OHNE MIT, bitte

(https://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/bonner-polizei-bewacht-synagoge-rund-um-die-uhr_aid-46416039)

Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan erklärte: „Das Attentat auf die Synagoge in Halle erfüllt mich mit Abscheu und mit Trauer um die Toten. Ich weiß, dass ich im Namen der ganzen Stadt spreche, wenn ich Ihnen, den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Bonn, versichere, dass wir an Ihrer Seite stehen und uns Ihnen zutiefst verbunden fühlen.“

 

https://www.welt.de › Regionales › Bayern :

Welle der Solidarität mit jüdischen Mitbürgern

Nach der antisemitischen Gewalt in Halle zeigen sich viele Bayern solidarisch mit ihren jüdischen Mitbürgern.

https://www.sonntag-sachsen.de/bischof-rentzing-zeigt-solidaritaet-mit-opfern-und-juedischen-mitbuergern (20191010) :

Bischof Rentzing zeigt Solidarität mit Opfern und jüdischen Mitbürgern

 

Bischof Rentzing zeigt Solidarität mit Opfern und jüdischen Mitbürgern. Er fordert: Gefahren des Rechtsextremismus klar beim Namen nennen.

Ausgerechnet Rentzing: er tritt wegen rechtsradikaler Meinungen zurück: https://www.tagesschau.de/investigativ/bischof-rentzing-101.html

FÄLLT EUCH/IHNEN AN DIESEN TITELN ETWAS AUF?

Wir sind MIT-Bürger, MIT-Bürgerinnen. Ist ja wohl gut gemeint, diese Bekundung von Solidarität. Aber dieses MIT ist zutiefst falsch, war es immer schon. Mit wem sind wir Bürgerinnen und Bürger? Mit den „deutschen“ Bürgerinnen und Bürgern, mit den Einheimischen, mit den Staatsbürgern anderer Staatsangehörigkeit…So harmlos, das kleine Vorwörtchen – nicht wahr? Mitbürger sein, heisst akzeptiert sein von denen, die selbstverständlich hier sind. Wir sind hier um mit denen zu leben, die ohnedies hier sind.

Ich habe mich jahrelang über das UND bei Deutsche UND Juden aufgeregt. Zu Recht, wie ich denke. Es ist der oft gut gemeinte, oft gehässige Trennstrich entlang von Grenzen: ethnischen, politischen, sozialen und religiösen. (Auch wenn es nicht so scheint, wäre aus christlicher Sicht Christen und Juden leichter zu ertragen, schon bei den Israelis müsste man sagen: jüdische Israelis und jüdische Deutsche; oder staatsbürgerlich Israelis und Deutsche).

Wer einige weitere Argumente dazu lesen will: Rund um uns Millionen Nichtjuden. Vortrag am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität zu Berlin am 25.6.1996 (kann ich aktivieren).

Mir ist sonst sehr zum Kalauern mit dieser Sprachflapse zumute, heute und aus dem Anlass von Halle nicht. Wir sind also Mitbürger. (Ein Gast zum Abendessen ist doch kein Mitesser im Kontrast zu den Familienmitgliedern, die immer hier essen, und wir sind auch keine Gäste, – und entgegen modischer Diversion sind wir durchaus integriert in eine Gesellschaft, in der wir uns gar nicht von Deutschen unterscheiden können, weil wir welche sind. (In der Mehrzahl. Die jüdische Minderheit anderer Staatsbürgerschaft würde ja nicht als Mitbürgertum bezeichnet). Nun reden all die solidarischen und gutmeinenden Sympathisanten ja gar nicht von Staatsbürgern. Die Konstruktion der Bürgergesellschaft besteht aus „Gruppen“, denen in unterschiedlichem Maß die Bürgerqualität zugesprochen wird, und Mit- ist pejorativ, abwertend (Vorsicht: bei Mitschülern heißt „Mit-„ einfach auch…aber „auch Bürger“ würde die Abwertung ja offenkundig machen).

Ein Vergleich: Toleranz ist eine Tugend. Wenn die Mächtigen, die Herrschenden sie ausüben, ist das aber etwas anderes als übten sie die Schwachen, die Unterlegenen, die Ausgegrenzten aus.

Wann wird der Mitbürger zum Bürger, die Mitbürgerin zur Bürgerin?

*

Bin ich zu empfindlich. Typisch jüdische Haarspalterei. Ja, ich bin da sehr empfindlich, weil ein Vorfall – das Attentat – unbewusst ausgenutzt wird, um andere Botschaften im Subtext mit unterzubringen.

Jüdischer Einspruch XIa: wir sind nicht 9/11 – und es gibt keine Zeitenwende

Halle ist kein 9/11.

Literaturempfehlung und Medien: Süddeutsche Zeitung vom 11.10., DLF 10.10. und 11.10., vor allem Markus Pindur. Vor allem auch Hajo Funke https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/das-kann-niemand-dulden-100.html sowie https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/antisemitischer-anschlag-in-halle-gastbeitrag-von-max-czollek-a-1290955.html

Fortsetzung von gestern. Sehr jüdischer Einspruch.

Zunächst eine Korrektur: gestern hatte ich Steinmeier mit seinem Rekurs auf die deutsche Geschichte kritisch zitiert. Am Abend habe ich ihn dann bei einer jüdischen Festveranstaltung gehört, und da war er wie ausgewechselt: seine Wut gegen den Attentäter und dessen Umfeld war angemessen, das war nicht jene Betroffenheit, die alle zu jedem Thema empfinden können. Das war konkrete, ich nenne es „gesellschaftliche“ Wut, die ja vor dem Art. 20 des Grundgesetzes steht und den Feinden der Demokratie zu gelten hat.

*

Das Umfeld des Täters – virtuell, digital, kommunikativ, – stellt andere Beziehungen zu den Opfern her als die konfrontative Gewalt in ihrer Unmittelbarkeit. Außerdem gibt es einen anderen Bezug von Sprache, Sinn und Handlung. Funke sagt zu Recht: Sicherheitsorgane UND Öffentlichkeit sind gefragt. Die Polizei, der Verfassungsschutz haben bei NSU und leider auch danach bewiesen, dass sie keineswegs geschlossen gegen die Extremisten andenken und handeln wollen (mein böses Wort von den rechtsextremen Vorfeldorganisationen in Teilen halte ich aufrecht, trotz spontan gewandelter Sprache und neuen Absichten, aus dem Hause Seehofer u.a.). Mich aber bewegt die Öffentlichkeit:

Die Empfänglichkeit für die Hassbotschaften ist nicht einfach aus der Omnipräsenz der digitalen Medien abzuleiten. Die Urheberschaft der Hatespeech und Fakenews muss ja aus dem Unbewussten der autoritären Subtexte und Denkstrukturen, wohl auch aus dem unreflektierten Gefühlshaushalt in die Sprache und das Bild kommen, bevor sie von dort „objektiv“ zurückkommen und millionenfach „geteilt“ werden.

Die Frage, ob jüdische Menschen in Deutschland sicher leben können, ist so fragwürdig falsch wie das Wiederaufkommen des Hinweises: solltet ihr nicht doch nach Israel auswandern? Da sagte eine mutige Stimme gestern, so nebenbei gäbe es ja auch in Israel Terrorismus…damit wird aber ein anderes Problem nicht nur berührt: auch wenn es Hass und Angriffe gegen jüdische Menschen in Deutschland gibt, geht es doch nicht nur gegen „Juden“ (Ihr wisst, warum ich „Juden nur in „“ setze…). Es bestätigt sich meine These, dass die identifizierten,  sozusagen festgenagelten Juden auch ein Produkt des Antisemitismus sind, genauer auch der Antisemiten – und die zielen ja nur exemplarisch auf jüdische Menschen, sie zielen auf alle solidarischen und kommunikativen Menschen, über denen es eben keine ausgewählte Rasse mit Herrschaftsanspruch geben darf.

Nein, wir dürfen nicht fliehen, denn bekanntlich setzt der Feind nach und wir haben ihn im Rücken.

Nein, wer eine Kippa tragen will, soll sie tragen, wo immer er will (das gilt für das Kopftuch bei Frauen genauso, manche Muslime haben das offiziell so verstanden, und es geht nicht um die Vollverschleierung).  Nur tragen halt viele jüdische Menschen, auch religiöse, die Kippa nicht oder selten.

Das Problem ist nur marginal zu lösen, wenn Synagogen und jüdische Einrichtungen geschützt werden, auch bei Restaurants und Geschäften mit erkennbar jüdischem Personal ist das nicht viel anders. Das Problem ist die behauptete Erkennbarkeit „der Juden“ (der „Araber“, der „Schwulen“ etc.) und die Fähigkeit, sie zu erkennen, die aus dem längst unbewusst gebunkerten Tatwissen ans Tageslicht kommt, durch vieles provoziert und bereitwillig angewandt. Oder anders: der Antisemitismus ist nicht neu, er verwendet nur andere Vehikel zu seiner Mobilität und Ausbreitung.

Wir brauchen kein Coming out. Es gibt Situationen, da spreche ich mit meiner jüdischen Stimme, andere Situationen verlangen andere Eigenschaft. Jüdisch kann wichtig sein, dominant, aber es nicht ausschließlich. Kein Mensch ist ausschließlich jüdisch. Kein jüdischer Mensch kann seine anderen Eigenheit aufs „Jüdische“ reduzieren. Das scheint mir ein Problem zu sein, wenn Deutsche durchaus ihren lebensweltlichen Pluralismus ausleben – sozusagen intern ethnopluralistisch sind – aber auf den Juden in seiner Singularität – Eine wie alle, „alle Juden sind…“ – hinweisen (noch schlimmer, wenn dann der Jude schon Opfer ist, bevor der Diskurs historisch renoviert wird).

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Halle ist kein 9/11. Nein seit vorgestern  ist keine Zeitenwende eingetreten, es ist „nicht alles anders“, wie mehrere Stimmen sagen. Es ist nur deutlich geworden, dass es zuviele gibt, die nicht wollen, dass wir in diese Gesellschaft so integriert sind wie andere Menschen, fast möchte ich sagen: wie alle. Aber das stimmt nicht: die Mörder und die Schreibtischtäter, deutsch oder nicht, begeben sich selbst ihrer Würde, und dann sind sie unsere Gegner und wir müssen ihnen Widerstand entgegenbringen, obwohl sie unter uns sind.

Jüdischer Einspruch XI: Yom Kippur 5780

Nicht schon wieder Opfer.

Das Schema passt zu schön. „Die Juden“ dürfen nicht (schon) wieder Opfer werden. Das ist der Tenor vieler Stellungnahmen nach dem Mord von Halle.

Anmerkung für meine Leser*innen: „Die Juden“ immer in „“ bei mir, weil ich mich gegen die Ontologisierung einer ethnisch, kulturell, religiös durchaus uneinheitlich entwickelten sozialen Gruppe wende, und getreu meiner Buchthese Der Antisemitismus macht Juden (2006) nur das Attribut oder Adverb jüdisch gebrauche. Dem allgemeinen Diskurs folgend, muss ich hier von „Juden“ sprechen.

Für Ent-Schuldung und Entschuldigung ist es bequem, aus dem zunehmend wahrgenommenen Antisemitismus die Opfer-Rolle den Juden zuzuweisen, weil man sie dann schützen kann und der Anlass – Antisemitismus – hinter der Schutzpolitik zurücktritt.

Es ist ja gut, dass wir endlich wahrnehmen, wieviel antijüdischer Diskurs und wieviel praktischer Antisemitismus rund ums ist und sich entwickelt hat. Dass diese späte Wahrnehmung, noch nach den NSU Morden und den vielen tätlichen Angriffen auch ein Hinweis darauf ist, dass es sich bei ethnischen und religiösen (und sozialen, und kulturellen, und psychologischen) Opfer-Zuschreibungen immer auch darum handelt, dass das wahrnehmende Subjekt die Deutschen sind. Womit man einerseits sich in die Definitionsbestrebungen der Höckes oder der Staatsbürgerschafts-Interpreten oder der Historiker in vielfältigen Kontexten einfügt, was dann oft (nicht bei Höcke) schwierig zu dekonstruieren ist. Welche Deutschen sprechen mit welcher Legitimation von der Besonderen Verpflichtung gegenüber den Juden, also den Nachkommen der Opfer aus der Shoah oder als einer sozialen Gruppe, die nie wieder Opfer werden soll. Was indirekt, und das hat sich nach Halle schon im Subtext angedeutet, dass es möglich wäre, jüdische Menschen in Deutschland als latente oder potenzielle Opfer zu platzieren. Hier? Bei uns? Ungläubig bis empört, die Reaktion. Besserer Schutz wird gefordert –  ein flexibler Begriff. Ja, eine Synagoge zu bewachen ist nicht so schwierig, oder das Jüdische Museum oder eine jüdische Einrichtung. Aber die nicht als solche erkennbaren jüdischen Menschen zu schützen, würde bedeuten, sie vor den Auswirkungen des Antisemitismus zu schützen. Oder diesen selbst bekämpfen. Ersteres ist einfacher, aber auch nicht wirklich einfach. Die Auswirkungen des Antisemitismus kann man eng fassen: er richtet sich gegen „die Juden“ (siehe oben). Es gibt hier Überschneidungen zur Israelkritik aus Antisemitismus, und da wiederum Überschneidungen mit dem arabischen Antijudaismus, auch bei uns. Man kann sie auch weit fassen, dann geht dieser Antisemitismus in die Textur der wichtigen Diskurse unserer Gesellschaft ein, richtet sich nicht mehr gegen Menschen, sondern gegen eine Gesellschaft, die „diesen Juden“ nicht wehrt oder ihnen einen Platz in unserer Gesellschaft gibt, gewährt. Womit logisch die Gesellschaft selbst als Objekt unseres Nachdenkens wird, in dem „die Juden“ für einige –  die aktiven Antisemiten – eine präfigurierte Rolle spielen. (Das ist etwa ein Tenor der Berichterstattungen zu Halle am Tag danach). Kampf gegen den Antisemitismus: das setzt voraus, dass wir seine Wurzeln, Ursachen, und seine pertinente Nachhaltigkeit verstehen. Und ess hätte im besten Fall zur Konsequenz, dass der Erfolg daran gemessen werden kann, dass es immer weniger „Juden“ gibt (keinesfalls jüdische Menschen, Kultur, Kommunikation). Denn solange wir dem Antisemitismus überlassen, letztlich die Juden zu identifizieren, haben wir ein wichtiges Kampfmittel aus der Hand gegeben. Die AfD solidarisiert sich mit den jüdischen Opfern von Halle oder ihrer Gemeinschaft. (DLF 12.30). Das schiebt die Diskussion auf die Auswirkungen.

Ich brauche nicht weiter auszuführen, was diese Politik für Folgen hat: man lässt den Antisemitismus wo und wie er ist, es dürfen „nur“ bestimmte Handlungen nicht vorkommen. So umkleidet man sich selbst mit der Unschuldsvermutung, die wiederum gestattet, andere zu Opfern zu machen ohne selbst Täter zu werden.

Ich erinnere mich an meine Einlassungen zum Konflikt zwischen Martin Walser und Ignaz Bubis anlässlich der Paulskirchenrede (In Gänze: Universitas, 53. Jg., Dezember 1998, #630).  Walser würde heute diese Rede nicht mehr halten, vor allem seine Erklärungen, und ihm würde eher Unverständnis als Verharmlosung der Geschichte vorgeworfen. Weiter reicht die Beziehung zu heute, zu Halle, nicht direkt. Aber Walsers hartnäckige Beziehung der Täter und Opfer und der relativen Nähe oder Distanz zu den Opfern ist angezeigt zu diskutieren. Was mir damals gar noch nicht so aufgefallen ist wie 20 Jahre später: die jüdischen Menschen politisch und gesellschaftlich zu verengen auf die Schoah allein, und nicht diese als Produkt eines langwierigen und antisemitischen Prozesses (und nicht als ein „Entwicklung“) zu verstehen. Das verkleinert oder verharmlost die Schoah nicht, aber die ist ja kein Solitär der Geschichte, einmalig, aber nicht vereinzelt. Heute und schon gestern in den Medien wurde dauernd darauf verwiesen: „Angesichts der besonderen deutschen Geschichte…“ (Steinmeier: „In einem Land wie dem unseren…“). Das hilft, sich als deutscher Opferanwalt zu machen.

*

Ich bitte alle, jetzt noch einmal weiter oben ein zweites Mal zu lesen: über die Auswirkungen des Antisemitismus zu denken, und zu analysieren, wie politisch und kritisch wir die Ursachen erkennen und erforschen und wissen können.

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Yom Kippur: ich bin versucht, nicht meine Überzeugung, sondern religionswissenschaftlich und -kritisch auszubreiten, was es mit diesem Tag auf sich hat. In einem ist die jüdische Religion aber eindeutig: um die Vergebung eines Gottes zu beten/bitten, macht nur Sinn, wenn sich zwischen den Menschen die Bedingungen der Versöhnung erfüllen. (Dazu braucht es keines Rituals). Wenn dies ernst genommen wird, dann hat der Mörder darauf aufmerksam gemacht, wie gering diese Bedingungen heute geachtet werden. Das stärkt die Antisemiten mehr als vieles andere und ermutigt weitere Gewalt. Wer will uns davor schützen?

Wenn nicht auch wir selbst.

Gut gestorben?

Vor Jahrzehnten, auf einer hochgelegenen Berghütte, plärrte das Radio, und verkündete den Tod von Herbert von Karajan (1908-1989). Ich erinnere mich, dass ich spontan sagte: Gott sei Dank. Laut, deutlich. Meine Begleiterin und einige Gäste starrten mich entsetzt, dann feindselig an. Mit einigen kam ich in eine Diskussion, und rechtfertigte meinen spontanen Ausbruch.

Karajan war ein Feind. Da ich auch familiäre Gründe hatte, ihn nicht zu mögen, zählten die die musikalische Größe und sein Ruhm als Dirigent und Festspielmaestro wenig.  Ich werde auch heute zu seiner von mir wenig geschätzten Kunst nichts sagen, obwohl ich mir da einiges Urteil zutraue. Ich würde überlegt, prämeditiert, niemandes Tod öffentlich so „begrüßen“, auch wenn mich dieses Ereignis, wenn schon nicht freut, so doch nichts bedauern lässt. Ist das richtig, moralisch wodurch gerechtfertigt, wo ist die Wahrheit?

Umweg. Immer wieder zitiere ich meinen Grundsatz – Es gibt keinen Tod, es gibt nur mich der stirbt (André Malraux).

Darin ist meisterhaft knapp die Tatsache festgeschrieben, dass der Tod eine Konstruktion ist. Geboren werden, leben, sterben ist wirklich.

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Attentate: bei welchen Attentaten reagieren wir mit Erleichterung, Sympathie, Abscheu, Gleichgültigkeit? Hier geht es um Tod, nicht darum, wie sich die letzten Augenblicke des Getöteten (also Gestorbenen) auf dieser Erde gestalten. Dieser Gedanken sind so wenig trivial, wie die aus dem Unbewussten ins Bewusste drängenden Wünsche, dass ein bestimmter Mensch sterben möge – um seinem Wirken ein Ende zu setzen, vom Tyrannenmord bis zum Widersacher aus Eifersucht.

Es handelt sich um psychische Emanationen, die sich, weil spontan und aus dem Unbewussten, nicht sofort um die Folgen eines gelungenen Attentats kümmern (können).  Wenn das zeitnah nachgeholt wird, tritt die Überlegung in eine andere gedankliche und politische Sphäre: was wäre, wenn … die Namen, die einem spontan einfallen, werden gereiht, in eine variable Hierarchie eingebracht, je nachdem, welche Information uns gerade aufregt. Ein Übeltäter in einer Demokratie, ein Gefährder unserer politischen Überzeugungen, nötigt uns andere Überlegungen auf, Trump oder Orban eher als Putin oder Xi (denn in einer Diktatur sind Attentate kein Anlass zu einem Systemwechsel). In einer Demokratie wird der meist charismatische Führer  ersetzt, fast wie durch die nachwachsenden Köpfe der lernäischen Hydra. Also braucht man sie nicht gleich beseitigen… Ja, wenn das alles so einfach wäre.

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Der Todeskult erzeugt Märtyrer oder eine schreckliche Erinnerungskultur; das kann man gut in Polen beobachten, aber auch bei uns, und nicht nur am „rechten“ Flügel. Todeskult („Patria o muerte“, zum Beispiel), ersetzt die Empathie und das Mitleid mit dem Sterben, mit dem unzeitigen Ableben von Menschen durch eine Zeitlosigkeit, die die Todeskonstruktionen zu einem wichtigen Instrument totalitärer Herrschaft machen. Denkmäler, Schulbücher, Schutz der als „heimatlich“ geprägten Gedenkpolitik. Auch ohne Attentat sterben Menschen oft gewaltsam. Aber die erzwungene Abdankung durch ein Attentat, durch Folter, oder durch Absaufen lassen im Mittelmeer, ist Teil einer Politik, die die Todeskonstruktion einer lebensnahen Praxis vorzieht.

*

 

Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback schreibt mein Freund Erich Fried: zitiert in einer langen Kritik von Walter Hinderer an Kritiker Sepp Binder gegen Erich Fried:

Der für den Zusammenhang entscheidende Kommentar steht in der sechsten Strophe: „Sein Tod wird helfen / das Denken / auf ihn abzulenken / und so zu verdecken das Unrecht / von dem dieser Mensch / nur ein Teil war / Schon darum / kann ich nicht ja sagen / zu seinem Tod / vor dem mir fast so sehr graut / wie vor seinem Leben.“ Diese dialektisch formulierte Aussage variiert die siebte und letzte Strophe: „Es wäre besser gewesen / so ein Mensch / wäre nicht so gestorben / Es wäre besser gewesen / ein Mensch / hätte nicht so gelebt.“

https://www.zeit.de/1980/51/von-der-unfaehigkeit-zu-lesen

Mir ist wichtig, auch mich daran zu erinnern, dass die Schmähkritik an Fried ihm unterstellte, er hätte geschrieben: „Es wäre besser gewesen / so ein Mensch / hätte nicht gelebt“. Der Kalauer lag den Fried-Gegnern, und nicht nur ihnen auf der Zunge. So ein Satz erinnert an die Folgen des spontanen Ausrufs: „Sieh da, sieh da, Timotheus, /die Kraniche des Ibykus“, nur eben in einem anderen Kontext. Fried soll einer Täterschaft geziehen werden, die er einem Toten nicht, sondern seinen Mördern nur teilweise zuspricht. Und noch etwas: vor dem Leben eines anderen Menschen darf, kann einem immer grauen; besser, man überlegt sich eine Rechtfertigung dazu.

Nur mit der Todeskonstruktion kann man so umgehen, der Vorgang des Sterbens, des das Leben Aushauchens, des Übergangs aus dem Leben, lässt sich so nicht fassen. Wo Tod gesagt wird, ist es nicht politisch, oder nur, wie ein Bild oder ein Gedicht politisch sein kann; Sterben ist dann politisch, wenn es durch Unrecht und zur Unzeit geschieht. Auch sterben lassen, im Mittelmeer, durch Hunger, Verdursten, durch Waffenlieferungen und unterlassene Hilfeleistung, ist politisch.

(Das müssen nicht nur klassische Schreibtischtäter sein.)

Wenn ein verhasster Mensch stirbt, löst das andere Gefühle aus als wenn ein geliebter oder geschätzter Mensch stirbt, jedenfalls, wenn er einem etwas sagt. Die meisten sterben, ohne uns irgendetwas zu sagen, und wir finden sie bestenfalls in den Statistiken wieder, die allerdings Auskunft geben über viele, die wir in die Todesursachen involviert sehen. So schließt sich ein Kreis, nur sage ich heute nicht mehr Gottseidank, oder vielleicht doch, wenn es aus dem Unbewussten kommt. Nur, mit dem kann man die Welt schlecht verändern.

 

 

 

 

Finis terrae XXX: Na vreme, s’ist Zeit

 

Nur ein Atemholen. Ihr kennt das alle.

Na vreme, so hieß vor längerer Zeit eine NGO, an der ich beteiligt war. Es ist an der Zeit.

Das sagen uns auch alle, die in seriöseren Medien zu den drei großen Problemen schreiben oder reden, die zum Überleben jedenfalls wichtig sind: Klima, Gewalt, Migration. Weltprobleme, für die es einen Winkel gibt, der Abtauchen, Verstecken oder auch nur Schatten erlaubt. Und es hat den Eindruck, dass in den Ländern, wo freie Medien noch existieren und beachtet werden, ein fragendes Erwachen vor sich ginge: da wird nicht nur argumentiert, sondern auch abgewogen und – es wird gesagt, was getan werden muss. In den meisten Gesellschaften, die unfrei sind, werden diese Themen mit der Politik von Opposition, Widerstand, und dem Nachweis, was denn so ein Problem die Agitierenden anginge, behandelt.

Das Muster ist ziemlich abwechslungsarm. Zunächst wird der Alarmzustand – Notstand – bestätigt und ausgemalt, meist handelt es sich jetzt ums Klima, vor ein paar Jahren waren es die Flüchtlinge, und der Krieg, die Gewalt, im nahen oder weiten Sinn, bricht thematisch immer wieder herein. Dann wird beschrieben, wer was gegen die drohende Gefahr unternehmen soll, will, kann. Wie groß das Risiko des Nichthandelns in Überschaubaren Zeiträumen ist. Warum das, was manche tun, falsch, was andere tun ungenügend ist, und wie es vielleicht richtig sein könnte.

Ekelhaft ist das Argument, wie wenig es der Erde hilft, wenn nur wir in Deutschland, ja nur wir in der EU, ja wir in den entwickelten Ländern etwas tun, wenn die Diktaturen und Zwangsherrschaften ohnedies weiter machen, was sie wollen. (So nach dem Motto, Gott soll doch die größten Sündern zuerst und besonders streng strafen…tut er aber nicht).

Auch ist die Dummheit, wie sie die Große Koalition in Deutschland praktiziert, nahe an diesem ekelhaften Argument. Beim Klima – viel machen, um niemandem weh zu tun. Was tönt aus den Lobbyetagen, die ja längst Minister und Abgeordnete in ihrem Sold haben: Arbeitsplätze erhalten, die Armen am Konsum nicht noch mehr zu benachteiligen, Investitionen nicht gefährden. Alle diese Argumente sind falsch.

Arbeitsplätze gehen durch eine neue Klimapolitik nicht verloren, es werden mehr und diverse gebraucht. Nur nicht in der Autoindustrie… na und? Wenn die Mobilität als bürgerliche Tugend so hochgeliebt wird, dann gibt es auch eine Mobilität bei Qualifikation und beruflicher Tätigkeit. Die Hochlohnkulaken der Braunkohleindustrie brauchen unsere Solidarität nicht.

Der Konsum ist ein Problem, was die Lebenswelt mit ihren Regeln und den Lebensstil mit seinen Präferenzen betrifft (und er ist ein Problem der Mehrheit, denn tatsächlich können nur die Bewohner der oberen Etagen der sozialen Struktur tatsächlich auf etwas verzichten, ohne weiteren Schaden anzurichten  –  das sind wir, und wir sind gar nicht so wenig). Da geht es in der Tat um Binnenflüge, Kreuzfahrten, SUVs, übertriebenen Fleischkonsum, um die Attitüden der Wegwerfgesellschaft, um andere Formen der sozialen Beteiligung an Gegenmaßnahmen gegen den Klimawandel… (Solidarität ist nicht ein Prinzip, das verordnet werden kann, sondern eine Tugend, die angeeignet und kommuniziert werden kann, praktisch).

Investitionen… dass ich nicht lache: es wurde in den vergangenen Jahren eben nicht investiert. So lange, wie Deutschland braucht, um eine Stromleitung von Nord nach Süd zu legen, so lange, wie Bahnhofsneubau braucht,  so unfähig, wie die Öffnung des Nahverkehrs sich gestaltet, so wenig, wie zur Wiederaufforstung getan wird, so gewaltig, wie nur die Rüstungsindustrie und der Todesexport nach Saudiarabien und anderen Diktaturen gefördert wird, kann man nicht von Investitionslenkung, sondern von Marktversagen sprechen.

Ich spreche nicht nur vom Klima. Die Flüchtlingsströme werden anwachsen, so oder so, und viele werden zu uns kommen… wenn nicht legal, dann illegal, und vielen Illegalen wird man dabei helfen müssen, anzukommen… Schleyerfahndung hin oder her. Die Gewalt anderswo hängt vielleicht doch mit unserem Leben hier zusammen? Der Faschist Bolsonaro ruiniert den Regenwald. Ja, aber auch, weil wegen des Sojaanbaus und des Fleischkonsums hier, bei uns. Der Verbrecher Trump ruiniert die Handelsbeziehungen und zugleich ökologische Technologien. Ja, aber auch weil wir viele der amerikanischen Produkte bewusstlos übernehmen, anstatt uns ihnen gegenüber zu positionieren. Von den Diktatoren erwarten wir jetzt einmal nichts. Von den Demokratien, von der EU sehr wohl.

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Wie? Kennen wir alles? Ja, in der ZEIT, im SPIEGEL, in der SZ…in den Kulturprogrammen ist das alles zu finden.  Und?  Wird schon weitergehen, und lieber kleine machbare Schritte zu unternehmen als gar nichts zu machen, seid schön brav, Thunberg-Follower (aber kopiert nicht ihre Anständigkeit und ihren Mut).

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In der Diskussion wird oft gefragt, wer auf wieviel verzichten muss, um bestimmte Ziele – sagen wir 1,5 Grad C – noch zu erreichen; wieviel an Demokratie wir opfern müssen, damit die richtige Politik umgesetzt werden kann; wie schlecht unser Leben sein wird, wenn wir tatsächlich beim Klima Erfolge haben werden. Die Frage ist berechtigt, aber unzureichend.

Für alle drei Probleme gilt: wer die sogenannte Schöpfung bewahren will, muss dafür sorgen, dass die Menschen so schnell wie möglich aus ihr verschwinden, sondern wird sie viele Arten und Erscheinungen einbüßen, bevor sie beginnt sich zu regenerieren. Wer an den Unsinn nicht glaubt, aber die Natur erhalten will, die auch unsere Lebensgrundlage ist, steht hier vor einem Dilemma insoweit, als es keine Politik, keine Handlung nicht geben darf. Finis terrae oder weiter leben. Dass und nicht wie.

So, wie die Klimakatstrophe die unabhängige Variable größter Dimension für das Überleben ist, und Krieg und Migration besonders wirksame intervenierende Faktoren sind, bleibt uns nur: selbst richtig zu handeln (wie zB. die Grünen jetzt beim Klimapaket) UND Druck auf die andern auszuüben. Das kann unangenehm werden.

Und noch eines: diejenigen, die jetzt um Arbeitsplätze, Märkte und Kooperation barmen, werden (Gott sei Dank, möchte man sagen) nicht mehr erleben, wie ihre Enkel ersticken oder ertrinken. Das kann man leider nicht umkehren.

 

Grüner Ausblick: Ö

Der letzte Tag im September. Endlich Regen in Brandenburg, kann gar nicht genug sein. Die Erinnerung an den Alpenhimmel in Südtirol ist lebendig, langsam schiebt sich die Wirklichkeit wieder zwischen die Assoziationen von gelungener Atempause und Erholung … Mein Bewusstsein hat noch nichts von Trumps Patriotismusfanfare angenommen, aber ich fühle mich wie ein Doppeladler, der nach Österreich schaut, aber in Deutschland Politik machen soll. (So fühlen sich Doppelstaatsbürger halt…).

Die konservative ÖVP hat in Österreich eine Wahl gewonnen, die einem überwiegend konservativen Land durchaus realistisch zusteht. Die Grünen haben den Sozialdemokraten mit 13% gegenüber 22% (vorläufig) zwar noch nicht den Rang, aber endlich die Tendenz abgelaufen, es wurde Zeit.  Dass so viele Nazis in der FPÖ sich zu der strotzenden ÖVP geflüchtet haben oder daheim geblieben sind, ist nicht nur erfreulich, wirklichen Gesinnungswandel kann man nicht erkennen, und ob es zu einer rechten Spaltung wie damals in Knittelfeld kommen wird, ist fraglich. Ob die Nazis wieder mitregieren, ist glücklicherweise zweifelhaft bis unwahrscheinlich, aber ob der Magen des langen Kurz groß genug ist, die vernünftigen Kröten der möglichen Partner: Asyl, Klima, Soziale Gerechtigkeit, wenigstens teilweise aufzunehmen, von verdauen reden wir jetzt noch nicht, ist auch fraglich.  Noch ist Österreich nicht verloren, das müsste ebenso in Polen, Ungarn, Rumänien, Kroatien, und anderswo ähnlich angestimmt werden. Vom Gipfel der schneefreien Berge aus ist Grün eine wichtige Zukunftsfarbe, aber es gilt auch viel Braunes, Schwarzes, Rostrotes wegzuputzen, und das sagte der österreichische Grünenchef Kogler etwas Interessantes: wir sind (Partei und) wieder eine Bewegung. Genau das abgelegt zu haben, hat den deutschen Grünen ihren Höhenflug beschert, da sollte man die Unterschiede analysieren, warum Österreich mit seinem festgefügten Korporatismus eine Bewegung braucht, – übrigens ist und bleibt der Begriff ambivalent, also Vorsicht. Aber dass die Partei etwas und jemanden bewegt, ist die gute Nachricht. Die weniger gute ist eine niedrige Wahlbeteiligung, wobei man viele Rechte und auch sich abgehängt Fühlende im Lager der passiv Verdrückten vermuten muss. Wenn man sich die Wahlkreisverteilung in Wien anschaut, dann sieht man eines: grün verträgt keinen Linksruck. Grün ist eben nicht rot.  Sondern allenfalls, wenn‘s ökologisch und ökonomisch stimmt, eine Koalition mit Links. Das gilt in Deutschland auch und wird von den meisten auch so verstanden. Die Alternative ist eine andere Form der Bündnisse in der Mitte, die eher die rechten Parteien dorthin drängen, als ihnen nach rechts folgen.

*

Dass man trotzdem heute nicht froh ist, sondern nur ein wenig erleichtert, hat viele Gründe. Kurz würde man ja noch weniger wählen wollen als die CDU, bei aller Merkel. Aber – und deshalb hat Kogler mit der Bewegung recht – unter der dünnen Oberflächenhaut ist die soziale Lava in Bewegung geraten. Auch hier stimmt die Rechts-Links-Dominante als Dimension nicht mehr.

Ich mache keine Prognose für eine Koalition. Ich hoffe, man wird dem menschen- und europafeindlichen Grenzregime von Bayern aus Österreich Widerstand entgegen setzen, man wird den Brenner frei halten und mit Immigranten wieder menschlicher umgehen. Dann schaun wir einmal…nur eines wird man seltener hören, des Wieners Lieblingsspruch: „Konnst eh nix mochen“.

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Gut, dass ich zwei Köpfe habe.

 

 

Sag, was du weißt – schweig nicht zur Gewalt

Ein seltsamer Titel, ich weiß. Ich habe in diesem Blog immer wieder zu verschiedenen Formen des Widerstands aufgerufen oder von ihnen abgeraten. Das Risiko des wahr Sagens besteht und kann sehr groß sein, und das Rsiko, dass die Verstümmelung von Wahrheit zum staatlichen, rechtlichen, oft moralischen Prinzip, oder zu einem Urteil wird, ist ebenso groß. Dass sich die Beschädigung von Personen und der Gesellschaft hinter den ganz großen Begriffen wie Freiheit versteckt, ist geradezu ein Prinzip der Gewalt. Wenn sich diese Gewalt hinter einer wichtigen Instanz unserer staatlich verfassten Gesellschaft versteckt, hinter der Justiz, dann ist das gefährlich. Für uns, für jede(n) Einzelne(n), für alle. Gewalttätige Urteile sind keine Ausrutscherm, sondern ein für viele fast unvermeidliche Begleiterscheinung eines eigentlich ganz ordentlichen Systems von Gewaltenteilung und Rechtsstaat. Für mich nicht: sie sind Anzeichen einer Erosion, die nur selten so bizarr wie im Fall Gewalt gegen Künast anzutreffen ist. Gewalt im Einzelfall lenkt auch ab von der Gewalt im allgemeinen gesellschaftlichen Gefüge.

 

Eigentlich ist ein Wort, das selbst seine Tücken hat. Eigentlich möchte man zur Blödheit des Bundeskabinetts mit seinen Klima-Katastrophen-Beschlüssen und den Folgen für die demokratischen und republikanischen Staatsbürgerinnen ausführlich und genau Stellung nehmen. Eigentlich möchte man zu gerade wieder erneuerten und erschreckenden Beobachtungen zu Gletscherschwund und absehbaren endgültigen Verstümmelungen von Landschaft und Sozialstruktur Stellung nehmen (was am Beispiel einiger Wochen in Südtirol ohne Pathos, eher resigniert möglich ist); eigentlich möchte man aber auch zurückkehren zu den Friedens- und Konfliktpolitiken, die auch den Rahmen für Finis terrae in diesem Blog geben. Eigentlich möchte man den Jargon der Eigentlichkeit[1] nicht anreichern, aber dann lese ich:

In einem Land, in dem man „nichts mehr sagen darf“, sind laut Berliner Landesgericht folgende Äußerungen gegenüber der Grünen-Politikerin Renate Künast erlaubt: Drecksfotze / Stück Scheiße / Schlampe / Sondermüll / Geisteskranke / Knatter sie doch mal so richtig durch, bis sie wieder normal wird / vielleicht als Kind ein wenig zu viel ge… Sie bewegen sich „haarscharf an der Grenze des noch Hinnehmbaren“, werden als „zulässige Meinungsäußerungen“, „mit dem Stilmittel der Polemik geäußerte Kritik“, „überspitzt, aber nicht unzulässig“ und „Auseinandersetzung in der Sache“ gewertet (mehr zu Fall & Begründung hier). Gegen den Beschluss will die Politikerin Beschwerde einreichen.

„Man darf das nicht so stehen lassen“, sagte Renate Künast dem Checkpoint am Donnerstagabend. „Es geht hier um den Kern unserer Demokratie und darum, wie mit Menschen umgegangen werden darf, die sich öffentlich engagieren.“ Ziel der Hetzer sei eine systematische Sprachverschiebung, sagte Künast. „Wenn man Dinge nur oft genug sagt, glauben die Leute sie irgendwann, auch wenn sie vollkommen falsch sind. Genau darauf setzen die Rechten.“ Die Politikerin will, wenn nötig, bis vor den Bundesgerichtshof ziehen. „Es wird Zeit, dass sich die höchstrichterliche Rechtsprechung mit der Frage auseinandersetzt, was gesagt werden darf und wo Grenzen zu ziehen sind.“ Grenzen, die vielleicht längst überschritten wurden.

Tagesspiegel Online 20.9.19

Es haben sich auch schon andere über die Blödsinnigkeit der beiden Richterinnen und des Richters am Landgericht Berlin aufgeregt. Man  muss diesen schrecklichen Juristen nicht gleich alle bösen Absichten der ewig-gestrigen Abkömmlige der deutschen Nationaljustiz unterstellen, die trauen sich nur nicht zu sagen, wo und unter welchen Umstände es Grenzen der Meinungsäußerung geben muss. Es muss sie geben und man sollte gegen sie im konkreten Fall ankämpfen können,  nicht so wie hier: keine Grenze setzen und sich dann über die Folgen der Freizügigkeit von Hass und Diffamierung wundern (wenn deutsche Richter sich wundern können…). Frau Künast ist keine Nebenperson der deutschen Politik. Sie muss unterstützt werden in ihrem Revisionsverfahren, aber man muss auch der liederlichen Fraktion der Justiz auf die Finger und aufs Maul schauen. Dazu im Tagesspiegel vom 28.9.2019: siehe Anhang:

  • Was die andern Themen angeht, geht es darum, nicht etwas eigentlich zu sagen und zu tun, sondern es zu sagen und zu handeln.

Die beiden Bereiche hängen zusammen. Allenthalben wird von vielen, auch selbst aktiv Betroffenen oder passiv Betroffenen (also auch Teil-Hassern, Beschimpfern und Drohern, Beschimpften, Gehassten und Bedrohten) die Verrohung der Gesellschaft durch und in ihrer Sprache beklagt oder angeprangert. Was damit gemeint ist, versteht sich im Alltag sofort…wird aber bei genauem Hinsehen kompliziert. Man sagt eben nicht öffentlich zu einer oder einem Anderen Du Arschloch, Sie Drecksfotze, Ihr Lügner etc. Das Problem liegt nicht im Wort,  sondern im „Man“. Die rechtlichen Grenzen der Freiheit, sich gegenüber anderen zu äußern, sind ganz andere als die moralischen, politischen und die, die zur Lebenswelt und eben nicht zum System gehören. Das Diktat des Man, betreffend was man darf und nicht darf, sind so komplex und vielschichtig, dass sich die Richter und die politischen Kommentatoren leicht dahinter verschanzen können, das Man zieht eine unsichtbare Grenze und ist selbst nicht auffindbar. Und doch wissen wir ziemlich genau, was geht und was nicht. Woher wir diese Gewissheiten haben, ist auch nicht einfach darzustellen, aber es gibt internalisierte Regeln, deren Einhaltung den Zusammenhang von Gesellschaft ebenso garantieren wie bei anderer Gelegenheit der Regelbruch, die Tabu- und Normenverletzung. Wer wann was sagen kann und darf, sollte zwar rechtlich in einem weiten freiheitlichen Rahmen geregelt werden, aber eben unter der steten Gewissheit dieses Grundsatzes. Wann ein Konflikt virulent wird, gezeigt werden muss, und wann er so geregelt werden muss, dass er nicht akut ausbricht und zur Gewalt  – oder zur irreversiblen Beschädigung von attackierten Menschen wird – ist bisweilen vorhersehbar – oft aber nicht. (Nebensatz: dazu ist es ganz gut, wenn sich Soziologie, Anthropologie, Sprachforschung etc. in die Erforschung von Konflikten gemeinsam einbringen).

Das Hinnehmen des Man ist eine Kapitulation vor der Macht derjenigen, die nicht Man sind, sondern ihre Macht als Herrschaft, als Hegemonie ausüben.

Der Widerstand dagegen muss sich oft den Vorwurf gefallen lassen, er arbeite mit den gleichen Mitteln wie die, die er angreift. Für mich muss das KEIN Vorwurf sein, richtig, auch ich denunziere, beschimpfe, drohe etc. bisweilen, aber eben nicht aus der Position der Macht heraus. Wenn die Sprache trotzdem wirkt, in dem sie das Denken und Handeln anderer aktiviert, habe ich einen politischen Zweck erreicht, den ich auch verantworten muss.

Künasts Richter haben mich abgelenkt. Wir können sie nur bestrafen, indem wir eine Justiz kritisieren, die solche Urteile ja gefördert hat, durch Ausbildung, Diskurs-Hegemonie und die Feigheit vor der Wahrheit. Die drei sind wahrscheinlich nur moralische Hohlköpfe, die Angst haben vor der Umkehr ihrer Argumentation: die Angreifer durften Frau Künast nicht so beschimpfen, weil… und dann in der Begründung die Grenze des Sagbaren benennen, ohne dass dies die Freit der Äußerung beschränkt. Das Sagendürfen der Gewalt ist ja oft keine Freiheit.

Und zurück zur Einleitung, zum Eigentlichen: Was wir wissen, müssen wir nicht zurücknehmen, nur weil es einem nicht tragfähigen Rechtssatz widerspricht. Das kann Konsequenzen haben. Auch für uns. Davon lebt die Gesellschaft und ihr Zusammenhalt: dass der Widerstand gegen ihre zurück gebliebenen Grundsätze sie immer wieder nach vorne, a jour, bringt.  Das Eigentlich verflacht dieses Prinzip.

ANHANG zum Fall Künast: Tagesspiegel online 28.9.2019

Dass die Grünen-Politikerin Renate Künast Beleidigungen wie „Drecks Fotze“ hinnehmen müsse, wie das Berliner Landgericht vergangene Woche urteilte, hat längst nicht nur Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble schockiert. Die Anwälte der Kanzlei Bernhard Korn und Partner gehen noch einen Schritt weiter: Sie haben jetzt Strafanzeige gegen die verantwortlichen Richter gestellt.

Zur Begründung schreiben sie auf ihrer Webseite: „Das Urteil hat uns geradezu empört, weil der Verdacht naheliegt, dass sich die Richter aufgrund ihrer politischen Überzeugungen zu einem schlicht unvertretbaren Urteil entschieden haben.

 
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[1] Adorno 1964.Ich möchte den Widerwillen gegen den Begriff der Eigentlichkeit nicht soweit in die theoretische Sphäre heben, aber vieles an Adornos Kritik schwingt hier mit und lässt einen überprüfen, was man eigentlich sagen wollte…

Deutschland erwacht – halbwegs?

Lest einmal die Liedfassung von 1937, von Bruno Schestak gereimt und vertont, Hitler gewidmet.

Ich schreibe sie hier nicht auf, sie ist zu gräulich. Interessant ist, wo man den Text im Netz findet, in welcher Nachbarschaft sich der Hass breit macht. Die Beziehungen zu älteren Liedtexten und Melodien (Sturmlied: https://en.wikipedia.org/wiki/Sturmlied) sind nachgewiesen.

Oder vielleicht doch die zweite Strophe von Schestak: (http://ingeb.org/Lieder/deutsche.html)

. All diese Heuchler, wir werfen sie hinaus,
Juda entweiche aus unserm deutschen Haus!
|: Ist erst die Scholle gesäubert und rein,
Werden wir einig und glücklich sein! 😐

Das klingt wie Beatrix von Storch, wie Höcke, wie Kalbitz….wie ein ganze Menge von AfD Politikern. Und die lässt man reden.

In einem Einwanderungsland wie der Bundesrepublik können wir Juda durch Millionen Menschen, die als MigrantInnen zu UNS gekommen sind, ersetzen, gleichzeitig einen ethno-rassistischen Antisemitismus weiter hinnehmen, und dann der Verheißung folgen: Wir werden einig und glücklich sein. Dass jüdische Menschen in der Regel gerade die Scholle nicht  besessen haben, war den Menschen 1937 wohl entfallen; und dass das Verschwinden der jüdischen Deutschen, später der jüdischen Europäer Einigkeit und Glück gebracht hätte, wird niemand unterstellen. „Verschwinden“ = Wir töten sie.

Nun überlasse ich Deutschland nicht den Nazis von NPD, AfD und Identitären. Langsam wachen die wachen Geister auf und verstehen, dass es sich bei diesen Menschen und Parteien nicht um zurückgelassene verängstigte Abgehängte handelt, sondern um a) Nazis, wie sie VOR 1933 zunehmend den Ton angegeben haben, b) um deren geistig-moralische Gefolgschaft, die vor 1933 und dann im „Reich“ und dann danach unter allen Lebensumständen die Ideologie der Protagonisten nicht verstehen konnten, weil sie sie nicht verstehen wollten, c) um solche,  die das alles sehr wohl verstehen und sich Erfolge oder Positionen für die Zukunft erhoffen.. mit der Gruppe d) den Verführten, Eingeschüchterten, dem Missverstehen anheim Gegebenen wollen die Politiker reden, die selbst, als Demokraten, Wahlen verlieren und sich Legitimität zurückholen wollen…reden, reden, reden.

Nun, die Kommentare der Wissenschaft werden erfreulicherweise immer deutlicher.  Ein gutes Beispiel ist Matthias Quent; es gibt deren mehrere. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Wissenschaft der Politik politisch voraus ist.

*

Die Nazis sind keine neuen Nazis, es sind Nazis, und ihr Gedankengut ist, mit den zeitbedingten Verschiebungen und kommunikativen Modernisierungen, so identitär grundständig wie eben die früheren Nazis auch nicht homogen waren. (Das war im übrigen eine ausnutzbare Stärke der Nazis, gegenüber relativer Engführung der kommunistischen Fokussierung). Und dass gemäßigte oder so genannte Bürgerliche bei den AfD und Identitären jedes Potenzial zur illegitimen Gewalt, zum Rassismus, zur Diskriminierung leugnen – Meuthen etwa, das war früher auch so: der osmotische Rand verbrecherischer Organisationen ist sozusagen die Systemumgebung der Faschisten, aus der sie ihre Ressourcen ständig beziehen und erneuern.

Damals wollten sie, dass Deutschland zur Diktatur erwache, sie also nicht einfach von oben geschehen lässt. (was ja auch geschähe, könnte die AfD mitregieren und im demokratischen Rahmen mit entscheiden, was ja einigen Ortes bereits der Fall ist…).

Die Demokratie muss hinnehmen, dass sich ihre Feinde artikulieren. Sie muss den Versuch der Teilhabe an der Herrschaft nicht hinnehmen und damit sind auch die Grenzen der Meinungsfreiheit für diese Nazis deutlich gezogen. Die Frage, ob „man“ mit ihnen reden dürfe, diskutieren, ob sie in der öffentlichen Meinungsvielfalt adäquat „vorkommen“ dürfen, entscheidet sich nicht schematisch, das ist wirklich ein Problem. Muss die AfD bei jedem Thema in jeder Talkshow „vorkommen? Der heikle Punkt ist, dass das Vorkommen der Nazis nicht ausschließlich das Ergebnis einer Wahl, eines Ergebnisse von 20-30% sein kann. Womit wir wieder bei a)-c) sind. Die oft geforderte klare Kante besteht nicht in pauschaler Ablehnung und eigener (demokratischer?) Redebereitschaft oder Kommunikationsverweigerung. Zuerst müssen die nebeligen Begriffe beiseite geräumt werden, dann kann man auch leichter mit Gruppe d) reden.  Aber Nazis sind eben Nazis und keine Rechtspopulisten, Gewalt- und Hassprediger sind eben nicht nur Übertreiber, Abgehängte sollen sagen, worin sie abgehängt sind, bevor man sich ihrer Sorgen annimmt…Da können wir Wissenschaftler schon mehr an Beiträgen leisten als jetzt der Fall ist.

*

Ich lege hier meine eigene Latte hoch: Klima und Nazis sind die Twintowers. Dazu: die Nazis sind nicht immer Nazis im historischen Sinn, Trump steht ihnen geschichtlich näher, auf niedriger Ebene Orban oder Kaczynski, aber die andern Selbstherrscher sind da nicht weit weg. Test für arrivierte Lehrende an der Oberstufe: Nazitexte, Stalintexte, in manchen Fällen Texte des Vatikan, und solche von Subalterndiktatoren: mischt sie, und lasst die SchülerInnen und StudentInnen herausfinden, woher der Sound kommt. Die DDR war groß im Verwerfen der Totalitarismustheorie und  hat sie doch nur gefestigt; die USA, auch von uns lang gepflegter Verbündeter in Recht und Entwicklungszusammenarbeit, sind mit China, Russland und einigen andern Weltmarktführer in Folter, Todesstrafe, Vertragsbruch. Messen wir andere Gesellschaften an dem, was wir zur Gewaltherrschaft und zum Klima tun, wie wir handeln, gibt uns eine Reflexionsebene ab.

Zwischenfazit: zum ersten Teil dieses Blogs ein kleiner Aufruf: Stellt euch auf den weitern,  langwierigen und langfristigen Umgang mit Nazis ein, gebt ihnen nicht nach, und zwingt sie in den Diskurs-Zusammenhang, der Demokratie lebendig hält, also widersprüchlich und unabgeschlossen. Vor allem, wenn sie glauben, sie seien erwacht, heißt das noch lange nicht, dass wir schlafen.

Zum zweiten Teil: auch wir haben unseren Anteil am Erstarken einer Bewegung, die wir gut kennen sollten (ich erspare mir das „eigentlich“, wie gut wir sie kennen sollten). A) bis c) kann man nicht bekehren, und soll sie nicht bekehren wollen: man muss sie bekämpfen. D) ist die Zielgruppe, die soviel faschistisches, nazistisches, stalinistisches, klerikales, unaufgeklärtes Potenzial in sich trägt, das für alle Parteien reicht und in allen gilt.

 

 

Damals 1933 1989 2019

Damals wie heuteWir sind das Volk – plakatiert die AfD, und abgesetzt darunter: 1989 / 2019 Vollende die Wende!

Nach den für die Nazis erfolgreichen Landtagswahlen vom 1.9. war mein erster Impetus: hört auf, die AfD hochzuschreiben. Andere, demokratische Kräfte kommen kaum mehr vor im öffentlichen Diskurs. Sarah Wagenknecht, spätstalinistische Hofdichterin der desaströs abgestürzten Linkspartei, sucht die Schuld bei der eigenen Partei, von der früher das Wahlvolk ähnlich motiviert war wie heute von der AfD, und wohl aus diesem Grund massenhaft übergelaufen ist…was sie damit wirklich sagt, ist ziemlich furchtbar: nämlich das Eingeständnis, dass die Linkspartei/vorher PDS/vorher SED, nun tatsächlich das Spiegelbild der Protestpartei von Systemgegnern war (und ist). Furchtbar, weil sich z.B. in Brandenburg gerade die Linkspartei von ihren Stasi-Altvorderen teilweise mit dem Stimmzettel massiv getrennt hat. Das macht sie etwas demokratischer und etwas weniger wurzelgrundhaft populistisch. Wagenknechts Intention ist natürlich eine andere: hört aufs Volk, seid nicht abgehoben, sondern versteht die Ängste, Sorgen, Verlustgefühle…und bitte, überprüft ja nicht deren Berechtigung und Inhalt. Kubicki, von der anderen kleinen Verliererpartei, sagt ähnliches, mit der Nuance, dass nicht alle WählerInnen der Nazis selbst Nazis sind. (Es gab auch WählerInnen der NSDAP, die keine Nazis waren, so wie es KPD WählerInnen gab, die keine Stalinisten waren. Dennoch muss man von Nazis und Stalinisten sprechen…). Damals wie heute: die AfD sagt 1989, und meint 1933.

Ob ich da nicht übertreibe? Wenn man dem gemäßigten Parteivorsitzenden Meuthen glaubt, übertreibe ich und sorge dafür, dass polarisierte Plebejer jetzt erst recht AfD wählen. Wenn man den Weidels, Gaulands, Höckes, von Storchen und Kalbitzen zuhört, dann übertreibe ich nicht. Kalbitz, erwiesenen rechtsradikalen Ursprungs, bemüht sich, nicht nur wie Himmler auszuschauen, sondern auch seine Diktion und seinen Habitus dem anzugleichen…Vor 1933 hatten die Nazis zwischen einem Drittel und der Hälfte der Deutschen vor sich hergetrieben, heute ist es noch nicht so arg, aber bei 25% liegt gesamteuropäisch und auch in Deutschland das Nazipotenzial.

Zwei Vergleiche müssen sein: der mit den Nazis vor 1933 und der mit anderen faschistischen Parteien in Europa.

Letzteres ist einfach: überall wo „rechte“ Parteien an der Regierung oder stark in den Parlamenten sind, werden populistische, rassistische, oft sexistische, ethnopluralistische Argumente immer neu zusammengesetzt. Es gibt keinen einheitlichen Faschismus, hat es nie gegeben, und es gibt keine stichhaltigen Polarisierungen an den Extremen der Rechts-Links-Koordinate. Dabei ist allerdings wichtig, dass dies auch nicht bedeutet, es gäbe eine akzeptable Mitte, z.B. eine Liberale. Die Achse ist falsch, und alle Positionen auf ihr tragen nicht.

Die Nazis vor 1933 waren auch nicht homogen (übrigens danach auch nur in Maßen). Die AfD hat –  selbstverständlich und „natürlich“, wenn man die „Natur“ der politischen Rahmenbedingungen nimmt – einige andere Schwerpunkte, Anlässe, Events, Trigger und mediale Methoden. Aber keine grundsätzlichen Differenzen, selbst die Spaltung in einen völkisch-ethnonationalen und einen staatlich-faschistischen Flügel hat es bei den Nazis schon früh gegeben.

Wenn jetzt die Woidkes, Wagenknechts, Kubickis etc. uns auffordern, mit den Leuten zu reden, kann das verschiedene Dimensionen haben. Bekehren wollen kann man sie durch Zuhören und Reden nicht. Die Abkehr vom nazistischen und völkischen Gedankengut erfordert eine Abtrennung der Gefolgschaft von den Leitfiguren, die ja keinen geringen Druck auf die Einzelnen ausüben. Und es erfordert eine andere Diskursebene als die Konfrontation dessen, was wir von der AfD halten. Zum einen – keine Bußübung, bitte – sollten wir überprüfen, von welcher Position aus wir die AfD kritisieren. Die AfD schädigt gewiss die Parteiendemokratie weniger als das republikanische Grundverständnis der demokratischen Gesellschaft. Als Partei bedient sie sich der Propaganda, Lüge, Versprechungen, Verschleierungen von Einnahmen – vielleicht schlimmer als andere Parteien – aber nicht grundsätzlich anders. Als politische Kraft, d.h. als soziale Gruppe mit unscharfem Rand und machtvollen Strukturen im sozialen Raum, hingegen können wir sie rigoros ablehnen,  weil sie weder mit dem Buchstaben noch dem Geist des Grundgesetzes einher geht – ohne dass wir bereits über jede Kritik in dieser Richtung erhaben sind. Der Rassistische und völkische Kern, der Ethnozentrismus und die Zivilreligion des Volks an sich, das sind die Punkte, an denen wir sie angreifen müssen, zur Gegengewalt  bereit sein können – und eine andere Politik auf Gebieten machen, wo die AfD tatsächlich populistisch Schwachstellen aufgreift – das haben autoritäre Parteien immer so gemacht und machen es in ganz Europa weiter so.

Damals ist kein Zufallswort und kein Gag. 1989 in die Tradition von 1933 zu stellen, ist so „konsequent“, wenn man will, wie den Widerstand der Weißen Rose oder Willi Brandt zu vereinnahmen – nicht einfach taktisch klug. Man bemächtigt sich unseres Selbstverständnisses, um selbst keines herstellen zu müssen. Was tun wir? Verteidigen die Geschwister Scholl oder Willi Brandt, anstatt ihren Vergewaltigern die Luft der Kommunikation abzudrehen. Sagt sich leicht, ich weiß, und ist schwer. Aber man muss diese Typen angreifen und ihnen nicht den Pluralismus der Demontage jenes Bodens gestatten, auf dem wir und unsere Kinder stehen. Was mich zurückbringt zur notwendigen Analyse des Rahmens, aus dem heraus wir politisch argumentieren.

Die Wahlanalyse zeigt: die AfD kann in Zukunft nicht noch einmal so viele bisherige Nichtwähler mobilisieren. Das ist gut so, aber wir müssen uns um die auch kümmern. SPD und CDU dürfen sich nicht auf ihren Status als Volksparteien berufen, wenn sie nicht bereit sind zur Konstituierung des Volkes aus der Bevölkerung heraus einen demokratischen Beitrag zu leisten, in der Sozialpolitik, in der Klimapolitik (Woidke und seine Braunkohle), aber auch in der Bildungspolitik (die kam im Wahlkampf so gut wie nicht vor); wir, die Grünen, haben das besser gemacht, aber es fehlt noch etwas im Konzipieren einer Politik, die nicht jetzt die roten Linien benennt und dann nicht über sie hinaus kann…lass die andern mal, wo sie sind.

Vor 1933 haben – aufgrund anderer Umstände als heute – viele Menschen nicht mehr an die Kraft der repräsentativen Demokratie zur Ordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse geglaubt und sind der autoritären Zielvision gefolgt, dass es eine Herrschaft schon wird richten können. Damals wie in der Nazizeit, wie in der Sowjetunion, wie in der DDR hat sich solches Denken in starken Residuen erhalten, ist gar neu aufgekommen. Man kann es nicht durch das bessere Argumente abtöten, sondern nur durch richtiges politisches Handeln. Und was auf der Hand liegt, dieser Katalog, ist ja da.

Warum tun wirs nicht, wenn wir das Geld, das Mandat und die Instrumente haben? weil wir WählerInnen verlieren, weil wir Menschen abhängen, weil Menschen in ihren Ängsten bestätigt werden, weil es niemand versteht als die Eliten da oben….? alles nicht gänzlich falsch und doch in Gänze falsch. Die Macht, das zu tun, was, auch wenn es weh tut, jetzt gemacht werden muss, braucht legitime Macht, die wir ausüben können, also eine andere Herrschaft,  und keine Furcht vor den Gespenstern der Geisterbahn des Volkes, das es gar nicht gibt. Des deutschen Volkes schon gar nicht….

Glücklich ist, wer vergisst…

Glücklich ist,

wer vergisst,

was doch nicht zu ändern ist.

(„Die Fledermaus“)

Seit Tagen raschelt etwas bei mir im Bücherzimmer, undefinierbar. Heute wurde es lauter. Auf einem hohen, schwer erreichbaren Regal, wo Marx, Engels, Lenin und Mao einträchtig verstauben, rumort es. Ich ziehe zwei Bände Lenin heraus, und gleich wieder drücke ich sie ins Regal: dahinter saßen mehrere kleine Fledermäuse.

Erste Erklärung: vor ein paar Tagen flatterten gleich mehrere dieser lieben Tiere durch unsere Balkonzimmer.

Was tun? Lenin gab keine Antwort. Nach einigen Telefonaten kam eine NABU-Expertin für Fledermäuse (die war zufällig beides und am Freitag um 16 Uhr noch erreichbar). Sie erbat einen Karton, wir mussten die Oberlichtfenster aufmachen. Dann räumten wir die Bücher ab: Hinter Marx ca. 15, hinter Lenin 5, hinter Hannah Arendt 1 Fledermaus der Gattung „Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus)“; sie ist zierlich, passt in eine Streichholzschachtel und nährt sich von Insekten. Leider scheißt sie regelmäßig und kurz nach Nahrungsaufnahme, sodass ich endlich meine verstaubte Bibliothek nach Fledermausbefall verabscheue und den ganzen Raum reinigen muss.

21 Tiere im Karton, drei oder vier flatterten noch dazu im Raum herum und verschwanden dann durchs Oberlicht. Auf dem Dachboden war es den niedlichen Tierchen wohl zu warm, der Klimawandel schlägt auch da zu. Die Expertin zog mit dem Karton und den geretteten Tieren ab. Die Tiere sind zu klein, um einen in die Hand zu beißen, und deshalb bekommt man keine Tollwut; das beruhigt. Sie sind bislang nicht verhungert, also muss es doch einige Insekten hier gegeben haben. Für meinen Freund, dessen Hund Mopsa heißt, hätte ich mir natürlich die Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus) gewünscht, aber die ist größer.

Die Geschichte erzähle ich euch, weil offenbar Marx und Lenin in Büchern sich verewigen, in denen sich Fledermäuse gerne aufhalten, weil sie da ungestört bleiben. Jetzt frage ich mich natürlich, wie bei anderen Büchern, warum ich die noch aufbewahrt habe. Naja, im Kapital I und III sind ja bedeutsame Aufzeichnungen mit Bleistift als Randglossen drin (Lesekreis Osnabrück 1975), aber in weiteren Bänden eher keine Spuren intensiver Lektüre. Lenins Reden ohnedies fürs Alter angeschafft, und so weit bin ich noch nicht. Die Beschaffungsgeschichte lässt mich meine Ausflüge nach Ostberlin erinnern und die Arbeitskreise, in denen sich über Marx und seinen Exegeten Beziehungen bildeten bzw. entzweiten und tiefe Einblicke in unser Verhältnis zum Proletariat gewährt wurden. Heute gibt es uns, aber kein Proletariat mehr, oder umgekehrt, es gibt uns nicht mehr.

 

 

Unsere Fledermäuse waren zu klein, um Alpträume zu produzieren. Aber beim Beseitigen der Batman-Scheiße blättere ich durch die säurefesten MEW Klassiker und die großgedruckten Mao-Bände, meine Notizen goutierend, auch das Arbeitsheft des Kapitalarbeitskreises ist dabei, ich war damals schon ein guter Chronist. Parteiprogramme, a so a Schaas, wie der Wiener sagt.

Kommentar eines guten Freundes, lesbar gemacht:

Erstens beweist der Nestbefall, dass Du noch klar im Kopf bist und jahrelang gut marxistisch in Blogs argumentieren kannst, ohne die blauen Bände in die Hand zu nehmen.

Zweitens ist der Fall ein Beweis dafür, dass Dein Arbeitszimmer gut durchlüftet und mit Sauerstoff  versorgt ist (irgendwie müssen die Tiere ja von außen hereinkommen, wenn sie nicht Brehms Tierleben entflogen sind) – was für den Kopf ebenfalls von Vorteil ist.

Zum Dritten hättest Du nun die Möglichkeit, das Nest heimlich an der Willy Brandt Baustelle (BER) zu verstecken und damit den Bau des Flughafens um weitere 20 Jahre zu verzögern.

 

Ich bin gerührt. Nun ist aber das Problem, dass nach Säuberung und Entstaubung die Klassiker wieder dort stehen, wo sie gestanden haben, und wohl bis zu meinem Auszug in die elysischen Gefilde dort stehen bleiben, obwohl ich gesehen habe, wie viele von den Frühschriften ich genauer, und wie wenig von der politischen Ökonomie ich durchblättert hatte in jenen Tagen…(letztere kam erst vor ein paar Jahren wieder zu Ehren, nicht ganz linientreu).

 

*

 

Die Episode der Kleinvampire ist auserzählt. Der Rückblick auf meine Frühbildung auch. Was bleibt, sind doch ziemlich viele Bücher, weniger als eine Gelehrtenbibliothek, viel mehr als ein normale Büchersammlung. Und die geben mir heute schon ein paar mehr Überlegungen auf. Sich mit Büchern und Bildern zu umgeben, ist auch ein Zeichen. Nicht in den weiß-gläsernen Apartments der transparenten Bürger wohnen zu wollen. Ein Zeichen für wen? Die Konservativen? Die Wärmedämmung durch Bücher als Beitrag zum Klimawandel? Die ständige Möglichkeit der Bildungsergänzung, wenn EndNote zu wenig bietet? Keine trivialen Erwägungen, weil ich ja der Endlichkeit dieser Lagerstätte entgegensehe, und es schon etwas schmerzt vorauszusehen, wie wenige der Bücher ein Antiquar meinen Nachkommen anbieten wird, wenn sie das alles entrümpeln. Stelle ich Bücher an die Straße, sind sie schnell weg…habe ich etwas übersehen bei Lohn, Preis und Profit? Die Sache hat ja auch einen aktuellen Haken. Solche Wohnungen und Bibliotheken sind eine Emanation der Sesshaftigkeit. Migranten haben das Problem nicht.