Vorsilben Festival

VERgleiche taumeln durch die Feuilletons, VERbote von VERgleichen. Hitler mit Putin, Stalin mit Hitler, So gehts nicht, VERrenn dich nicht, sagen die einen, die andern nennen die einen VERgesslich.

Vergleiche sind notwendig, weil die erst die Unterschiede deutlich machen. Was ist der Unterschied zwischen Krieg und der militärischen Aktion Russlands gegen die Ukraine? Ich äußere mich weiterhin dazu nicht im Blog, es gibt andere VERgebliche VERgleichsVERfahren, die uns sprachlich aufmerksam machen, und es muss nicht VER sein.

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Worauf ich hinaus will, ist die Politik, die durch Vergleiche ihre Gefolgschaft gefügig machen will. Das setzt voraus, dass den Menschen klar ist, was womit verglichen wird. Banal? Naja, schon banal, aber wirkungsvoll. Warum vergleichen mehr Medien Hitler mit Putin als Stalin mit Putin? Das ist keine banale Frage. Die Medien sind voll davon, heute im DLF und den Tageszeitungen….und längst konstant hoher Vergleichs- und Erregungsgrad. Im Privaten sind die meisten Sätze, die beginnen „du bist WIE…“ schräg. In der Politik aber wichtig. Wenn Putin wie Hitler ist, dann folgt eine andere Prognose als wäre der Vergleich hirnrissig….

Wenn einige bessere politische Freunde mir vorwerfen, ich wertete die Fehler und Verbrechen der USA zu gering, VERglichen mit denen Russlands oder Chinas, muss ich ausholen, um aufrichtig zu antworten.  weil ich zur zeit den Eindruck habe, dass die Diskurse sich wie Nebel über den Krieg und seine Ordnungen legen. Wir können und müssen ihn nicht abwarten, er ist da. Und beeinflusst unser Denken, unser Handeln und unsere Sprache. Nicht überall gleich, nicht überall in direkter gewalttätiger Konfrontation. es ist kein Krieg der „Systeme“. Es ist einer von mehr oder weniger demokratischen Gesellschaften gegeneinander und dort, wo wir MEHR erfahren oder anstreben, muss dann die Grundlage für Handeln, für Praxis sein. Gegen den Faschismus braucht es nicht so viel Theorie wie innerhalb der Demokratie. Aber es braucht Wissen um die Wirklichkeit. Das übersteigt die Meinungsfreiheit. Die Amerikakritik ist ein gutes VERGLEICHSMOMENT, weil es ja wirklich viele Elemente einer politischen Realität gibt, die uns an diesem Verbündeten, als einem Partner im Westen zweifeln lassen – und dennoch: wer würde tauschen?

Der Vergleich zwingt zur Aufrichtigkeit, und die Wahrheit ist, dass die amerikanische Wirklichkeit anders zu bewältigen ist, lebenserhaltender, als die russische. Dahinter steht keineswegs eine Theorie des Westens, wie sie manche Historiker pflegen, v.a. weil es keine Theorie des Ostens gibt, nach dem Sozialismus ist bei Putin vor dem neuen Zarenreich. Das kann schon einen Unterschied machen, und dazu sind Vergleiche gut. Ähnlich wie bei den Meinungen: um Praxis zu machen, muss es übergeordnete Instanzen des Bewusstseins und der Moral geben. Politik oder – wenn es genauer beschrieben wird – Gesellschaftlichkeit. Wichtig ist: der Vergleich entschuldigt nichts. Nur macht er klar, wo wir mit welcher Schuld auskommen können und wo nicht. Aber dazu kann man nicht die eine Schuld verdrängen, um die andere umso größer und absoluter erscheinen zu lassen. Sonst ist der Vergleich unsinnig, und die Sprache, darüber zu reden, Verrat.

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Im Kassel wird anlässlich der documenta 15 erbittert um Antisemitismus gestritten und um Rassismus. Das gegenseitige Aufrechnen der Fehlerhaftigkeit ist kein Vergleich von unterschiedlicher Schuld. Es zeigt vielmehr die Interessen und Meinungen derer, die mitreden und kommentieren. Mir wäre es z.B. als jüdischem Beobachter des Geschehens lieber, der Zentralrat oder Herr Klein hätten einmal den Kontext studiert, bevor sie überhaupt etwas dazu sagen. Mir wäre auch lieber, wenn die Organisatoren nicht einfach ihr anti- als Vorsilbe mit Politik verwechseln. Anti-Anti-Semitismus…ach ja.

Auf den Kontext kommt es an, in der Sprache, in der Politik. Nebbich, das haben wir ja gewusst und das ist banal.

In allen Kontroversen bricht die nicht-bewältigte Vergangenheit ein, ausnahmslos. meistens umso schlimmer, je später, oder je verlogener sie sich der als sicher geglaubten Grundüberzeugungen udn Meinungen bedient. Das ewige Murmeltier des des zugeschriebenen Faschismus bedeutet nicht, dass das Murmeltier plötzlich ein Reh ist. Sondern dass man die Meinungen zum Faschismus abschleift bis zur Beliebigkeit. Das Entfernen der Schutzverbände ist schmerzhaft.

Schluss jetzt. Jetzt schon?

Weil die Reaktionäre, die Neoliberalen, die Libertären und ihr schmerbäuchiger Anhang schon gar nicht mehr daran glauben, dass es künftige GENERATIONEN (also Ururenkel und noch weitere) geben wird, häufen sie jetzt Schulden und Umweltvernichtungen und andere Unzuträglichkeiten diesen fiktiven Nachnachnachkommen auf. WENN die Mindestziele beim Klima, wenn die untersten Armutsbegrenzungen, wenn der Erhalt von Artenvielfalt etc. NICHT gelingen, dann allerdings ist das auf JETZT ausgerichtete Verhalten dieser alternden Bande zu Lasten lebender und kommender junger Generationen verständlich, folgt sowohl der Marktlogik als auch der Diktatorenberuhigung. weltweit. und dass ein reiches Land wie Deutschland solches in vielen Bereichen mitmacht, ist auch kulturell und zivilisatorisch. ungut.

NEIN, das ist weder Kulturpessimismus noch Schwarzseherei, das ist der gebotene Realismus, angetrieben auch von der Rückschau auf die letzten, sagen wir, fünfzig oder sechzig Jahre. Realismus heißt, dass man NOCH etwas ändern kann.

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Anlass zu diesen düsteren Gedanken ist die Häufung derartiger Betrachtungen in den Medien gerade am langen und in meiner Gegend strahlenden langen Wochenende. Statt Feiertagslaune versprühen Philosophen und Wahrsager diese Wahrheiten, in der Hoffnung dass irgendein Geist, heilig oder weltlich, die Hirne der aufgeweichten Treibenlasser doch noch zusammenkehrt und vielleicht aktiviert.

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Vorhang auf. Wolkenloser Himmel. An den Rändern der überbevölkerten Parks gibt es noch Sumpfflächen mit herrlichen gelben Lilien und tatsächlich einigen Insekten, selbst Stechmücken sind noch nicht Glyphosat-gesättigt und suchen Menschenblut, man hört ein Kind, das einen, einen, Schmetterling sieht und bejubelt, und alles ist vom Regen vor vier Tagen etwas erfrischt. Bescheiden mahnt die Ethik, freuet euch des Lebens. Bleibt uns ja nichts anderes übrig.

Vor etwa 50 Jahren hatte ich angefangen Listen der katastrophal empfundenen Fehlentwicklungen des Kapitalismus anzufertigen, mehr sozial- als umweltpolitisch ausgerichtet, aber damals schon skeptisch gegenüber der undifferenzierten sozialistischen Anthropologie, die die genetische Gleichheit der sozialen vorziehen musste, um ihre Ungerechtigkeiten zu verbergen. Schade um die Zeit, diese Listen zu erneuern, sie sind im Grunde analog, nur ist einiges sehr viel schlechter geworden, während sehr viel Kleines besser geworden ist. Allerdings: Kriege und Umwelt sind die Unabhängigen Variablen, die sich nicht diskursiv wegreden oder verschweigen lassen.

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Vorhang weiter auf. Weil der Augenblick SO SCHÖN ist, verweilt er doch nicht. Wo steht geschrieben, dass das Richtige, das Wahre, das Schöne beständige wäre als die Wirklichkeit? Aber es ist ja auch da, und die zergrübelte Welt wird auch nicht besser, mahnen die hunderten Ratgeberlein, Büchlein, die als Geschenke zu allen Anlässen wirklich taugen. Vielleicht sind die Lebensumstände der Mehrheit in den kapitalistischen Staaten nur deshalb besser als die der Mehrheiten in den Diktaturen und parasozialistischen oder ungeregelten Gesellschaften, weil sie entgegen ihren Philosophen und Zukunftsforschern nur für diesen Augenblick regieren und wirtschaften? Sich mit Händen und Füßen gegen die künftige Realität zu stemmen, jetzt zu kassieren, jetzt zu konsumieren, jetzt Gutmensch zu sein, die Hauptsache, man konzentriert sich nicht wirklich auf das letzte Fünftel (so groß ist die Minderheit bei uns, wenn nicht größer), dessen Marginalisierung unsere Lebensumstände so angenehm macht. Kinderarmut in Deutschland? – hä, wer sagt denn sowas? Altersarmut in Deutschland? – Wir haben doch die Rente! Analphabetismus in Deutschland? – es muss auch Dumme geben; Klimakatstrophe? – Und die Arbeitsplätze, life-work-balance, und Rekrutierung neuer Flugbegleiter in den sonnigen Süden. Etc., etc., nicht schon wieder jammern. Und dass es anderswo kein Fünftel, sondern die Hälfte oder noch mehr sind, die schlecht leben und für die JETZT ein mieser Begriff ist, haben wir zwar mitverschuldet, aber die sind doch Diktaturen und nicht wir. Diese „liberale Logik“ kotzt mich jeden Tag an, wenn sie sozusagen amtlich verkündet wird.

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Vorhang noch weiter auf. Man geht durch ein Reservat, von dem man wünscht, es wäre in Zukunft größer, weniger außergewöhnlich. Es wäre „normal“.

Könnt ihr euch an das Partisanenlied „Bella, ciao!“ erinnern. Am Ende ist man unter einer schönen Blume begraben. So, wie man ewig und unumkehrbar im Grab verwest, so kurz blüht die Blume. Dann ist auch sie verschwunden. Die verkürzte Erinnerung ist eine Brücke zwischen der Geschichte und Jetzt.

Dazu passt Olivette Otele in einem Interview mit Antonia Gross, Berliner Zeitung vom 4.6. „Arme weiße Männer „Ich habe kein Mitleid mit der Mehrheitsgesellschaft“. Die Unterschiede in der Mehrheitsgesellschaft und die Unterschiede zwischen Gesellschaften werden hier herausgearbeitet. Und ich denke: die Zukunft im Jetzt?

Heisst: handeln, spenden, kritisieren.

Heisst: Vorhang auf, bevor er zugezogen wird.

Orban raus! Demokratie rein!

Der Sommer machts nicht besser. Die EU lässt sich von Diktatoren wie Orban auf der Nase herumtanzen – seit langem. Natürlich hätte man längst die Rechte aus der Mitgliedschaft Ungarns reduzieren oder suspendieren können, ABER….da gibt es andere Mitglieder, mit ANDEREN Rechtsbrüchen (Haushalt, Justiz, Korruption etc.), und man kann ja nicht alle ausschließen, wenn man ein teilweise taktisch besetztes Regierungsorgan erhalten will – es gibt AUCH gute Kommissionsmitglieder – ; und man spielt Demokratie. Das Einstimmigkeitsprinzip ist niemals demokratisch, und in der EU dient es seit Beginn den Nationalismen.

Und jetzt? Der Faschist Orban kann leider nicht nach Russland deportiert werden, denn ein Teil seiner Ungarn steht hinter ihm, und nur den Führer abzuschieben reicht nicht. Kurze Antwort: die EU muss ihre Regeln brechen, das Ölembargo ohne Ungarn einfach machen, und danach schnell die Regeln demokratisieren. Geht nicht? Geht doch – alle demokratischen Verfassungen haben ihre Notstandsgesetze, und das ist ein Notstand. Lange Antwort: Grundkurs Demokratie.

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Diesmal geht es um den russischen Reichsbischof und Uhrendieb Kyrill. Den will Orban hofieren, und mit welchen Argumenten.

Man könnte – Konjunktiv, nicht Optativ – religionspolitische Gründe gelten lassen, die sind aber im Falle Ungarns ausgeschlossen, rein demographisch und kulturell. Kurzer Ratschlag: den Beschluss zum Embargo umsetzen, Ungarns Seele dem Fegefeuer überantworten. Lange Antwort: die Diskurse der Diktatoren sind der freien Wortwahlwirtschaft des westlichen Kapitalismus & seiner Rechtsordnung überlegen. Begründung: nichts für einen Blog. Aber machbar.

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HALT. So, wie ich das hier versuche, kann man EIGENTLICH nicht argumentieren. Das hatte ich, als die ehemaligen Sowjet-Vasallen befreit waren und in die EU strebten, selbst geschrieben und gedacht: natürlich ändert sich etwas, wenn man die Sklaven aus der Höhle ins Licht entlässt, das Höhlengleichnis kann man umschreiben, dann versteht man, warum diese Länder mehrheitlich unterschiedliche Vorbehalte gegen unseren etablierten Wohlstandswesten hatten. Meine These damals, 1989 ff., war, dass diese Länder durch eine breiige Mauer des Nationalismus sich durchfressen müssen, bevor sie sich integrieren und vielleicht uns zur besseren Demokratie motivieren. Denn wir, im so genannten Westen, haben den faschistoiden postsowjetischen Kräften das Agieren leicht gemacht. Das gilt nicht nur für den ehemaligen Ostblock. Man analysiere bloß die, auch von der CDU & Kumpanen, erfolgreiche Abwehr des türkischen EU Beitritts – so lange, bis sich der Faschist Erdögan etablieren konnte (NATO Mitglied, Freunde!). Dieses Muster galt für den finanziellen und strukturellen Wiederaufbau des „Ostens“. Und die dortige demokratische Opposition wurde wahlweise begrüßt oder marginalisiert, aber die Brüsseler Egalität zahlte alles zu, wie man Löcher in den Zähnen stopft. (Bei Ungarn weiß ich ziemlich genau, dass es auch nationale Versuche gab, demokratische Systemelemente zu etablieren. Dass Orban heute 70% des Pöbels hinter sich gebracht hat, ist auch Ergebnis eines liberalen Scheiterns.)

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Was tun? Ich weiß es nicht. Da herrscht Krieg, Verteidigung (richtig, die der Ukraine vorrangig) und Militarisierung (falsch, die nationale z.T. durchsichtig falsch und ideologisch), werden – notgedrungen? Oder übergangsweise? – zusammengelegt.

Aber was ich weiß: Man muss den Orbans das Handwerk nehmen, bevor sie versteinerte Diktaturen in unserer Zone errichten, Termitenhügel in der versteppten Demokratie. So, wie Religionen und Lebenspraktiken, so wie Kunst und Soziales, nie fertig sind, nie Dogmen haben dürfen, so muss sich Demokratie entwickeln, verändern lassen und verändern können. Dazu muss man auch einmal Regeln zum Tanzen bringen.

2.6. Abends. Und wieder hat der Faschist Orban die EU erpresst. Der Uhrendieb Kyrill darf weiter einreisen und wird nicht sanktioniert, Putinfreund Orban bleibt ungeschoren.

Jüdischer Einspruch: Mayday. M’aidez!.

Der Notruf hängt über allem, wie eine dunkle Wolke. Über die Hilferufe hinwegzuleben, ist ebenso notwendig wie schwer erträglich.

Viele, vor allem in Politik und den Medien, wollen die Welt schwarz – weiß sehen, damit die Entscheidungen für oder gegen einen Partner, eine Kriegspartei oder eine Lebensentscheidung eindeutig sei. Man muss über den Wert der Eindeutigkeit aber einmal nachdenken, bevor man sich ihr stellt.

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Nicht nur Selenskyj auf der einen Seite (weiß), oder Putin und Kyrill auf der anderen (schwarz) verlangen diese Eindeutigkeit. Damit liefern sie, unbeabsichtigt, Munition der Gegenseite, weil die bloß in die Geschichte schauen muss, um die Flecken auf dem Kleid des Gegners auszumachen. Das wiederum nutzen die Unaufrichtigen udn Zögerer, um von Außen den Kontrahenten immer die Schuld am Grauen gleich zuzuschreiben: der Westen hat Russland dazu getrieben…die Ukraine hat eine dunkle Vergangenheit im WK II, … Putin verteidigt nur eine große Kultur….wir unterstützen die Ukraine, aber nicht ohne russisches Öl, das den Krieg der Russen finanziert….

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Schwarz, aber nicht weiß.

Slava Ukraini is no longer the a slogan of the perpetrators of anti-Jewish violence; it is a slogan of a country defending liberal democratic values, whose president is a descendant of Holocaust survivors

(Magda Teter: Rehearsal for Genocide, NYRB 9.6.2022, 15-16)

In dieser Rezension dreier neuer Geschichtsbücher endet eine Abhandlung über die Pogrome in der Sowjet-Union und der Ukraine im 20. Jahrhundert, und keineswegs wird hier eine oder die andere Seite weißgewaschen. Aber der letzte Satz ist nicht nur Programm, er zeigt auch die Veränderung: Slava Ukraini war der Schlachtruf der Ukraine im Bestreben nach Unabhängigkeit 1914, und dieser Ruf hat auch die ethnisch inspirierten Pogrome der frühen Jahre nach 1918, im ukrainisch-russischen Krieg befeuert. Die neue Sowjet-Union hat sich dagegen gestemmt, oft selbst die Juden in Schutz genommen, was später bei den Nazis den Begriff der „jüdisch-bolschewistischen“ Politik hat entstehen lassen (vgl. auch umfassender https://de.wikipedia.org/wiki/Jüdischer_Bolschewismus).

Dass Putin heute antisemitisch und antijüdisch argumentieren lässt, v.a. durch Lawrow) und dass die christlichen Kirchen darüber gespalten sind, muss genauer studiert werden, damit es nicht entschuldigend aus der Geschichte „erklärt“ wird, wo der sowjetische Antisemitismus dann ausgeblendet würde. Nein, das ist schwarz, ohne die Ukraine weiß zu waschen. Wozu auch, sie ist eindeutig in diesem Zusammenhang aufgehellt.

Die drei Quellen der Rezension sind Elissa Bemporad, Jaclyn Granick und Jeffrey Veidlinger. Seriöse Verlage.

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Die Enthistorisierung zur Rechtfertigung der Gegenwart ist eine beliebte Methode, zumal wenn sie sich der Geschichte selbst bedient. Lawrow ist ein unmoralischer und böser Politiker, aber nicht dumm. Wenn er sagt  „Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind“ (Mai 2022), dann steckt dahinter wieder ein schwarz-weiss-Muster, das angetan ist, an sich gegnerische Kräfte hinter dem antijüdischen Diktum zu vereinen. Versucht einmal, ein richtiges Gegenargument rhetorisch schlagkräftig zu entwerfen….

Eine Lehre aber ist für die Politik daraus zu ziehen: man kann auf der „weißen“ Seite sein und die „schwarze“ bekämpfen, ohne dass die Welt dazwischen sich einem anschließt (d.h. sehr hart: wenn man ein Opfer retten will, darf man nicht zuerst die guten und schlechten Seiten des Opfers abwägen, bevor man es rettet. Oder man rettet gar nichts als sein eigenes Selbstbewusstsein).

P.S. Drei Stunden nach diesem Blog lese ich Jürgen Link: „Die affektive Seite des binären Reduktionismus“. Link hat die KultuRRevolution gegründet, jetzt, in Heft 82, schreibt er zum gleichen Thema mit der selben „schwarz-weiß“ Argumentation. S.11. Das freut mich, weil wir selten einer Meinung waren, u.a. zu Afghanistan. Und es freut mich, das das Problem offenbar nicht vergraben und unzugänglich ist.

Ärmer werden

“Free speech is essential to a functioning democracy,” Elon Musk declared in his bid for Twitter, as if this shallow assertion were self-evident. What is more evident is that the “absolute free speech” embraced by robust libertarians like the Tesla entrepreneur is a key driver of dysfunctional democracy. (Nathan Gardels, Noema Editor-in-Chief)

(Noema Magazine, 28.5.2022, Beggruen Institute)

Nun ist es nicht schwer, den Tesla-Chef in seiner Ambivalenz zu packen: Hier der innovative, techno-soziale Kämpfer an der Zukunftsfront – Autos, Raketen, Digitales – andererseits eben „neoliberal“ + Trumpist. Wenn man den Jubel über das Teslawerk in Brandenburg abschwächt, kommt genau diese Dimension der dysfunktionalen Demokratie zu Vorschein. Und wie die Innovation verkauft wird, zeigt das Problem der Kommunikation ohne die Öffentlichkeit (Communication without community trifft es besser). Denn diese Öffentlichkeit, d.h. auch das WIR, ist nicht beteiligt. Ein klassischer Fall für die politische Ökonomie, wo die Wirtschaft und die Politik in ein und derselben Institution getrennt werden. Arbeitsplätze und Umsatz gegen Freiheit und Umwelt.

Dazu brauche ich nicht Elon Musk. Christian Lindner und seine Truppe in der FDP sind gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen, obwohl das gegen CO2  hülfe; sie sind weiterhin für die völlige Zerschlagung einer ohnehin maroden Bundesbahn; sie sind vor allem für einen Freiheitsbegriff, der ausschließt, also nur denen Freiräume schafft, die sie auch besetzen können. (Vulgär ausgedrückt: was nützt mir Freiheit, wenn ich keine Gelegenheit habe, sie zu leben?).

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In der derzeitigen Krisenvielfalt driften die Lebensumstände auseinander. Von den Maskenfirmen und Covidtestern bis hin zu den Waffenherstellern profitieren die einen, die anderen – die Mehrheit – verliert an Wohlstand. Nun könnte man sagen, das ist in einem reichen Land wie dem unseren nicht so schlimm wie in den ärmsten Gesellschaften, wo der Abstand zwischen den Reichsten und den Ärmsten noch größer ist. Das stimmt aber so nicht, weil unterhalb einer bestimmten Armutsgrenze der Vergleichsmaßstab nicht mehr anwendbar ist. Wir sind eben nicht in der Sahelzone.

Und die Abwendung der Armen von der Politik ist nicht trivial. Ohne seine politischen Positionen generell zu teilen, finde ich Christoph Butterwegges Begriff der „relativen Armut“ und seine Ausführungen dazu wichtig. Und ich finde es bedenklich, wenn die Analysen der NichtwählerInnen nahelegen, dass sich von dort das Gros der populistischen Nichtdemokraten rekrutiert, besser der Anti-Demokraten. Und die beruhigt oder gar konvertiert man nicht mit den beliebig kleinen oder größeren Sozialzuwendungen. Für manche Familien können 50 oder 100 € tatsächlich Hilfe bedeuten, für viele ist es der Hohn der Henkersmahlzeit vor dem Absturz. Der würde auch durch eine Vervielfachung dieser milden Gaben nicht gebessert, solange die Abstände nach oben, zur Freiheit unter dem Lindnerbaum, nicht verringert oder tatsächlich überbrückt werden (à Steuerreform, Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer etc.).

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Erst wenn hier umgesteuert wird, kann man erwarten, dass sich das Gros der Ärmeren auch der Klimapolitik, auch der Armutssolidarität stärker zuwendet. Und das bedeutet, dass auch unser persönlicher, individueller Wohlstand abnehmen wird, abnehmen muss…der „relative Reichtum“, in dem wir leben. Mit Spenden allein – bitte bleibt dabei! – ist das nicht strukturell getan. Und natürlich ist das nicht nur Lindner und seine „freien“ „Demokraten“, da sind fast alle im politischen Establishment beteiligt. Und vergesst nicht, die Kosten kommen erst, wenn sich die Zeiten des Kriegs ausdehnen und der Nachkrieg die wirkliche soziale Struktur sichtbar macht. Ich bin keine Kassandra, deshalb denke ich, wir können das tatsächlich schultern. Aber nicht mit Zeitenwendegebrabbel. Grüne Sozialpolitik kann das beweisen, dass es geht – in der Demokratie, allerdings, nur dort. Und da sollten die Angriffe auf die Scheinfreiheit Widerstand finden. Nur die Meinungsfreiheit, ist noch keine Befreiung aus der Unfreiheit der Machtausübung.

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Ich predige keine Askese, keine selbstgewählte Armut als moralische Vorzeigehaltung. Das wäre Quatsch. Aber 1,5° und ein Ende der russischen Aggression und ein Ende der chinesischen Diktatur und ein Ende von Orban und ein Ende von Erdögan und noch viele anderen Enden lassen sich nicht durch Wachstum & Freizeit herbeiführen. Und auch nicht durch die gespiegelte autoritäre Gegenpolitik, die sich mit rhetorischer Legitimität auf die gleichen Mittel wie die Schurken stützen würde. Man nimmt Krisengewinnler in Kauf, aber nicht den Profit aus den Dauerkrisen. Deshalb sollte Demokratie immer funktional bei den Menschen ankommen und nicht nur gepredigt werden. Funktional heißt: da wird gehandelt und nicht geglaubt.

Literaturempfehlung: Michelle Nijhuis: Must we Grow? NYRB LXIX, 12-14. 2 wichtige Rezensionen: Leidy Klotz: Subtract: The Untapped Science of Less, und J.B.McKinnon: The Day the World Stops Shopping.

Typisch deutsch

Die Kehrseite des nationalen Bewusstseins ist die Wirklichkeit. Deutschland, der Bremsklotz? Aber nein, hinten nachhängen erlaubt dann umso mehr Beschleunigung beim Überholen.

Allerdings: was wäre das Gegenteil von nationalem Selbstbewusstsein, Germany first! oder eben über alles, nicht über allem? Ich habe immer gesagt, einfach: Kosmopolitismus, kompliziert: Wiederherstellung des Primats der Politik über die Ökonomie. Aber schon die Diskussion der Frage stößt auf den geklumpten Widerstand von Unternehmen, Gewerkschaften, dem Milliardär- und Millionärspöbel, und vieler Intellektueller, die ihre geistige Unabhängigkeit durch soziales Engagement in Gefahr sehen. Tja, schimpf nur, sagt der deutsche Michel und streicht sich über den Bauch. Außerdem ist die Lebenserwartung dort niedriger! Wenn ich das Nachhinken in der Digitalisierung beklage, hält mir die Kultur entgegen, soviel digital ist ohnedies ungesund und obendrein hackeranfällig; wenn ich die deutsche Finanzierung des russischen Kriegs gegen die Ukraine wegen der Öl- und Gasrechnungen auch nur erwähne, werfen sie mir vor, ich wolle, dass den Landsleuten kalt wird und die Wirtschaft zusammenbricht. Ich kann sagen, was ich will, es wird immer gegen die strahlende Aureole des zu verteidigenden Heimatlandes aufgerechnet.

Denn unser Max bleibt unser Max:

…Den Max darfst du nur loben, weiter nichts!
Denn unser Max bleibt unser Max!
Zwar, wer was sagen will, na der sag’s
Jedoch nur Gutes, denn ansonsten sieh dich vor!
Auch wenn Max dumm ist oder schlecht
Der Max bleibt Max, drum hat er recht
Und wer einen Witz macht, der hat keinen Humor!

(Geworg Kreisler, Max. Ein kleiner Ausschnitt)

seht ihr, schon entschuldige ich mich bei mein 5 Freunden, die auch Max heißen, obwohl es sich bei Kreislers Max um jemand anderen handelt. Ich beuge mich der Deutschen Erfolgsbilanz, pardon, ist ja nur beobachtet, nicht so gemeint. Denn es gibt ja wirklich viel gutes in unserem Land, nicht wahr? Wahr ist auch, dass es anderswo schlechter zugeht, dass andere ärmer sind (im Durchschnitt), dass andere weniger Bildung, Einfluss und Ansehen haben (im Durchschnitt).

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Nicht einmal ich bin so blöd, die einfachen Rückständigkeiten des mächtigsten Landes in Europa so klischeehaft zu verbreiten. Aber ich bin ehrlich genug zu zeigen, wie nah an der Oberfläche diese Erscheinungen ihr Unwesen treiben. Sie sind eben nicht die Folge ethnischer, völkischer, kultureller Rückständigkeit, sondern Folge einer Politik, die Herfried Münkler zutreffend als 30 Jahre „sowohl – als auch“ bezeichnet – und von der ich sage, das ist nur so lange gut gegangen, weil wir uns das leisten konnten – und andere nicht, bzw. auf deren Kosten wir so weiter machen wollen. Wir, das ist eine Politik, von der viele nichts halten, gegen die aber noch mehr Menschen nicht viel unternehmen.

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Angesichts des angezählten Klimatodes dieser Erde, also der Welt, ist vieles, das sich als Politik tarnt, purer Zeitvertreib privilegierter Köpfe in ihrer Blase. Das ist auch ein Argument für die Gelbwesten. Auch. Aber nicht nur. Ich habe das Gefühl, manche sitzen an einem Spieltisch und haben über der x-ten Runde eines anspruchsvollen Computergames die Welt um sich in die Grauzone der Unaufmerksamkeit gedrängt. Und das hat mit Deutschland nichts oder nur wenig zu tun.

Zeitenwende, wie sie der tatsächliche retro-orienjtierte Scholz nicht versteht, heisst auch, dass wir uns unserer Geschichte wirklich stellen müssen, d.h. nicht nur profitable, sondern auch schmerzhafte Lehren aus ihr zu ziehen. Ja, der Hiutler Putin Stalin Vergleich haut hin. Bitte schön, ja, aber Hitler war ja nicht „die“, sondern auch „wir“ (nie alle, ich weiß). ASls wir 1968 ernsthaft, mehrheitlich unter den Studis, festgestellt haben, der Faschismus sei noch nicht zu Ende, wurden wir (mehrheitlich) beschimpft und v.a. von den Konservativen ausgegrenzt. Da war Willy Brandt noch nicht Kanzler, bei ihm gab es wirklich eine Zeitenwende. Hin zur Demokratie und weg vom Globke-Kompromiss (Israel!), weg vom Gehlen Kompromiss, weg der eigenen Geschichte. Danach lief es ja wirklich besser. Aber dass die 15-15% Nazis bei Reps, NPD, AfD kein „Neuanfang“ unter neuen Vorzeichen sind, sondern dass es mit versäumten Neuanfängen zu tun hat…schwer zu diskutieren. Wenn ich heute für eine Europa-Armee außerhalb der NATO plädiere, werde ich wie verrückt angeschaut, weil wir und die USA doch…ja was? durch westliche Werte oder die Nuklearbewaffnung oder die – ohne Ironie herrliche West/Ost-Küsten verbunden sind? Oder alles drei, aber: spielen wir dabei eine wirklich bedeutsame Rolle? So wenig, wie 20 Jahre lang in Afghanistan. Ein kleine reiche Mittelmacht, da capo al fine, aber über den Anfang.

Was ich damit sagen will, ist klar: bei unerfreulichen Alternativen muss man=wir, das Volk – sich dennoch demokratisch entscheiden, der Mittelweg – siehe oben – bringt den Tod (Alexander Kluge) (oder wir sind, schon bevor wir angegriffen werden, im Krieg. Die Menschen in der Ukraine sterben, auch mit unseren Devisen).

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Was daraus folgt? erst einmal wiederhole ich mich spenden, aufnehmen, helfen. Das ist klar, aber noch nicht die Adelung der Politik. Dann aber: schon die Geschichtslektion gegenüber a) den nuklearen Diktaturen R&C und b) dem völlig gespaltenen Patron USA gegenüber sollte nicht gelernt werden (folgenlose Didaktik), sondern Konsequenzen haben. Die Brückenrüstung der Ukraine ist ok, denke ich, aber keine Lösung. Die beginnt wo anders, bei der ERevision unserer Demokratie, und die wiederum geht nur, wenn das gehoben und unschädlich gemacht wird, was noch behindert, und nicht, was in hunderten Gedenkstätten und Büchern immunisiert (wird).

Mit den Diktaturen ist es paradox einfach und trotzdem schwierig. „Warum fällt es Deutschland so schwer, von einem faschistischen Russland zu sprechen?“ fragt Timothy Snyder im SPIEGEL 22, S. 52 ff. und er analysiert ganz gut die letzten 150 Jahre. Ein Absatz ist mir da besonders wichtig: „Unausgesprochen bestand die Voraussetzung der Ostpolitik darin, nicht über die Ukraine zu sprechen, dem eigentlich zentralen Thema der Erinnerungspolitik (MD: in diesem Zusammenhang, nicht „an sich“). Snyder bezieht da unter anderem auf die doppelte Kolonialisierung. Und danach orinetierte sich die Ostpolitik auf Moskau, und so gut wie nicht auf Kiew.

Aber das wissen wir, es spielt nur in der Politik keine Rolle, in der Bildung und kritischen Kultur wenigstens eine gewisse. Snyders Abschluss hätte auch Scholz sagen können, hat er aber nicht: „Deutschland hat die Chance, mit seinen kolonialen Traditionen zu brechen, und die Chance, im Krieg gegen die Faschisten endlich auf der richtigen Seite zu stehen. Die deutsche Demokratie braucht das, und wir anderen (nicht nur die Ukrainer) brauchen die deutsche Demokratie“. Es ist nicht schwer, dem zuzustimmen, aber schwierig danach zu handeln. Und im übrigen ist dieser Teil der Kolonialgeschichte völlig aus dem Blick geraten.

Und die USA? Ich werde dauernd kritisiert und oft beschimpft, weil ich die USA nicht in den Topf China-Russland werfe, und das Sündenregister der USA ziert dann die Korrespondenz. Meine Amerikakritik lässt sich zwar sehen, aber sie dringt nicht durch. Ambiguität ist nicht das Metier des Sowohl-Als auch. Zu meiner großen Freude hat Jill Lepore nicht nur den Hannah Arendt Preis 2021 bekommen, sondern gestern live, zusammen mit Juri Andruchowitsch, Preisträger 2014, diskutiert.

(Vgl. Hannah Arendt Preis für politisches Denken, 3.12.2021, http://www.hannah-arendt-preis.de)

Da spricht sie über die USA. und über Spaltung einer Gesellschaft, die kein gemeinsames Verständnis von Demokratie erlaubt. Eine Grenze ist undurchdringlich: Abtreibung ist Mord und Gewehre bedeuten Freiheit ODER Gewehre bedeuten Mord und Abtreibung symbolisiert Freiheit. Es ist sofort klar, dass es hier keinen Mittelweg gibt (siehe oben). Sie zeigt auch andere Grenzen auf, etwa bei „News“ und Fakten, Fox versus demokratische Medien usw., und sie vergleicht 1939 und die durch FDR geeinte Nation. Ich frage (mich), was die Bindung und Allianz mit so einem „paralyzed giant“ für uns bedeutet, und nicht wie wir die bestehende Bindung ausgestalten. Und Andruchowitsch ergänzt, dass Russland seine abgespaltenen Demokratie nicht freilässt, was die EU umgekehrt selbst dort zu8lässt, wo es nicht mehr um Demokratie geht. (Und ich frage mich im Kontext, wie wir das im Verbund mit den USA politisch weiterentwickeln).

Wir haben vergessen, wie wenig Mut es bei uns braucht eine Meinung zu haben sie zu äußern. Belarus und Russland zeigen uns, was der Unterschied ist – wobei es auch für mich schwerer als vor 30 Jahren ist, aus den USA Material und Fakten zu beziehen, um hier an der Demokratie und Kultur zu arbeiten; was bei Russland immer schon die Parteinahme für eine Spaltungsseite bedeutete, seit meiner Arbeit mit Novosibirsk 1998).

Hier schließt sich der Kreis: Befreiung, nicht Freiheit, als praktisches Feld unserer Politik verlangt auch von uns die Aufrichtigkeit gegenüber dem, wie wir so geworden sind, und nicht bloß die Entscheidung, für wen wir und warum mehr Empathie wahr machen.

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Hier geht es nicht um Ost-West, nicht um die Ukraine unter Russland, oder um Russland und die USA. es geht erst einmal um uns selbst, damit wir wissen, von wo aus wir handeln.

Habeck hat Recht. Was tun?

Habeck hat Recht, aber was folgt?

So einfach ist es nicht, Recht zu haben und Politik zu machen und die Menschen dabei mitzunehmen.

Robert Habeck hat das in Davos deutlich gemacht: Man kann Globalisierung nicht einfach rückgängig machen – man kann das nicht, ob es manche wollen oder nicht – und man kann Nationalismen nicht als  Gegenmittel zu ökonomischen Abhängigkeiten und Erpressungen benutzen. Das Gegenteil von Global ist ohnedies nicht national, sondern lokal, und die Dialektik der Glokalisierung ist schon ganz gut aufgearbeitet (In einer ganz guten Zusammenfassung Glokalisierung – Wikipedia wird auch Zygmunt Bauman erwähnt, der mich schon vor Jahren auf das Problem und den Begriff gebracht hatte).

Rein ökonomisch scheint es, als gäbe es algorithmische Möglichkeiten, mit hoher Effizienz die globalen Anstrengungen, um profitable Vernetzungen und Lieferketten zu reduzieren – ob nun Klima, Hunger, Bevölkerung oder Artenvielfalt im Fokus stehen. Es scheint so. Weil sinnvollerweise Wirtschaft allein nicht die Strukturen hergibt, und eine politische Ökonomie gefordert wird.

Die muss sich aber damit auseinandersetzen, dass sie allerorten und weltweit auf große und weniger große Diktaturen stößt, auch immer im eigenen Einflussbereich: wir in der EU haben Ungarn und andre an der Backe, Europa die Atomdiktatur Russland, in der so genannten „Westlichen“ Hemisphäre haben wir nicht nur die waidwunde USamerikanische Demokratie im eigenen Lager, den „Osten“ gibt es gar nicht, aber er wird gleich von zwei Tyranneien unterschiedlicher Machart und vielen kleineren bestückt. Und etlichen auch waidwunden Nationalismen.

Unsere Insel ist kein Staat mehr, was sich national profiliert, wird am Versagen eher als an einem Erfolg gemessen, das gilt für Größere wie Deutschland noch mehr als für die Kleineren. Unsere Insel, deren Ufer die Demokratie verteidigen wollen und sollen, ist natürlich bedroht, und was Russland betrifft, so sind wir im Krieg, der hat nur unseren nationalen Boden noch nicht mit Kampf betreten.

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Die allgemeine Glokalisierungstheorie lässt uns an die Gesellschaft denken, die spezielle an unsere Kinder und Enkel. Den Kapitalismus wird man weder durch beten noch durch elitäre Lokalökologie los, wir können Zusammenhänge nicht durch gut gemeinte Analyse zum Einsturz bringen. Aber der globale Kapitalismus ist eher ein Imperium als eine Nation; Imperien haben die Eigenschaft, mehr oder weniger dichte Machtstrukturen aufzuweisen, und jedenfalls sind demokratische Bewegungen eher geeignet, lebbare Alternativen zu schaffen, auch wenn es dabei um einen Abbau von Wohlstand, Mobilität, Lebenskunst geht.

Unabhängig von der Globalisierung dürfte weiter gelten, dass die „Sieger“ aus bewaffneten Konflikten meist eine Periode größerer Armut durchmachen, wenn sie die nicht mit Beutegut kompensieren. Die „Verlierer“ werden deshalb nicht reicher. Das ist kein Hoffnungsschimmer für Russland, aber WIR werden die Ukraine wieder aufbauen (müssen, dürfen, können), und das wird im globalen Kontext vielleicht nicht so wichtig wie unsere materielle Verarmung durch Klima, Flüchtlingsströme und nationale Alleingänge. Auch sollten wir nicht vergessen, dass der Pöbel sich gegen jeden Klassenausgleich stets durch Brot und Spiele hat gängeln lassen, trotz Marx und seiner Klassenanalyse.

Und wenn die ernsthaften Klimaprognosen stimmen, wird die globale Armut zunehmen und auch unsere demokratischen Inseln nicht verschonen, das wird nach der Habeck-Voraussicht auch die dringend benötigten weltweiten politischen Regeln beeinflussen müssen. Und wer von uns wird sich retten können und so oben bleiben, wie wir sind? Die Neoliberalen hoffen, dass sie es sind. Unsinn. Der gerechte Ausgleich wird auch innere Gewalt und eine Einigung erfolgen, die die Demokratie erst einmal weiter entwickeln muss, um die Gewalt einzudämmen.

Wenn Globalisierung bleibt und sich in Glokalisierung ausdrückt, dann ist es umso wichtiger, mit Stärke gegen die Nationalen vorzugehen (incl. NATO „Partner“ Erdögan, Orban & Consorten) und uns Europäer nicht in einem Bündnis sehen. Nur ein sehr viel stärkeres Europa wird als Verhandlungspartner wirklich ernst genommen werden, und ist doch lokal angesichts des Globalen.

NACHSATZ:

Das ist kein Feiertagsausflug eines Lokalredners in die große Politik. Es ist das Inhaltsverzeichnis einer Regierungserklärung, wie sie Habeck und Baerbock & schreiben könnten. Vielleicht hätte ich, wäre ich damals schon am Leben gewesen, 1914 oder 1933 oder 1939 oder …mich so gefühlt wie jetzt: das zu beobachten, was einem selbst (noch) keine Schmerzen macht, aber schmerzt. Aus diesen Gefühlen kann und soll man nie Politik machen, sie sind eher ein Weckruf.

Epi & Pro Blem

Wer nicht mehr in die höhere Schule geht, weiß nichts mehr mit Epimetheus anzufangen, und eine Prodemie hat die WHO auch nicht ausgerufen. Die Politik der Vorsilben hat ihre eigenen Gesetze, nur lachen soll man nicht über alle Sprachspiele. Oder sich wundern.

Seit Jahrhunderten kämpfen die religiösen Klemmchauvies gegen die Prostitution, aber zur Epistution haben sie es noch nicht gebracht, und im Gottesdienst steht der Epistel noch keine Prostel gegenüber; beim Heurigen sagt man übrigens auch Episit!

Aber natürlich ist der Gebrauch von Vorsilben auch taktisch, ich habe ein medizinisches Pro Epi Institut entdeckt. Und Davor/Danach hat ja alltäglich oft seinen Reiz, erotisch wie politisch.

Es gibt 45 griechische und 43 lateinische Vorsilben, von den langweiligen deutschen rede ich gar nicht, aber die antiken haben wir zielgerichtet übernommen. Und profitieren davon.

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Auf diese krummen Gedanken bin ich auch gekommen, weil die Pandemie zur Epidemie heruntergestuft wurde und es noch keine Prognose für die Prophylaxe gegen die Affenpocken gibt. Zum Phylax, dem Beschützer, gibt es viele Vorsilben, aber den anaphylaktischen Schock wollen wir doch nicht in den Alltag übernehmen, da wäre pro- schon besser, ist aber nicht: Texasmassaker durch die progressive Constitution der USA.

Wir werden die Umgangs- und die Hochsprachen nicht mehr so schnell durchleuchten, sie verändern sich scheinbar unbemerkt, aber dann doch nicht, wenn sich Worte und Begriffe einschleichen und andere verschwinden.

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Seit Wochen kämpfe ich gegen die Besprechungssucht des Kriegs der Russen gegen die Ukraine. Diese Abhängigkeit von den Bildern und Kommentaren dessen, was alle aus den Nachrichten wissen können und dann bedenken, nicht bereden müssen, ist die eine Seite. Die andere gibt es auch: die völlig unangemessene Nazisprech der russischen Führung hat eine Geschichte, die spätestens 1943 real wurde. Das sollte und muss man besprechen, und dann auch die Politik von Polen mit, für, gegen die Ukraine erkunden, und die Politik mit, für, gegen die Russen und die Deutschen in den Kontext e3inbringen, – bevor man dazu etwas haltloses sagt. (man kann dazulernen: Ukraine-Polen: Die Grenze der Solidarität – arte | programm.ARD.de (24.5.2022, 21.05). Was hat das mit Vorsilben zu tun? Nichts, und mit unserem Politsprech viel. Pro und Contra sind beliebte Überschriften von Zeitungsdiskussionen, auch Pro und Anti treffen sich bisweilen, aber Prokorruption wird in der Politik nicht so genannt, sondern die Versöhnung von Ökonomie und Moral. Und dem Antisemitismus steht kein Pro- entgegen, sondern Philo-Semitismus, das ist vorgetragene Freundschaft, die meist nicht echt ist.

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Genug der spontanen Philologie. Die Epidermis juckt, und Epimetheus beherrscht die Zeit.

Frühlingserwachsen

Schön wärs, wenns ein Druckfehler wäre.

Der Mai schwindet schnell dahin, der Frühling ist trocken, man begrüßt jeden Regentropfen, aber es deutet sich an, was wir wissen. Keine Zeit für Müdigkeit?

Weil Krieg ist und weil das Unvorbereitete immer auch die Wahrnehmung des Un- und Unterbewussten schärft, reagieren die Menschen auf mehr als nur Covid, Affenpocken, und die Politik. Nervosität ist zu einem Alltagshabitus geworden, außer für die, denen Lethargie gerade recht kommt.

Man schaut nicht ungerührt, aber unangerührt, auf die Folgen des Kriegs für die und in der Ukraine. Zehntausende Tote, Städte, Einrichtungen, Verkehrswege zerstört, und man redet von Wiederaufbau, als ob er gewiss und in Reichweite wäre, also die Ukraine einen Verteidigungskrieg bald gewinnen würde und Russland seinen Angriffskrieg verloren geben müsste. Die Flachen flüchten sich in Putins Krankheit oder die russische Regimewechselclique, die Informierten kommentieren sich um ihre Stimme. Die Normalen versuchen weiter zu helfen, die Schlagzeilen sind längst wo anders, in Davos, im Budgetausschuss, bei den wenigstens Sichtbaren im Regime.

Keine Angst: ich wende mich nicht der Kriegsberichterstattung zu, weiterhin. Sie erscheint mir für viele ein Ausweg aus dem Dilemma, im Krieg aber nicht im Kampf zu sein und zugleich sich ablenken zu lassen, weg von der Wirklichkeit.

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Kann man das alles überbrücken, die reale Perspektive einer erodierenden Evolution unserer Gesellschaften und das, was uns in Wahrheit helfen würde, die grauenvollen Vorboten abzuwenden: Klima, Hunger, Weltkrieg, Verblödung? Wiederum keine Angst: es bleibt uns eh nichts anderes übrig, oder?

Unausgeschlafene Kämpfer und Kämpferinnen für die Freiheit schießen daneben. (für uns geht es um mehr Freiheit, für die meisten erst einmal um Befreiung)

Unwissende straucheln nicht beim Angriff, sondern bei der rettenden Flucht (man muss die Karten lesen können!)

Eines teilen wir mit den Unterdrückten und Bedrückten: die Notwendigkeit des nächsten Tags, das muss Alltag werden. Ihr erinnert euch an mein wichtigstes Gedicht, „Alle Tage“ von Ingeborg Bachmann. Hier zum wiederholten Mal, täglich:

INGEBORG BACHMANN

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

1953 (Piper 1978)

Was daran auch wichtig ist, dass wir uns den Stern der Hoffnung nicht erfinden müssen, ihn erwerben können durch Handeln. Und das geschieht nicht nur im Kampf, wo „man“ sich beweisen müsste, und dann fallen sie, eine(r) nach der/m andern. Der Freund ist hier im Alltag, die Geheimnisse lähmen die Gerechtigkeit und das soziale Leben, die Befehle sind etwas anderes als die selbst und mit-verantwortete Ordnung. Was für den Kalten Krieg galt, der außerhalb unserer Wohlfühlzelle so kalt nicht war, nie war, gilt heute genauso.

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Was hat das mit dem späten Frühlingstag zu tun? es hat ein wenig, ganz wenig geregnet – und man freut sich, rauszugehen und nass zu werden und die Bäume aufatmen zu hören. Man hört vom Widerstand gegen die Umweltgangster der großen Landwirtschaft, die rücksichtlos die letzten Lebewesen von den Äckern vertreiben wollen. Man erfährt die Trumpside von Elon Musk, der nicht nur Autos anbaut; Man hört Habeck und versteht, dass Davos nicht sein muss, aber wenn es ist, sich verändern muss. Man lernt, dass Geflüchtete, die einmal hier sind, hierbleiben müssen und nicht abgeschoben werden dürfen – da können wir Befehle missachten, damit Richtiges geschieht.

Der Flieder ist abgeblüht, die Pfingstrosen wachsen. Wie oft wird wer das noch erleben, in Jahreszyklen, die immer unwahrscheinlicher werden.

Retro

Zwei Tage des Rückblicks, den ich teilen möchte. 1986 war ich nach Oldenburg gezogen, um an der dortigen Universität zu arbeiten. Ich hatte 12 Jahre in Osnabrück zurückgelassen, auch Beziehungen, Freundschaften. Was ich davor von Stadt und Universität wusste, hatte vielleicht Pläne, aber keine Vorausschau erlaubt. Die nächsten 12 Jahre sollten weitgehend bestimmt werden durch learning by doing und durch Anwendung von Wissen, das nicht unbedingt durch die verfestigte Ansicht über diese Universität – Carl von Ossietzky ! – und die Residenzstadt der Großherzöge vorstrukturiert war. Keine Angst: es folgt auch nicht eine noch so kurzgefasste Geschichte meiner Zeit als Präsident dieser Universität. Auch nicht meine Jahre danach, die ich hauptsächlich im Kosovo und Afghanistan zugebracht habe, bis ich auch formal Oldenburg mit Berlin und Potsdam eingetauscht habe. Ich will über die RÜCK-SICHT nachdenken und berichten. Zwar habe ich Freunde und Kollegen ab und an besucht, auch an Begräbnissen und Feiern teilgenommen, aber ich war zunehmend nicht mehr an einem Wohn- und Arbeitssitz, wo man nicht nachdenken musste, um sich auszukennen. Dann kam Corona, noch seltener besuchte ich Freunde und Kollegen und jetzt musste ich zielgenau zu einer Disputation, verbunden mit diesen nahen Besuchen, und ohne weitere Kür.

Erstens: ich hab mich nicht mehr genau ausgekannt. Nur annähernd. Buslinie, Straßennamen, Erkennungspunkte. Das ist geographisch nichts besonderes, manche Punkte haben sich dem Wiedererinnern gefügt. Nicht so wichtig.

Zweitens: Vor der Doktorprüfung war ich dem Lokal zum Mittagessen, in dem so um die 1500 Mahlzeiten eingenommen hatte, fast unverändertes Menu, teurer, aber nicht anders, und der Chef erkannte mich umgehend und ich ihn. Er setzte mich auf den Stammplatz.

Drittens: Noch immer Zeit. Also durchstreife ich die Gebäude und sie waren mir fremd, obwohl ich sie schon noch kannte, nicht so viel Neues. Fremd von den Bezeichnungen an den Türen, nicht die Namen, die ich alle nicht kannte, sondern die Funktionsbezeichnungen, die fachlichen Translokationen, und die Unsicherheit, wo ich denn Aus- und Übergänge finden würde. Fremd heißt hier konkret, es wurde nicht mit der Veränderung und Gleichgebliebenen gearbeitet, sondern mit dem anderen, das keine direkte Erinnerung hervorrief. Manche Flure und Bezeichnungen hätten auch in Marburg oder Potsdam sein können und riefen keine Assoziationen hervor, einige taten es schon, aber die wenigsten.

Binnen einer Stunde traf ich auf genau drei Menschen, die mich erkannten: einen früheren Studenten, von vor 30 Jahren, der jetzt promovierte; eine frühere Mitarbeiterin; einen Lehrbeauftragten, den ich beim besten Willen nicht einordnen konnte. Drei. Hunderte Studis zogen in bunten Gruppen an mir vorbei, strömten wie zu einem Jugendcamp, d.h. ich war nun wirklich alt geworden. Hat mir gefallen, so kann man eine Uni auch beschreiben, eine Uni, nicht meine Uni. Selbst während der Disputation erinnerte ich zwar, mit wem ich im gleichen Raum gesessen und geprüft hatte, aber auch hier keine Assoziation von Zugehörigkeit.

Was ich an dieser Uni bewirkt und verwirkt hatte, kann ich schon noch rekonstruieren, aber das Gedächtnis hat den Ort, die Zeiträume, die Anlässe, relativiert, weggerückt. Also normal. ABER da brachen dauernd Blitze in dieses Gefühl der Fremde, die nicht konkret sagten, was da war, aber dass da etwas war, war reaktiviert werden sollte. ein Ereignis, eine Begegnung, ein Ärgernis oder eine Erfreulichkeit. Retro sprach zu mir, das müsstest du doch noch vor dir haben. Ich hab es hinter mir.

Ich erzähle das, weil es mich doch an etwas erinnert, das mein damaliger Kollege Ulrich Teichler vor 40 Jahren als das Nicht-Eigentliche der Universität bezeichnet hat. Gestern ging mir weder Lehre noch Forschung noch Verwaltung durch den Kopf, sondern es wurde eine punktuelle Anamnese, Wiedererinnern, losgetreten, die mich zu einem Selbstgespräch, einem Verhör über das, was dieser Ort damals an meinem Leben gut oder ungut gemacht hatte, und nicht, was ich gut oder ungut angestellt hatte. Wie Tätowierungen auf der Lederhaut meiner Lebenserinnerungen wirkten Gebäude, Grünflächen, Formen, begleiteten mein Flanieren oder auch Stöbern.

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Das war kein Thema im Abendgespräch mit meinen Freunden gestern Abend und heute Morgen. Als ich für eine knappe Stunde bei einem freundlichen Brunch mit dem Präsidium versuchte, die Retrospektive zu objektivieren, war das nicht so schwierig, wenn man den positivistischen Teil der Rückerinnerung hernimmt: was habe ich damals getan, was gibt es davon noch heute. Aber die kritische Reflexion dessen, was die UNi mit mir und ich mit ihr gemacht habe, stellt sich da nicht einfach ein: denn es ist eine andere Uni.

Ich musste an Italo Calvinos Unsichtbare Städte denken.