Neues Jahr – alter Schrecken? Altes Jahr – neuer Rückblick?

Ehrlich: ich kann das Weihnachtsgesülze, die Silvesterdramaturgie, die hoffnungslosen Erwartungen auf das „Neue Jahr“ nicht wirklich hören oder lesen, und zugleich kann ich dem so wenig entkommen wie alle anderen. Die Rituale um die Jahresendzeit sind ideologisch und religiös fest verankert, eingepasst in gesellschaftliche Vorgehensweisen und Redewendungen, und etwas milder fragt man sich: warum eigentlich nicht? Lass sie doch, zwei Wochen nach Jahresbeginn rauchen, essen, trinken, schwafeln sie wie früher … und so geht eben der Jahreszyklus des homo sapiens. Das ist jetzt schon fast eine Intervention in den Medien, die ironisch verpackt, was man ohnedies nicht ändern will. Na gut.

Aber dann. Drehen wir das einmal um. Man kann, wir können, doch ohne Häme allen anderen „alles Gute“ zu ihren Festen und Visionen und Träumen wünschen; wir können Toleranz nicht nur predigen, sondern im Jahres- und Lebenskreis auch anwenden, und dabei uns selbst-stärkend beleuchten; wir können das, sicher, und viele fordern wir sollen das. Aber dann. Die drei großen und viele kleine Diktatoren nutzen dieses Bild zur weiteren Trennung von unmenschlicher Praxis (Krieg, Aushungern, Folter, ethnische Säuberung, Rassismus, Eroberung, Infiltration) und menschlicher Programmatik (Frieden, Versöhnung, Kompromiss). Da stocke ich: der Kompromiss bedeutet im Großen etwa Gebietsabtretung an den Aggressor (Russland gewinnt, die Ukraine verliert, und Trump nennt das seinen Friedensschluss), oder ethnische Unterdrückung (Netanjahu und Hamas sind Verbündete gegen ethnische Freiheit), oder schlicht Begrenzung der Entwicklungshilfe gegenüber denen, die wir nach wie vor exportierend, chemisch, plastik-verbreitend etc.) weiterhin ausbeuten, postkolonial. Das „mag“ irgendwie stimmen, klingt aber schräg, ist nicht deckungsgleich mit der globalen, und noch mehr mit der lokalen, Entwicklung. Das liegt ja auch an der Zusammenfassung, an der wirklichkeitsfernen Abstraktion von Politik. Damit die Menschen diesen Analysen „zustimmen“, was dann die Politik rechtfertigt, wo sie große Vermittlungslücken hat. Das hilft dem globalen Aufwuchs von Faschismus und schwächt weiterhin die Demokratien. Und die Diskurse haben sich schon weit gegenüber dem wirklichen Zustand der Lebenswirklichkeit abgehoben. Na ja…nun kein Theorie darüberstülpen. Feiertagsruhe, frierend den klaren Himmel bewundern und sich im Park bewegen? Schon, aber das hat damit wenig zu tun. Und allein dies zu erfahren, macht schon Sinn.

Lassen wir einmal, versuchsweise, die „Guten Vorsätze“ zum jetzigen, bestimmten Zeitpunkt beiseite.

Ich lese und höre jetzt einmal die politischen Stellungnahmen auf facebook, gerade wie sie ankommen. Listet man das auf, landet man zwei Absätze weiter oben. Sehr viel konkreter als die Rundfunk-„Nachrichten“ an den Feiertagen. Meine Themen, weiter oben, viele Kommentare. Nicht alle gleich gut, oder gleich richtig. Aber auf die Wirklichkeit und nicht auf die Kulissen bezogen. Das hilft schon für die nächste Zeit, über die guten Vorsätze hinaus, incl. Spenden, „sich einbringen“, nicht über den Dingen auf dem Feldherrnhügel sitzen und kritisieren, was da nicht richtig läuft. Sich einbringen kann nachgedacht werden. Da fällt mir auf, wie sehr es praktisch sein kann. Und dann erst reden wir über Moral und Politik.

Globalfaschismus, Eurofaschismus, Lokal?

In der letzten ZEIT haben Robert Pausch und Bernd Ulrich die Besonderheiten des gegenwärtigen Faschismus der AfD in Vergleich zu anderen europäischen Faschismen analysiert und zu erklären versucht (ZEIT 2025 #54, S.4). Da steht viel analytisch richtiges, leider fehlen viele Bestandteile eines sich global ausbreitenden Faschismus. Die deutsche Sonderrolle wird teilweise zutreffend beschrieben, aber kaum erklärt. Schade, denn der Ansatz ist gut und wichtig.

Ich habe mich seit Jahren an wissenschaftlichen und literarischen Festlegungen auf Faschismus orientiert, nicht zuletzt auf Eco 2020, aber auch auf Canetti, und in Bezug auf Italien vs. Deutschland auf Bach u.a. 2010, und insgesamt auf viele andere. Das Beispiel der beiden Faschismen in Österreich ab 1933 bzw. 1938 ist noch einmal ein Ansatz. Natürlich bin ich kein Experte, aber auch kein Journalist. Faschismus, als Herausforderung von Demokratie, vor allem von Freiheit und Selbstbestimmung, passt insgesamt weniger in Parteienanalyse als in Bewegungskritik. Die ZEIT-Autoren haben mit der „Besonderheit“ des Nationalsozialismus recht, vor allem mit der späten Umsetzung der aufgeklärten Gesellschaft in Staat und Politik, aber wie und warum das nach 1945 und nicht nur in Deutschland immer wieder aufwächst, sollte genauer erklärt werden, auch globale Analogien sind wichtig, ich nenne nur Trump, Putin, Meloni, Netanjahu.. Nicht alle Diktatoren sind faschistisch von Anfang an, aber viele werden es in der Abneigung gegen Demokratie, in der ethnischen Hierarchisierung, auch in der nationalen Besonderung, die den globalen ethnischen Grundlagen der Kooperation nicht unterworfen werden soll. Und da ist die AfD keine Ausnahme, und Meloni beweist, dass der oberflächliche Rückbau der faschistischen Partei in Italien eben nicht zentral, sondern peripher war und ist.

Die AfD ist auf dem besten Weg, die Sonderrolle der NSDAP innerhalb der Faschismen wieder aufzuneh-men. Sie ist da nicht allein, europäisch und global. Der Widerstand kann nicht in ihrer Normalisierung bestehen, sondern im Widerstand durch Demokratie, wobei Demokratie ja nicht die einzige Qualität unserer politischen und sozialen und ethischen Gesellschaftspraxis ist, ja. sie allein kann faschistisch überbaut werden – wie man vielfach in Europa sieht. Und da hilft die pragmatische Außenpolitik gegen wertebasierte wenig, wenn man so wenig Macht hat. Die großen Diktatoren haben die Macht und ihre Anhänger bekommen davon etwas ab. Darum kann man viele faschistische Details auch in demokratischen Nischen entdecken. Die im ZEIT-Artikel erwähnte langjährige „Entteufelung“ des Faschismus in Europa ist ein wichtiger, aber nicht ausschlaggebender Sektor seiner Politik. Das Ausspielen von Kultur gegen Soziales gehört dazu, und das Wegschauen, wenn man sich faschistisch beschützt sieht – wie gut man mit der Türkei in der NATO umgeht und wie sanft mit faschistoiden Regimes in Osteuropa…Da ist mehr Rückgrat und Aufrichtigkeit erforderlich. Auch wenn ich zugebe, dass uns das temporär eher schwächt, v.a. gegen faschistoide Machthaber, die mit demokratischer Gesellschaft gegen die Herrschaft ohnedies wenig anfangen können.

Faschistische Welt – nicht eindeutig

Lasst uns nicht über enge oder weite Definitionen des heute gebrauchsfähigen Begriffs Faschismus streiten. Es gibt kaum mehr als randständige Alternativen des Begriffs. Mark Lilla, auf den ich zu sprechen komme, braucht auch das F, um vielleicht Trumpism als Ausweichbegriff zu verwenden. Ich habe in letzter Zeit oft genug meine F-Auffassung hier eingeblogt. Jetzt einmal anders.

Da ist spannend, wie Mark Lilla zwei Bücher rezensiert: „Storm Warnings“ NYRB 8.11. 18-22, über John Gans und Laura K. Field, das notiere ich. Aber für mich wichtig: vor allem rezensiert er die Effekte der Leo Strauss Schule (LS konnte mit Hannah Arendt!…), und die neue weiße rechtsradikale Mehrheit der Paläokonservativen wird von Lilla abgehandelt. Linke Überheblichkeit, Blindheit, und zwischen den Zeilen, r-l funktioniert ja gar nicht. Jetzt einmal Leo Strauss. Leo Strauss – Wikipedia 28.11.25) „Schon seit seiner frühen Auseinandersetzung mit Spinoza besaß er die Überzeugung, dass ein philosophisches Leben nur wenigen vorbehalten ist, während die Menge den Halt der Religion benötigt und in Vorurteilen befangen bleiben muss, um Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Daher gebe es ein Recht der Vernünftigen, die Masse zu belügen und Mythen zu erfinden, um Zustimmungsprozesse abzukürzen. „ Das ist ein Vorgriff auf die spätere politische Position des Philosophen, der kein Politiker jemals war. Aber: Wieder einer, der sich Carl Schmitt anschließt. Über den müsste man auch in Deutschland sehr viel mehr als seine zwei Thesen wissen. Lilla zerlegt die rechte und liberale US Ideologie gegen die Neokons vierzig Jahre zurück, vieles kenne ich nicht, aber es leuchtet ein. Es gibt mehr als Lilla, aber schon viel Klarheit. Mal ehrlich: hab ich den Demokraten nicht selbst immer Ambiguität zugesprochen, Kennedy, Clinton, Biden, am wenigsten Carter und Obama, aber ja schon sozial, aber auch neokapitalistisch und bürokratisch. Und US Demokratie ist ja ohnedies ambivalent. Lillas rezensierte Quellen sind offenbar wichtig, die Schleier vom Bewusstsein nicht nur amerikanischer Liberaler, gar Linker, gegen den Konservatismus zu reißen. Ganz und Field werden vielleicht bei, für uns bekannt und wichtig.

Mir geht es, abgesehen von der Wirkung Carl Schmitts und Leo Strauss` vor allem darum, nicht den Erklärung des sich ausbreitenden Faschismus nachzuhecheln. Wir wissen ja, wie er sich festsetzt, ausbreitet, wirkt, noch aus der Opposition. Würde ich Leo Strauss folgen, wäre das einfach: die breite Masse versteht ohnedies nichts von Politik, und die intellektuelle Elite darf sie auch belügen, wenn es um Ordnung und Unterordnung geht. Natürlich folge ich ihm nicht, aber allein mit Aufklärung ist er nicht zu widerlegen, da brauchen wir schon Sozialanthropologie, Medienkultur, IT-Kritik und vieles mehr. Aber anthropologisch müssen wir schon weltweit, auch bei uns, wahrhaben, wie sehr der Kampf gegen die ethnischen, ethischen, religiösen „Anderen“ im Volk Fuß gefasst hat, weiterhin Fu ß fasst, und wir statt für Gegenargumente nur gegen die Faschisten anhecheln, ohne unsere eigene Position öffentlich und durchschaubar einmal in Frage zu stellen. Das geht tief in die Evolution und unser Entwicklungsvermögen, das wir auch so gerne abflachen, damit es nicht so schmerzt.

Diktatoren ohne Eigenschaften

Ich hatte davor gewarnt, bei jedem Ereignis den Diktatoren Eigenschaften zuzuerkennen: klug, grausam, unverständlich, vorbildlich…es gehört zum Diktatorentum, sich so zu verhalten, wie man selbst will – und die Abhängigen müssen damit umgehen, nicht der jeweilige Diktator. Vor allem sind Aussagen, dass oder ob ein Diktator klug oder dumm sei, ein unsinniger Reflex der Unkenntnis über Gewaltherrschaft. Ich spreche über wirklich herrschende Diktatoren, Xi, Trump, Putin; zu ihren abhängigen Subdiktatoren, Orban, Erdögan usw. kann man sich ein paar Adjektive leisten oder Adverbien zu ihrer Handlungen, aber Vorsicht: auch sie sind Diktatoren.

Der Faschismus breitet sich global aus, er hält sich auch erfolgreich in der demokratischen EU und anderen, bislang demokratischen Weltgegenden – entweder in der Herrschaft selbst, oder als Opposition, die die Demokratie vor sich hertreibt. Da Faschismus sich auf das Führerprinzip gegen die Demokratie stützt, ist der Zusammenhang zu Diktatoren einsichtig.

Wenn nun faschistische Subdiktatoren auf ihre scheinbar Identität verweisen, um ihre Handlungen zu rechtfertigen müssen wir aufpassen. Orban ist ein Diktator, nicht weil er Ungar ist. Erdögan nicht, weil er Türke ist. Und Netanjahu nicht, weil er Jude ist. Das letztere macht natürlich mehrere komplizierte Diskurse weiter auf. Aber sie sind auch wieder einfacher zu bewerten, wenn man die Abhängigkeit der Politik(er), also von Faschisten und anderen Autokraten von den „großen“ faschistischen Diktaturen genauer analysiert – dazu sollte man sie kennen. Wichtig: nicht WEIL jemand eine ethnische Qaulität hat, handelt er diktatorisch, sondern OBWOHL. Und das können wir analysieren und verstehen.

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Das ist eigentlich nicht mein Thema. Aber ich brauche es als Rahmen, um die Gestaltung von Außenpolitik und Außenerscheinung in Verbindung zur Innenpolitik zu bringen, EU Beispiele Dänemark, Italien und – Deutschland, wenn es um die unerträgliche Misshandlung von afghanischen Schutzbefohlenen geht und um die ausländerfeindlichen Argumente gegen syrische und ukrainische Menschen bei uns. (Vorsicht: ich spreche in keinem Fall von Kriminellen). Da ist die fremdenfeindliche Politik der rechten, angeblich christlichen Regierung, nicht nur peinlich, sie zeigt auch die historisch belegte Öffnung der Religion zum Faschismus, übrigens auch ihren teilweise Widerstand.

Das alles ist der Zwergenregierung von Lenz nicht so deutlich. Umso wichtiger, es immer wieder öffentlich zu machen. Wir werden verarmen, ja, wir werden mit Europa Karthago III wohl erleben; aber wir müssen nicht die Hilfsarbeiter moralisch und ethnischer Diktate werden.

Diktaturen und Kulturen im Herbst

Man kann gar nicht anders, von allen Seiten prasseln die Informationen und Warnungen auf einen zu. In der ZEIT Nr. 48, vom 11.11., wird unter „Ich, die Macht“ eine beachtliche Auswahl von 10 Diktatoren des 21. Jahrhunderts mit Amtszeiten von 11 bis 46 Jahren vorgelegt und 5 auf dem „Weg zum Autokraten“, von Erdögan (23 Jahre) bis Trump (1 Jahr). 10 weitere „Historische Gewaltherrscher“ sollen unser Wissen vervollständigen. Natürlich fehlen einige in der Gegenwart, man kann die Liste vervollständigen, und man kann den Autokraten und Diktatoren noch viele Zuschreibungen anfügen, und vielleicht gar eine Hierarchie herstellen, die etwas zu unserem Bildungsbewusstsein beiträgt – wie reden wir denn über die jeweiligen Gewaltherrscher, wenn wir schon über sie reden. (Wenn wir ihnen weitgehend untergeben sind, werden wir milder und fürchten Strafen – aber wir denken grüber über sie . Es lohnt sich, zwischen Gegnern und Feinden zu unterscheiden, und zwischen uns machtvoll Beherrschenden und denen, die das untergraben wollen, etwa zwischen Trump und Putin). Ähnliches habe ich mehrfach und anderswo gehört und gelesen, es gehört zu unserer Allgemeinbildung. In der gleichen ZEIT ist auch eine Darstellung vom massiven Influencer der US-Autokratie, Peter Thiel, mit einigem ideologiekritischen Hintergrund: Nicolas Killian : Seine Gedanken beherrschen die USA (S.20f.). Yuval N. Harari beschreibt diese Diktaturen ähnlich, auch heikle Namen, wie Netanjahu sind dabei und Trump wird schon härter verbucht, und vor mit stapeln sich weitere Analysen in diese Richtung, Anne Applebaum, Fritz B. Simon und Giuliano Da Empoli…alles aktuell. Nun, „neu“ ist das nicht, aber wenn man die Zögerlichkeit der deutschen Zwergenregierung wahrnimmt, die noch immer keine wirkliche Vorbedreitungspflicht auf eine globale, europäische, stattliche Abwehrentwicklung sieht, fragt man sich, warum und wie. Und da die Umwelt beiseite gelegt wird, kann die globale Kriegswirklichkeit deren Untergang nur vorwegnehmenm, sicher nicht reduzieren. Dazu werden wir mehr und besser denken müssen, und handeln.

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ABER da gibt es die Hoffnung der Gegenwart: die Kultur – sie ist immer für die Zukunft da. Manche würden sich fragen, was das bedeutet. Aber Kultur verändert die menschliche Gesellschaft dort, wo die Evolution noch nicht oder nicht mehr angekommen ist (Hier kann man mit Thiel vergleichen, für den die Apokalypse überwunden werden muss (!) – für die Elite und um jeden Preis…da gibt es übrigens eine peinliche Analogie, wegen seiner deutschen Herkunft). Kultur muss nicht in „richtige“ Richtung wirken, aber sie kann, und da kommen WIR ins Spiel. Nur zuschauen und zuhören reicht nicht. Teil der Kultur ist jene Verbesserung der Zivilisation, die uns den Vorsprung vor IT und Medienherrschaft und Führerprinzip gleichermaßen auferlegt wie möglich machen sollte, wollen wir nicht in der Vergangenheit versinken. Denken, schreiben, hören, fühlen, und sich nicht dem Wissen der Macht überlassen, sozusagen die Perle in der Muschel sein. Das sind wir nicht.

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Das wird nicht einfach. Unsere Zwergenregierung steuert uns auf das dritte, das letzte Karthago zu, wie ganz Europa. Hohe Löhne, niedrige Renten, schlechte Bildung, teure Reisen, und keine wirklichen Innovationen, das ist weder Zufall noch einfach umsteuerbar ohne unseren persönlichen Aufwand, und das wollen die meist älteren Abdanker nicht. Dann lieber noch einmal Ökonomie vor Ökologie – da geht es wenigstens farbenfroh in den Sonnenuntergang – glauben die. Aber, das denke ich, der Widerstand gibt nicht nur mehr Kraft und Resilienz als die pöbelhaften Vereinfachungen der rechten und anderen Populisten. Aber Überleben ist nicht einfach.

Bürokratie – Das Zauberwort der Zwerge

Diese Bundesrgierung ist etwas verzwergter als frühere, aber auch diese haben Abbau von Bürokratie , meist am Anfang, auf ihre Fahnen und ins Programm geschrieben. Und ihre Beispiele fallen auf fruchtbaren Boden – wenn Genehmigungen, Nachweise, Angaben etc. wegfallen, stellen sich viele vor, dass es weniger Aufwand, kürzere Umsetzungszeiten, mehr Dynamik geben wird – und dass Geld gespart wird.

ja und nein

Die Krtitik an der Bürokratie ist so alt wie die Wirkung dieser Kritik. Yuval Noah Harari hat in Nexus (2024) ausführlich die beiden Seiten der Bürokratie beschrieben (49-58 und mehrfach). Das eine kann man oft nicht ohne das andere haben, und oft rettet uns Bürokratie mit ihrer Datenverwaltung das Leben, nicht nur bei Epidemien, oft zerstört sie jede Dynamik des Fortschritts.

Ich denke, Bürokratie ist ohne Kontext kein praktischer Begriff, sondern Ideologie. Die Herrschaft der Verwaltung von Verwaltung kann fundamental sein – viele Recherchen sind bürokratisch, sie sollen auch transparent sein, sie kann auch fundamental bei der Hinderung von Maßnahmen und der Durchsetzung von Gesetzen sein. etwa bei der Rückführung von AsylantInnen, die schon die Zusage der Rückkehr haben. Also: Thematisierung ohne Kontext und die Aussage, worin die Bürokratie wirklich besteht, ist sinnlos.

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Bürokratie gehört zu den Begriffen, die viele Menschen ärgern oder ängstigen oder verunsichern. Vom Begriff her muss man die „Kratie“, die Herrschaft so in Frage stellen wie bei der Aristokratie, der Meritokratie, ja, in gewisser Hinsicht auch bei der Demokratie…alles nicht so einfach.

Warum mich das interessiert, neben dem kulturgeschichtlichen Hintergrund? Es ist ein Begriff, mit dem schlechte Politiker die Gefühle und Ansichten der Mehrzahl passiver Menschen manipulieren. Die Dümmeren glauben, dass Bürokratieabbau am Anfang von politischen Einsparaktionen stehen muss, anstatt ein Ergebnis von Reformen zu sein. Natürlich kann man sparen – und dann veröden gesellschaftliche Bereiche, und es geht immer zu Lasten von Bedürftigeren, selten von Reichen oder Mächtigen.

Im Zwergenstaat ist das vielleicht nicht so auffällig. Aber wir werden bald sehen, wie die Sozialhilfe, die Kultur und duie Umwelt darunter leiden, dass die Unternehmer und Kapitaljongleure sich nicht mehr rechtfertigen müssen und die Gerichte weniger Belege für ihre Urteile haben.

Aufmerksam, nicht hysterisch – Rechts

In den letzten Jahren der Weimarer Republik gab es Opposition au der demokratischen Mitte gegen die rechtsradikalen und manche linksradikale Parteien und Strömungen. Und natürlich gab es innerhalb der einzelnen Strömungen Unterschiede und Opposition zwischen den einzelnen Gruppierungen, wie denn auch nicht? Es gab also mehr rechtsradikale Parteien als die NSDAP und nicht alle waren faschistisch. Rechtsradikal genügt.

Wenn ich an dieser Stelle die Analogie bemühe, ist es keine Gleichsetzung. Das versteht sich, auch haben wir durchaus Faschismen in der AfD oder in der FPÄ Österreichs, aber keine NSDAP (das ist ein anderes Thema, auch wichtig). Mir geht es aber um etwas anderes: innerhalb des demokratischen Deutschland gibt es durchaus rechtsradikale Strömungen und Personen, die nicht oder noch nicht faschistisch sind. Beispiele kommen z.B. aus Bayern, bei den Abgeordneten, die eine demokratische Verfassungsjuristin schwer verwundet und beeinträchtigt haben; z.B. bei einem Innenminister, der keine Ahnung von menschlichem Unglück hat und meint, man könne sich populärer machen, wenn man einfach einmal nicht gegen bestimmte Abschiebungen ist…es gibt viel mehr solcher Beispiele, aber noch funktioniert der demokratische Widerstand gegensolche Entwicklungen. Bleibt aufmerksam, wir wehren uns. Nicht hysterisch, das nützt nur den Faschisten und denen, die mit ihnen gegen die Demokratie konkurrieren.

*

Wohin die rechte Diktatur führt, kann man an den USA und Trump sehen (womit die Putins und Xis nicht entlastet werden, sondern wir eine weitere zusätzliche Front zu bedenken und zu bearbeiten haben). Ein Beispiel, ganz aktuell: Trumps Krieg in internationalen Gewässern gegen venezolanische Schiffe: David Cole: Getting Away with Murder. NYRB, 23.10.25, LXXII Schiffe in internationalen Gewässern mit x zivilen Toten. Ohne Justiz. Aber die USA stimmen zu. Nur Minderheits- und Justiz-Kritik. Das deutsche Problem mit den USA ist, dass sie noch für einige Zeit unsere bestimmenden Aufsichtsorgane sind, militärisch und damit leider auch diplomatisch. Aber polöitisch verzwergt bedeutet nicht, erheblich arrogant oder durchsichtig unterwürfig zu sein, sondern was man eben ist: abhängig und international weitgehend unfrei. Das gilt auch für die EU. Und hat weniger mit Nationalismus zu tun, als viele denken.

Das ist unangenehm, ich weiß, aber man kann sich nur befristet rausreden, die Drogen wirken nur befristet, genauso wie die Drogen gegen den Umweltschutz heute – je mehr wir inhalieren, desto weiter werden unsere Enkel und deren Kinder leiden.

Ich sammle Daten über die USA. Bei den Russen und Chinesen brauche ich sie nicht, da muss ich keine Untaten mehr beweisen, da wissen wir, was Diktaturen sind. Bei den USA müssen es viele noch lernen…tyrannische Freunde oder anschmiegsame Gegner. Passt auf, dass sie keine Feinde werden, bevor wir uns unser selbst gewiss sind und uns wehren können. Dazu braucht man nicht nur Waffen, oft eher weniger, dazu braucht man vor allem Gewissen, Einsicht und Kultur: daraus kann man auch Politik machen, die länger lebt als Trump und seine Camarilla. Es gibt auch ein Portfolio mit Alternativen zum „Nein“ nach dem Überleben (–> Brecht)

Umberto Eco I – Wichtiger denn je

UMBERTO. so hießen eine Reihe von mehr oder weniger unbrauchbaren Herrschern über Piemont und später Könige von Italien. Aber es gab nur einen UMBERTO ECO, und den wird es weiter geben, wichtiger denn je.

Erste Fassung des Essays:

Eco

Beitrag zum Seminar von Marion Näser-Lather, Universität Innsbruck, Dezember 2025

1.

Verwendete Literatur:

(Saager 1931, Eco 1972, Eco 1977, Eco 1977, Calvino 1977  , Visentini 1993, Eco 1998, Bach and Breuer 2010, Eco 2020) u.a.

2.

Aufgabe des Essays:

Den italienischen Faschismus aus der Sicht von Umberto Eco zu beleuchten. Das ist keine abgeschlossene wissenschaftliche Arbeit, sondern ein mehrdimensionaler Blick eines Soziologen auf die Aussagen des wichtigen Intellektuellen Eco, der Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler war, und sehr gut vermitteln konnte. Was Eco den „Ur-Faschismus“ nannte, hatte er in 14 Beschreibungen knapp und klar beschrieben (Eco 2020), und oft besser als viele Faschismus-Theorien. Das ist eines der Probleme, „Die Verschwommenheit“ des Begriffs (S.30), die ich  teile.

Kurze persönliche Begegnungen und Diskussionen haben mir den ohnedies sehr geschätzten Kollegen noch näher gebracht, aber ich werde weder Anekdoten noch meine subjektive Vorliebe für eine bestimmte italienische Kultur an dieser Stelle in den Vordergrund rücken, sie stützt mich eher.

3.

Im Fokus mehrerer konzentrischer Kreise steht Ecos „Ewiger Faschismus“ (Eco 2020) Original erschienen 2016, sein spätes Werk mit einem wichtigen Vorwort von Saviano. Bevor er zu seinem Hauptthema, dem Ur-Faschismus kommt, zeichnet er den italienischen Faschismus von Mussolini nach und behauptet, dass sich die nachfolgenden Faschismen daraus ableiten (21). Er stellt implizit zwei Thesen auf: dass der italienische Faschismus schwach sei, weil ohne Philosophie bzw. Ideologie, und dass er essentiell eine Bewegung eher als eine Partei sei. Das letztere teile ich für alle Faschismen, insofern wir sehen werden, was sie bei allen Unterschieden vereint. Das erstere mag aus der Sicht des Wissenschaftlers so erscheinen, nur kann man daraus Schwäche nicht ableiten. Wichtiger ist die Feststellung, dass dieser Faschismus nicht „durchgehend totalitär“ war (22). Für micht entscheidend ist diese nachvollziehbare Entscheidung, obwohl die Herkunft des mussolinischen Faschismus bzw. seine Biographie bei seiner sozialistischen Geschichte hätte anfangen müssen[1]. Das ist ein wichtiges weiterführendes Implikat, aber hier nicht zentral. Für Eco von Bedeutung, dass sich alle wirklichen und potenziellen Faschismen nicht in ihrer Bezeichnung erhalten haben, sondern „Faschismus“ zu einem Oberbegriff jenseits realer Differenzierung wurde und ist. Hier sieht man den Wissenschaftler Eco und weniger den Literaten.

Den hatte ich schon vor dem „Namen der Rose“ im Blick gehabt. Seine akademische und wissenschaftliche Konturierung bleibt neben der literarischen weiterhin wichtig[2].

Bevor Eco zu seinen 14 Merkmalen des Faschismus kommt, verweist er auf die Varianzthese von Wittgenstein, nach der die Elemente des Faschismus  ja unterschiedlich kombiniert werden können. Ausgangspunkt ist: „Aber das faschistische Spiel lässt sich auf vielerlei Weise spielen, und der Name des Spiels bleibt der gleiche“ (28). Und damit erreicht er seinen Einstieg in die Systematik von 14 Elementen des Faschismus (30-39). Mir fällt nicht auf, was hier fehlen könnte, aber natürlich kann die Wissenschaft das alles differenziert und analytisch ausweiten[3] – wenn man das braucht. Einsicht in den Faschismus geht also.

Für mich interessant ist, dass Eco ganz deutlich den Nazismus und den Stalinismus als jenseits des normalen Faschismus verortet, und dass die Normalität überall im Faschismus ihre Bandbreite hatte, was nichts entschuldigt, aber vieles erklärt (nicht zuletzt in der italienischen Kultur). Das ist für mich durchaus wichtig, weil es den Unterschied zwischen Austrofaschismus und Nationalsozialismus sowohl auf der Strukturebene als auch in der Realität erklärt. Der Name des Spiels blieb der gleiche.

4.

Ecos Zeichentheorie war auch in der Wissenschaft zunächst nicht populär. Aus dem Widerstand gegen die Ablehnung heraus schrieb Eco im „Namen der Rose“ gleich drei Aspekte: die Zeichentheorie (auch gegen Jorge Luis Borges), den kirchlichen und sozialen Konflikt des Mittelalters  und eine Kriminalgeschichte ersten Ranges (Eco 1982).

Mit und nach diesem Roman wurde Eco auch ein weltberühmter Autor und viele LeserInnen haben sich mit dem Hintergrund des „Namens der Rose“ nicht befassen müssen, und dem der folgenden Romane und Essays auch nicht. Das geht in Ordnung, aber hier ist ja der Faschismus und seine Erklärung relevant, und da bietet Eco eine gute Basis zum weiteren Diskurs. Denn Faschismus  breitet sich zur Zeit global aus, und sein Hauptgegner in allen Varianten ist die Demokratie, und seine Instrumente sind die 14 Thesen Ecos auch in den verschiedenen Spielarten des Populismus.

5.

Die Differenz von Faschismus und Nazismus ist wichtig, vor allem, wenn man die Nazi-Deduktion der deutschen Faschismusanalyse mit der Darstellung der übrigen Analysen vergleicht, vor allem der Italiens und Österreichs (nicht zufällig).  Die Darstellung der Struktur (22-27, vor den 14 Thesen) ist realistisch, nicht den Fascismo entschuldigend, aber ihn richtig verortnend, und das Verhältnis der Führer zur Kultur genau bescheibernd, das waren die Nazis nun wirklich anders. Ecos Darstellung ist grundlegend, und ihr LeserInnen und Leser +nehmt noch Savianos Vorwort dazu, wo er nicht zuletzt den Mut des älteren Eco hervorhebt (7-14) und immer die Retroperspektive der Nazis betont.

Da nun Eco die „Entstehung“ Mussolinis kaum hervorhebt, gehe ich in die Biographik.Sehr früh fiel mir ein Buch von Adolf Saager (* 18791949) auf. „Mussolini ohne Mythus – Vom Rebellen zum Despoten“ (Saager 1931) beschreibt Mussolinis persönliche und politische Biographie vor der Machtübernahme der Nazis, 1931 (!). Saager, ein Deutsch-Schweizer, eher links-unabhängig, lohnt in seiner Beschreibung Mussolinis Kindheit und Jugend, und wie seinen Charakter und seine Rhetoik erst „links“ und ab 1914 „faschistisch“ entwickelte, wobei „Auf den November 1921 fällt Mussolinis eigentliche Bekehung“ (S. 111). Mich interessiert vor allem Kindheit und Sozialisation des jugendlichen, rhetorisch begabten, gespalten erzogenen Aussenseiters, und eben der politische Beginn mit der Arbeiterklasse, bzw. ihrer Politik dazu. Das macht bis heute eine Schwachstelle der kritischen Faschismustheorie, dass ihr klassenbezogener „linker“ Aspekt nicht zum „rechtsradikalen“ Rahmen passt, obwohl es eher darum geht, die Achse Links-Rechts hier nicht objektivistisch einzufügen.

Für mich, österreichisch-deutscher Doppelstaatsbürger, ist das besonders wichtig, weil es den grundlegenden Unterschied zwischen dem deutschen Nazis und dem österreichischen Austrofaschismus nach 1933 bis 1938 erklärbarer macht. Eco macht deutlich, wie komplex und unterschiedlich sich Faschismen entwickeln und doch Faschismus bleiben.

6.

Saagers Buch habe ich antiquarisch erworben. Darin lag auch eine Rezension aus der SZ, 1985, von Heinz Abosch (Heinz Abosch – Wikipedia): Seine Kritik an einem Vergleich von Hitler und Mussolini ist jedenfalls wichtig in der Rezension von Georg Scheuers Buch über den Ur-Faschismus: „Genosse Mussolini? : Wurzeln u. Wege d. Ur-Fascismus“, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1985. Und natürlich Ecos Begriff des Ur-Faschismus…

7.

Wieder fällt mir, diesmal in Innsbruck, ein Buch über die „Lega“ in die Hände, also über einen der Koalitionspartner von Meloni. Aber das Buch ist von 1993, und Bertolucci und Bossi spielen entscheidende Rollen und der Zerfall der Demokratie von innen und außen: (Visentini 1993). „Die Lega hat keine Ideen, sie hat keine Programme“ (97). Das könnte so bei Eco stehen, nicht aber bei den Parteihistorikern des Faschismus. Das Buch ist eine grimmige, ich sage fast „klobige“ Übergangsbrücke aus der italienischen Nachkriegsdemokratie zu Berlusconi bis zu Meloni heute. Spannend natürlich für dauernde Besucher Südtirols ist die Rolle der SVP: „Der Südtiroler Volkspartei gefällt die Lega nicht, aber wer weiss…“ (88-96), und da kommen auch Rechtsradikale vor, wie „der Tiroler“ (Zeitschrift, S. 95).


Erste freiheitliche Regierungsbeteiligung: Am 31. Jänner 2024 erfolgte im Landtag die Wahl der neuen Landesregierung (Partei | Die Freiheitlichen). Als erste freiheitliche Landesrätin wird Ulli Mair in der neu gebildeten Koalition aus SVP, Freiheitliche, Lega, Fratelli d´Italia und der Bürgerliste La Civica künftig die Zuständigkeitsbereiche Wohnbau, Sicherheit und Gewaltprävention verantworten. Da sind sie also in der Koalition, die Rechtsradikalen. Noch können sie an die SVP nicht heran. Aber so etwas stärkt natürlich Meloni. Über die  muss man im Kontext nachdenken.

Giorgia Meloni (* 15. Januar 1977 in Rom) ist eine italienische Politikerin und seit Oktober 2022 italienische Ministerpräsidentin. Sie ist seit der Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts in Italien 1946 die erste Frau, die eine italienische Regierung anführt.

Meloni ist seit 2014 Vorsitzende der als postfaschistisch klassifizierten Partei Fratelli d’Italia (FdI) und war von 2020 bis 2025 Präsidentin der Europapartei Europäische Konservative und Reformer (EKR). Im vierten Kabinett von Silvio Berlusconi war sie von Mai 2008 bis November 2011 Ministerin für Jugend und Sport. Bei der Parlamentswahl in Italien im September 2022 trat sie als Spitzenkandidatin ihrer Partei an, die als stärkste Kraft aus der Wahl hervorging. Politisch wird Meloni als rechtsextrem eingestuft. (Giorgia Meloni – Wikipedia).

Auf sie passen genau die von Eco beschriebenen Unschärfen der Parteienstruktur, von der teilweise sehr akzeptablen Außenpolitik bis zum Manövrieren im Inneren, z.B. in der Kultur, und ihrem Druck auf die Veränderung des Justizsystems (Italien: Parlament stimmt für Giorgia Melonis umstrittene Justizreform). Um die marodierte Demokratie zu verstehen, muss man die Zeit Berlusconis zurückgehen, und die Macht und Deformation der Medien analysieren, übrigens eine von Ecos Agenda.

8.

Eco hat begonnen, Belletristik zu schreiben, um seine Wissenschaft zu vermitteln, begonnen mit dem „Namen der Rose“. Manche seiner Bücher sind ohne diesen Rückhalt schwer zu verstehen, andere sind „reine“ Literatur – als ob diese Trennung möglich wäre. In einem ganz schmalen Bändchen schreibt er über Bibliotheken (Eco 1987). Nachdem er sich über Borges`Unendlichkeit wieder einmal lustig macht, kommt er zu einem durchaus holprigen realistischen Problem, das lesewillige Menschen mit Bibliotheken haben, übriegns auch hier didaktisch vollkommen, freudig unseren Bibliotheksbesuch animierend – und seine Schwächen gleich in den Alltag mitverarbeitend. Das erinnerte mich an die kürzlich bei Jean Cocteau gelesene Stelle: „Unsere Schwäche wird also darin bestehen, Nationen der Disziplin und Ordnung zu beneiden und ihnen nachzueifern. Unsere Stärke aber wird sein, Disziplinlosigkeit und Unordnung einzusehen und auszuwerten“ (Cocteau 2025). Ersetzt die Nationen durch Bibliotheken, und ihr kommt der Wirklichkeit nahe, und Eco, dem Sieger über Borges.

9.

Es gibt noch einiges mehr über den Faschismus zu denken und mitzuteilen. Aber das wird ja in den Veranstaltungen in Innsbruck bestens der Fall sein. Was ich sehr ernsthaft sagen möchte, zum vorläufigen Abschluss, bedenkt rechtzeitig, wie sich der Faschismus seit dem Ur-Faschismus zur Zeit ausbreitet und verfestigt. Wie er nicht als Parteisystem wahrgenommen und bekämpft werden kann, sondern als Bewegung.

Das erfordert aktive Demokratie, nicht einfach abwehrende.

Literatur:

Bach, M. and S. Breuer (2010). Faschismus als Bewegung und Regime. Wiesbaden, VS.

Calvino, I. (1977  ). Die unsichtbaren Städte. München, Hanser.

Cocteau, J. (2025). Brief an die Amerikaner. Düsseldorf, Rausch.

                        Kritik an US ent-menschlichte, maschinelle, glättende Kultur versus  „europäisch“, man muss die Ironie verstehen und den Vorrang der Kunst billigen. Mein Blog 30.10.2025

Eco, U. (1972). Einführung in die Semiotik. München, W. Fink / UTB.

Eco, U. (1977). Das offene Kunstwerk. Frankfurt, Suhrkamp.

Eco, U. (1977). Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

Eco, U. (1982). Der Name der Rose. München, Hanser. Original 1980.

Eco, U. (1987). Die Bibliothek. München, Hanser.

Eco, U. (1998). Nachdenken über den Krieg. Vier moralische Schriften. München, Hanser.

Eco, U. (2020). Der ewige Faschismus. München, Hanser.

Saager, A. (1931). Mussolini ohne Mythus. Vom Rebellen zum Despoten.

. Wien und Leipzig, Hess & Co. .

Visentini, T. (1993). Die Lega – Italien in Scherben. Bozen, Raetia.

Autor:

Michael Daxner

Feuerbachstraße 24-25

D 14471 Potsdam

michaeldaxner@yahoo.com

http://www.michaeldaxner.com

Dank für die Unterstützung an Birgit k. Seemann, Marion Näser-Lather, Tom Koenigs.

Der Text wird demnächst in einer erweiterten englischen Version veröffentlicht.


[1] Kurz zusammengefasst: Nach Anfängen bei der sozialistischen Presse stieg Mussolini 1912 zum Chefredakteur von Avanti! auf, dem Zentralorgan des Partito Socialista Italiano (PSI). Als er dort offen nationalistische Positionen vertrat, wurde er im Herbst 1914 entlassen und aus dem PSI ausgeschlossen. Mit finanzieller Unterstützung der italienischen Regierung, einiger Industrieller und ausländischer Diplomaten gründete Mussolini bald darauf die Zeitung Il Popolo d’Italia. 1919 gehörte er zu den Gründern der radikal nationalistischen und antisozialistischen faschistischen Bewegung, als deren Duce (von lateinisch dux „Führer“) er sich bis 1921 etablierte. (Nach Anfängen bei der sozialistischen Presse stieg Mussolini 1912 zum Chefredakteur von Avanti! auf, dem Zentralorgan des Partito Socialista Italiano (PSI). Als er dort offen nationalistische Positionen vertrat, wurde er im Herbst 1914 entlassen und aus dem PSI ausgeschlossen. Mit finanzieller Unterstützung der italienischen Regierung, einiger Industrieller und ausländischer Diplomaten gründete Mussolini bald darauf die Zeitung Il Popolo d’Italia. 1919 gehörte er zu den Gründern der radikal nationalistischen und antisozialistischen faschistischen Bewegung, als deren Duce (von lateinisch dux „Führer“) er sich bis 1921 etablierte. (Benito Mussolini – Wikipedia 31.10.2025).

[2] Ich verweise schon hier auf Eco, U. (1972). Einführung in die Semiotik. München, W. Fink / UTB.

                , Eco, U. (1977). Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

                , Eco, U. (1977). Das offene Kunstwerk. Frankfurt, Suhrkamp.

                Für mich wichtig war schon früh das bis heute aktuelle didaktische Buch „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften. UTB 14. (!) Auflage. 2020. ISBN 978-3-8252-5377-6

[3] Vgl. Bach, M. and S. Breuer (2010). Faschismus als Bewegung und Regime. Wiesbaden, VS.

Demokratie, jüdisch und soziologisch

Sozio-Demokratie / Instabil

Vorwort

Ich lese regelmäßig mein Berufsblatt „Soziologie“, und meist geht die Diskussion an mir vorüber, aus vielen Gründen. Aber die HerausgeberInnen bemühen sich zunehmend erfolgreich, unsere Wissenschaft mit der Gesellschaft in eine verständliche und kritikfähige Verbindung zu bekommen, und dabei auch die Leerstellen innerhalb der Soziologie zu verzeichnen. Dazu muss ich nicht mehr aktiv in der Uni sein, die Überlegungen helfen schon, bisweilen.

Eine junge Kollegin, Professorin an der Universität der Bundeswehr München (Prof. Dr. Jenni Brichzin (Vertretung) — Institut) schreibt einen langen und komplizierten Aufsatz in der Soziologie: „Die Demokratie der Soziologie – Versuch über eine empfindliche Leerstelle der Disziplin“ (4/2025, 413-447). Sie versucht, das Nachhinken unserer Disziplin in Sachen Demokratie zu erklären und der Kritik auch eine Neubearbeitung folgen zu lassen. Schwierig zu lesen, aber umfassend und m.E. gut so. Warum ich aber damit hier anfange, in meinen Blogs: Brichzin analysiert sehr genau Tocqueville in ihrem Abschnitt „Massendemokratie am Start: Die sozialen Bedingungen der demokratischen Revolution in den USA“ (429-432). Zum Ende des Kapitels und zu Beginn des nächsten fasziniert mich die Genauigkeit, mit der die Volatilität der Demokratie in ihrem „Ensemblecharakter“ beschrieben wird. Ich zitiere jetzt ausführlich, weil hier ein scharfer Blick in eine Gegenwart getan wird, in der demokratische Systeme in kürzester Zeit umgeformt werden, nicht nur die USA, die Türkei, Israel oder Ungarn – im Kern kann das auch bei uns in Bayern oder Sachsen-Anhalt geschehen, darauf kommt es mir aber jetzt nicht an. Unter Bezug auf Tocqueville schreibt Brichzin:

„Und selten wird so deutlich wie hier, dass genau die Mechanismen, die Demokratie doch eigentlich begründen sollen, die gegenteilige Wirkung entfaltenkönnen, ist erst einmal das Zusammenspiel des Ensembles gestört oder ins Ungleichgewicht geraten. Auch die „demokratische“ Ordnung ihrer Zeit kann folglich ins Autoritäre kippen. Als größte Gefahr identifiziert Tocqueville dabei bekanntermaßen die „Tyrannei der Mehrheit“ (T 289). Der unbedingte Glaube der US-Amerikaner:innen an das Mehrheitsprinzip statte die politische Mehrheit mit einer „Allmacht“ aus (T 290), die den „Keim der Tyrannei“ bilde (T 291). Eine spezielle Form der sozialen Schließung ist die Folge, eine Schließung nach Maßgabe der Mehrheit…“ (Brichzin 432, T=Tocqueville). Das kann man natürlich sofort mit Varianten anwenden, nicht nur auf die USA, Israel, die Türkei, Ungarn etc., und auf viele Stimmen in der Demokratie, die nicht von einem Ensemble komplexer Verbindungen ausgehen, sondern von einer, v.a. durch Wahlen bestimmten Form. Mehrheit allein reicht nicht, und nicht nur Brichzin, auch ich denke, dass die Struktur einer Gesellschaft offen gehalten werden muss, immer, und nicht geschlossen werden darf.

Der Artikel insgesamt bleibt interessant, aber ich will mich darauf konzentrieren, wie demokratische Gesellschaften in dieser Zeit eher schnell in autoritäre oder diktatorische und strukturell in faschistische sich wandeln lassen.

*

Für mich ist es wichtig zu hinterfragen, zu diskutieren, zu beobachten, was zur Demokratie „noch alles“ gehört, und der Leitfaden des Artikels bringt einem die nötige knappe Systematik bei. So, und jetzt weg von der Soziologie, ich bin ja längst kein aktiver Hochschullehrer mehr, und zur beobachteten Politik.

Dass neben anderen Trump und Netanjahu Demokratie erfolgreich zerstört haben, wird globale Folgen haben. Die USA, als dritte Nukleardiktatur mit einer nicht nur spontanen, ungebildeten, unkritischen Demokratiefeindlichkeit, hat vor allem auf die Menschen negative Auswirkungen, die ja von den USA in der NATO und im westlichen Welthandel sich abhängig wissen. Nicht gerade kolonial, aber kapitalabhängig. Also wir. Und in Israel zerstört Netanjahu endgültig den Zionismus in all seinen Varianten, er und seine Faschisten zerstören die soziale Aufbaustruktur und so viel JÜDISCHES, dass nur mehr die JUDEN bleiben, aber die jüdische Ethik und Kultur zerstört wird, wohl auch die innovative Wirtschaft, wenn er der trumpoide Herrscher bleibt. Also wir jüdischen Menschen müssen eine zukünftige Geschichtsrevision uns antun.

Mit der Auffassung bin ich nicht allein. Ich kann auch die Hamas initial kritisieren, obwohl sie ja von Netanjahu gefördert worden war, aber sie ist ihm entglitten und eine Macht der Barbarei geworden, so wie Netanjahu mit seinem Blick auf eine iranische Monarchie auch nicht gerade demokratisch denkt und agitiert.

Ich lese Oz, Grossmann, Illouz, Neyer, Shalev und viele andere, und ich lese sie anders die Historien der Palästinenser, Araber und Muslime. In diesem „Anders“ steckt mehr Potential an Kritik, an mehreren Seiten – es sind ja nicht nur zwei – als man vermuten kann: wenn man das Ende des bisherigen Jüdischseins in Israel ernst nimmt und das künftige fürchtet – jüdisch wird man weiterhin weltweit sein müssen und können.

Faschismus: real

Es ist eine Wiederkehr und ein Auftauchen aus fortdauernder Beständigkeit. Auch die vorsichtigeren Medien der Demokratie können nicht mehr beschwichtigt unterspielen, was uns bedroht: anders als Russland bedrohen uns die USA nicht direkt mit Kriegsgewalt, sondern mit der Form von Diktatur, die auf Gewalt aufbaut. Man soll um den Begriff nicht herumreden, Faschismus ist, was er ist: Faschismus.

Trump erklärt „Krieg von innen“: Interview mit Annika Brockschmidt, US-Expertin 2.10., 6.50

(Länge11:40 Minuten Autor Zerback, Sarah). Brockschmidt: „Amerikas Gotteskrieger“, Rowohlt 2021 und „Die Brandstifter“, Rowohlt 2024)

Kein Herumgerede. Trump, Hegseth und andere betreiben eine faschistische Politik. Das wird begründet und ist einsichtig. Die Expertin beruft sich zu Recht auf Paxton bei der Beschreibung des Faschismus. Seit Wochen hoffe ich, dass endlich öffentlich gesagt wird, was wir schon wissen können.

Hier muss ich nicht in die Details der Beschreibung unterschiedlicher faschistischer Bewegungen eingehen – die sind so vielfältig wie kaum ein anderes tyrannisches System, aber sie sind geeint durch Antidemokratie, (meist männliche) Gewalt, (meist wissen) Rassismus und Ignoranz gegenüber der Stimme der Menschen (Das „Volk“ ist eben nicht die humane Gemeinschaft a priori). Gerade Umberto Eco hat das bestens zusammengefasst („Der ewige Faschismus“, Hanser 2020), und Maurizio Bach & Stefan Breuer („Faschismus als Bewegung und Regime“, VS 2010) beschreiben innerfaschistische Differenzen zwischen Deutschland und Italien.

Die USA werden uns nicht vor der russischen Diktatur schützen und die russische Diktatur wird sich nicht gegen die Zerstörung Europas durch die USA wenden, wenn sie ihr Zarenreich wieder aufbaut. Es geht nicht um Schwarz-Weiß, sondern darum, dass wir mit dem Faschisten Trump anders kommunizieren und handeln müssen als mit dem Diktator Putin. „Anders“, das ist schwierig, weil wir schwach sind. Jetzt kommt kein Plädoyer für massive Rüstung, auch keine Unterwerfung unter den einen oder den anderen Mächtigen. Erst einmal müssen wir wissen, was wir als Demokratinnen und Demokraten wirklich wollen, auch wenn wir ziemlich sicher weniger Wohlstand und Sicherheit bekommen, vielleicht mehr Umwelt – und hinreichend Gegner.

*

Wir kennen viele Namen aus dem Trumpgefilde in den USA. Viele Rechtsradikale, die es nicht sinnvoll machen, sich in Attentatsphantasien für Trump zu verlieren, denn was machen wir denn mit Vance oder Hegseth oder…? Die sind ja auch nicht besser, nur vielleicht nicht so klug. Aber Vorsicht: wo wir der US Wirtschaft Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zutrauen, irren wir. Die Großen brauchen seine Förderung und deshalb: „Sie liegen ihm zu Füßen“ (Heike Buchter, ZEIT# 41, S. 19). Das bezieht sich auf die Medienkonzerne. Und Rüstung? Kann man nachverfolgen.

ABER nochmals VORSICHT: Das ist bei uns nicht anders, und die rechten, manchmal faschistoiden Randerscheinungen der bislang demokratischen Parteien sind auch nicht ohne die kleine Variante der bislang demokratischen USA (nicht nur die Richterwahl zum BVG, nicht nur Dobrindt und Konsorten…). Und warum nur bei uns: Schaut auf Israel und Netanjahus faschistische Regierungsgruppe, schaut auf…Saudi-Arabien, Türkei, Ägypten, Iran, und schaut auf die faschistischen Kernzellen der noch demokratischen europäischen Länder. Dass viele von ihnen uns gegen die Russen unterstützen, ist eben nicht einfach die Folge echter Demokratie. Die müssen wir und andere wieder herstellen und entwickeln…