Finis terrae XXX: Na vreme, s’ist Zeit

 

Nur ein Atemholen. Ihr kennt das alle.

Na vreme, so hieß vor längerer Zeit eine NGO, an der ich beteiligt war. Es ist an der Zeit.

Das sagen uns auch alle, die in seriöseren Medien zu den drei großen Problemen schreiben oder reden, die zum Überleben jedenfalls wichtig sind: Klima, Gewalt, Migration. Weltprobleme, für die es einen Winkel gibt, der Abtauchen, Verstecken oder auch nur Schatten erlaubt. Und es hat den Eindruck, dass in den Ländern, wo freie Medien noch existieren und beachtet werden, ein fragendes Erwachen vor sich ginge: da wird nicht nur argumentiert, sondern auch abgewogen und – es wird gesagt, was getan werden muss. In den meisten Gesellschaften, die unfrei sind, werden diese Themen mit der Politik von Opposition, Widerstand, und dem Nachweis, was denn so ein Problem die Agitierenden anginge, behandelt.

Das Muster ist ziemlich abwechslungsarm. Zunächst wird der Alarmzustand – Notstand – bestätigt und ausgemalt, meist handelt es sich jetzt ums Klima, vor ein paar Jahren waren es die Flüchtlinge, und der Krieg, die Gewalt, im nahen oder weiten Sinn, bricht thematisch immer wieder herein. Dann wird beschrieben, wer was gegen die drohende Gefahr unternehmen soll, will, kann. Wie groß das Risiko des Nichthandelns in Überschaubaren Zeiträumen ist. Warum das, was manche tun, falsch, was andere tun ungenügend ist, und wie es vielleicht richtig sein könnte.

Ekelhaft ist das Argument, wie wenig es der Erde hilft, wenn nur wir in Deutschland, ja nur wir in der EU, ja wir in den entwickelten Ländern etwas tun, wenn die Diktaturen und Zwangsherrschaften ohnedies weiter machen, was sie wollen. (So nach dem Motto, Gott soll doch die größten Sündern zuerst und besonders streng strafen…tut er aber nicht).

Auch ist die Dummheit, wie sie die Große Koalition in Deutschland praktiziert, nahe an diesem ekelhaften Argument. Beim Klima – viel machen, um niemandem weh zu tun. Was tönt aus den Lobbyetagen, die ja längst Minister und Abgeordnete in ihrem Sold haben: Arbeitsplätze erhalten, die Armen am Konsum nicht noch mehr zu benachteiligen, Investitionen nicht gefährden. Alle diese Argumente sind falsch.

Arbeitsplätze gehen durch eine neue Klimapolitik nicht verloren, es werden mehr und diverse gebraucht. Nur nicht in der Autoindustrie… na und? Wenn die Mobilität als bürgerliche Tugend so hochgeliebt wird, dann gibt es auch eine Mobilität bei Qualifikation und beruflicher Tätigkeit. Die Hochlohnkulaken der Braunkohleindustrie brauchen unsere Solidarität nicht.

Der Konsum ist ein Problem, was die Lebenswelt mit ihren Regeln und den Lebensstil mit seinen Präferenzen betrifft (und er ist ein Problem der Mehrheit, denn tatsächlich können nur die Bewohner der oberen Etagen der sozialen Struktur tatsächlich auf etwas verzichten, ohne weiteren Schaden anzurichten  –  das sind wir, und wir sind gar nicht so wenig). Da geht es in der Tat um Binnenflüge, Kreuzfahrten, SUVs, übertriebenen Fleischkonsum, um die Attitüden der Wegwerfgesellschaft, um andere Formen der sozialen Beteiligung an Gegenmaßnahmen gegen den Klimawandel… (Solidarität ist nicht ein Prinzip, das verordnet werden kann, sondern eine Tugend, die angeeignet und kommuniziert werden kann, praktisch).

Investitionen… dass ich nicht lache: es wurde in den vergangenen Jahren eben nicht investiert. So lange, wie Deutschland braucht, um eine Stromleitung von Nord nach Süd zu legen, so lange, wie Bahnhofsneubau braucht,  so unfähig, wie die Öffnung des Nahverkehrs sich gestaltet, so wenig, wie zur Wiederaufforstung getan wird, so gewaltig, wie nur die Rüstungsindustrie und der Todesexport nach Saudiarabien und anderen Diktaturen gefördert wird, kann man nicht von Investitionslenkung, sondern von Marktversagen sprechen.

Ich spreche nicht nur vom Klima. Die Flüchtlingsströme werden anwachsen, so oder so, und viele werden zu uns kommen… wenn nicht legal, dann illegal, und vielen Illegalen wird man dabei helfen müssen, anzukommen… Schleyerfahndung hin oder her. Die Gewalt anderswo hängt vielleicht doch mit unserem Leben hier zusammen? Der Faschist Bolsonaro ruiniert den Regenwald. Ja, aber auch, weil wegen des Sojaanbaus und des Fleischkonsums hier, bei uns. Der Verbrecher Trump ruiniert die Handelsbeziehungen und zugleich ökologische Technologien. Ja, aber auch weil wir viele der amerikanischen Produkte bewusstlos übernehmen, anstatt uns ihnen gegenüber zu positionieren. Von den Diktatoren erwarten wir jetzt einmal nichts. Von den Demokratien, von der EU sehr wohl.

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Wie? Kennen wir alles? Ja, in der ZEIT, im SPIEGEL, in der SZ…in den Kulturprogrammen ist das alles zu finden.  Und?  Wird schon weitergehen, und lieber kleine machbare Schritte zu unternehmen als gar nichts zu machen, seid schön brav, Thunberg-Follower (aber kopiert nicht ihre Anständigkeit und ihren Mut).

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In der Diskussion wird oft gefragt, wer auf wieviel verzichten muss, um bestimmte Ziele – sagen wir 1,5 Grad C – noch zu erreichen; wieviel an Demokratie wir opfern müssen, damit die richtige Politik umgesetzt werden kann; wie schlecht unser Leben sein wird, wenn wir tatsächlich beim Klima Erfolge haben werden. Die Frage ist berechtigt, aber unzureichend.

Für alle drei Probleme gilt: wer die sogenannte Schöpfung bewahren will, muss dafür sorgen, dass die Menschen so schnell wie möglich aus ihr verschwinden, sondern wird sie viele Arten und Erscheinungen einbüßen, bevor sie beginnt sich zu regenerieren. Wer an den Unsinn nicht glaubt, aber die Natur erhalten will, die auch unsere Lebensgrundlage ist, steht hier vor einem Dilemma insoweit, als es keine Politik, keine Handlung nicht geben darf. Finis terrae oder weiter leben. Dass und nicht wie.

So, wie die Klimakatstrophe die unabhängige Variable größter Dimension für das Überleben ist, und Krieg und Migration besonders wirksame intervenierende Faktoren sind, bleibt uns nur: selbst richtig zu handeln (wie zB. die Grünen jetzt beim Klimapaket) UND Druck auf die andern auszuüben. Das kann unangenehm werden.

Und noch eines: diejenigen, die jetzt um Arbeitsplätze, Märkte und Kooperation barmen, werden (Gott sei Dank, möchte man sagen) nicht mehr erleben, wie ihre Enkel ersticken oder ertrinken. Das kann man leider nicht umkehren.

 

Grüner Ausblick: Ö

Der letzte Tag im September. Endlich Regen in Brandenburg, kann gar nicht genug sein. Die Erinnerung an den Alpenhimmel in Südtirol ist lebendig, langsam schiebt sich die Wirklichkeit wieder zwischen die Assoziationen von gelungener Atempause und Erholung … Mein Bewusstsein hat noch nichts von Trumps Patriotismusfanfare angenommen, aber ich fühle mich wie ein Doppeladler, der nach Österreich schaut, aber in Deutschland Politik machen soll. (So fühlen sich Doppelstaatsbürger halt…).

Die konservative ÖVP hat in Österreich eine Wahl gewonnen, die einem überwiegend konservativen Land durchaus realistisch zusteht. Die Grünen haben den Sozialdemokraten mit 13% gegenüber 22% (vorläufig) zwar noch nicht den Rang, aber endlich die Tendenz abgelaufen, es wurde Zeit.  Dass so viele Nazis in der FPÖ sich zu der strotzenden ÖVP geflüchtet haben oder daheim geblieben sind, ist nicht nur erfreulich, wirklichen Gesinnungswandel kann man nicht erkennen, und ob es zu einer rechten Spaltung wie damals in Knittelfeld kommen wird, ist fraglich. Ob die Nazis wieder mitregieren, ist glücklicherweise zweifelhaft bis unwahrscheinlich, aber ob der Magen des langen Kurz groß genug ist, die vernünftigen Kröten der möglichen Partner: Asyl, Klima, Soziale Gerechtigkeit, wenigstens teilweise aufzunehmen, von verdauen reden wir jetzt noch nicht, ist auch fraglich.  Noch ist Österreich nicht verloren, das müsste ebenso in Polen, Ungarn, Rumänien, Kroatien, und anderswo ähnlich angestimmt werden. Vom Gipfel der schneefreien Berge aus ist Grün eine wichtige Zukunftsfarbe, aber es gilt auch viel Braunes, Schwarzes, Rostrotes wegzuputzen, und das sagte der österreichische Grünenchef Kogler etwas Interessantes: wir sind (Partei und) wieder eine Bewegung. Genau das abgelegt zu haben, hat den deutschen Grünen ihren Höhenflug beschert, da sollte man die Unterschiede analysieren, warum Österreich mit seinem festgefügten Korporatismus eine Bewegung braucht, – übrigens ist und bleibt der Begriff ambivalent, also Vorsicht. Aber dass die Partei etwas und jemanden bewegt, ist die gute Nachricht. Die weniger gute ist eine niedrige Wahlbeteiligung, wobei man viele Rechte und auch sich abgehängt Fühlende im Lager der passiv Verdrückten vermuten muss. Wenn man sich die Wahlkreisverteilung in Wien anschaut, dann sieht man eines: grün verträgt keinen Linksruck. Grün ist eben nicht rot.  Sondern allenfalls, wenn‘s ökologisch und ökonomisch stimmt, eine Koalition mit Links. Das gilt in Deutschland auch und wird von den meisten auch so verstanden. Die Alternative ist eine andere Form der Bündnisse in der Mitte, die eher die rechten Parteien dorthin drängen, als ihnen nach rechts folgen.

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Dass man trotzdem heute nicht froh ist, sondern nur ein wenig erleichtert, hat viele Gründe. Kurz würde man ja noch weniger wählen wollen als die CDU, bei aller Merkel. Aber – und deshalb hat Kogler mit der Bewegung recht – unter der dünnen Oberflächenhaut ist die soziale Lava in Bewegung geraten. Auch hier stimmt die Rechts-Links-Dominante als Dimension nicht mehr.

Ich mache keine Prognose für eine Koalition. Ich hoffe, man wird dem menschen- und europafeindlichen Grenzregime von Bayern aus Österreich Widerstand entgegen setzen, man wird den Brenner frei halten und mit Immigranten wieder menschlicher umgehen. Dann schaun wir einmal…nur eines wird man seltener hören, des Wieners Lieblingsspruch: „Konnst eh nix mochen“.

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Gut, dass ich zwei Köpfe habe.

 

 

Sag, was du weißt – schweig nicht zur Gewalt

Ein seltsamer Titel, ich weiß. Ich habe in diesem Blog immer wieder zu verschiedenen Formen des Widerstands aufgerufen oder von ihnen abgeraten. Das Risiko des wahr Sagens besteht und kann sehr groß sein, und das Rsiko, dass die Verstümmelung von Wahrheit zum staatlichen, rechtlichen, oft moralischen Prinzip, oder zu einem Urteil wird, ist ebenso groß. Dass sich die Beschädigung von Personen und der Gesellschaft hinter den ganz großen Begriffen wie Freiheit versteckt, ist geradezu ein Prinzip der Gewalt. Wenn sich diese Gewalt hinter einer wichtigen Instanz unserer staatlich verfassten Gesellschaft versteckt, hinter der Justiz, dann ist das gefährlich. Für uns, für jede(n) Einzelne(n), für alle. Gewalttätige Urteile sind keine Ausrutscherm, sondern ein für viele fast unvermeidliche Begleiterscheinung eines eigentlich ganz ordentlichen Systems von Gewaltenteilung und Rechtsstaat. Für mich nicht: sie sind Anzeichen einer Erosion, die nur selten so bizarr wie im Fall Gewalt gegen Künast anzutreffen ist. Gewalt im Einzelfall lenkt auch ab von der Gewalt im allgemeinen gesellschaftlichen Gefüge.

 

Eigentlich ist ein Wort, das selbst seine Tücken hat. Eigentlich möchte man zur Blödheit des Bundeskabinetts mit seinen Klima-Katastrophen-Beschlüssen und den Folgen für die demokratischen und republikanischen Staatsbürgerinnen ausführlich und genau Stellung nehmen. Eigentlich möchte man zu gerade wieder erneuerten und erschreckenden Beobachtungen zu Gletscherschwund und absehbaren endgültigen Verstümmelungen von Landschaft und Sozialstruktur Stellung nehmen (was am Beispiel einiger Wochen in Südtirol ohne Pathos, eher resigniert möglich ist); eigentlich möchte man aber auch zurückkehren zu den Friedens- und Konfliktpolitiken, die auch den Rahmen für Finis terrae in diesem Blog geben. Eigentlich möchte man den Jargon der Eigentlichkeit[1] nicht anreichern, aber dann lese ich:

In einem Land, in dem man „nichts mehr sagen darf“, sind laut Berliner Landesgericht folgende Äußerungen gegenüber der Grünen-Politikerin Renate Künast erlaubt: Drecksfotze / Stück Scheiße / Schlampe / Sondermüll / Geisteskranke / Knatter sie doch mal so richtig durch, bis sie wieder normal wird / vielleicht als Kind ein wenig zu viel ge… Sie bewegen sich „haarscharf an der Grenze des noch Hinnehmbaren“, werden als „zulässige Meinungsäußerungen“, „mit dem Stilmittel der Polemik geäußerte Kritik“, „überspitzt, aber nicht unzulässig“ und „Auseinandersetzung in der Sache“ gewertet (mehr zu Fall & Begründung hier). Gegen den Beschluss will die Politikerin Beschwerde einreichen.

„Man darf das nicht so stehen lassen“, sagte Renate Künast dem Checkpoint am Donnerstagabend. „Es geht hier um den Kern unserer Demokratie und darum, wie mit Menschen umgegangen werden darf, die sich öffentlich engagieren.“ Ziel der Hetzer sei eine systematische Sprachverschiebung, sagte Künast. „Wenn man Dinge nur oft genug sagt, glauben die Leute sie irgendwann, auch wenn sie vollkommen falsch sind. Genau darauf setzen die Rechten.“ Die Politikerin will, wenn nötig, bis vor den Bundesgerichtshof ziehen. „Es wird Zeit, dass sich die höchstrichterliche Rechtsprechung mit der Frage auseinandersetzt, was gesagt werden darf und wo Grenzen zu ziehen sind.“ Grenzen, die vielleicht längst überschritten wurden.

Tagesspiegel Online 20.9.19

Es haben sich auch schon andere über die Blödsinnigkeit der beiden Richterinnen und des Richters am Landgericht Berlin aufgeregt. Man  muss diesen schrecklichen Juristen nicht gleich alle bösen Absichten der ewig-gestrigen Abkömmlige der deutschen Nationaljustiz unterstellen, die trauen sich nur nicht zu sagen, wo und unter welchen Umstände es Grenzen der Meinungsäußerung geben muss. Es muss sie geben und man sollte gegen sie im konkreten Fall ankämpfen können,  nicht so wie hier: keine Grenze setzen und sich dann über die Folgen der Freizügigkeit von Hass und Diffamierung wundern (wenn deutsche Richter sich wundern können…). Frau Künast ist keine Nebenperson der deutschen Politik. Sie muss unterstützt werden in ihrem Revisionsverfahren, aber man muss auch der liederlichen Fraktion der Justiz auf die Finger und aufs Maul schauen. Dazu im Tagesspiegel vom 28.9.2019: siehe Anhang:

  • Was die andern Themen angeht, geht es darum, nicht etwas eigentlich zu sagen und zu tun, sondern es zu sagen und zu handeln.

Die beiden Bereiche hängen zusammen. Allenthalben wird von vielen, auch selbst aktiv Betroffenen oder passiv Betroffenen (also auch Teil-Hassern, Beschimpfern und Drohern, Beschimpften, Gehassten und Bedrohten) die Verrohung der Gesellschaft durch und in ihrer Sprache beklagt oder angeprangert. Was damit gemeint ist, versteht sich im Alltag sofort…wird aber bei genauem Hinsehen kompliziert. Man sagt eben nicht öffentlich zu einer oder einem Anderen Du Arschloch, Sie Drecksfotze, Ihr Lügner etc. Das Problem liegt nicht im Wort,  sondern im „Man“. Die rechtlichen Grenzen der Freiheit, sich gegenüber anderen zu äußern, sind ganz andere als die moralischen, politischen und die, die zur Lebenswelt und eben nicht zum System gehören. Das Diktat des Man, betreffend was man darf und nicht darf, sind so komplex und vielschichtig, dass sich die Richter und die politischen Kommentatoren leicht dahinter verschanzen können, das Man zieht eine unsichtbare Grenze und ist selbst nicht auffindbar. Und doch wissen wir ziemlich genau, was geht und was nicht. Woher wir diese Gewissheiten haben, ist auch nicht einfach darzustellen, aber es gibt internalisierte Regeln, deren Einhaltung den Zusammenhang von Gesellschaft ebenso garantieren wie bei anderer Gelegenheit der Regelbruch, die Tabu- und Normenverletzung. Wer wann was sagen kann und darf, sollte zwar rechtlich in einem weiten freiheitlichen Rahmen geregelt werden, aber eben unter der steten Gewissheit dieses Grundsatzes. Wann ein Konflikt virulent wird, gezeigt werden muss, und wann er so geregelt werden muss, dass er nicht akut ausbricht und zur Gewalt  – oder zur irreversiblen Beschädigung von attackierten Menschen wird – ist bisweilen vorhersehbar – oft aber nicht. (Nebensatz: dazu ist es ganz gut, wenn sich Soziologie, Anthropologie, Sprachforschung etc. in die Erforschung von Konflikten gemeinsam einbringen).

Das Hinnehmen des Man ist eine Kapitulation vor der Macht derjenigen, die nicht Man sind, sondern ihre Macht als Herrschaft, als Hegemonie ausüben.

Der Widerstand dagegen muss sich oft den Vorwurf gefallen lassen, er arbeite mit den gleichen Mitteln wie die, die er angreift. Für mich muss das KEIN Vorwurf sein, richtig, auch ich denunziere, beschimpfe, drohe etc. bisweilen, aber eben nicht aus der Position der Macht heraus. Wenn die Sprache trotzdem wirkt, in dem sie das Denken und Handeln anderer aktiviert, habe ich einen politischen Zweck erreicht, den ich auch verantworten muss.

Künasts Richter haben mich abgelenkt. Wir können sie nur bestrafen, indem wir eine Justiz kritisieren, die solche Urteile ja gefördert hat, durch Ausbildung, Diskurs-Hegemonie und die Feigheit vor der Wahrheit. Die drei sind wahrscheinlich nur moralische Hohlköpfe, die Angst haben vor der Umkehr ihrer Argumentation: die Angreifer durften Frau Künast nicht so beschimpfen, weil… und dann in der Begründung die Grenze des Sagbaren benennen, ohne dass dies die Freit der Äußerung beschränkt. Das Sagendürfen der Gewalt ist ja oft keine Freiheit.

Und zurück zur Einleitung, zum Eigentlichen: Was wir wissen, müssen wir nicht zurücknehmen, nur weil es einem nicht tragfähigen Rechtssatz widerspricht. Das kann Konsequenzen haben. Auch für uns. Davon lebt die Gesellschaft und ihr Zusammenhalt: dass der Widerstand gegen ihre zurück gebliebenen Grundsätze sie immer wieder nach vorne, a jour, bringt.  Das Eigentlich verflacht dieses Prinzip.

ANHANG zum Fall Künast: Tagesspiegel online 28.9.2019

Dass die Grünen-Politikerin Renate Künast Beleidigungen wie „Drecks Fotze“ hinnehmen müsse, wie das Berliner Landgericht vergangene Woche urteilte, hat längst nicht nur Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble schockiert. Die Anwälte der Kanzlei Bernhard Korn und Partner gehen noch einen Schritt weiter: Sie haben jetzt Strafanzeige gegen die verantwortlichen Richter gestellt.

Zur Begründung schreiben sie auf ihrer Webseite: „Das Urteil hat uns geradezu empört, weil der Verdacht naheliegt, dass sich die Richter aufgrund ihrer politischen Überzeugungen zu einem schlicht unvertretbaren Urteil entschieden haben.

 
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[1] Adorno 1964.Ich möchte den Widerwillen gegen den Begriff der Eigentlichkeit nicht soweit in die theoretische Sphäre heben, aber vieles an Adornos Kritik schwingt hier mit und lässt einen überprüfen, was man eigentlich sagen wollte…

Deutschland erwacht – halbwegs?

Lest einmal die Liedfassung von 1937, von Bruno Schestak gereimt und vertont, Hitler gewidmet.

Ich schreibe sie hier nicht auf, sie ist zu gräulich. Interessant ist, wo man den Text im Netz findet, in welcher Nachbarschaft sich der Hass breit macht. Die Beziehungen zu älteren Liedtexten und Melodien (Sturmlied: https://en.wikipedia.org/wiki/Sturmlied) sind nachgewiesen.

Oder vielleicht doch die zweite Strophe von Schestak: (http://ingeb.org/Lieder/deutsche.html)

. All diese Heuchler, wir werfen sie hinaus,
Juda entweiche aus unserm deutschen Haus!
|: Ist erst die Scholle gesäubert und rein,
Werden wir einig und glücklich sein! 😐

Das klingt wie Beatrix von Storch, wie Höcke, wie Kalbitz….wie ein ganze Menge von AfD Politikern. Und die lässt man reden.

In einem Einwanderungsland wie der Bundesrepublik können wir Juda durch Millionen Menschen, die als MigrantInnen zu UNS gekommen sind, ersetzen, gleichzeitig einen ethno-rassistischen Antisemitismus weiter hinnehmen, und dann der Verheißung folgen: Wir werden einig und glücklich sein. Dass jüdische Menschen in der Regel gerade die Scholle nicht  besessen haben, war den Menschen 1937 wohl entfallen; und dass das Verschwinden der jüdischen Deutschen, später der jüdischen Europäer Einigkeit und Glück gebracht hätte, wird niemand unterstellen. „Verschwinden“ = Wir töten sie.

Nun überlasse ich Deutschland nicht den Nazis von NPD, AfD und Identitären. Langsam wachen die wachen Geister auf und verstehen, dass es sich bei diesen Menschen und Parteien nicht um zurückgelassene verängstigte Abgehängte handelt, sondern um a) Nazis, wie sie VOR 1933 zunehmend den Ton angegeben haben, b) um deren geistig-moralische Gefolgschaft, die vor 1933 und dann im „Reich“ und dann danach unter allen Lebensumständen die Ideologie der Protagonisten nicht verstehen konnten, weil sie sie nicht verstehen wollten, c) um solche,  die das alles sehr wohl verstehen und sich Erfolge oder Positionen für die Zukunft erhoffen.. mit der Gruppe d) den Verführten, Eingeschüchterten, dem Missverstehen anheim Gegebenen wollen die Politiker reden, die selbst, als Demokraten, Wahlen verlieren und sich Legitimität zurückholen wollen…reden, reden, reden.

Nun, die Kommentare der Wissenschaft werden erfreulicherweise immer deutlicher.  Ein gutes Beispiel ist Matthias Quent; es gibt deren mehrere. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Wissenschaft der Politik politisch voraus ist.

*

Die Nazis sind keine neuen Nazis, es sind Nazis, und ihr Gedankengut ist, mit den zeitbedingten Verschiebungen und kommunikativen Modernisierungen, so identitär grundständig wie eben die früheren Nazis auch nicht homogen waren. (Das war im übrigen eine ausnutzbare Stärke der Nazis, gegenüber relativer Engführung der kommunistischen Fokussierung). Und dass gemäßigte oder so genannte Bürgerliche bei den AfD und Identitären jedes Potenzial zur illegitimen Gewalt, zum Rassismus, zur Diskriminierung leugnen – Meuthen etwa, das war früher auch so: der osmotische Rand verbrecherischer Organisationen ist sozusagen die Systemumgebung der Faschisten, aus der sie ihre Ressourcen ständig beziehen und erneuern.

Damals wollten sie, dass Deutschland zur Diktatur erwache, sie also nicht einfach von oben geschehen lässt. (was ja auch geschähe, könnte die AfD mitregieren und im demokratischen Rahmen mit entscheiden, was ja einigen Ortes bereits der Fall ist…).

Die Demokratie muss hinnehmen, dass sich ihre Feinde artikulieren. Sie muss den Versuch der Teilhabe an der Herrschaft nicht hinnehmen und damit sind auch die Grenzen der Meinungsfreiheit für diese Nazis deutlich gezogen. Die Frage, ob „man“ mit ihnen reden dürfe, diskutieren, ob sie in der öffentlichen Meinungsvielfalt adäquat „vorkommen“ dürfen, entscheidet sich nicht schematisch, das ist wirklich ein Problem. Muss die AfD bei jedem Thema in jeder Talkshow „vorkommen? Der heikle Punkt ist, dass das Vorkommen der Nazis nicht ausschließlich das Ergebnis einer Wahl, eines Ergebnisse von 20-30% sein kann. Womit wir wieder bei a)-c) sind. Die oft geforderte klare Kante besteht nicht in pauschaler Ablehnung und eigener (demokratischer?) Redebereitschaft oder Kommunikationsverweigerung. Zuerst müssen die nebeligen Begriffe beiseite geräumt werden, dann kann man auch leichter mit Gruppe d) reden.  Aber Nazis sind eben Nazis und keine Rechtspopulisten, Gewalt- und Hassprediger sind eben nicht nur Übertreiber, Abgehängte sollen sagen, worin sie abgehängt sind, bevor man sich ihrer Sorgen annimmt…Da können wir Wissenschaftler schon mehr an Beiträgen leisten als jetzt der Fall ist.

*

Ich lege hier meine eigene Latte hoch: Klima und Nazis sind die Twintowers. Dazu: die Nazis sind nicht immer Nazis im historischen Sinn, Trump steht ihnen geschichtlich näher, auf niedriger Ebene Orban oder Kaczynski, aber die andern Selbstherrscher sind da nicht weit weg. Test für arrivierte Lehrende an der Oberstufe: Nazitexte, Stalintexte, in manchen Fällen Texte des Vatikan, und solche von Subalterndiktatoren: mischt sie, und lasst die SchülerInnen und StudentInnen herausfinden, woher der Sound kommt. Die DDR war groß im Verwerfen der Totalitarismustheorie und  hat sie doch nur gefestigt; die USA, auch von uns lang gepflegter Verbündeter in Recht und Entwicklungszusammenarbeit, sind mit China, Russland und einigen andern Weltmarktführer in Folter, Todesstrafe, Vertragsbruch. Messen wir andere Gesellschaften an dem, was wir zur Gewaltherrschaft und zum Klima tun, wie wir handeln, gibt uns eine Reflexionsebene ab.

Zwischenfazit: zum ersten Teil dieses Blogs ein kleiner Aufruf: Stellt euch auf den weitern,  langwierigen und langfristigen Umgang mit Nazis ein, gebt ihnen nicht nach, und zwingt sie in den Diskurs-Zusammenhang, der Demokratie lebendig hält, also widersprüchlich und unabgeschlossen. Vor allem, wenn sie glauben, sie seien erwacht, heißt das noch lange nicht, dass wir schlafen.

Zum zweiten Teil: auch wir haben unseren Anteil am Erstarken einer Bewegung, die wir gut kennen sollten (ich erspare mir das „eigentlich“, wie gut wir sie kennen sollten). A) bis c) kann man nicht bekehren, und soll sie nicht bekehren wollen: man muss sie bekämpfen. D) ist die Zielgruppe, die soviel faschistisches, nazistisches, stalinistisches, klerikales, unaufgeklärtes Potenzial in sich trägt, das für alle Parteien reicht und in allen gilt.

 

 

Damals 1933 1989 2019

Damals wie heuteWir sind das Volk – plakatiert die AfD, und abgesetzt darunter: 1989 / 2019 Vollende die Wende!

Nach den für die Nazis erfolgreichen Landtagswahlen vom 1.9. war mein erster Impetus: hört auf, die AfD hochzuschreiben. Andere, demokratische Kräfte kommen kaum mehr vor im öffentlichen Diskurs. Sarah Wagenknecht, spätstalinistische Hofdichterin der desaströs abgestürzten Linkspartei, sucht die Schuld bei der eigenen Partei, von der früher das Wahlvolk ähnlich motiviert war wie heute von der AfD, und wohl aus diesem Grund massenhaft übergelaufen ist…was sie damit wirklich sagt, ist ziemlich furchtbar: nämlich das Eingeständnis, dass die Linkspartei/vorher PDS/vorher SED, nun tatsächlich das Spiegelbild der Protestpartei von Systemgegnern war (und ist). Furchtbar, weil sich z.B. in Brandenburg gerade die Linkspartei von ihren Stasi-Altvorderen teilweise mit dem Stimmzettel massiv getrennt hat. Das macht sie etwas demokratischer und etwas weniger wurzelgrundhaft populistisch. Wagenknechts Intention ist natürlich eine andere: hört aufs Volk, seid nicht abgehoben, sondern versteht die Ängste, Sorgen, Verlustgefühle…und bitte, überprüft ja nicht deren Berechtigung und Inhalt. Kubicki, von der anderen kleinen Verliererpartei, sagt ähnliches, mit der Nuance, dass nicht alle WählerInnen der Nazis selbst Nazis sind. (Es gab auch WählerInnen der NSDAP, die keine Nazis waren, so wie es KPD WählerInnen gab, die keine Stalinisten waren. Dennoch muss man von Nazis und Stalinisten sprechen…). Damals wie heute: die AfD sagt 1989, und meint 1933.

Ob ich da nicht übertreibe? Wenn man dem gemäßigten Parteivorsitzenden Meuthen glaubt, übertreibe ich und sorge dafür, dass polarisierte Plebejer jetzt erst recht AfD wählen. Wenn man den Weidels, Gaulands, Höckes, von Storchen und Kalbitzen zuhört, dann übertreibe ich nicht. Kalbitz, erwiesenen rechtsradikalen Ursprungs, bemüht sich, nicht nur wie Himmler auszuschauen, sondern auch seine Diktion und seinen Habitus dem anzugleichen…Vor 1933 hatten die Nazis zwischen einem Drittel und der Hälfte der Deutschen vor sich hergetrieben, heute ist es noch nicht so arg, aber bei 25% liegt gesamteuropäisch und auch in Deutschland das Nazipotenzial.

Zwei Vergleiche müssen sein: der mit den Nazis vor 1933 und der mit anderen faschistischen Parteien in Europa.

Letzteres ist einfach: überall wo „rechte“ Parteien an der Regierung oder stark in den Parlamenten sind, werden populistische, rassistische, oft sexistische, ethnopluralistische Argumente immer neu zusammengesetzt. Es gibt keinen einheitlichen Faschismus, hat es nie gegeben, und es gibt keine stichhaltigen Polarisierungen an den Extremen der Rechts-Links-Koordinate. Dabei ist allerdings wichtig, dass dies auch nicht bedeutet, es gäbe eine akzeptable Mitte, z.B. eine Liberale. Die Achse ist falsch, und alle Positionen auf ihr tragen nicht.

Die Nazis vor 1933 waren auch nicht homogen (übrigens danach auch nur in Maßen). Die AfD hat –  selbstverständlich und „natürlich“, wenn man die „Natur“ der politischen Rahmenbedingungen nimmt – einige andere Schwerpunkte, Anlässe, Events, Trigger und mediale Methoden. Aber keine grundsätzlichen Differenzen, selbst die Spaltung in einen völkisch-ethnonationalen und einen staatlich-faschistischen Flügel hat es bei den Nazis schon früh gegeben.

Wenn jetzt die Woidkes, Wagenknechts, Kubickis etc. uns auffordern, mit den Leuten zu reden, kann das verschiedene Dimensionen haben. Bekehren wollen kann man sie durch Zuhören und Reden nicht. Die Abkehr vom nazistischen und völkischen Gedankengut erfordert eine Abtrennung der Gefolgschaft von den Leitfiguren, die ja keinen geringen Druck auf die Einzelnen ausüben. Und es erfordert eine andere Diskursebene als die Konfrontation dessen, was wir von der AfD halten. Zum einen – keine Bußübung, bitte – sollten wir überprüfen, von welcher Position aus wir die AfD kritisieren. Die AfD schädigt gewiss die Parteiendemokratie weniger als das republikanische Grundverständnis der demokratischen Gesellschaft. Als Partei bedient sie sich der Propaganda, Lüge, Versprechungen, Verschleierungen von Einnahmen – vielleicht schlimmer als andere Parteien – aber nicht grundsätzlich anders. Als politische Kraft, d.h. als soziale Gruppe mit unscharfem Rand und machtvollen Strukturen im sozialen Raum, hingegen können wir sie rigoros ablehnen,  weil sie weder mit dem Buchstaben noch dem Geist des Grundgesetzes einher geht – ohne dass wir bereits über jede Kritik in dieser Richtung erhaben sind. Der Rassistische und völkische Kern, der Ethnozentrismus und die Zivilreligion des Volks an sich, das sind die Punkte, an denen wir sie angreifen müssen, zur Gegengewalt  bereit sein können – und eine andere Politik auf Gebieten machen, wo die AfD tatsächlich populistisch Schwachstellen aufgreift – das haben autoritäre Parteien immer so gemacht und machen es in ganz Europa weiter so.

Damals ist kein Zufallswort und kein Gag. 1989 in die Tradition von 1933 zu stellen, ist so „konsequent“, wenn man will, wie den Widerstand der Weißen Rose oder Willi Brandt zu vereinnahmen – nicht einfach taktisch klug. Man bemächtigt sich unseres Selbstverständnisses, um selbst keines herstellen zu müssen. Was tun wir? Verteidigen die Geschwister Scholl oder Willi Brandt, anstatt ihren Vergewaltigern die Luft der Kommunikation abzudrehen. Sagt sich leicht, ich weiß, und ist schwer. Aber man muss diese Typen angreifen und ihnen nicht den Pluralismus der Demontage jenes Bodens gestatten, auf dem wir und unsere Kinder stehen. Was mich zurückbringt zur notwendigen Analyse des Rahmens, aus dem heraus wir politisch argumentieren.

Die Wahlanalyse zeigt: die AfD kann in Zukunft nicht noch einmal so viele bisherige Nichtwähler mobilisieren. Das ist gut so, aber wir müssen uns um die auch kümmern. SPD und CDU dürfen sich nicht auf ihren Status als Volksparteien berufen, wenn sie nicht bereit sind zur Konstituierung des Volkes aus der Bevölkerung heraus einen demokratischen Beitrag zu leisten, in der Sozialpolitik, in der Klimapolitik (Woidke und seine Braunkohle), aber auch in der Bildungspolitik (die kam im Wahlkampf so gut wie nicht vor); wir, die Grünen, haben das besser gemacht, aber es fehlt noch etwas im Konzipieren einer Politik, die nicht jetzt die roten Linien benennt und dann nicht über sie hinaus kann…lass die andern mal, wo sie sind.

Vor 1933 haben – aufgrund anderer Umstände als heute – viele Menschen nicht mehr an die Kraft der repräsentativen Demokratie zur Ordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse geglaubt und sind der autoritären Zielvision gefolgt, dass es eine Herrschaft schon wird richten können. Damals wie in der Nazizeit, wie in der Sowjetunion, wie in der DDR hat sich solches Denken in starken Residuen erhalten, ist gar neu aufgekommen. Man kann es nicht durch das bessere Argumente abtöten, sondern nur durch richtiges politisches Handeln. Und was auf der Hand liegt, dieser Katalog, ist ja da.

Warum tun wirs nicht, wenn wir das Geld, das Mandat und die Instrumente haben? weil wir WählerInnen verlieren, weil wir Menschen abhängen, weil Menschen in ihren Ängsten bestätigt werden, weil es niemand versteht als die Eliten da oben….? alles nicht gänzlich falsch und doch in Gänze falsch. Die Macht, das zu tun, was, auch wenn es weh tut, jetzt gemacht werden muss, braucht legitime Macht, die wir ausüben können, also eine andere Herrschaft,  und keine Furcht vor den Gespenstern der Geisterbahn des Volkes, das es gar nicht gibt. Des deutschen Volkes schon gar nicht….

Glücklich ist, wer vergisst…

Glücklich ist,

wer vergisst,

was doch nicht zu ändern ist.

(„Die Fledermaus“)

Seit Tagen raschelt etwas bei mir im Bücherzimmer, undefinierbar. Heute wurde es lauter. Auf einem hohen, schwer erreichbaren Regal, wo Marx, Engels, Lenin und Mao einträchtig verstauben, rumort es. Ich ziehe zwei Bände Lenin heraus, und gleich wieder drücke ich sie ins Regal: dahinter saßen mehrere kleine Fledermäuse.

Erste Erklärung: vor ein paar Tagen flatterten gleich mehrere dieser lieben Tiere durch unsere Balkonzimmer.

Was tun? Lenin gab keine Antwort. Nach einigen Telefonaten kam eine NABU-Expertin für Fledermäuse (die war zufällig beides und am Freitag um 16 Uhr noch erreichbar). Sie erbat einen Karton, wir mussten die Oberlichtfenster aufmachen. Dann räumten wir die Bücher ab: Hinter Marx ca. 15, hinter Lenin 5, hinter Hannah Arendt 1 Fledermaus der Gattung „Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus)“; sie ist zierlich, passt in eine Streichholzschachtel und nährt sich von Insekten. Leider scheißt sie regelmäßig und kurz nach Nahrungsaufnahme, sodass ich endlich meine verstaubte Bibliothek nach Fledermausbefall verabscheue und den ganzen Raum reinigen muss.

21 Tiere im Karton, drei oder vier flatterten noch dazu im Raum herum und verschwanden dann durchs Oberlicht. Auf dem Dachboden war es den niedlichen Tierchen wohl zu warm, der Klimawandel schlägt auch da zu. Die Expertin zog mit dem Karton und den geretteten Tieren ab. Die Tiere sind zu klein, um einen in die Hand zu beißen, und deshalb bekommt man keine Tollwut; das beruhigt. Sie sind bislang nicht verhungert, also muss es doch einige Insekten hier gegeben haben. Für meinen Freund, dessen Hund Mopsa heißt, hätte ich mir natürlich die Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus) gewünscht, aber die ist größer.

Die Geschichte erzähle ich euch, weil offenbar Marx und Lenin in Büchern sich verewigen, in denen sich Fledermäuse gerne aufhalten, weil sie da ungestört bleiben. Jetzt frage ich mich natürlich, wie bei anderen Büchern, warum ich die noch aufbewahrt habe. Naja, im Kapital I und III sind ja bedeutsame Aufzeichnungen mit Bleistift als Randglossen drin (Lesekreis Osnabrück 1975), aber in weiteren Bänden eher keine Spuren intensiver Lektüre. Lenins Reden ohnedies fürs Alter angeschafft, und so weit bin ich noch nicht. Die Beschaffungsgeschichte lässt mich meine Ausflüge nach Ostberlin erinnern und die Arbeitskreise, in denen sich über Marx und seinen Exegeten Beziehungen bildeten bzw. entzweiten und tiefe Einblicke in unser Verhältnis zum Proletariat gewährt wurden. Heute gibt es uns, aber kein Proletariat mehr, oder umgekehrt, es gibt uns nicht mehr.

 

 

Unsere Fledermäuse waren zu klein, um Alpträume zu produzieren. Aber beim Beseitigen der Batman-Scheiße blättere ich durch die säurefesten MEW Klassiker und die großgedruckten Mao-Bände, meine Notizen goutierend, auch das Arbeitsheft des Kapitalarbeitskreises ist dabei, ich war damals schon ein guter Chronist. Parteiprogramme, a so a Schaas, wie der Wiener sagt.

Kommentar eines guten Freundes, lesbar gemacht:

Erstens beweist der Nestbefall, dass Du noch klar im Kopf bist und jahrelang gut marxistisch in Blogs argumentieren kannst, ohne die blauen Bände in die Hand zu nehmen.

Zweitens ist der Fall ein Beweis dafür, dass Dein Arbeitszimmer gut durchlüftet und mit Sauerstoff  versorgt ist (irgendwie müssen die Tiere ja von außen hereinkommen, wenn sie nicht Brehms Tierleben entflogen sind) – was für den Kopf ebenfalls von Vorteil ist.

Zum Dritten hättest Du nun die Möglichkeit, das Nest heimlich an der Willy Brandt Baustelle (BER) zu verstecken und damit den Bau des Flughafens um weitere 20 Jahre zu verzögern.

 

Ich bin gerührt. Nun ist aber das Problem, dass nach Säuberung und Entstaubung die Klassiker wieder dort stehen, wo sie gestanden haben, und wohl bis zu meinem Auszug in die elysischen Gefilde dort stehen bleiben, obwohl ich gesehen habe, wie viele von den Frühschriften ich genauer, und wie wenig von der politischen Ökonomie ich durchblättert hatte in jenen Tagen…(letztere kam erst vor ein paar Jahren wieder zu Ehren, nicht ganz linientreu).

 

*

 

Die Episode der Kleinvampire ist auserzählt. Der Rückblick auf meine Frühbildung auch. Was bleibt, sind doch ziemlich viele Bücher, weniger als eine Gelehrtenbibliothek, viel mehr als ein normale Büchersammlung. Und die geben mir heute schon ein paar mehr Überlegungen auf. Sich mit Büchern und Bildern zu umgeben, ist auch ein Zeichen. Nicht in den weiß-gläsernen Apartments der transparenten Bürger wohnen zu wollen. Ein Zeichen für wen? Die Konservativen? Die Wärmedämmung durch Bücher als Beitrag zum Klimawandel? Die ständige Möglichkeit der Bildungsergänzung, wenn EndNote zu wenig bietet? Keine trivialen Erwägungen, weil ich ja der Endlichkeit dieser Lagerstätte entgegensehe, und es schon etwas schmerzt vorauszusehen, wie wenige der Bücher ein Antiquar meinen Nachkommen anbieten wird, wenn sie das alles entrümpeln. Stelle ich Bücher an die Straße, sind sie schnell weg…habe ich etwas übersehen bei Lohn, Preis und Profit? Die Sache hat ja auch einen aktuellen Haken. Solche Wohnungen und Bibliotheken sind eine Emanation der Sesshaftigkeit. Migranten haben das Problem nicht.

 

 

 

Böse ist nicht dumm

Die Reaktion der Ungläubigen ist fast stereotyp: Trump ist dumm…Johnson ist dumm…Bolsonaro ist dumm…besonders dumm ist Salvini oder Orban oder…Wie kann man nur so dumm sein, dies und jenes anzuordnen, durchsetzen, zu zerstören?

Jemand anderem, zumal Politikern, Dummheit zu attestieren, bedeutet a) dass man weiß, was Dummheit ist, b) dass man die Handlungen dieser Person beurteilen kann, und c) dass das  eigene Urteil über die Sache nicht dumm ist…sondern was?

Ende des kurzgefassten Lehrplanauftakts.  Dummheits-Zuschreibungen sind wie ein moralisches und intellektuelles Asyl für Halbgebildete. Das macht die Aussage so gefährlich. Warum halbgebildet? Die zur Ideologie heruntergekommene Meinung wird als gebildete Aussage von höherer Warte gegen die unmittelbaren und mittelbaren Wahrnehmungen und Ansprüche der Menschen gesetzt und vor allem durchgesetzt. Adorno hat in seinem (ungemein schwer lesbaren und komplexen) Vortrag von 1959 „Theorie der Halbbildung“ das u.a .am Begriff des Leitbilds deutlich gemacht, den er als Überlebenden aus dem Faschismus analysiert. (T.W.Adorno: Theorie der Halbbildung, 2006, S. 28f.). „Make America Great Again“, ist nur ein Beispiel. Sein Protagonist, Trump, ist nachweislich ein Lügner, Sexist, Rassist, Wirtschaftsbetrüger, Kriegszündler…nur eines ist er nicht: dumm.

Wir sind dumm, wenn wir Dummheit anwenden, um nicht denken zu müssen, um nicht analysieren zu müssen, um nicht unsere eigene Haltung zu überprüfen, die uns den Andern dumm erscheinen lässt.

Die Logik der Trumps und Putins und anderer „Halbirrer“ ist oft durchschaubar und nicht selten eindeutig. Sie richtet sich gegen unsere Interessen, dient aber ihren. Halbirr sind die Menschen deshalb, weil Intelligenz vor pathogener Deformation, Narzissmus etc. weder schützt noch deren Träger von vornherein als krank entschuldigt.

(Ein Einwand gegen meine Argumente wäre, die wirklich Dummen der zweiten Reihe, z.B. bestimmte MinisterInnen, hohe Beamte, Generale usw. von der Zuschreibung mit den gleichen Argumenten freizusprechen. Klar, es gibt Dumme, aber die zeigen sich nicht durch IQ Messungen, sondern durch Handlungen: z.B. des Verkehrsministers Trickserei mit den Mautverträgen…da darf man das Wort auch öffentlich anwenden. Aber z.B. Seehofers inhumane Deportationspraxis ist nicht dumm, sondern böse. Im Sinne einer aus der Moral abgeleiteten Begrifflichkeit sind es immer böse Handlungen, nicht etwa ein so genannter Charakter).

Warum mich das schon am Morgen umtreibt? Weil die halbgebildete Bequemlichkeit sich durch die Dummerklärung aller Unangenehmen, Ärgerlichen, Diktatoren und Aufreger sich der öffentlichen Auseinandersetzung entzieht. Nur wenn wir ihre Handlungen genau und treffsicher zuordnen, können wir sie justiziabel machen und z.B. entscheiden, wann Gewaltanwendung gegen sie gerechtfertigt wäre (ob sie es dann ist, hängt von unserer Macht ab). Und so früh es ist,  die Medien geben mir oft Anlass, mich zu zügeln, und nicht im Monolog einem dieser Idioten eine Predigt zu halten. Ein Idiot ist selten dumm, nur eigen.

 

 

Abschiebungsheuchelei

Wieder zwei Abschiebungen nach Afghanistan.

Die offizielle deutsche Politik ist heuchlerisch und unaufrichtig: Menschenrechte, wo es passt – Der Urwald brennt, er brennt auch für unsere Fleisch- und Soja-Importe. Im Mittelmeer ersaufen Flüchtlinge, weil wir in Libyen nicht eingreifen, weil wir in der Herkunftsländern nicht wirksam helfen, weil wir Fluchtursachen verbal besser als praktisch bekämpfen. Und Menschen werden unter fadenscheinigen, oft juristisch nicht haltbaren Gründen, nach Afghanistan abgeschoben, nur um den rechten Pöbel im Land ruhig zu stellen (denn die Summe der Abgeschobenen ist im Vergleich zu anderen Volksgruppen nach wie vor klein, aber mit dieser Politik verdeckt man das weitgehend gescheiterte Engagement der Bundeswehr in Afghanistan – da habe ich jetzt fast 20 Jahre an den Entwicklungen räsonniert, um von Zustimmung zur Kritik an diesem Einsatz zu kommen; das ist wichtig im Kontext, denn der Einsatz hätte tatsächlich Frieden bringen können, jetzt stehen die Taliban unter amerikanischem Schutz vor einer Wiederkehr). Es geht nicht darum, ob die Abgeschobenen Straftäter sind (ich wünsche mir viele von denen dauerhaft hinter Schloss und Riegel, aber bei uns!); es geht nicht darum, ob Verordnungen und Ermessen von Behörden es erlauben, Integration und Schutz zu verweigern. Es geht darum, dass hier Menschen, die dem Tod entkommen sind – und der ist in Afghanistan überall – wieder in Todesgefahr zu bringen. (Darüber redet man heute weniger als je zuvor in der Vergangenheit). „
Seit der ersten Abschiebung im Dezember 2016 sind insgesamt 645 abgelehnte afghanische Asylbewerber nach Kabul gebracht worden.“ DLF 27.8.2019

Ich weiß sehr gut, dass man Seehofer & seinen Schreibtischtätern juristisch schwer ans Leder kam, es ist auch nicht einfach ein Inkaufnehmen von gewaltsamem Tod – das wäre ja Mord&Totschlag, sondern es ist die infame Volksberuhigung und -verdummung: wenn sie weg sind, sind sie weg.

 

Drei Fragen:

  • Und wenn sie dort einen gewaltsamen Tod finden?
  • Und wenn sie wiederkommen?
  • Und wenn sie vergessen werden vom Rechtsstaat Deutschland?

Seehofer braucht man nicht mehr zu kritisieren, der ist schon gerippige Kritik wie im Mysterienspiel. Aber unsere Menschenrechtspolitik soll nicht dauernd in die Ferne schweifen – was an sich richtig und notwendig ist -, wenn sie hier leicht machbare humanitäre Aufgaben nicht erfüllt. Alle afghanischen Diasporaangehörigen in Deutschland dauerhaft zu versorgen und zu integrieren kostet weniger als Scheuers betrügerische Mautverträge oder der BER. Am Geld soll humanitäre Politik nicht scheitern dürfen.

Unser Anteil am RECHTEN Europa

Politiker müssen sich manchmal anders verhalten als wir. Sie müssen auch mit Faschisten, Revolutionären, Querköpfen reden können, sie müssen verhandeln, um handeln zu können.

Aber auch das hat Grenzen. Man muss Trump keine Militärformation anbieten, man muss Grenell nicht als Botschafter dulden, und man muss nicht ohne Not einen Mann aufwerten, der dabei ist, einen Teil Europas zu zerstören:

 

Merkel bei Festakt in Ungarn: Kanzlerin Angela Merkel hat Ungarn für die Unterstützung bei der Grenzöffnung 1989 und der folgenden deutschen Einheit gedankt. Das von dem Land ermöglichte Paneuropäische Picknick sei zum Symbol für die großen Freiheitsbewegungen damals geworden, sagte Merkel im ungarischen Sopron bei einem Festakt zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung. In Anwesenheit von Ungarns Regierungschef Viktor Orban mahnte sie die Kompromissfähigkeit der EU-Staaten an. Orban lobte Merkel im Gegenzug. Die Kanzlerin genieße die Wertschätzung der ungarischen Nation, zumal sie stets für den europäischen Zusammenhalt gearbeitet habe. Orban hofft darauf, dass sich die belasteten Beziehungen seiner Regierung zur EU-Kommission unter der neuen Führung verbessern. Zugleich verteidigte er seine Migrationspolitik. Bei einem Besuch in Island hat Merkel Deutschland Nachholbedarf bei der Gleichberechtigung von Frau und Mann attestiert.
spiegel.de, n-tv.de (Ungarn); (Tagesspiegel online 20.12.2019)

Vor 51 Jahren zeichnete sich der Einmarsch der Sowjets in Prag ab, der Frühling ging in den Herbst. Ich war am Wenzelsplatz, als Smrkowsky aus Cierna nad Tissu kam und das Ende des Frühlings verkündete.

Vor 63 Jahren hatte ich mein erstes politisches Erlebnis, noch als Kind: den Ungarnaufstand, als wir mit den Eltern Pakete für die Flüchtlinge packten und um das Leben von Imre Nagy bangten (vergeblich). Auch ein Ende von Demokratie für lange Zeit.

Vor 30 Jahren nun das folgenreiche Picknick.

Die Regierung Ungarns ist heute das gegenteilige Machtgefüge von damals.

Die Regierung der USA ist nicht mehr die Repräsentanz der Befreier von 1945. Sowenig wie die russische Regierung

Nichts bleibt, wie es war, und deshalb gehört zur Politik auch die ständige Reflexion der so genannten Zeitläufte, die scheinbar festgelegte Prinzipien immer wieder in Frage stellen darf und muss, damit die richtigen politischen Begriffe sich bilden können (z.B. „Befreiung“).

Dankbarkeit ist keine politische Kategorie, und Anerkennung bzw. Loyalität sind mit Halbwertzeiten ausgestattet, die selbst politisch zu werten sind.

An vielen Verhärtungen und autoritären Verbiegungen in Osteuropa haben die älteren EU Staaten eine Mitschuld. Mit-Schuld heißt nicht Entlastung der gegenwärtigen Machthaber von Schuld und Veranwtortung. Aber sie zeigt u.a.  den Unterschied zwischen Politik und öffentlicher Meinung. (Bei Orban oder Salvini gilt der Satz auch: alles verstehen heißt (noch lange) nicht alles entschuldigen.

Wenn Orban hofft, die neue EU Kommission wird mit seiner menschenverachtenden und kulturell blödsinnigen Politik „sanfter“ umgehen als die gegenwärtige, so irrt er hoffentlich. Aber Seehofer und die Österreicher müssen sich auch fragen, ob ihre Orbanophilie nicht einen fauligen eigenen Geschmack hat.

Ob das Treffen zwischen Merkel und Orban notwendig war, ist schwer zu entscheiden. Dass man den Jahrestag, schon um der Würde der beteiligten Grenzschützer und Geflohenen willen, anders hätte begehen können, ist leicht festzustellen.

Aber eines ist auch klar, und erfüllt mich Mitteleuropäer mit Bitternis: als Ungarn, Polen, Tschechen und Slowaken, Bulgaren, Rumänen, Kroaten und Slowenen Mitglieder der Europäischen Union wurden, war eine Neuauflage des alten Nationalismus abzusehen (ich bin nicht stolz darauf, das schon damals gesagt zu haben, es lag auf der Hand). Anstatt dem vorzubeugen und die Entwicklung solidarisch zu korrigieren, hat man auf Geld und die relative Verbesserung der Lebensverhältnisse gesetzt; vorbildlich waren die aufnehmenden EU Staaten nicht. Es hat sich abgezeichnet, was ja auch im Ost-West-Streit in Deutschland deutlich wird: Demokratie kann man nicht kaufen.

Es gibt einen alten Film mit Marlon Brando, Quemada, über die Befreiung Kubas von den Spaniern. Der Kernsatz gegen die Übernahme durch den Kapitalismus war: wenn man dir die Freiheit anbietet, nimm sie nicht. Die Freiheit kann dir niemand geben, du musst sie dir nehmen.

SO EINFACH ist das nicht; es ist auch nicht einfach gewesen, die Mauer zu Fall zu bringen. Auch das Risiko der Freiheit haben die nationalistischen Machthaber nicht getragen. Ich sehe die größte Gefahr im neuen Ethnopluralismus, dass man jeder Volksgruppe zugesteht, sie sei eben so wie sie, und man müsse ihre Eigenrechte vor Einmischung, Kritik und Kommentierung schützen. Das Gegenteil ist der Fall.

 

 

 

Finis terrae XXI: Goldstaub im Hintern

Milliarden werden für die Steiger, Obersteiger, Baggeristen und Anwohner der Kohlereviere aus Steuermitteln, meinen unter anderem, gezahlt. Nur damit diese Klimavernichter weiterhin sich als Opfer fühlen, das Geld und das öffentliche Mitleid annehmen, und dann trotzdem AfD wählen. Diese Nazipartei hat sich das gut bei ihren Vorgängern in der Weimarer Republik abgeschaut: den Rechtsstaat ausnutzen um ihn zu zerstören, und Opfer zu produzieren, wo eigentlich Täter sind.

Die Bergleute als Täter? Nicht direkt, aber indirekt natürlich, und Nutznießer ihrer Abhängigkeit allemal, die sie zu Abgehängten macht.

Blast ihnen  weiter Goldstaub in den Hintern, das fördert ja nur das Selbstopferbewusstsein, denn wenn wir so viel Geld für diesen lokalen Blödsinn haben, dann muss ja mächtig schlechtes Gewissen bei den herrschenden Eliten da sein, die uns die Heimat und Existenz gefährden. AfD wählen die trotz Goldstaub.

Haben Sie denn gar kein Verständnis für diese Menschen, die man um ihre Existenz, den Stolz auf ihre Arbeit, und ihre Heimat bringt? Doch, habe ich. Die Heimat, die niedlichen Dörfer mit ihren Einfamilienhäuschen, wurden ja von ihrer stolzen Arbeit systematisch abgegraben, die Existenz ist schon seit Jahrzehnten obsolet, und doch sind die Menschen frei – freigesetzt, lest Marx – sich innerhalb der Korridore verhandelter Lohnarbeit für den Arbeitsplatz zu entscheiden – oder eben nicht. Und wer wollte ihnen verdenken, sich für die Arbeit entschieden zu haben. Verachtungsvoll blickt man auf diejenigen, die den Arbeitsplätzen nachziehen – müssen, wollen, dürfen. Hochschullehrer*innen, andere akademische und Dienstleistungsberufe, … allenthalben war Mobilität ein positiver Wert (Wanderungsbewegungen vom Umzug ins nächste Dorf, in die Stadt, an die entfernte Hochschule…bis hin zur Immigration, Emigration, Flüchtlingsbewegung…sind ein Komplex, der nie vom Einzelnen an seinem oder ihrem Ort, schon gar nicht allein, entschieden wird, der aber für jedes Individuum Folgen haben muss). Die Geschichte der Gastarbeiter (à Hört: Tonio Schiavo), die Geschichte der Vietnamesen in Ostdeutschland, die Geschichte der ankommenden Flüchtlinge, die Geschichte der Sesshaften…diese vielfältigen Narrationen kann man nicht ausblenden, die Ohren verschließen, und Geld in die Lausitz pumpen.

Doch, ich habe Verständnis: darum wünsche ich den Kumpels im Bergbau keinen Benjamin Button, bei dem das Kind den alten Bergmann verröcheln sieht, weil keine Luft zum Atmen mehr da ist. Da tröstete es auch wenig,  wenn die Aktionäre genauso verröcheln, weil die Klimakatastrophe ja global ist und man sich nicht verstecken kann.

Meine Emotionen bei diesem Thema sind normalerweise nicht hoch, denn man kann die ökologische und die ökonomische Dimension gut und rational diskutieren, und da die beiden nicht ohne Konflikt zusammengeführt werden können, muss die Politik her. Aber dann kommt mir der unheilige Hubertus dazwischen, Unheil von sich gebend: ja, natürlich, Kurzarbeitergeld, je früher desto besser; ja, natürlich, Weiterbildung, je intensiver desto besser; und wenn die Krise dann da ist, muss man natürlich angesichts der zu erwartenden Ressourcenknappheit auch Prioritäten setzen, wem auf dem betroffenen Arbeitsmarkt man wie hilft und wo der Staat einspringt. So weit, so verständlich. Aber der Heil redet ja die Krise den Arbeitgebern so zurecht, dass es die kaum abwarten können, dass ihren Kosten (Lohn, Zusatzausbildung, etc.) vom Staat – also uns Steuerzahlern – zugeschossen wird. Merke: wenn die Krise dann kommt, weiß man nicht mehr woher – und wenn sie das ist, wird es noch sehr viel mehr Instrumente brauchen, um den dann bedrohten Arbeitern zu helfen. Wer meint, die Krise schert sich nicht um das Gerede des Arbeitsministers, der kann in die Vergangenheit schauen und Krisen studieren.

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Das eine hat mit dem andern zu tun. Sollen die Steiger aus der Lausitz erstmals versuchen, was Vernünftigeres und anderes zu machen…tun sie schon? Das klingt im Wahlkampf bei Woidke aber anders: der lässt ja den Steuersäckel bluten, damit sie gar nicht anfangen, an sich selbst zu denken.

Dieses An-sich-selbst-denken ist etwas anderes als die Sorge um sein Eigentum, seinen erarbeiteten Wohlstand etc. Es wäre die Sorge darum, wie in dem Eigentum gelebt, wie mit ihm umzugehen wäre; aber wie man leben möchte, wenn z.B. die Subsistenz gesichert wäre, weil sie der Staat übernähme. Kann man ja ausrechnen: ihr bekommt alles, was ihr zum Leben braucht, vielleicht noch etwas drauf, aber mit der Kohle und ihren Abnehmern und den Zulieferern ist Schluss. Wie lebt ihr dann?

Plötzlich sind wir am Ende der Welt.

Nehmen wir einmal die deutsche Situation als Symptom-Kabinett für alles, was in Finis terrae beschlossen ist. Und die Kohle als Symptom, mit dem man deutsche Verhältnisse am besten verstehen kann. Hunderte, tausende Gutachten, Kommentare, politische Überlegungen, manche Entscheidungen, halbherzig oder wirkungsvoll, … dann gibt es viele Menschen, die meinen, all das ginge über sie hinweg unter ihnen durch an ihnen vorbei. Sie behaupten, sie seien abgehängt, und sie haben Angst, dass es mit ihnen abwärts geht. Angst…Cornelia Koppetsch macht die richtige Unterscheidung zwischen Furchtkulturen (Links) und Angstkulturen (Rechts), also zwischen Gefahrenabwehr und existenzieller Bedrohung (Koppetsch, die Gesellschaft des Zorns, Pos. 786). Es geht also weniger um Risikoabwägung als um Dispositive der „Einzäunung einer vorgeblich sicheren Gemeinschaft und der Ausgrenzung von vermeintlich von außen eindringenden Gefahren“. Das ist nicht schematisch, kann auch einmal die Position wechseln, aber generell kann man damit arbeiten: die sich abgehängt fühlen, brauchen einen Feind (Koppetsch: einen gegnerischen Willen), d.h. es gerade nicht das verhasste System, sondern ein Feind. Und: es wird von „Kulturen“ gesprochen“, d.h. von Kommunikations- und Erfahrungszusammenhängen, von Traditionen und lebensweltlichen Brüchen.

Wir machen uns Sorgen darüber, wie ein globales Zusammenbrechen lebbarer Weltstrukturen vermeidbar ist, und lesen aus den Gründen für sein Zustandekommen bestenfalls Instrumente für diese Korrektur der Welt(gesellschaft). Aber die Abgehängten, konkret die AfD, die Trumps usw. sehen in denen, die sie von diesem Handlungszwang überzeugen müssen, konkrete Feinde, ohne die es dann weder Klimawandel noch wirtschaftliche Bedrohung noch einen unerwünschten Lebensstil geben würde (menschengemacht wird immer dann gegen natürlich ausgetauscht, wenn man keiner Politik den öffentlichen Raum anvertrauen möchte).

Das ist, zugegeben, sehr schwierig und kompliziert zu denken und zu formulieren. Aber wenn wir es anwenden, und sei es nur auf den Wahlkampf in Brandenburg, auf die Lausitz und auf die Relevanz der Arbeitsplätze in der Kohle, dann kommen wir sehr wohl weiter im Begreifen, wo es Sinn macht zu handeln, und wo nicht.