Konzentrationslage?

Wir sind wieder bei den Vergleichen. Sie müssen sein. In einem Beitrag von Thilo Kössler im DLF heute Morgen (14.5) vergleicht eine Menschenrechtsanwältin der USA die Kindergefängnisse der Trump-Verwaltung mit KZs. Das war gut begründet. Es sind Geheimanlagen, mit Kontaktsperren, militärischem Reglement, unzugänglich für die Öffentlichkeit – Lager für Kinder, die von ihren Eltern getrennt waren. Allmählich sickern Berichte darüber durch, das Lager „Tornio“ (?) ist mittlerweile aufgelöst. Menschrechtswidrig, rechtswidrig, Kinderschutz-Konventions-widrig.  Unser Partner USA.

Von anderen Ländern erwartet man nichts anderes, muss trotzdem mit ihnen reden. Ungarn, Österreich (Nazi-FPÖ mit Kickl, Strache, Gudenus…), und andere sind auf dem besten weg dahin, und bei Seehofers Rhetorik fehlt nicht mehr viel. Aber da gibt es eben den Unterschied: hier gibt es Barrieren der rechtsbewussten Öffentlichkeit, der Kritik, Seehofer kann und darf nicht, wie er will. USA ist etwas anderes. Ein Autokrat hebelt eine insgesamt doch der besten unabhängigen Justizsysteme aus, das präsidiale Dekret erledigt ein Stück Demokratie nach dem andern, Richter werden in großer Menge nach Wohlverhalten gegenüber Trump ernannt. Und der amerikanische Botschafter in Deutschland, ein unerträglicher Exekutor der Wünsche seines Herrn, verdient es, binnen 24 Stunden aus dem Land geschmissen zu werden.

Zunehmend die Frage: wie verhalten wir uns, wenn die USA den Großen Krieg wieder anzetteln,  wie bei Irak? Wird die EU zusammenhalten, und wer hält sie zusammen?  Weber mit Orban? Macron mit den Liberalen?

Und die andere Frage, mein Ausgangspunkt: sind die Außengrenzen und die Flüchtlinge und das Asyl tatsächliche Ursache für die Verluste an Zivilisation und Rechtsstaatlichkeit, oder die Folgen einer fundamental falschen globalen Politik mit falschen Prioritäten?

Ich denke, dass die Klimakatastrophe und das Artensterben mehr mit den Flüchtlingen zu tun haben als die wirtschaftlichen Katastrophen in den Herkunftsländern. Dass  aber wir zu dieser Katastrophe mit unseren Waffenexporten, mit unserem Arbeitsplatzfetisch (zu Lasten anderer), mit unserer bräsigen Ermahnungsphilosophie aus dem Lehnstuhl der Wohlstandsverwahrlosten einen fatalen Beitrag leisten, sollte man immer wiederholen.

KZ-Neuauflage. Ein Auschwitzüberlebender hat vor ein paar Tagen die Ertrunkenen im Mittelmehr mit den Opfern der Gaskammern verglichen. Ein starker Vergleich, vielleicht zu hart? Für die ertrunkenen Menschen ein Menetekel, das den Salvinis und Seehofers einen unruhigen Lebensabend bescheren soll.

Jüdischer Einspruch IX: Antisemitismus und Armut – Gelber Stern, gelbe Weste

Alain Finkielkraut, auch einer, der früher links war und sich seit längerem den konservativen Zweifeln am Multikulturalismus und anderen Emanationen der unabgeschlossenen politischen und kulturellen Aufklärung anschloss, einer von vielen. Sehr klug, sehr bekannt (Academie francaise), ein öffentlicher Intellektueller. Er hatte von Anfang an die Gelbwesten unterstützt.

Dieser A.F. wird am Rande einer Gelbwestendiskussion erkannt, angegangen, grob antisemitisch beschimpft. Als Reaktion beschwichtigt er nicht, aber implizit sieht er zwei Bewegungen: die legitime periphere der „Abgehängten“, die richtig auf die inadäquate Politik reagieren, und diejenigen, denen der Protest die richtungslose Agitation ihrer Ressentiments erlaubt (meine Zusammenfassung, begrifflich sieht das Im Französischen anders aus). Ich nenne diese zweite Gruppe Pöbel, und eine anti-plebejische Abneigung – hat nichts mit Frankreich zu tun –  bricht durch: warum liegt der Antisemitismus nicht nur bei den etablierten Parteien so knapp unter der Oberfläche, sondern auch bei den „Bewegungen“, die oft als Populismus verharmlost werden, ober die Verweigerung aus Unzufriedenheit ausdrücken – und wieder sind die Juden mit schuld? Finkielkraut analysiert in seiner Antwort auf die Frage die Delegitimierung der Bewegung durch zukunftsloses Sektierern (ich sage in Deutschland nur „Aufstehen“!). Eine Verallgemeinerung wäre: nicht nur was ist, zählt, sondern was tun? ist eine Antwort suchende Frager, an deren Ausgang Politik für die Zukunft, nähere wie ferne, stehen sollte. Nur: da könnte man statt Juden auch Kapitalisten, Oligarchen, ENA-Absolventen, Wirtschaftsweise oder Radfahrer sagen. Nein, die Juden.

Macron hat Finkielkraut sofort verteidigt (richtig), aber auch als Symbol der republikanischen Kultur (fragwürdig), denn die wird ja von den Populisten in Frage gestellt.  In ungeformtem Widerstand. Und die Juden? (Ihr wisst, dass pro-aktiv nie von Juden, sondern nur von jüdischen Menschen spreche). Das Konstrukt „Jude“ kann beliebige Leerstellen besetzen, es passt anscheinend immer.

(John McAuley: Low Visibility. NYRB 21.3.2019, 58-62): Lesenswert und erschreckend.

Und dann, eine Nummer später setzt die NYRB einen drauf: Jason Farago rezensiert Edouard Louis (J’Accuse! NYRB 18.4.2019, 22-26). Lesenswert und deprimierend. Vor ein paar Tagen haben wir in der Schaubühne „Im Herzen der Gewalt“ gesehen, Regie Ostermeyer, blenden in Szene gesetzt, aber die Hauptfrage offen: wenn er sich aus der Diskriminierung als Schwuler herausarbeitet, wenn er sich aus dem von links nach rechts schwenkenden Lebensumständen der Abgehängten in die Eliteschulen hinausarbeitet und an der ENA studiert, wenn der dann auch noch einen ambigen Rassismus trotz allem seinem Sexualpartner gegen zeigt, und ihn zugleich verteidigt,  weil Polizei, der Saat, die da oben usw. noch viel schlimmer sind – und dann viel deterministischer als je bei Bourdieu alls auf Klasse, Herkunft, Habitus und die sozio-genetischen Wurzeln schiebt (nur sich selber nicht, weil er das ja analysiert), dann wird das nicht veränderbare Unbehagen wirklich deutlich. So gings uns nach dem Theater, so geht es Farago, so geht es Louis selbst.  Aber wenn der gegen erwiesene Homophobie und Rassismus der Gelbwesten einwendet, die Kritiker meinten gar nicht dies, sondern sagen immer nur „Arme Leute, haltet das Maul!“, dann geht das natürlich daneben. Louis schreibt einmal: Schwulenhass = Armut. Auch das ist amputiert. Nur stimmt die Umkehrung nicht, da müssen wir uns in Acht nehmen.

Was aber aus all dem deutlich wird, dass Antisemitismus eine Folie darstellt, auf der verschiedene gesellschaftskritische und -ablehnende Aggressoren ausgebreitet und angeordnet werden können, dass Armut und Isolation eine solche Folie ist, auf der auch der Antisemitismus ein Puzzlesteinchen darstellt usw.

  • Die Hartnäckigkeit des Antisemitismus kommt auch aus der Konstruktion von Juden, gar im Singular „des Juden“. Ich wiederhole mich: seit Jahrhunderten sind die „Juden“ als Spezies, als soziale Gruppe Produkte des Antisemitismus, und ist nicht dieser das Produkt jüdischen Verhaltens, jüdischer Moral und Ästhetik;
  • Die Politik der israelischen Regierung unter Netanjahu und dessen Unterstützung durch Trump fördert die Camouflage des Antisemitismus als „Israelkritik“, gerade bei linken Antisemiten. Dabei übersehen die meisten, nicht nur linken, Kritiker, dass z.B. in der Iranfrage ja reale Gefahren für Israel, nicht für „die Juden“ bestehen, und dass in Israel jüdische Demokraten erheblich unter Druck von jüdischen Nicht-Demokraten stehen. Im Übrigen verstärkt diese Konstellation die Konstruktion der Juden.

Was gerade aus Frankreich aktuell angesprochen wird, gilt in Variationen für viele Gesellschaften in Europa. In vielen Diskursen gibt es eine jüdische Funktion von Katalysatoren gesellschaftlicher Ungleichheit und Konflikte, unabhängig von der Realität oder auch Absurdität solcher Zuordnungen; es ist eher eine Funktionalisierung der Juden als eine direkte Schuldzuweisung, aber immer mit dem „Die sollten es eigentlich besser wissen“ (als Opfer) oder sie „wissen es besser“, weil sie sich dem Opferstatus aktiv entgegenstellen – und, paradox, „Täter“ werden).

Die Gegenmaßnahmen gibt es, manche sind sinnvoll (Antisemitismusbeauftragte in Bund, Ländern und Kommunen; Curriculumreformen etc.). Das „Wachhalten“ der Erinnerung an die Shoah erscheint mir zu kurz gedacht und gesprungen, weil a) die Zeitzeugen rar werden und b) die Historisierung der Shoah unvermeidlich ist, also nicht politisch umgangen werden kann. Es kommt darauf an, das kollektive und kulturelle Gedächtnis immer wieder neu und kritisch zu formen, und dabei hilft die Shoah immer weniger (was die junge Generationen an sich nicht tragisch nimmt, weil das Wissen über den Holocaust notwendig weniger und transformiert wird). Vor allem hilft es nicht, dem Antisemitismus eine gesteigerte jüdische Identität entgegenzustellen, die sich aus der Desintegration (Max Czollek) in ein Selbstbewusstsein begibt, dem das Gegenüber fehlt. Die Shoah bleibt – bei uns – noch lange präsent, aber sie ist nicht die Grundlage einer Politik gegen den Antisemitismus, im besten und wünschenswerten Fall ist diese Erinnerung etwas, das unsere Kultur, unser ziviles Verhalten, unsere Urteilsfähigkeit stärkt: das wäre viel. Den Antisemitismus und seine Subtexte zu decouvrieren, ist mindestens so wichtig. Das ist nicht nur Forschung. Auch die Aufmerksamkeit gegenüber den antisemitischen – und nicht nur rassistischen, xenophoben, deutschthümelnden – Stereotypen ist notwendig; Aufmerksamkeit und Sorgfalt gehören zum Inventar einer guten politischen Diskursstrategie ebenso wie zur selbstkritischen Beobachtung der eigenen Handlungen und Argumente (was beim israelischen Fall besonders dringend und wichtig ist, damit wir nicht in eine unauflösbare Ambiguität gegenüber dem jüdischen Staat, dem einzigen, verfallen.

Nachsatz: es ist kein Zufall, dass ich die meisten Belegstellen der New York Review of Books (NYRB) ISSN 0028-7504, entnommen habe, einem der stärksten kritischen Organe des freien Teils der USA. www.nyrb.com: Ja, das ist Werbung. Typisch jüdisch, was? So kann Bildung auch für Gebildete sich fortsetzen.

 

Kevin allein bei Gabriel

Kevin Kühnert hat mit seinem Interview in der ZEIT seiner Partei Ärger gemacht. So,  wie kurz davor Boris Palmer Claudia Roth auf die Palme gebracht hatte. Nur war das bei Palmer ein etwas anderes Niveau. Aber Kühnert allein zu Haus hat schon wichtige Fragen angesprochen, vor allem gegen die Markttrottel ausgeteilt, die den Art. 15 unserer Verfassung kippen wollen.

Die SPD ärgert sich, Ironie und Ablehnung halten sich die Waage (Kahrs, Scholz, uuaah). Aber Gabriel, der glück- und geistarme Ex seiner Verliererpartei, schießt einen Vogel ab, der ihm noch einmal schwer auf den Kopf fallen soll.

Gabriel bringt Kühnert in die Nähe von Trump; er zeiht ihn, ja was, des Populismus a la Trump, er, Kühnert, ignoriere Fakten. www.tagesschau.de/inland/gabrielkuehnert-sozialismus-101.html. Ich hatte von Kühnert nie viel gehalten, aber er denkt schnell, spricht gut und legt Finger in die richtigen Wunden (konstruktiv habe ich ihn nie empfunden). Seit gestern bin ich ein relativer Fan von ihm.

Wenn Siegmar Gabriel Kühnert mit Trump vergleicht, mit diesem pathologischen, sexistischen, rassistischen Exekutiv-Verbrecher (der nur höflich behandelt wird, weil er reale Macht hat und Herrschaft ausübt), dann überschreitet er drei Linien: a) die des gebotenen Anstands, man kann auch sagen: guten Benehmens. Ich schimpfe ja auch gerne (siehe letzten Blog), aber man sollte wissen, wann wo wie und vor allem auf wen. Wenn Kühnert Trump analog handelt, was sag ich dann zu Bolsonaro, Orban, Kaczinsky, Erdögan und andern Faschisten und Kriminellen?. Ich müsste „zulegen“, das widerstrebt mir… b) die der Fakten. An Kühnert ist vieles unrichtig, unrealistisch, aber nie populistisch. Eher links konservativ und wenig handhabbar; c) er grenzt dort aus, wo die Theorie zur materiellen Gewalt werden kann, wenn es die Massen ergreift, um gleich zu Marx zu greifen. Es geht natürlich um Gewalt, die vom Art. 15 ausgeht, gegen die Wohnkonzerne Deutsche Wohnen, Vonovia etc.; gegen die Glyphosatverbrecher in den Chemievorständen; gegen die Umweltkraken in den Auto-Vorständen. Leider, das spricht gegen Kühnert, hat das Klima, die Natur etc.  aus seinen Argumenten ausgeklammert, weil er nicht danach gefragt wurde, wie er nachträglich sagte. Aber er steht natürlich gegen Trump und dessengleichen, wenn es um die Massen geht, die ergriffen werden müssen, um die Verhältnisse zu verändern.

Nun, Siegmar Gabriel. Wenn seine gemeiner blöder Vergleich der SPD schadet, soll mir das recht sein: vielleicht würde sich die Partei dann schneller erneuern als mit Nahles und ihm. Eine gute SPD brauchen die Grünen als Juniorpartner schon,  wenns mit den Schwarzen nicht reicht. Kühnert sei Dank.

Friedens-Loja Dschirga in Kabul beginnt mit Eklats

It is a pity (and a shame) that official voices and political statements miss the points: German government is active in the deportation business as never before (and the minister in charge does not reflect the consequences of this brutal policy). There is a clear link between some country policies towards Afghanistan and the security and emotional situation; which will produce more refugees, more diaspora, and more „underground“. AAN is one of the few voices one can trust in this context. thank you.

Avatar von Thomas RuttigAfghanistan Zhaghdablai

Hier eine ausführlichere Version meines Artikels für die taz (Online am 29.4., in der Druckausgabe am 30.4.19) zur Friedens-Loja Dschirga („Große Ratsversammlung in Afghanistan: Ghani will jetzt beim Frieden mitreden“), die am Montag (29.4.19) in Kabul begann. Bei taz-Redaktionsschluss war auch noch nicht gemeldet worden, dass der erste Tag der Versammlung weniger harmonisch verlief als geplant – meine Ergänzungen zum taz-Artikel [in eckigem Klammern].

In der taz gibt es darüberhinaus noch den Beitrag „Gespräche sind keine Hochzeit“ von Emran Feroz aus Kabul und Doha über die abgesagte Gesprächsrunde zwischen einer Delegation mit Regierungsvertretern aus Kabul und den Taleban in Doha.

Am Nachmittag des 29.4.19 kam es bei der Friedens-Loja Dschirga zu heftigen Disputen im Saal und schließlich zum vorzeitigen Abbruch des ersten Tages. Foto: Pajhwok

Friedens-Loja Dschirga in Kabul beginnt mit Eklats

Afghanistans Präsident Ghani ringt um Zugang zu den US-Taliban-Gesprächen und versucht, sich als Repräsentant der Friedenshoffnungen…

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Darf man Trottel sagen?

Wann sollen Wölfe abgeschossen werden dürfen? Über diese Frage verhandeln Umwelt- und Landwirtschaftsministerium seit langem erfolglos. Jetzt schaltet sich nach ARD-Informationen das Kanzleramt ein.(ARD online 3.5.2019). Na, Gott sei Dank. Dass die Kanzleramts Trolle nichts zu tun haben, wissen wir. Aber dass sie doch etwas tun gegen die Wölfe, ist neu….)

Die Selbstzensur entscheidet gegen Beschimpfungen, wenn schon Erziehung und Gefühle hier versagen.  Wie soll man mit einem sprechen, wenn man ihm schon gesagt hat, er sei ein Vollidiot (schlimmer noch: ein Halbidiot) oder er soll sich ficken…geht gar nicht? Der Einwand #1 ist, dass man alles, was man sagt zurücknehmen kann, es ist nur nicht sicher, ob es hilft. Aber die berühmte Entschuldigung hat schon ihren Platz im Habitus. Einwand #2 ist, dass man sich selber prüfen kann, warum man ausgerechnet dem Menschen X ein Schimpfwort Y zuordnet, wenn doch Z ein viel besserer Adressat wäre. Und dann entweder #1 anwendet oder eben die Beschimpfung so lässt, wie sie ist.

Ich schreibe euch das, weil ich mich bei Selbstgesprächen in meinen einsamen Spaziergängen oder Fahrradfahrten oft bei gräulichen Schimpffluten ertappe,  die ich einem abwesenden Schurken entgegenschleudere, sozusagen eine Fortsetzung der befreienden Wirkung einer Schnupftabakprise.

Die Spannung steigt, der Drang wird groß –
Nur still! Gebt acht! – Gleich drückt er los!
Haptschi! – Wer schnupft und dieses hört,
Der findet es beneidenswert.
Denn was die Seele dumpf umhüllt,
Wird plötzlich heiter, klar und mild.
Ja! – Sehr erheitert uns die Prise,
Vorausgesetzt, daß man auch niese!
(Wilhelm Busch: Und die Moral von der Geschicht)

Die selbstbefreiende Kraft des Schimpfens mit dem provozierten Säubern der Nase vergleichen? Das geht dann, wenn die Seele auch ein Organ mit Schleimhäuten und Nerven ist. Aber in einem Fall betriffts nur mich? – „Ihr Schnaufen stört, Herr Nachbar!“, „‘tschulgung“. Und bei meinem Trotteltraktat geht’s um einen andern, und vor allem: öffentlich?

Nun ist mein Bedürfnis gar nicht so, einzelne Menschen tatsächlich zu beschimpfen, das kann man oder man kann es unterlassen. Aber es gibt beschimpfbare Kollektive, Gruppen, die oft von einem Menschen repräsentiert werden, z.B. die Umwelttrottel von Herrn Scheuer, der selber kein Trottel sein muss; (was ist mit den lügnerischen Lungenärzten des Herrn Koehler?); oder die Mobilitätstrottel von der Autolobby, oder die Vergiftungstrottel von Bayer Leverkusen, wo die Direktoren Baumann und Wenning nur für Glyphosat stehen, aber der Trottel gibt es viel mehr, bis zu den Anwendern. (Trottel ist ein Schimpfwort zweiter Klasse, nicht ganz so schlimm wie…, aber ärger als Depp oder Löhli).

Ich bin auf das Thema gekommen, weil ich mich in Deutschland zunehmend von Wolfstrotteln umgeben, gar bedroht fühle. Die Wölfe kommen….sie sind schon da….sie fressen unsere Schafe und Kälber, sie bedrohen unsere Kinder, die im Wald herumlaufen, sie werden unsere Hunde auffressen,…ach die Wölfe. Kinder dürfen nicht mehr in den Wald, Bauern kassieren Prämien, damit sie nicht auf ihr Vieh aufpassen müssen, Jäger lechzen danach, einen Wolf zu schießen, und natürlich macht die Nachfolgeorganisation des Reichsjägermeisters Wahlkampf mit dem Wolf: der teutsche Baur muss geschützt werden. Da ist eigentlich alles gesagt, außer dass die Deutschen Hunde von Wölfen schlecht unterscheiden können; außer dass sie nicht wissen, wie man Mensch und Tier vor den Wölfen schützt (auch das ist nötig); auch dass man bestimmte wilde Wölfe immer schon schießen durfte und musste; außer dass diese Form von Natur dem automobiltrotteligen Volk besonders fremd ist. Darf ich nun abstrakt von Wolfstrotteln sprechen?  Ich darf, ich muss.

*

Nun wird in meinem Blog oft geschimpft. Das ist eine Äußerungsform, die es seit Urzeiten gibt, die eher zivilisatorisch gezähmt, aber nie überwunden wurde. Wer schimpft, klagt an, oder klagt gerade noch nicht an. Schimpfen ist Warnung und Abgrenzung zugleich. Geht man mit einem, den man gerade Trottel genannt hat, sogleich ein Bier trinken?

Gestern und heute, 2. Und 3. Mai, verfolge ich, wie sich die Wolfsangsthysterie mit ihrer übermäßigen Volksverhetzung auch anderswo abbilden lässt. Kevin Kühnert ist der Wolf. Ausgerechnet Scheuer, der hirn-mäßig mäßigste Minister, erklärt uns was retro ist, und der rechte SPD-Funktionär Kahrs twittert in bester Trump-Manier gegen seinen Parteifreund. Um es klar zu machen: die meisten von Kühnerts Sprüchen sind taktische Wahlkampfrhetorik für den linken, d.h.  in seinem Fall: konservativen (denn das sind seine Sprüche) Flügel junger Wähler*innen – oder es sind Aussagen, die stets richtig in unserem Konzept von Demokratie waren, und gegen die nur die Markttrottel (FDP) sein können (Art. 15 Grundgesetz).

*

Schimpfen hilft auch der Abregung, gegen dieses trottelige dauernde Empört euch. Ich kann Zorn politisieren, Ironie, Pathos…Empörung ist die unpolitische Variante der Ablehnung von System (ich rede jetzt nicht von psychologischen Redepraktiken, da kann und muss man schon „empörend“ sagen dürfen und können).Empörung als Haltung, die sogar in den Habitus übergeht, ist die Abkehr von der Politik, von der Vita activa. Wo hören die Empörten auf, ihre Liste weiter zu schreiben?

 

 

 

NAZIS…die Welt VOR dem Ende?

NAZI-Welt….Die Welt VOR dem Ende?

Die Sonderzeichen machen das… und ?, und die Großbuchstaben.

Um es klar zu machen, für meine Leser*innen und die BLOG-Kommentare. Ich verwende bewusst und gezielt den Begriff NAZI für autoritäre gegenstaatliche Bewegungen, wie die Nazis VOR 1933, um deutlich zu machen, dass mit 1945 oder dem Ende mehrerer späterer faschistischer Diktaturen und nationalsozialistischer Effekte keineswegs Gefahr und Plattformen für derartige Bewegungen aufgehört haben zu existieren.  Ich provoziere damit nichts anderes als die Reaktion auf einen Befund, der Wahrheits-haltig ist. Auch wenn es schmerzt,  z.B. dass in Österreich eine Nazipartei regiert, de facto den reaktionären christsozialen Mehrheitskanzler austrickst; auch wenn es schmerzt, den stumpfen Antifaschismus der Poststalinisten als Gegner und nicht als Verbündeten zu begreifen, die haben das „sozialistisch“ im NS bis heute nicht verstanden; auch wenn es schmerzt, sich von der symbolischen Abgrenzung, dem Widerstand durch Empörung oder Resignation, durch spontane Reaktion oder Isolation distanzieren zu müssen, um politisch klar denken zu können.

Und: bei aller Vorliebe für komplexe Gedanken zu komplexen Themen ist nicht die Zeit zur philosophischen Differenzierung und Feinarbeit eines Zustands, in dem wir  zu Recht von der gestundeten Zeit sprechen können, einem großartigen Begriff von Ingeborg Bachmann.

*

Die Attacke der österreichischen Nazis auf den Journalisten Wolf ist nur ein Beispiel für die perfide Vorbereitung der Machtübernahme. (SZ 30.4., ORF 29.4. u.a.). Es geht um Pressefreiheit, aber auch um mehr: haben NAZIS das RECHT, die GRUNDRECHTE auszuüben? Nur weil sie da sind? Nur weil viele von ihnen gewählt wurden, demokratisch, wie es heißt? Nur weil sie sagen, was sie zu denken vorgeben? Es liegt am „Nur“ und nicht ausschließlich am Einzelfall, der geprüft werden muss, in jedem Fall.

Gegeneinwand der abwägenden Pluralisten: müssen es denn immer gleich Nazis sein? Es reicht doch, diese Leute als Rechtspopulisten zu bezeichnen? Verharmlost man die Nazis nicht? Nein, vor 1933 wäre diese Frage noch radikaler zu stellen; es mussten schon damals die Nazis und nicht einfach die DNVP sein, die Nazis und ihre Unterorganisationen. Aber man darf auch die Schnittstelle zur KPD nicht vergessen. Und die Gegner der Nazis, Demokraten meistens, aber nicht nur. Der Weimarvergleich ist wichtig, weil die Umstände so verschieden von heute waren, aber viele Erscheinungen der radikalen Rechten und ihre schwachen, schmalen Gegner sind doch verblüffend (?) analog. Woher kommt das? Und woher kommt die globale Neigung von Menschen, sich a) als Volk zu begreifen und b) gegen ihre Interessen und ihr Wohlergehen autoritäre, umweltzerstörende, militaristische Führer zu wählen, – die es ihnen nicht einmal danken werden. (Geht’s den Ungarn unter Orban besser? Wird der Regenwald unter Bolsonaro eine dauerhafte Ressource sein? Gibt es in den USA weniger Verbrechen, seit Trump die NRA umarmt?).

Dazu kommt das Gegenteil von rechter Weltverschwörung. Was mich irritiert, dass man jeden Tag in den meisten glaubwürdigen Medien Belege für diese globale Verrohung findet, dass die Nazis, ob AfD, FPÖ oder Salvini, meist nicht einmal Gerichte bemühen, um sich vom Vorwurf des Tatsächlichen zu befreien, sondern mit zwei Fingern auf ihre Wunden zeigen wie weiland Christus: seht her, ich bins, seht her, das ist es.  (Wer den Vergleich blasphemisch findet, sollte ihn einmal ausloten in Bezug auf das Selbstbewusstsein des zur Verteidigung Unwilligen).

Ich denke, dass es hinlänglich viele und genaue Analysen dieses Zustandes gibt, die aber wenig Antworten eben auf die Frage geben, warum die Menschen – „die Menschen“? die Bevölkerungen? Das Volk? Hier liegen noch ein paar Stolpersteine – warum sie also diesen Tyrannen Macht und Legitimation geben. Das zu ergründen, lohnt alle Wissenschaft. Meine Vermutungen teile ich hier nicht mit, weil sie zu unscharf und vorläufig sind. Aber als Phänomen kann man sagen: jetzt, angesichts von Finis terrae, vor dem Erstickungstod der Erde, mehren sich die Zeichen, Vorboten der Apokalypse. Nur braucht es keiner Metaphysik, um sie zu erkennen – und meist haben die Nazis mit dem Ende der Welt nichts zu tun. Um eine Metapher zu gebrauchen: die Nazis kommen an die Macht, damit wir den realen Weltuntergang nicht mehr erleben brauchen – oder, um durch Gewalt schnell als durch den Klimawandel allmählich zugrunde zu gehen. Ja, kommen sie denn an die Macht? Anscheinend schon. Und ihr Gehilfen, die dummen, bösartigen oder auch nur verblendeten Mächtigen – nicht die Herrschenden, sondern ihre Vollstrecker – besorgen ihr Handwerk, sie schieben ab, sie salben die Waffen- und Autohersteller, sie servieren die Gifte zum Frühstück und zum Souper, sie verpesten und erschöpfen und verzögern alles, was leben will. Und sich nicht wehren kann oder will, schon resigniert hat oder keinen Ausweg weiß. (Und keine Metapher wäre es, vorzuziehen, dass wir kämpfend untergehn als kampflos verröcheln; pathetischer Blödsinn).

Und dann sind sie da, die Nazis, die Kickls, Gudenus und Straches in Österreich, und kein Karl Kraus lässt Gott sprechen: „Ich habe es nicht gewollt!“. Nein, die Wiener werden den Heldenplatz wieder füllen, wenn der Richtige am Balkon der Hofburg erscheint.

*

Jetzt reichts aber. In der Hofburg sitzt ein Demokrat, Alexander van der Bellen, vor ihm saß dort ein anderer Demokrat, Heinz Fischer. Beide gewählt und  Garanten der anderen Seite, der Hoffnung, der demokratischen Republik.  Auch das ist richtig. An keiner Stelle habe ich behauptet, dass diesen Nazis gar kein Widerstand entgegen gesetzt wird. Ich frage nur, wie er sich artikulieren soll, um diesem Pack eine neuerliche Erklärung der Menschenrechte, ein neues Asylgesetz, eine neue Umweltkonvention entgegen zu setzen und dann – regieren. Natürlich: Macht auszuüben, das zu tun, was die res publica uns nahelegt. Das kann schwierig werden, schwieriger als es jetzt schon ist, das kann Gewalt verlangen, jedenfalls mehr, als jetzt als legitim angesehen wird, das kann Entscheidungen erforderlich machen, die uns privat, persönlich nicht attraktiv erscheinen. Wir werden das überleben, aber für uns machen wir das gar nicht mehr. Sollen unsere Enkel einst, wenn sie es erleben, auf unser silbernes Zeitalter zurückblicken.

Gebt den Nazis also nicht die Freiheit, die sie uns zu nehmen und zu zerstören drohen. Freiheit ist keine linke Backe. Und was meinen Begriff Nazis betrifft. Das ist nicht einfach eine Bezeichnung für „Rechte Gewalt“, es meint eine Entwicklungsstufe der stagnierenden zivilen Evolution. Aus der Lethargie sollte man sich mit dem Gegengift befreien, dass nicht nur wir kein zweites Leben haben, sondern die nach uns auch nicht. Nützen wir die gestundete Zeit.

Auferstehung? War gestern.

 

  1. Lamento in einfacher Sprache

Die Medien sind voll davon – Auferstehung als Metapher für wirkliche Geschichten, Religion ohne Gott und ewiges Leben, und womit man sich die Leerstellen im eigenen Bewusstsein halt zu füllen pflegt. Ich fang ja auch damit an; Auferstehung, das ist so eine Konstruktion, wie sie viele alte Religionen irgendwie verarbeitet haben, im Frühling wird alles neu, Stirb & Werde GmbH, und ist ja auch gut, wenn bei jeder Reform der Grundgedanke einer bestimmten Politik wieder aufersteht.

Ihr merkt schon, ich mag den Begriff nicht.

Gerade zurück aus Zentralasien, aus Kirgisien.  Was dort in zehn Tagen zu sehen, erfahren und er-fahren war, würde mehrere Blogs füllen. Statt dessen schreib ich einen Reisebericht, und wer von den Bloglesern ihn haben möchte, möge sich melden. Nun gibt es aber einen Bezug zur Auferstehung, gerade jetzt, eine Woche nach dem christlichen Ostern. In Kirgisien, fast überall im hintersten Winkel, wenn es nur TV und Handy gab, konnte man wie eine Unterstimme den Schrecken der Tage erfahren: Sri Lanka, Mozambique, Kabul, Durban, Netanjahu, Nordirland; immer wieder Trump, Kim, Putin und ihresgleichen, man mag sie nicht mehr aufzählen. Der Brand von Notre Dame de Paris erscheint da fast wie ein Naturereignis, harmlos. Die Welt ist politisch aus den Fugen, und man soll sich auf eine herrliche Natur, komplizierte Gesellschaften und den Wandel der Zeit konzentrieren? Und dann leuchtet einem die Auferstehung in die Bibliothek der Aufmerksamkeiten.  Es muss sich alles, alles ändern…tut es aber nicht. Der Kreuzestod hat nichts und niemanden erlöst, nur den Begriff der Erlösung beschädigt. Der Frühling ist durch den Klimawandel auch nicht mehr, was er einmal war.

Ganz unsinnig ist der Begriff ja nicht, wenn man in Reformen auferstehen ließe, was man vorher verbaselt hat oder in die falsche Richtung getrieben. Ja, aber wer macht das? Kaum jemand wagt es, sich auferstehen zu lassen, weil das hieße: sich zu exponieren, in Frage zu stellen, was angeblich bis jetzt zu unser aller Wohl doch irgendwie geraten war; und in Frage stellen kann heißen, bestehende Ordnungen – die nur in sich anarchisch sein können, aber feste Außengrenzen haben – aufzusprengen. Der Begriff ist mit Absicht gewählt. Wenn die europäischen Konservativen mit dem Orban-Freund Weber auferstehen wollen, fällt dem Dumpfel nichts Besseres ein als die europäischen Außengrenzen, die man sichern müsse. Wenn man die Demokratie stärken will, dann gilt es Außengrenzen zu den Nazis in den Parlamenten (bei uns) oder, wie in Österreich u.a., in den Regierungen festzulegen. Heikel, weil das immer die Potenziale von Gewalt in sich trägt. Das sind zwei verschiedene Außengrenzen, evident. Dass die EU-Außengrenzen ein Produkt der innenpolitischen Diskurse sind, eine Konstruktion,  die vom  Innen und Außen lebt, muss man bedenken, wenn man das eine und das andere nicht verknüpft. Auferstehung: wenn der Geist, der Antrieb, zur Verbesserung der Welt = Politik, Globalisierung usw. auferstehen soll, dann fragt sich in welchem Zyklus – Das Jahr ist zu wenig und schon eine durch das Klima beschädigte Metapher; wenn ich den Lebenszyklus von Geburt und Sterben nehme, ist Auferstehung ein Problem: normal ist, dass vor den Kindern die Eltern sterben. Nun ist es aber weniger wahrscheinlich, dass die Kinder ihre Eltern am endgültigen Klima verröcheln sehen werden als dass diese Kinder verröcheln, vielleicht auch die Enkel oder Urenkel, und die Schuldigen an diesem Sterben sind längst tot (und keine Ewigkeit erlaubt ihnen, sich ihre Untaten anzuschauen). Was bei uns die Scheuers, Seehofers, Vassiliades, Lindners….anrichten, ist die Auferstehung des Untergangs. Kann man philosophisch schöner und genauer beschreiben. Was global daran ist, dass unter Trumps pathologischer Zerstörungswut die Auferstehung der Vereinten Nationen, die Reform von NATO und WTO so unmöglich wird, wie unter Putins zaristischer Selbstherrschaft die Demokratisierung seines Landes, ist schon bedenklicher, wenn unsere Regierungen diesen Autokraten Hand-  und Spanndienste leisten. Ich kann die beiden unterscheiden und weiß, dass und wie sich Abwehrpolitik gestalten könnte. Das wissen andere auch. Aber in Trumps Enddarmschlingen kann man immer noch vom, Bündnis quasseln, anstatt zu handeln. Jedes Appeasement mit diesen Autokraten bringt den Krieg vor dem klimatischen Ende der Welt näher. Und das ist ja nicht mehr so fern.

Das ist ein Einblick in die Gedanken, die mich auch Angesichts schöner Berge, frühblühender Wiesen und lebendiger Städte nicht losgelassen haben. Und jetzt bin ich wieder in Deutschland und stelle fest, die Auferstehung vorige Woche hat nichts gebracht.

  1. Was kann geändert werden – nicht „Aufstehen“, sondern „Handeln“

Vom Ende der Welt wollen die Empörten nichts wissen, statt dessen verlagern sie die politische Korrektheit von rechts auch nach links, die Hauptsache, niemand ist beleidigt. Die ZEIT hat drei Auferstehungsgeschichten geschrieben, die erfreulich heißen könnten: das Leben geht weiter unter besonderen Bedingungen, die zum Zeitpunkt des Einbruchs in diese Gewissheit das nicht erwarten haben lassen. Von Auferstehung keine Spur, ebenso wenig bei der nach Kohlsuppe riechenden Bewegung „Aufstehen“.

Es geht darum, den Nazis das Handwerk zu legen, und ihren sich links und radikal gebenden Wiedergängen zu begegnen. Schaut nach Österreich: die sind schon weiter, Nazi-Minister wie Kickl und Kneissl und Parteifunktionäre wie Gudenus und Strache unterscheiden sich von der Hitlerei vor 1933 in einem nicht: sie sind gewählt – und meinen damit, Ausländer konzentrieren zu dürfen, Flüchtlinge schikanieren zu können.  Das Gewähltsein allein verleiht noch keine demokratische Legitimation, und das ist die erste Lehre aus der Vergangenheit.

Demonstrieren und Aufstehen sind keine Gegengewalt. Von unserer Regierung kann man verlangen, dass sie die Zusammenarbeit mit den globalen Partnern verändert, die den Rahmen dafür schaffen, dass auch im Land  die rechtspopulistischen Kräfte gestärkt werden. Also: wer vor Trump buckelt (wegen meines lieben Hundes sage ich nicht, hündisch buckelt), befördert natürlich die nationalistischen Kräfte der Europagegner genauso wie die Zuwendung der AfD Nazis zum russischen Geheimdienstler Putin. Man kann nicht gegen die Amerikaner? Ach, da hätten wir ganze Kataloge – was bei Harley Davidson wirkt, kann auch noch ganz andere Dimensionen annehmen. Und unterhalb von Trump gibt es in den USA noch Gerichte und Medien, die oft besser funktionieren als unsere Wirtschaftspolitik. Die zweite Lehre ist: man bleibt oft in Bündnissen, aber nicht mit der gleichen Intensität, Loyalität und Unterwerfung. Was lange Jahre nach 1945 und sicher bis 1989 und danach richtig war, muss heute nicht mehr stimmen. Natürlich haben wir andere Beziehungen zu den USA als zu Russland. Aber das heißt nicht, dass man auf zwei Gegnerschaften gleichermaßen verzichten muss, nur weil schon eine anstrengend ist. Es wird noch mehr geben, und das ist einer der Gründe, dritte Lehre, warum die EU unverzichtbar ist, auch als Friedensprojekt, aber auch und ganz wichtig, um der eigenen Position Nachdruck zu verleihen, den großen und kleinen EU-Feinden gegenüber.

Das hat mit Auferstehung mehr zu tun, als manche jetzt denken. Ich blöke da ja nicht Revolution oder Gelbe Hemden. Ich will nur nicht, dass meine Kinder und Enkel erleben, was sich als Wiederkehr des von vielen noch Erinnerten darstellt. Das, was uns – mit Scharten, Brüchen, Defekten – nach 1945 zur Demokratie gebracht hat, das Republikanische in Europa, liegt im Augenblick auf dem Krankenlager. Auferstehung heißt, Reformen durchsetzen – oft kontrafaktisch. Gegen die Marktwirtschaft und gegen den autoritären Ständestaat neuer Prägung. Ja, wie dann? Haben wir doch in vielen Bereichen bewiesen. Nicht so wie Österreich, das in seine schwarz-braune Vergangenheit zurückeilt und dabei Menschenrechte und soziale Mindeststandards nachhaltig zerstört – mit Billigung von großen Teilen der Bevölkerung. Wie dann?

Ich habe mehrfach UK Preuß zitiert, der die Konstitution des Volks aus der Bevölkerung als Voraussetzung dafür darstellt, dass das Recht vom Volk ausgehen kann, dass wir das Volk sind. Das geht nur mit Finis terrae Argumenten und mit der harten Hand von Fakten, eben weil der Markt nichts reguliert: kein Klima, keine Wohnungen schafft, und keine Flüchtlinge integriert. Dem Blödsinn der FDP Propaganda kann man in der Tat mit dem begegnen, was Habeck, Baerbock, aber auch Kretschmann und Palmer, schon in Angriff nehmen. Und wovor die Große Koalition Angst hat, weil sie „im Felde unbesiegt“ zugrunde gehen möchte, lieber als die Auferstehung der Demokratie mitzugestalten. Ist das zu starker Tobak? Schaut nach Wien.

Jüdischer Einspruch X: Nochmals linker Antisemitismus

Geschrieben vor Schließung der Wahllokale in Israel am 9.4.2019; bevor wir also wissen kann, ob Benjamin Netanjahu oder Benny Gantz die stärkste Fraktion führen werden, und bevor wir wissen welche Koalition ansteht.

Update 10.4.: es sieht so aus, als ob Netanjahu mit seinen rechten Koalitionären die Politik weiterhin bestimmen wird. Das ist ziemlich schrecklich, man kann eigentlich nur auf einen ISRAELISCHEN FRÜHLING hoffen, der demokratische säkulare und nicht nationalistisch gesinnte israelische Bürger_innen aller Ethnien zusammenschließt. Ich behaupte, dass eine solche Bewegung durchaus wahrscheinlicher ist als in nicht demokratischen Staaten der Umgebung,und vielleicht sogar erfolgreicher werden kann. Allerdings stelle ich auch fest, dass Netanjahus und seiner Verbündeten Wahlsieg nicht zuletzt das Resultat von sozial „Abgehängten“ ist, deren Zurückschlagen aufgrund ethnischer und kultureller Differenzen vorhersehbar war (Großer Unterschied zu unseren „deutschen“ Populistenund Identitären).

Bevor ich das Wahlergebnis, wenn überhaupt, kommentiere. Ich bin in letzter Zeit in heftiger Kontroverse mit einigen Parteikollegen, nicht -freunden, über den linken Antisemitismus (den es angeblich nicht gibt, und der in der Israelkritik der Linken nicht vorhanden sei). Eigentlich lohnt es nicht, gerade heute darauf einzugehen, aber mich regt diese Sturheit der Geschichtsverbiegung schon auf. Ich habe im Jüdischen Einspruch mehrfach darauf hingewiesen. Muss also hier nichts wiederholen – einfach zurückblättern im Blog.

Nun will Netanjahu die Siedlungen auf der Westbank dem Staatsgebiet Israels eingliedern, ermutigt durch Trumps Anerkennung des Golan als solches. Das ist natürlich nicht richtig. ABER: genau das hatte ich seit Jahren vorhergesagt, nicht wegen der Koalition von Likud mit rechtsnationalen und ultra-orthodoxen Parteien (Gott hat da aber auch gar nichts verloren), sondern wegen der logischen Weiterentwicklung eines Staatskonzepts, das gar nicht anders kann als die Bedrohung von Außen (also die meisten arabischen Länder und einen palästinensischen Staat) in eine palästinensische Bedrohung von Innen zu verwandeln, wenn man dafür einigermaßen Ruhe mit den arabischen oder islamischen Nachbarn hat (Kommt darauf an, auf welche Interpretation man sich einlässt). Dass es die Westbank gibt, dass es den Gazastreifen gibt, dass die Konflikte so sind, wie sie sind und nicht anders, liegt in der Vergangenheit insofern, als man das Jahr 1947 nicht genutzt hat, die Kolonialgeschichte der ganzen Region (Osmanisches Reich, England, Frankreich) ganz aufzuheben und die Region mit einem Staat Israel neu zu ordnen. Dazu ist es bald zu spät gewesen. Die dauernden Legenden über die Schuld von Zionisten, religiösen wie säkularen, über die Schuld (an) der Nakba, am Islamismus usw. sind ebenso verkürzt wie eine Neubewertung der Rolle der USA  bei der Gründung des Staates Israel und später bei der einseitig taktischen Unterstützung des Staates im internationalen Geflecht, wie später auch die sowjetische und ganz anders die autokratische Rolle von Putin-Russland die Akzente verschoben haben.

Der Umweg des linken Antisemitismus, der ja ganz massiv auf die Verbindung von Judentum und Kapital(ismus) und auf die Konfrontation mit einer (angeblich nicht kapitalistischen, sondern ???) Umgebung von Israel aufbaut, erfolgt über das Völkerrecht oder über eine Umkehrung von Beweislasten durch eine Parteinahme für „die Palästinenser“, die weder humanitär noch demokratisch, sondern ethnopolitisch – und anti-israelisch ist. Die Wurzeln dieses Amalgams aus Antisemitismen sind vielfältig und können hier nicht ausgebreitet werden. Was die Ressentiments anheizt ist, dass nun Netanjahu wahrlich weder besonders demokratisch noch besonders friedensfreundlich noch besonders rechtstreu ist – er ist ein Reaktionär, der sich einer seltsamen Mischung von Nationalisten, oft faschistoiden, und religiösen Sektierern bedient, was aber im Rechtsstaat Israel bislang noch, mit einigen Schrammen, eingehegt werden konnte. Trumps Sprengung von Schutzräumen dieser Demokratie und die Unterstützung von arabischen Ländern für Netanjahu im Kampf gegen den Iran sind da viel bedrohlicher.

Was linke Argumente betrifft, so ist die Hamas kein legitimer Gegner Israels, so sind die staatlichen Sicherheitsbedürfnisse Israels nicht schlechter als die anderer souveräner Staaten, so sind die Araber nicht die prädestinierten „ewigen“ Verlierer eines epochalen Zweikampfs.  Dass Israel heute sehr vielweiter rechts steht (innenpolitisch) als in den 50er-80er Jahren, hat ganz andere Gründe als die gegenwärtige Konstellation, die die Folge von massiven Verschiebungen in der Position dieses Staates sind. (Ich kann nur darauf verweisen, wie hellsichtig Tony Judt das schon sehr früh gesehen hat, und wenn man sich die religiöse Landschaft ansieht, dann muss man wohl Jeshajahu Leibovitz lesen (schon 1953), bevor man sich zu Recht auf Amos Oz „Judas“ (2014)einlässt, um dann zu seinen früheren  Werken des Friedens zurückzukehren). Dass es einen jüdischen Staat gibt, ist auch eine Folge von Antisemitismus seit 1700 Jahren, nicht nur eine Folge der Shoah; und dass der Zionismus, des stalinistischen Ostblocks liebster Feind, nur eine Variante genau des Antisemitismus ist, der im christlichen und faschistischen Westen auch als Kapitalismus daher kam in Verbindung mit dem Christusmord und der unsympathischen Einwanderung, das  liegt ja tausendfach belegt vor. 1947 war ein Glück, und hätte eins für alle werden können, auch für alle Araber in der Region. Die Konstruktion des Palästinensischen Volkes wird demgegenüber überhaupt nicht dekonstruiert, d.h. man meint zu wissen, was und wer die Juden sind, aber man ist ziemlich unklar darüber, was und wer die Palästinenser sind. (Das gilt nicht für interne Analysen, die eine bestimmte ableitbare Definition vorgeben, sondern für die Verallgemeinerung des Begriffs im politischen Alltagsdiskurs, und da changieren die P. sehr viel mehr als jüdische Israelis bei der Hauptvariable: Muslime, Araber, eine eigene Ethnie, territorialdefiniert oder Teil eines größeren Zusammenhangs…). Jüdische Israelis werden oft entweder durch die Religionszugehörigkeit oder durch ethnische Ableitung (jüdische Mutter) definiert, und z.B. Binnendifferenzierung entlang von religiösen Praktiken oder aber der wichtigen Trennung ashkenasischer versus sephardischer Herkunft).

Was hat das mit meinem Aspekt des linken Antisemitismus zu tun? und was mit der Trivialität, dass jüdische Menschen wie alle anderen auch Populisten, Faschisten und politische Idioten sein können, und die jüdische Geschichte keine Immuntherapie gegen all das war. NUR: Israel ist weder ein faschistischer noch ein imperialistischer noch ein populistischer Staat, noch ist die israelische Gesellschaft durchweg populistisch. Und indem dies übersehen wird, nutzen die linken Antisemiten, unter dem Deckmantel der Solidarität mit den Palästinensern, die Israelkritik als ihre Argumentationsbasis.

Dass die dauernde Ablehnung durch die Umgebung, die  dauernden Angriffe auf israelisches Territorium, die dauernde Isolierung des Staates im internationalen Kontext den sozialen und den kulturellen Kontext verdecken, macht die Sache nicht leichter. Aber man könnte sich die Mühe machen, das einmal differenziert aufzublättern, das würde übrigens den Palästinensern mehr als gute Worte helfen, ihnen, die ja so wenig alle Hamas sind wie die Israelis Anhänger der gewaltsamen Ultrareligiösen. Dass das Land innenpolitisch nicht mehr „links“ ist, mag man bedauern – ich bedaure es – aber es im sozialen Durchschnitt nicht markant „rechter“ als viele EU Staaten. Nur hat das alles im regionalen Kontext sehr viel mehr Brisanz als zwischen Wien und München und Budapest.

Am 30.11.2018 habe ich einen Blog gepostet: Jüdischer Einspruch VI: zur Kritik muss man nicht Antisemit sein, zur Migration kein Nationalist. Er fand damals viel Zuspruch, aber die Kontroverse, unter ich durchaus leide, weil sie untergriffig ist, ist damit nicht erledigt. Der Augenschein, ausgelöst u.a. durch Trump, durch die amerikanische rechte Israel-Lobby (im Gegensatz zu anderen) und die Iran-Kontroverse sind eine Sache. Die andere Sache aber ist, dass eine unterschwellig antisemitische Kritik an Israel ja den Palästinensern, die nun wahrlich bedürftig der Solidarität sind, nicht hilft.

Ich wiederhole hier keine Literaturempfehlungen mehr, die warne schon das letzte Mal gut. Ich füge zwei hinzu: Thomas Assheuer: Sie können es einfach nicht lassen. ZEIT #12, 14.3.2019; Und die Chimäre des jüdischen Bolschewismus verbunden mit dem Kapitalismus: Christopher R. Browning: The Fake Threat of Jewish Communism NYRB  21.2.2019, (Rezension von Hanebrink „A Specter Haunting Europe – The Myth of Judeo-Bolshevism“. Harvard). Dass dieser Mythos die Shoah überlebt hat, ist eines der Probleme, mit dem linker Antisemitismus bis heute zu kämpfen hat). Update 10.4. II: Und generell eine Beobachtung, die mich sehr beunruhigt. Viele linke „Freunde“ der Palästinenser beteiligen sich an einem politisch und moralisch gerahmten „Boycott“ von Israel unter der Flagge BDS. Divest and Sanctions Movement. Dazu sollte man eine wichtige Stimme aus den  USA lesen: Deborah Lipstadt (die die Holocaust-Leugner folgreich bei Gericht bekämpft hat): Der neue Antisemitismus, Berlin Verlag 2019, v.a. ab Seite 189 bis zum  Ende. Nun, die USA sinnd nicht deutschland, und die akademische Meinungsfreiheit ist bei uns (noch) weniger in  Korsette gepresst als in Amerika, aber die Analogien und der Verweis auf linke Antisemitismen im Rahmen dieser Israelkritik ist notwendig. Ich weiß, jetzt kommen wieder die einseitgen Vorwürfe, gegenüber Israel weniger strenge Maßstäbe anzulegen als gegenüber den …ja, wem gegenüber? das ist und bleibt ein Problem, dass man mit den Feinden Israels so leicht Positionen changieren kann, und natürlich recht hat, wenn man den angeblichen Freund Trump immer ins Treffen führt. Aber der hat ja mit dem Problem weniger zu tun als die wirklich im Nahen Osten Beteiligten (ohne Trump wäre Frieden eher möglich,aber noch nicht automatisch auf der richtigen Spur. Da sind die Netanjahus, Bennetts, Shakeds etc. vor – und Hams, Fatah, und wie sie alle heißen: Bitte beantwortet: welche Maßstäbe legen an wen an?)

Jüdische Menschen dürfen offenbar vieles sein, nur nicht normal. Und zur Normalität gehört, dass sie auch nicht so sein müssen, wie sich viele die Überlebenden und die, die von der Shoah nicht betroffen waren, wünschen. Es sagt mehr über die Antisemiten als über die jüdischen Menschen. (Wenn sie rechts,  nationalistisch, faschistisch, enghirnig sind, muss man sie bekämpfen wie alle andern, die diese Merkmale tragen, aber doch nicht, weil sie jüdisch sind und das deshalb nicht dürfen).

 

 

Verfluchter Lenz

Da überleben sie den Winter. Hustend, frierend, fiebernd. Endlich die ersten warmen Sonnenstrahlen, man hofft wieder – und jetzt beginnt die gefährliche Zeit: während der äußerlichen Erholung zu kollabieren, aus Schwäche sich zu übernehmen, zusammenzubrechen – und vielleicht zu sterben.

„Adieu l’Emile“ (Jacques Brel) oder „We had joy, we had fun” (Terry Jacks), das passt doch?

Und wenn unsere Umgebung Hoffnung einzugeben beginnt, dann sind wir erschöpft und sterben.

(Darüber kann man Gedichte schreiben, Lieder singen, auch schwadronieren, welchem seiner Bekannten es gerade so gegangen ist; aber das alles ist ja eine riesige politische Metapher, da will man seine gestorbenen Freunde nicht hineinziehen).

Gerade haben wir den sauren Regen abgeschaltet, und die Kernkraft beendet, und weitgehend Glyphosat verboten und die Dieselgangster in die Enge getrieben und das Pariser Abkommen hat ja doch etwas gebracht und die Grünen erleben ein Frühling…a propos Frühling. Prager Frühling, Arabischer Frühling. Was Erwartungen schürte hat nur beschränkt Früchte getragen. Auf Havel folgten Klaus und Zeman….brrrr, in was in Tunis und Kairo so erfreulich begann landete bei Al Sisi, und in Syrien bleibt der Lenz in der Familie…..

Frühlingsgefühle in der Politik sind eben aus dem Hormon- und Triebleben der Menschen nicht abzuleiten. Umgekehrt sind Frühjahrsoffensiven, z.B. der Taliban eine Tradition geworden, und vom Eise befreit, segelt es sich leichter durch die Nordwestpassage.

Erste Lektion: nicht alle Metaphern passen, und wenn sie zu schräg angelegt sind, führen sie in die Irre.

Aber es fällt einem schwer, das zu akzeptieren, der Frühling produziert ja Zuversicht. Ach so, die Erderwärmung. Das dämpft.

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Keine lyrische Hausapotheke. Ganz ernsthaft ist zu fragen, ob jenseits des „unintelligent Designs“ eines vorzeitlichen Schöpfers auch die Evolution an gewissen Er-Schöpfungszuständen leidet, die aufgeklärtes, politisches Denken und Handeln zugunsten atavistischer, diktatorischer  einfacher Lösungen von falsch georteten Problemen einfach nicht mehr „durchlassen“. Die Frage führt nicht nur zu Finis terrae, sondern auch zu Entscheidungen über Bildung, politische Partizipation und alle Formen von Widerstand gegen den Trend. Die Frage ist viel direkter darauf gerichtet, warum wir von den Instrumenten der Vernunft und der Wahrnehmung des Wirklichen so wenig Gebrauch machen. Es kann doch nicht wahr sein.

Wir lassen Verbrecher, faschistisch und spätstalinistische Diktatoren, Betrüger und Taugenichts in höchste Posten geraten – und immunisieren sie mit dem Hinweis, sie eine ja demokratisch gewählt, oder das Volk stünde hinter ihnen. Das kennen wir doch aus der deutschen Geschichte, oder?

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Wenn die Hoffnungen aufblühen sollten, weil uns die Umwelt dazu ermutigt, ist das ja nicht schlecht. Greta Thunberg ist so ein Zeichen. Wenn Habeck und Baerbock eher Aufbruch signalisieren als geducktes Wohlverhalten, hilft das auch. Aber die etwas zwiespältige Haltung des „Früher war alles schlechter“ ist vielleicht pädagogisch manchmal ratsam, sie deckt nur nicht ab, was uns beängstigen muss: dass wir verlernt haben – oder es scheint so – uns zu wehren. Ich will nicht um jeden Preis Widerstand leisten, aber mein Maßstab ist schondie Vorstellung, in welcher Welt meine Enkelinnen leben müssen, und dann ist eben Widerstand angesagt, damit es so nicht weitergeht. Klingt ein wenig nach Beraterliteratur und bleibt nicht so. Nur sind die Frühlings-Assoziationen so unabweisbar, weil es ja bei uns – in unseren Breiten, in unseren Parks, auf den öffentlichen Plätzen – so ausschaut, als wäre doch noch fast alles „in Ordnung“. Nur ist das so trügerisch wie das Sonnenlicht am abschmelzenden Eis.

Und gegen diese zerstörerische Ordnung der Normalität begehrt man nicht einfach auf. Da muss man Wahlkämpfe machen, da muss man die Ideologien der Gegenseiten – es gibt immer mehr als eine – zerlegen, sezieren, nicht nur durchschauen, man muss wissen woraus die sich ausbreitende Gewalt besteht, um ihr begegnen zu können, ihr wisst: manchmal durchaus auch mit Gewalt.

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Meine Frühlingsgedanken sind mir aber weniger wegen der Umgebung gekommen. Ich halte die Begnügung der Politik kaum aus, die auf alles nur ein Appeasement oder eine Deckelung hat. Und dagegen hilft nicht die Empörung, die geballte Faust im Gemüth. Im Lehrplan fehlt zu sehr das Fach „Was auf dem Spiel steht“, und was nicht die entscheiden dürfen, die schon zuviel Spiel verdorben haben. Das heißt aber nicht, dass es eine Jugendbewegung zur Neuerfindung des Spiels geben darf, denn so ganz grund-los, erfahrungs-los, lektions-los geht es auch nicht (da streite ich mich mit der Grünen Jugend so gern wie mit den Studis). Aber da gibt es die Kategorie derer, die wirklich Macht in Händen und Herrschaft im Sinn haben, und deren Machtausübung hat ja viel von dem verschuldet, worunter wir in Zukunft mehr leiden werden als heute.

Ich gehe durch den fast insektenfreien Park von Sanssouci.

Nicht klagen auf hohem Niveau

Im Vorwahlkampf. Anliegen an die Lokalität – es geht ja um die Stadt, um die unmittelbare Umgebung, lebensweltliches Mikromundus. Lauter kluge, umsetzbare, leistbare Vorschläge, nichts Verstiegenes. Das Problem, das mich während einiger Diskussionen beschlichen hat, war die unglaubliche Kleinheit der Probleme. Ob man Straßen einseitig von parkenden Autos befreit, um dort Radwege neu zu ziehen. Ob man Garagen durch Sozialwohnungen ersetzen soll. Ob man Hundesauslaufflächen einrichten soll.

Auch Wahlkampf. Engagierte Diskussion um die Kontroverse zwischen Integrationsklassen und Förderklassen. Sachkundig, betroffen und nicht betroffen, pädagogisch versus sozial versus migrationsbezogen.

In welch gutem Land leben wir? Und was sind Probleme?

Es gibt die Vorstellung, dass die Lösung von Problemen auf der untersten Ebene der Lebenswelt zur Ausbildung einer Problemlösungskompetenz auf höheren Ebenen bis hin zur Globalität dient. Es gibt auch die Vorstellung, dass die Probleme auf der lebensweltlichen Ebene mit den großen, strukturellen Problemen nichts zu tun haben. Theorie?

Nach den beiden Veranstaltungen, die in freundlichem Konsens und einer gewissen Varianz von Auffassungen abliefen, war ich unvermittelt fast fassungslos.

Ihr kennt aus einem früheren Blog den Spruch meiner Tante: „Deine Sorgen möchte ich haben, und das Geld von Rothschild“. Problemgeneration auf hohem Niveau, wenn das Niveau unser Lebensstandard ist und die Muße, solche Probleme diskursiv hervorzuholen und sie zu politisieren und sie zu lösen.

Mir fällt bei diesen Diskussionen immer das Quantenmechanik-Bild auf. Probleme in einem Zustand sind ganz anders als die im anderen Zustand, und die Sprünge erklären sich den Beteiligten selten. Das hohe ökonomische Niveau, auf dem Kritik, Klage und Politik im Kleinen angesiedelt ist, hat wenig mit den angesagten Problemen zu tun, die allerdings auf niedrigem wirtschaftlichen Niveau oder unter der Knute der Religion für die Menschen viel schmerzhafter sind als bei uns: hier nämlich ist es zwar ärgerlich, wenn ein wichtiges Problem nicht gelöst wird, aber es ändert an unserem Leben so gut wie nichts. Umgekehrt kann in globalen Dimensionen ein Problem – Zugang zu einer bestimmten Ressource, muss nicht gleich Wasser sein, alles ändern, kann Flucht bedeuten oder Kommunikationslosigkeit oder unbeachtetes Ende individueller Leben.

*

Wie ich zu diesen fast banalen Gedankengängen komme? Immer wenn wir vor Ort die Probleme vor Ort diskutieren, sitzen die großen Strukturen wie Wolken oder Vogelschwärme über uns (ich merke das nicht allein, aber besonders ausgeprägt), und ich frage mich, wie diese Strukturen von Macht und Gewalt durch ihre Globalität ganz anders wirken als die unmittelbare Herrschaft (der Begriff war einmal auf Faschismus verengt, meint aber einfach die Vertikale der Macht, sofern ausgeübt oder schon hingenommen). Die Mühe der „Ableitung“ wird nicht belohnt, weil die Lösung zeitnah ansteht und vor allem einfacher formulierbar ist als die Ableitung.  Umgekehrt ist es noch schwieriger, aus unseren lebensweltlichen Beobachtungen und Schlussfolgerungen vermittelbare Aussagen darüber zu machen, wie wir denn in der großen Politik uns positionieren sollen. Nebbich.

Reduzieren Sie endlich die Komplexität, raten genervt die, die ohnehin alles wissen.

Ich kann den letzten Absatz auch anders schreiben, und dann wird ein Schuh daraus. Wenn wir vor Ort die Probleme vor Ort diskutieren, dann schwingt die große Ebene der globalen Zusammenhänge immer mit, man kann sie sozusagen fast sehen, aber da ist nichts mit Ableitung, mit alles-hängt-mit-allem-zusammen, da sind die Beziehungen, um derentwillen wir einen Verstand haben. Die Einsichten sind in beide Richtungen oft schmerzhaft: was das persönliche, individuelle Leben in der Gruppe und allein betrifft, gilt das Ändern des Lebensstils eben nicht aus moralischen Gründen, sondern viel einfacher aus den pragmatischen des Überlebens, und zwar für alle: deshalb Politik auf der unmittelbaren unteren Ebene. (Über Mülltrennen kann man auch nur beschränkt spotten, über das Beenden von Binnenflügen, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Ende der hohen Transaktionskosten bei Lebensmitteln, nachhaltigem Bauen etc. eher nicht. Aber das neue Problem ist ein echtes: was macht dieses geänderte Leben mit uns? Alle Heilsversprechen sind vor-empirisch, meist esoterisch oder eben trivial). Und wenn wir ernsthaft über große politische und ökonomische Probleme, über Krieg, Kriegsgefahr und eben „finis terrae“ nachdenken und sprechen, dann kann es ohne das antizipierte, vorher gewusste Schicksal des vorzeitigen Sterbens von lauter einzelnen Menschen nicht abgehen. Aber mit diesem Gedanken ist schwer zu leben. Er selbst ist nicht komplex, da gibt es wenig zu reduzieren.

*

Was macht das geänderte, ungewiss sich darstellende Leben mit uns? Hier können wir entweder die Ri8sikotheorien oder die philosophischen Rahmenratgeber oder aber die Überraschungspsychologie wirken lassen – oder handeln, wie wir meinen aufgrund unserer Einsichten handeln zu müssen, also Politik zu machen, uns zu befreien von jenem schrecklichen „Man“ , das uns akzeptabel macht. Nirgendwo wird die Angst vor Bedeutungsverlust deutlicher als dort, wo man nicht hoffen kann, aus der Außenseiterposition auf die helle Bühne zu kommen. Das eben wäre die Überwindung der charismatischen Politik.

So gesehen, sind die Diskussionen auf der Ebene der lokalen Lebenswelt, mit ihren ungeschriebenen informellen Grenzen, ihren Nachbarschaften, Freundschaften, Aversionen usw. doch ein guter Rahmen, sich auch den großen Themen zu widmen und darin die Probleme zu erkennen, mit denen wir vor Ort umgehen müssen.

Für mich – jetzt einmal wirklich nur für mich – heißt das, im Wahlkampf kein lokales Kiezthema nur darauf anzuwenden, wo der Fahrradstreifen hinkommt, sondern die Vertikale der Macht zu umgehen und die großen Probleme um die Ecke, hier, thematisch werden zulassen. Mühsam, das glaube ich mir selber.