viel länger! – nein, Exit ist keine Rechtfertigung dafür, die Welt aus den Augen zu verlieren und zu sagen: das hat alles Zeit. Nichts hat Zeit.

Bis zu einer Impfung werden viele Menschen an CoVid 19 sterben,  so viel ist ziemlich sicher und zu erwarten. Und das kann lange dauern. Vielleicht bleiben die vier Regeln auch in Kraft, für lange Zeit. Aber die Konstruktion des Todes wird jetzt schon benutzt, um Elemente des Ausnahmezustands für alle Zukunft zu befestigen. Schon die Drohung, dass nichts mehr so sein wird wie früher, ist eine  Gemeinheit, wenn man nicht dazu sagt, was sich ändern muss (außer einige grundlegende Reformen am Gesundheitssystem – siehe Expertise von 2012). Soll es denn so sein wie früher? Wir trauern ja dem Plumpsklo und dem Kopfsteinpflaster auch nicht nach…Es ist etwas anderes gemeint: Bürger und Bürgerinnen, gewöhnt euch daran, dass wir vorsorgen…ja, wofür? fürs nächste Virus? Gebongt. Haben wir bei HIV, SARS, Ebola etc. gemacht oder nicht gemacht? Siehe auch: Armutsfrage und Dritte Welt. Mehr Waffen exportiert als Gesundheit weltumspannend und transnational verbessert, und dann lässt man den Verbrecher Trump die WHO ruinieren (die hat auch Fehler gemacht, und? Ihr nicht? Nein). Alle Vorsorge steht über dem Virus. Das Mantra wiederholt sich nicht nur in den Blogs. Es wird im Raum stehen, wenn die Wirtschaft wieder „anfährt“. CO2? Feinstaub? Und: die Reorganisation des sozialen Zusammenhalts wird, hoffentlich, viel am Konsum einschränken bei denen, die das ordentlich ertragen, also bei uns, und das heißt nicht sofort wieder das Wirtschaftswachstum anfahren, wie das die Weisen prognostizieren und anordnen.

Was hat das mit dem Tod zu tun? Sehr viel, denn der Mythos der Todeskonstruktion lenkt natürlich ab vom elenden Sterben derer, die schwer geschlagen vom Virus sind. Was haben die Rundfunkanstalten von der Auferstehungshoffnung zu Ostern gedröhnt (um auferstehen zu können, muss man erstmal gestorben sein). Plötzlich sehnen sich viele nach der spirituellen Erlösung, die ihnen lange Zeit eher zweitrangig war, jetzt, wo sie einmal nicht in die ansonsten gemiedenen Kirchen dürfen. In den Predigten wird, Kennzeichen der Todeskonstruktion, Hoffnung mit Zuversicht verwechselt (–> Ernst Bloch hat dies immer wieder aufgebracht). Statistiken geben keine Hoffnung.

Wir brauchen beides: die empirische und damit auch bedenkenswerte Kategorie des Lebens zwischen Geburt und Sterben, das sind wir, da können wir abwägen, uns wiedersehn oder Abschied nehmen oder stoisch die letzte Prozedur jenseits der Patientenverfügung erwarten oder verhindern; aber jedenfalls uns freuen, dass wir geboren worden waren, dass wir geboren wurden, dass wir leben und gelebt haben.

Und dann den Tod, dessen gegenüber NICHT die Gebürtlichkeit ist, sondern eben das Leben, das, wenns uns oder andern nicht gefällt, in ihm mündet.

Glaubt Ihr das:

Es ist der Tod der tröstet und belebt ·
In dem wir einzig ziel und hoffen sehn ·
Er giebt den trank der uns berauscht erhebt
Und mut bis zu dem abend hinzugehn.

Er ist der engel mit magnetnem finger ·

Der wonneträume und des schlafes bringer ·

Damit er armer menschen lager glätte.

Er ist der götter ruhm das kornverlies
Des bettlers schatz und alte heimatstätte
Das thor zum unbekannten paradies.

(Baudelaire, übersetzt von Stefan George, 1901)

Das  Gedicht heißt „Tod der Armen“. Und das ist etwas anderes als die Ereignisse am Intensivbett.

Es ruft auf zu einer sich verlängernden, andauernden Situation nach dem Exit, nach dieser Krise, als wärs die letzte, obwohl wir in der anderen, dem Ende der Menschheit durch das –> Anthropozän, schon längst drin sind.  (ach so,  sind wir nicht? Die Börsenkurse steigen schon wieder).

Ich bin alt, und ich habe Panik nur nötig, wenn ich an meine Kinder, Enkelinnen denke und meine Familie und Freunde. Das heißt, dass ich mich leichter vom Mythos Tod trennen kann als die Jüngeren, denen die Ikone des Todes immer die Furcht mitgibt, ihr Leben könne verkürzt werden (oft haben sie ja Recht, bei uns und anderswo noch mehr).

Aber lest mal: https://www.sonnenseite.com/de/umwelt/schellnhuber-wir-riskieren-den-fortbestand-unserer-zivilisation.html (15.4.2020). Der Artikel begründet, was der Titel sagt. Sogar in der Jungen Freiheit findet sich ein Schatten davon, das gibt zu denken: https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2020/schellnhuber-wer-achtlos-co2-freisetzt-gefaehrdet-das-leben-seiner-enkel/ (dto). Ihr müsst die Zeitung sonst nicht lesen. Aber das, was Schellnhuber sagt.

Und nochmal: der Tod der Armen ist noch eine Allegorie dessen, was uns erwartet, wenn das Leben ungerecht und einseitig diskriminierend ist. Das Ende der Zivilisation heißt aber, dass die nach uns sterben die Verursacher ihres Verschwinden aus der Welt bestenfalls erinnern, aber nicht mehr kennen. Der Tod ist dann kein Richter.

unterJAMMERgau

Der Titel kein Witz. Ich höre mir im DLF Stückl an, den Intendanten der Oberammergauer Passionsspiele. Bin schwer beeindruckt von seiner dramaturgischen Aufgeklärtheit, inclusive der Variante vom großen Gescheiterten, Jesus, neben dessen vorbildhaftem Leben für die Gläubigen; auch sein Aktionismus gegen Antisemitismus, gegen die Frauendiskriminierung im Stück, gegen den Ausschluss von Nichtkatholiken vom Mitspielen…Manchmal sind die Basisgläubigen angenehmer als die Kreuzblasphemiker,  obwohl ja auch Söder im guten Sinn dazu gelernt hat. Seehofer nicht, leider hilft verfluchen auch nicht; aber seine Grenztrotteligkeit hilft nicht der Bekämpfung der Seuche, sondern nur den Nationalisten und EU Gegnern.  Der Titel ist kein Witz: es wird gejammert, wörtlich sagte gestern jemand „unser Wohlstand ist in Gefahr“. Ach ja. Und dass nur die Armen noch ärmer werden (Grundrente christlich in Frage gestellt), dass der Zusammenhang von Naturzerstörung und Virus (nicht nur Corona, alle Infektionen sind umweltinteraktiv auf uns Menschen übergesprungen…),dass es in guten Zeiten kein zurück gab, also auch nicht in schlechten, darüber wird gejammert.

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Das hebräische Tikkun heißt Reparatur, ewige Verbesserung, aber es meint nicht die Welt, sondern uns. Umkehr heißt nicht Rückkehr. Und damit kann man die Welt doch verbessern?

Keine Angst, ich bin nicht fromm geworden. Aber die vielen Anlässe in den Medien und in den Gesprächen über die Erwartung dessen, was uns erwartet, machen es sinnvoll, darüber nachzudenken, worauf die Menschen warten, worauf auch ich warte.

Mich beschleicht der Verdacht, nein, der schleicht schon länger um mich herum: es wird nach dieser Epidemie, nach diesem Ausnahmezustand, schnell wieder so werden wie vorher, nur noch restriktiver, noch unfreier, noch überwachter, noch nationaler. Faschisten wie Orban oder Klerikofaschisten wie Kaczinski sind die europäischen Vorbilder, aber von der Leyen tut nichts, wie sie schon vorher nichts getan hat – Röschen plappert halt gern. Aber das wäre ja dann nicht so schlimm, wenn sich Widerstand auf breiter Front abzeichnete, wenn sich Illoyalität politisieren ließe. Aber mich erinnern die Warnungen an die FdGO (wisst ihr noch, was das war? Die freiheitlich demokratische Grundordnung). Das Gericht wollte nicht, dass wir uns ihr kühl=distanziert, wenn auch formal korrekt unterwerfen.  Wir sollten sie auch noch gernhaben, an sie glauben.  Es reicht also nicht, die Gesetze und Regeln zu befolgen, man muss sie sozusagen in sich aufnehmen, verkörpern…haben wir nicht Ostern?

Glaubt jemand, dass eine Krise die betroffenen Menschen besser macht,  dass die Ethik einen festeren Grund bekommt, und die Moral weniger selbstisch wird? Warum sollte das eintreten? Noch keine Seuche hat das geschafft, nicht die Pest, nicht die Syphilis und nicht AIDS. Aber es hat sich ja etwas geändert: die Umweltbedingungen des –>Anthropozäns begünstigen Infektionen, die man schon besiegt glaubte (–> Harari: Homo Deus). Macht nichts, denke ich. Unsere Lebenserwartung wird leicht sinken, ebenso unser Lebensstandard…na und? Denkt an die, denen die Todesursache angesichts ihrer Lebensumstände ziemlich egal sein muss, weil sie ohnedies ihr mögliches Rentenalter nie erreichen können. Bei uns auch und in den armen Ländern sowieso. Die Sterbensarten sind allerdings nicht ganz gleichgültig, aber das geht vorbei, habe ich mir sagen lassen. Stirbt man nicht am Herzinfarkt oder am Krebs, sondern an einer Infektion, kann man nicht von Impfung zu Impfung sausen, weil halt immer neue Viren kommen und die alten nie ganz verschwinden. Es wird halt doch eine soziale und keine hygienische Frage, ob der Ausnahmezustand zur Normalität wird, und es nicht um die Lebenserwartung, sondern schlicht um Herrschaft geht, Orban, Trump, Seehofer, alles ein Stamm.

Merkel und Steinmeier appellieren an unsere guten Seiten, an unsere Empathie und Solidarität. Zu Recht, ist auch sympathisch der Tonfall, aber auch die beiden wissen, dass hier bestenfalls Hoffnung, aber wenig begründete Zuversicht im Spiel ist.

Lassen wir einmal die Krisengewinnler aus dem Blick. Vergessen wir die Abzocker, die die 6 Cent-Masken für 10 € verkaufen. Vergessen wir die kleinen Gauner, die jetzt unbeobachtet ihre Spiele treiben können, vergessen wir die Richtlinien für Pflegeheime, vergessen wir die alltäglichen Sicherungsmaßnahmen, für die wir Steuern zahlen, damit sie der Staat gewährt.

Denken wir lieber ans Größere, z.B. die EU: nichts macht die EU gegen die Faschisierung mancher Mitgliedsstaaten. Alle reden sich mit allem auf das Virus heraus. Klar, damit kann man uns zunehmend unterdrücken, loyal werden wir dadurch nicht. Ich erinnere mich an die Zeit, als AIDS noch unerforscht war und sich ausbreitete…nach ein paar Wochen wussten wir „alles“, auch dass es nicht heilbar war, und da schrieb BILD, es gäbe ein neues Virus, das achtmal gefährlicher als HIV war. Achtmal. Und wenn in einem halben Jahr wieder ein CoVid kommt, ein anderes? Dann wird man rechtfertigen, die Freiheitsrechte gleich gar nicht wieder hergestellt zu haben, denn jetzt sei man gerüstet. Natürlich muss das nicht so kommen, aber es kann, und es ist wahrscheinlich, dass die genannten Nationalisten, Faschisten und Autokraten darauf setzen. Vor 200 Jahren hieß das Biedermeier. Damals auch schon ungemütlich.

Wenn ich Unrecht habe, solls mir Recht sein.

(Übrigens kann man innerhalb der EU die meisten Grenzen nach wie vor unbemerkt und unkontrolliert überschreiten, wenn man nicht den Grenzübergängen den Vorzug gibt. Das Spiel ist ein anderes: Mir san mir, und ihr seids ihr).

Schatten. Sieg ohne Krieg

Schattenkrieg heißt ein gutes Buch von Ronen Bergmann über den Mossad.  Was ein Geheimdienst ist, wie er arbeitet, wie er Menschen und Moral herausfordert, und wo er Grenzen verlässt, wenn sich Menschen auf diese Grenzen verlassen.

Zur Zeit gibt es einen Schattensieg, der dem Virus zugeschrieben wird. Es ist ein Sieg über Politik, Moral und Menschenverstand. Das Virus wird vermenschlicht und institutionalisiert, und dann kann man ihm Verantwortung  und Handlungsfähigkeit zusprechen. 

Das Problem ist, dass wir uns in bestimmter Weise verhalten müssen, um andere und uns vor Erkrankung zu schützen, und dennoch nicht den einen oder andern Gott gegen das Virus eintauschen und mit ihm alles begründen, was wir sonst ablehnen würden. Das Virus wirft einen Schatten, und in diesem Schatten geschehen Dinge, die nichts mit der Krankheit und dem Schutz der Menschen zu tun haben. Beispiele:

  •  Die Einstellung des Loveparade Prozesses. Damals gab es ein Systemversagen, nicht einen, sondern viele Schuldige – und die gehen jetzt wahrscheinlich frei und gelten als unschuldig. Die vielen Toten bleiben unbegraben.
  • Unschuldig ruft auch der Papst zur Entscheidung, den mutmaßlichen Kinderschänder und Missbrauchsvertuscher Kardinal Pell als unschuldig aus dem Gefängnis zu entlassen, weil es zuwenig Zweifel an seiner Unschuld gab…damit kann man fast alle Täter, die beim Begehen der Tat nicht beobachtet werden, freilassen…
  • Der Faschist Orban und der Klerikofaschist Kaczinsky verstecken sich im Schatten des Virus und befestigen ihre autoritären Regime in unserer Europäischen Union. In unserer wohlgemerkt.
  • Die Grenzregime,  wie sie schon während der frühen Flüchtlingskrisen immer mehr nationalistisch gestaltet wurden – Deutschland und Seehofer sind nur besonders markante Akteure – zerstören auf lange Sicht die Einheit der Union.
  • In diesen Tagen ist der Konflikt um die Coronabonds und Eurobonds in der EU besonders widerlich, weil es dabei den nationalen Wirtschaften um künftiges Geld und nicht um künftige Solidarität geht (als ob es weitergehen würde, wie vorher –  Wirtschaftswachstum alter Ordnung wird herbeigebetet…). Dass die Reichen nicht den schwächeren Ländern wirklich helfen müssen bedeutet in der Tat, dass sie weniger haben werden als jetzt.  (Es gibt keine Pareto-optimale Lösung, für die Experten…).
  • Angriffe auf Klimapolitik, incl. CO2 Grenzwerte, wie schon in den USA beschlossen, auch bei uns.
  • Dass der irre Nationalist Trump jetzt die WHO aushebeln will, überrascht nicht: Gesundheitspolitik hängt auch mit dem Virus und seinen Ursachen zusammen.
  • Man braucht mehr als 6 Wochen, 1500 Kinder vor dem wahrscheinlichen Tod in den Flüchtlingslagern in Griechenland zu retten, von den 20.000 – 30.000 dort nicht zu sprechen. Die europäische Vormacht Deutschland zeigt sich hier so staubkriecherisch unfähig wie zur Zeit des Kalten Kriegs im Schutz eines anderen Schattens. Lang lebe Corona, das unsere Unfähigkeit  kaschiert. Heute (8.4.2020) wird beschlossen, 50 Kinder aufzunehmen. 

Das ließe sich verlängern. Egal, man findet immer etwas zu kritisieren. Sollen wir jetzt nicht zusammenrücken (Abstand halten)? Nicht kleinlich die Autorität untergraben, in deren Schutz wir überleben sollen? Was sind denn die Alternativen?

Wir können die Schwerpunkte unserer nach-Krisen Gesellschaft eigentlich alle, ausnahmslos aufrecht erhalten. Unser Verhalten wird sich nicht ändern, Kontaktbegrenzung, Isolation und Mundschutz,  mehr gibt’s nicht. Das ist aber auch richtig so, einschließlich Bedenken unserer Sterblichkeit. Aber: wir brauchen auch Politik: Die Krankenhäuser sind schlecht gerüstet (anders als die Propaganda),  die Krisengewinner freuen sich, Hamsterkäufer haben ihre Gezeiten, aber das war ja vorher auch so. Seit 2012/3 ist die Bundesregierung exakt im Bild, worauf sie sich vorbereiten soll, und geschehen ist nichts. Dass es nachher nicht mehr so sein muss, ist eine Frage der Politik. Und da geht es nicht um nachholende Dividenden, Bonuszahlungen und Arbeitsplätze im heutigen Komfort, sondern um Klima, Hunger, Krieg, Flucht und Asyl, Artenschutz.

(Übrigens zum letzten: nicht nur Corona hängen auch davon ab, dass Übertragungen auf die Menschen durch Verkleinerung der Naturräume begünstigt werden).

Also: Tretet aus dem Schatten raus, das Virus ist kein Geheimdienst.

Orthodox und Unorthodox

UNORTHODOX ist ein vieldiskutierter Film. Einige Rezensionen sind überaus positiv, einige kritisch. Eine, von Alan Posener, habe ich mir herausgesucht, weil sie exemplarisch einige Probleme aufzeigt, die uns hier in Deutschland wirklich beschweren: wachsender Antisemitismus, der sich in vielen Punkten vom allgemeinen Rassismus unterscheidet, aber auch vom Antiislamismus; das Problem, Kunst anders zu reflektieren als Dokumentation oder Reportage; das Problem, mit jüdischen Themen exemplarisch anders umzugehen als mit anderen – sowohl was coming of age als auch ethnokulturelle Differenzen betrifft. Und dann Berlin…Vor vielen Jahren sagte Ignaz Bubis zu mir, anlässlich der Einführung Jüdischer Studien an der Universität Oldenburg: was sollen wir 100.000 eigentlich beanspruchen, es gibt 3 Millionen Türken (das war vor über 20 Jahren), wir sollten bescheiden sein, wenn wir etwas für uns fordern, aber wir sollten es für alle Menschen fordern.

Und Berlin…ist es die leichtlebige Metropole, die manche sehen wollen, oder ein neuer Schmelztiegel, der alles hat, was Multikultur braucht?

Und heute: nicht alle jüdischen Probleme, mehr als genug gibt es ja, lassen sich linear oder kausal mit und aus der Shoah erklären, religiös oder säkular.

Antisemitismus oder Ambiguität

Alan Posener hat seine Verdienste als konfliktfähiger Publizist, er ist keiner, der von den prekären Rändern aus ein Cliché bis zum Überdruss bedient. Sein Artikel in der WELT vom 3.4.2020 ist zu ambig, als dass man ihn mit einer Gegenrezension außer Kraft setzen könnte. Dennoch halte ich ihn für fatal. Mein Vorwurf: die Antisemitismus-Keule wird aus jüdischer Feder gerade nicht gegen die Antisemiten geschwungen, sondern gegen die teilweise noch lange nicht aufgearbeitete Geschichte  der Überlebenden der Shoa, inclusive „Survivors‘ Guilt“, teilweise gegen die seltsame Vermengung von Ritual und Folklore bei den Gruppen, die wir zu Recht Ultra-Orthodox nennen und bei manchen Orthodoxen. Es geht um den Film „Unorthodox“ bei Netflix, jiddisch, m.U.

OriginaltitelUnorthodox
ProduktionslandDeutschland
OriginalspracheJiddisch, Englisch, Deutsch
Jahr2020
Länge53–55 Minuten
Episoden4
GenreDrama
RegieMaria Schrader
IdeeDeborah Feldman
DrehbuchAnna Winger,
Alexa Karolinski
ProduktionAlexa Karolinski
MusikAntonio Gambale
KameraWolfgang Thaler
SchnittHansjörg Weißbrich,
Gesa Jäger
Erstveröffentlichung26. März 2020 auf Netflix

Posener fasst die Geschichte perfekt zusammen: „Es geht um die Selbstbefreiung einer jungen Jüdin aus ihrer ultraorthodoxen Community.“  Schon dazu müsste man sofort einige Informationen geben, um das wichtige Wort Selbstbefreiung zu verstehen:  Esther (Esty) ist 19, als das geschieht, und sie flieht nicht „aus ihrer Heimat New York in die multikulturelle Weltstadt Berlin“, sondern sie flieht aus der Satmarer Gemeinde in Williamsburg in New York – Noch hat New York, was Multikulturalität und Weltläufigkeit einen kleinen Vorsprung vor Berlin, aber sei’s drum. Und was die Satmarer betrifft, muss man schon ihre Besonderheit innerhalb der ultra-orthodoxen Communities (von Posener gut gesetzter Begriff) genauer kennen.

Auch wenn wikipedia nicht meine Grundlage ist, ist der Artikel wichtig, auch was die zahlenmäßige Übersicht über die Sekte betrifft und einen Hinweis des von Posener ausdrücklich gewürdigten Hannes Stein: https://de.wikipedia.org/wiki/Satmar (6.4.2020) und Hannes Stein: Die Parallelwelt der ultrafrommen Kinderschänder. Die Welt, 14. November 2014.

Natürlich sollte man die Quellen,  vor allem Deborah Feldmans originale autobiographische Bücher, v.a. Unorthodox. Eine autobiografische Erzählung. Secession Verlag für Literatur, Berlin 2016, ISBN 978-3-905951-79-0. kennen: hier wird nicht 1:1 gefilmt und verarbeitet. Auch kommentiere ich ausdrücklich nicht die ersten zehn Verweise beim Aufruf von „Satmar“ bei Google – überreichliche Literaturhinweise bis in die heutigen Tage  (bis auf eine Meldung: 26.03.2020 – Anhänger der Satmarer Sekte in New York verletzten Corona-Regeln – die Angst vor Antisemitismus wächst, von Daniel Killy: https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/ignoranten-und-suendenboecke/ (6.4.2020). Genug der Einleitung. Ich habe fünf Kritikpunkte an Alan Poseners Artikel anzubringen, und dann eine Betrachtung zum Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs.

  1. Die Eingangsmetapher – eine muslimische statt der jüdischen Parallelgesellschaft – ist eine missglückte Parodie, wenn Aisha aus Berlin nach New York flieht (nicht nach Williamsburg…), und zwar, weil die Rahmenbedingungen nicht übertragbar sind. Zu Recht verweist Posener darauf, dass bis jetzt die ultraorthodoxen jüdischen Gruppen in New York mehr Freiheitsraum gehabt haben als in Berlin,  aber die Verhältnisse zwischen den respektiven Umgebungen und verschiedenen muslimischen Gruppierungen (und deren Konflikte untereinander und mit der deutschen Umgebungskultur) sind weder religions-soziologisch noch migrationstheoretisch zu vergleichen. Sei’s drum…was er meint ist klar: dass wir mit der analogen Geschichte der  muslimischen Aisha anders umgehen würden als mit der jüdischen Esty) – aber ob dies „anders“ den Vorwurf des antimuslimischen Rassismus auf sich ziehen würde, bezweifle ich – außer bei bestimmten ideologischen Gruppen, die gerade nicht differenzieren: siehe mein Résumé.
  2. Eine tatsächlich irre Szene: die Berliner Freundesgruppe, grad einmal konstituiert, geht zum Wannsee schwimmen.  Esty geht fast voll bekleidet ins Wasser und entledigt sich dort ihres Sheitls, der Perücke (zur ersten Information: https://www.gra.ch/bildung/gra-glossar/begriffe/judentum/juedische-kopfbedeckungen-inkl-kippa-und-sheitl/ (6.4.2020).  Posener kritisiert, dass einer der jungen Männer aus der Gruppe Esty auf das gegenüber liegende Haus der Wannseekonferenz hinweist.  Ich interpretiere das so: er wollte der jungen Jüdin sein Wissen und seine Sensibilität beweisen,  aber nicht eine politische Aussage machen, wie sich junge Berliner gegenüber ihren jüdischen Gesprächspartnerinnen verhalten sollen. Mein Eindruck: Esty wusste nicht, worum es sich handelt. Und hätte der Junge nicht ins Wasser springen sollen?
  3. Posener behauptet, dass „es für jede Esty, die nach Berlin kommt, fünf Jüdinnen und Juden gibt, die aus Europa nach  Israel oder Amerika fliehen, weil sie sich hier bedroht fühlen“. Das ist mehr als Chuzpe. „nach Berlin“, aber „aus Europa“ sind zwei ganz verschiedene Sachen.  Die Einwanderungsbilanz nach Berlin ist eindeutig positiv. In einigen von mir betreuten Arbeiten und aus meinem Umfeld weiß ich mit Bestimmtheit, dass die Gründe, nach Berlin zu kommen sehr vielfältig und teilweise kontrovers sind (es gibt auch religiöse Begründungen, aber auch solche, dem religiösen Umfeld zu entkommen, und es gibt eine Attraktivität, die mit Religion nichts, aber mit dem kultivierten urbanen Raum viel zu tun hat) – und nur „Wir haben es so herrlich weit gebracht, dass nun die Juden vor ihresgleichen bei uns Schutz suchen“. Ja, Alan Posener, das gilt für etliche Muslime/innen auch, und ja, das ist ein anderes Deutschland als die bleiche Mutter. Das kennen die Jungen oft so wenig wie die Wannseevilla – Historisierung ist keine Erfindung der Antisemiten.
  4. Fördert denn der jüdische Miethai den Antisemitismus? Ist der Cousin mit Pistole und Bordell-Connections auch ein Verfestiger der Clichés? So ein Unsinn. Warum sollen wir jüdischen Menschen nicht genauso vielfältig und ausdifferenzieren wie Christen oder Muslime oder – die gibt’s auch – Menschen ohne Religion? Ich denke, Netanjahu, Shaked, Liebermann, Bennett u.a. befördern, wenn man hierzulande zur Kenntnis nimmt, was sie tun, den Antisemitismus weit mehr. Und wenn Clichés befestigt werden, dann muss man wohl ihre Grundlagen bloßlegen und dekonstruieren – meine beste These dazu ist:“ Der Antisemitismus macht Juden“ (Daxner 2007).
  5. Der wichtigste Punkt, sich mit Posener auseinanderzusetzen ist aber sein Hinweis auf die Said-Barenboim-Akademie. Zunächst: Barenboim ist nicht Said. Dann: auch ich habe starke Vorbehalte und Kritik gegenüber Said, aber der war nicht einfach nur Israel-Hasser, sondern ein fast prekärer, aber vielfältiger Wissenschaftler. Das aus dem Kontext genommene Said Zitat über die Religion des Islam, die den Mord an Juden erlaube, kann man auch so lesen, dass alle Religionen – die jüdische inbegriffen – extreme Auslegungen erfahren (haben), die genau dies erlauben, immer mit einem Deus lo vult versehen, Gott will es. Jedenfalls übersteigt das die Geschichte von Esty und ihre Umgebung um eine Dimension, die weder im Buch noch in der Serie so zu finden sind, dass z.B. die Beziehung zu Israel (und damit zur komplizierten Barenboim-Verbindung dahin) thematisch werden sollte. Wenn Posener das will, kann man das sicher machen, ich bin dabei, aber dann nicht mit der Geschichte von Esty verquirreln, noch etwa den jüdischen Miethai mit dem Ergebnis der Klavierstunden…(die spielen für Estys Emanzipation ja doch eine Rolle).

Coda: Als deutsch-österreichischer jüdischer Kosmopolit  habe ich mich mehr 50 Jahre lang mit dem Thema Antisemitismus persönlich, familiär und wissenschaftlich auseinandergesetzt, wobei letzteres oft mit den persönlichen Gefühlen und Assoziationen kollidiert.  Es geht mir dabei immer um beides – um Religionskritik und um die soziale Konstellation im Judentum nach der Shoah. Religionskritik setzt Achtung nicht außer Kraft, und die Rituale sind nicht Folklore. Auch nicht bei den Satmarern. Aber die haben z.B. weder halachisch noch säkular das Recht, sich über die Grundrechte von Frauen und Kindern hinwegzusetzen, und Moishes Nebensatz von den „Zwei Thoras“  verweist eben auf das Dilemma aller dogmatischen Religion. Dass sie in den USA, und auch anderswo sich zu einer verbreiteten chassidischen Sekte entwickeln konnten, hängt mit dem Phänomen zusammen, dass zentrifugale Kräfte pluraler Religionen immer auch, auch!, eine Drift zu den Extremen begünstigen.

Die Wiederbelebung der Satmarer nach dem Krieg und also nach der Shoah ist ein ganz schwerwiegendes Problem. Die Shoah als Strafe (eines) Gottes für den säkularen Lebenswandel davor ist kein neuer, aber ein blasphemischer Gedanke für die, die glauben, und ein kontrafaktisches Argument für die, die nicht glauben. Da aber die, die aus der Shoah gerettet wurden oder sich gerettet haben, nicht mit dem Maß zu messen sind, wie die jüdischen Überlebenden, die sozusagen neben der Shoah, unter wie schwierigen Bedingungen auch immer, überlebt haben, fällt hier ein Urteil über die ersten beiden Generationen Satmarer schwer. Aber wie ist es danach, jetzt? Dazu sollte man sich die Diskussion nach dem Abspann, u.a. mit Deborah Feldman und Anna Winger anschauen.

Der Film verstärkt weder den real existierenden Antisemitismus noch die spöttische Betrachtung der Satmarer von Außen. Er verweist darauf, dass die Grundrechte auch dort geschützt werden müssen, wo die Religionsfreiheit eigentlich schon zu Ende ist. Das ist ja bei uns auch der Fall. Nur kann Grundrechte nur in Anspruch nehmen, wer sich an sie selbst gebunden fühlt – Ultraorthodoxe aller Konfessionen, hört.

Zu Posener: ein Versuch, Wert durchdacht zu werden; auch Wert kritisiert zu werden.

Frohe Ostern, Chag sameach Pessach

  • Daxner, M. (2007). Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg, merus.

Ein Maskenball

Nicht nur in Deutschland: “Scouring the globe in a free-for-all for masks
Here’s what the global market for face masks and other protective gear now looks like: hasty deals in bars, sudden calls to corporate jets and fast-moving wire transfers from bank accounts in Hong Kong, the United States, Europe and the Caribbean.
Governments, hospital chains, clinics and entrepreneurs are looking everywhere for the protective gear during a huge shortage — paying five times the price for N95 masks — and a new kind of trader has sprung up to make it all happen”. (New York Times, 2.4.2020)  

Unsere Groko&16 Länder haben von der Maskenpflicht Abstand genommen, weil es schlicht keine Masken gibt, auch kein Desinfektionsmittel, auch weniger Klopapier, auch keine Brotbackhefe…nicht etwa, weil die Masken zu wenig schützen. In Österreich werden Masken vor den Supermärkten verteilt. Aber Deutschland war ja immer gut vorbereitet auf ALLES: diese Selbstüberhöhung  rächt sich jetzt, wenn man in VIELEM gut ist, meint man, ALLES zu bewältigen. Diktatoren machen Profit mit sekundärer Nächstenhilfe (China für Italien, Russland für Italien). Das wird sich auswirken, denn wie könnte man China wirkungsvoll kritisieren, wenn es so selbstlos das tut,  wozu die EU verpflichtet wäre, aber nicht in der Lage ist, weil die Nationalisten längst in allen Ritzen des fragilen europäischen Gebäudes sitzen.   Ungarn und Polen mausern sich zu regelrechten Diktaturen in der EU: kaum ein Wort des Protestes, bis auf Asselborn aus Luxemburg sagen auch die hochrangigen Politiker nichts, man will ja nicht „spalten“.     * Ich will jetzt nicht die bereits mehrfach geleierte Litanei loswerden, sondern nachfragen, ob und wie die Verwechslung von Ausnahmezustand und Normalität auf uns wirkt. Vorgestern im Blog habe ich den Anordnungsstaat kritisiert, der den Bürgerinnen und Bürgern verantwort-liches Handeln abnimmt, obwohl es oft im kurzfristigen Effekt auf das Gleiche herauskommt, wenn das, was getan werden soll, mit diesen Menschen kurzfristig ausgehandelt wird; Strafandrohungen sind lächerlich, weil sie leicht zu unterlaufen wären, würden die Menschen das fundamentale Misstrauen verdienen. Jetzt strahlt Frau Klöckner, weil sie meint ich wollte auf die Freiwilligkeit hinaus. Nein, weil dazu wenig Zeit bleibt.  Auch Einsicht kann Menschen zum Handeln veranlassen, aber doch nur, wenn sie wirklich wissen worum es geht. Und da sind die pathetischen oder ausweichenden Sprechblasen vieler Politiker bzw. ihrer Anordnungen ehr ein Appell ans Skepsis und Misstrauen. Auch bin ich kein Defätist. Nicht die Anordnungen sind schlecht, sondern der Rahmen, in dem sie erlassen werden.  Dieser Rahmen heißt Demokratie, Grundrechte, und vor allem, die Bedingungen für die Beendigung des Ausnahmezustands. Dazu muss man wissen, was man sich als Normalität vorstellt, und dies wiederum ist nicht die Normalisierung als Ergebnis quantifizierender Durchsetzung von Machtansprüchen – das haben wir immer so gemacht, das ist doch von den Meisten so akzeptiert, das ist alternativlos eindeutig – sondern der Rahmen, in dem wir unsere Freiheit wirklich leben können, sie also solidarisch und zu den anderen Menschen hin offen leben. Konkret heißt das unteranderem, die Handlungen, die der Anlass gebietet – das Coronavirus – genauest möglich zu beschreiben, und damit fast Schluss: weltweite Vergleiche und Politiken anderer Länder mögen interessant sein und uns politisch „bewegen“, aber was hier zu tun ist, wissen wir und müssen uns entsprechend verhalten. (Seit ungefähr drei Wochen, mit geringen Variationen). Die Maßnahmen der Politik sind solche, die in Notfällen angemessen sein sollten, und es überwiegend, aber keinesfalls immer und überall sind.  Aber es sind keine, die unser Verhalten maßgeblich verändern können – es sei denn, die faule Begründung gegen den Mundschutz wird politisch ernst genommen oder auch die Ablehnung zu testen, die einzig auf das Fehlen von Testkits zurückzuführen ist, aber nicht schlüssig medizinisch begründbar ist – gleich wohl medizinisch gerechtfertigt wird. Ebenso konkret haben wir ein Recht darauf, dass den Krisengewinnlern – von saloppen Altenheimen bis zu neuen Dopingmöglichkeiten und Mundschutz-Preissteigerungen von 0,45 bis 12,00 € pro Stück – auch und während der obigen Maßnahmen Paroli geboten wird. Und wir haben ein Recht darauf, dass neben den Folgen des Anlasses die globale, europäische und lokale Politik wenigstens thematisiert wird, nicht nur Klima, Flüchtlinge, Hunger und Krieg,  sondern auch die Faschisten innerhalb der EU, die fast unbemerkte Lockerung der Abgasbedingungen in den USA, der evangelikale Unsinn geöffneter Kirchen, und die globale Verfestigung autoritärer Strukturen, die sich die unscharfe Erwartung von Normalität zunutze machen, um den Ausnahmezustand zu normalisieren. Da gibt es natürlich bisweilen Warnungen, aber leise, leise. Aber es wäre schön, wenn die Themen und die Schwerpunkte der Ursachenbekämpfung zerfallender globaler Ökonomie und Kultur wenigstens die Hälfte der medialen Politik einnehmen könnten, meinetwegen auch in digitalen Seminaren, damit wir uns nicht den Coronatalkshows auch noch unterwerfen müssen. Denn Unterwerfung ist es, sich mit einem halbwegs sinnvollen Verhalten um die Gegenwart zu kümmern, und von einer Zukunft, die wir ohnedies nicht erleben werden,  abzuwenden. Unsere Enkel werden von uns so reden, wie wir von der Pest im Mittelalter oder von HIV nach 1979. Aber wir werden das nicht wissen, das ist ein wenig der Hedonismus derer, die wenig zu verlieren haben.   Lest Kurt Kister in der SZ: Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Deutscher Alltag SZ 2.4.2020   Free-for-all masks – wir dürfen auf jeden Ball gehen!

Hunde Hamsterhunde

Eilmeldung:

Bekanntlich berät die Bundesregierung mit den Ländern über Dauer und Ausgestaltung der Kontaktbeschränkung genannten Ausgangsreduzierung.

Ein Beschluss hat wie ein Hundehalsband eingeschlagen: ab heute, 1. April 2020, 22.00, dürfen Einzelpersonen nicht mehr ihre Wohnung verlassen, sofern sie über 35 Jahre alt, deutschen Ursprungs und tief ernst sind. Einzige Ausnahme: wer einen Hund hat, darf zwischen 19.00 und 24.00 Uhr aus dem Haus und mit diesem Tier spazieren gehen. Der Radius ist weiter als der in Moskau (100 m), aus Tierschutzgründen, aber weniger weit als auf Grönland (4 km).

Kurz nach Bekanntwerden dieses Beschlusses haben sich hunderttausende Deutsche vom Hamstern von Klopapier, Nudeln, Desinfektionsmitteln und Gesichtsmasken umorientiert und haben Tierhandel, meist Tier-online-Versand, gestürmt. Schon um 17.00 h gab es keinen Jack Russell und keinen deutschen Schäferhund mehr, von kleinsten Rattlern und Pinschern ganz zu schweigen.

Umgehend haben die Tierhändler Höchstverkaufsmengen von 1,5 Tieren pro Besteller festgesetzt und eine Prüfung der Personalien durch dafür vom Zoll bzw. den Länderinnenministerien bereitgestellten Kontrolleuren veranlasst. 2,8 Millionen Hunde dürfen ab heute zusätzlich mit ihren BesitzerInnen auf die Straße, sofern die ersteren einen Maulkorb und die letzteren eine Maske gegen hündisches Aerosol tragen.

Proteste der Katzengruppen auf facebook und der Vereinigung der Hauspythonbesitzer gingen ins Leere: die können während der Krise auch am Fensterbrett frische Luft schnappen.

A propos schnappen: per Erlass wird eine auf die Dauer der Ausgangsbeschränkung befristete Beissamnestie für rezent erworbene Hunde festgelegt, die aber nicht für Althunde gilt.

So gut gehts uns.