Jüdischer Einspruch: Missbrauch auf mehreren Ebenen

Israels Regierung verliert überraschend Mehrheit

In Israel ist eine Abgeordnete der Regierungspartei Jamina überraschend zurückgetreten. Die Koalitionsvorsitzende Idit Silman habe das schriftlich Ministerpräsidenten Naftali Bennett mitgeteilt, bestätigte eine Sprecherin Silmans heute. Damit verliert Bennetts Bündnis seine hauchdünne Mehrheit im Parlament.

Die neue Regierung unter Bennett war Mitte Juni vergangenen Jahres vereidigt worden. Damit hatte die politische Dauerkrise in Israel mit vier Wahlen binnen zwei Jahren ihr vorläufiges Ende gefunden. Die Koalition wurde von insgesamt acht Parteien vom rechten bis zum linken Spektrum getragen – darunter ist erstmals eine arabische Partei.

Silman legte ihr Amt den Berichten zufolge wegen eines Streits über religiöse Angelegenheiten nieder. Es ging darum, ob während des jüdischen Pessach-Fests Gesäuertes (Chamez) in Krankenhäuser gebracht werden darf oder nicht. Oppositionsführer Benjamin Netanjahu sprach von einer „mutigen Entscheidung“ Silmans.“ (red., ORF, 6.4.2022) Das wird in den Nachrichten des DLF bestätigt.

Na, und? Die scheinbar religiöse Ausrede ist offenbar eine Lüge, weil Abweichungen von normiertem Verhalten durchaus ebenso religiös geregelt werden können. Hier wird eine politische Krise provoziert, die den unfähigen und unglaubwürdigen Netanjahu wieder an die Macht bringen sollen…oder Neuwahlen anstreben. Was für die israelische Gesellschaft zu dieser Zeit mehr als nur beschädigen wird.

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Der Einzelfall lohnt zu jüdischen Überlegungen, denn gerade das Jüdische setzt sich – als stets unfertige Gemeinschaft, die auf Intention und nicht auf Offenbarung beruht – für die gebotene Menschlichkeit und gerade nicht für bewusstlose Befolgung von Regeln ein (was von den Ultra-Orthodoxen und anderen Sektierern bestritten wird, aber seit den Anfängen der Thora und im Talmud gut bestritten werden kann).

Zu diesen Überlegungen gehört, dass sich viele v.a. jüngere Israelis nach Deutschland abgesetzt haben, um dieser Sektiererei zu entgehen; dass viele Kontingent-Immigranten jüdischer Religion aus Russland und der Ukraine sich mit dieser Religion eher als sozialem Korsett denn als Glaubensangelegenheit befassen, so wie früher wie mit einer Partei; dass wir zu Israel endlich noch mehr als bisher eine lebendige jüdische Wechselbeziehung brauchen, die sich in ihren Argumenten nicht vorrangig auf die Shoah bezieht. Vorrangig, nicht nicht.

Wenn es hier um Kritik geht, dann um Religionskritik und nicht an Kritik an und im Judentum. Sich auf Religion beziehen, um Politik zumachen ist falsch. In diesem Fall ist es falsch von Frau Silman. Im Fall des Russenkriegs gegen die Ukraine ist es falsch, wenn der Uhrenanbeter Kyrill dem Kriegsherrn Putin huldigt. Jeder hat viele Beispiele zur Hand. Missbrauch der Religion schadet nicht nur den Gläubigen, sondern auch den demokratischen Staaten, die den Religionen zu viele Freiheiten und Privilegien einräumen. In den nicht-demokratischen Staaten ist die Religion ohnedies eine Waffe der Gewalttäter. Aber Achtung: In beiden Systemtypen kommt auch die demokratische Opposition aus den Religionen, nicht planbar von den Realpolitikern und Strategen.

Es regent…ebent

Sagen die Kinder. In diesen düsteren Tagen, mit Krieg, verantwortungsloser Covidhampelei und wohlständiger Selbstverteidigung, gerät der Alltag aus dem Blick. Alltag…das ist die rasante Vernachlässigung der Klimakatastrophe, die die Enkelinnen und Enkel der Kriegstreiber und der Kriegsopfer gleichermaßen noch früher ersticken lassen werden als das ohnedies zu befürchten ist.

Das ist Grund zur Sorge, zur Opposition in der Politik, zu Selbstbewusstsein und Selbstdisziplin. Aber keinen Grund sich triste der selbst auferlegten Depression hinzugeben und seine Untätigkeit zu rechtfertigen. Das gute Leben im Schlechten gibt es nicht nur in der Philosophie.

Heute regnet es.

Rappelle-toi Barbara
Il pleuvait sans cesse sur Brest ce jour-là
Et tu marchais souriante –> sagen wir, sie lächelt im Regen
Epanouie ravie ruisselante –> sagen wir: es fühlt sich gut an
Sous la pluie….

(Jacques Prévert)

Das Gedicht hat mich lange begleitet, und man stellt sich eingangs triefende Freude vor. Aber natürlich ging es darum nicht, sondern um den Regen der Geschoße, der die Freude der Liebenden zerstört. Lest das Ganze (https://www.bing.com/search?q=jacques+pr%c3%a9vert+barbara+po%c3%a8me& FORM=QSRE3). Daran dachte ich auch – auch – als es endlich, nach einem Monat der Trockenheit, in Potsdam zu regnen begann. Eine Stunde später war ich mit dem Hund im Park. Sonst mag sie den Regen nicht, heute war er willkommen und erfrischend, er prasselte nicht, sondern fiel auf die gerade erblühten Blumen und Sträucher, wenn er noch anhält, rettet er vielleicht die Bäume, die schon arg angegriffen sind vom Wassermangel. Wie ein Regenvorhang schob sich das Wetter vor die Wirklichkeit, die einen nicht auslässt, die einen immer wieder zurückkommen lässt. Es ist egal, ob es in Butscha geregnet hat oder regnet, oder welches Licht die Ermordeten zeigt (https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Butscha). Aber hier regnet es, und für einen Augenblich wölbt sich die Frage nach dem Fortbestand unserer Zivilisation, unseres Weiterlebens, unserer Zeit im Frieden über dem tagesaktuellen Grauen. Genaugenommen die Zeit im Frieden, nach dem „Frieden“, wie in Slavoj Zizek (siehe meinen letzten Blog) denunziert als das Stillhalten im Voranschreiten des längst begonnen Kriegs. Der Regen als befreite die Gedanken und Sinne für eine gute Stunde, nass werden kann auch ganz andere Assoziationen hervorrufen, friedliche. Wenn es aufhört zu regnen und man ist noch durchnässt, und die Sonne lässt das Wasser von den durchweichten Jacken und Hosen abdampfen. Der Schritt von klamm zu befreit, beim Bergsteigen ganz schön, außer man war so nass, dass auch die Sonne nichts mehr bewirkte, und man tagelang feucht und blasenfreudig gelitten hat (als Kind konnte ich noch nicht mal fluchen). Daran denke ich und ans Klima, da höre ich, dass im Süden schon wieder Hochwasser durch zu viel Regen droht….

Was hat das mit dem Krieg zu tun, 2 Stunden von Deutschland entfernt, wie Botschafter Melnik sagt. An sich hat es gar keinen Bezug, wenn wir nur ans Jetzt, an heute, denken. Aber so wie bei entfernteren Kriegen, die auch mit uns zu tun haben, bleibt die Frage, wie das gleichzeitig auszuhalten ist: die tödliche Wirklichkeit um uns und einen Augenblick des guten Lebens. Man kann das nicht wie einen Schalter 0/1 einmal so, einmal anders leben, erst die Arbeit, dann das Spiel, erst die Pflicht des solidarischen Denkens, dann die Freizeit der eignen Wünsche. Der wirkliche Schrecken liegt in der Gleichzeitigkeit. Der Regen stützt mich, sozusagen. In Butscha wäre das anders, aber da bin ich nicht, sind wir nicht. Dort gibt es andere Gleichzeitigkeiten, wie die täglichen Bilder und Nachrichten zeigen, aber auch dort gibt es sie. Es hat sie immer gegeben, und überall. Diese Differenz, zwischen der soft cloud, in der wir geschützt die Welt kommentieren, und dem Überleben und Sterben von Menschen, bestimmt uns heute. Wird der Schalter umgelegt, kommen keine Frühlingsgefühle auf.

Aber wir sollen, wir müssen uns vorstellen, was dort geschieht, um unsere gleichzeitige Lebensspaltung hier zu ertragen und nicht vor uns selbst lächerlich oder sinnlos zu machen. Das schließt Politik, Kritik an und in ihr, Kultur, Abgrenzung und Integration mit ein. Sonst machen wir uns, wie manche Wirtschafts- und Konsumapostel, klein oder mitschuldig an dem, was dort geschieht. Es geht um mehr als Meinungen.

Es hat geregnet. Hier ist das gut. Es blüht unter dem grauen Himmel. Man darf, ich darf, hoffen – aber das ist Zukunft.

Wir woll’n es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid
Dann wissen sie Bescheid

(Letzte Strophe von Wolf Biermann „Ermutigung“, 1968. Und dazu sollt ihr nicht nur das ganze Gedicht lesen, sondern die vielen, bis heute entsetzlichen Kommentare im Netz, die nicht nur die Diktatur preisen, sondern sich in die Diktatur einer Vergangenheit flüchten, in der sie jetzt auch nicht mehr leben können – es sei denn, sie flüchten zu Putin).

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Wieder die Nachrichten. Wieder die Bilder. Recht haben die Überlebenden, sagt Jean Améry, und gerade jetzt ist das wichtig: nicht alle Lebenden sind Überlebende, manche behindern das Überleben. Für die Dürre und das Hochwasser tragen wir Verantwortung, für das Überleben von anderen auch und noch viel mehr. Gleichzeitig.

Abschiede

Wer sich ein Leben lang politisch interessiert, vielleicht auch aktiv gezeigt hat, nimmt in Kauf, lange Zeit oder auch spontan falsche Konzepte verfolgt und falschen Bezugspersonen gefolgt zu haben. Nichts Besonderes, vor allem, wenn es sich um beobachtende, wertende Menschen aus der dritten Reihe handelt.

Dass man hinterher klüger ist, gehört zu den blöden oder scheinheiligen Sprüchen nicht nur der ersten Reihe, sondern der Stammtische, die Meinung mit Politik verwechseln.

In diesen Tagen des Kriegs in der Ukraine und der drohenden wirtschaftlichen und sozialen Abstiege hört man diesen Spruch ebenso häufig wie die Floskel vom Wechsel, vom Umdenken und Umstieg in eine neue Politik.

Wenn das beim Volk ankommt, dann kann man mit winzigen Korrekturen so tun, als hätte man die Situation begriffen, in der wir sind und in der andere leben müssen. Wir, da fängts schon an, prekär zu werden: wir die Deutschen, wir die Europäer, wir der Westen, wir die Wohlständigen, wir Ältere mit Sorgen um unsere Enkelinnen, wir Hilfsbereiten, die auch an andere denken und mit ihnen fühlen.

Wenn man hinterher klüger ist, dann könnte man erklären, warum man JETZT den Menschen aus der Ukraine (noch) uneingeschränkt und besten Gewissens hilft, und warum das bei den afghanischen und syrischen Flüchtlingen nicht so war und bei anderen gar nicht. Bei uns, in Europa, in anderen Teilen des Westens. Es kann sein, dass wir Fehler nicht nur bereuen, sondern korrigieren. Dazu gehört aber eine Aufklärung über das HINTERHER.

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Das ist keine Lebensberatung, wie sie manche PolitikerInnen versuchen, indem sie die Ära Merkel, manchmal auch die Ära Schröder-Merkel in Zusammenhang mit dem Krieg der Putinrussen gegen die Menschen in der Ukraine in Verbindung bringen und jetzt die falsche deutsche Politik seit 1989, vor allem seit der Eroberung der Krim, in den Fokus nehmen. (Manches erinnert sich an die katholische Beichte, man spricht die Sünde aus, bereut sie, bekommt eine Buße – kein Gas, teures Benzin, Getreideknappheit). Dass und wie wir (fast alle, das FAST wird hier immer wichtiger) diese Jahre von der deutschen Russlandpolitik, von der deutschen Chinapolitik profitiert haben, wird dabei nicht in den Vordergrund gerückt; ebenso wenig der Hinweis auf diejenigen, die davon nicht profitiert haben, und teilweise jetzt erst recht leiden. Das Leiden der Ukrainer wird anerkannt, die Leiden anderer, an deren Unglück wir (als Nation) direkt oder indirekt beteiligt waren, erfahren weniger Anerkennung. Es hat fast etwas mit religiöser, geographischer, ethnokultureller Sym- und Antipathie zu tun, machen wir uns nichts vor.

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Es ist eine Zeit der Abschiede. Wenn PolitikerInnen aus dem Amt scheiden, ist da selten ein personaler Abschied für uns BürgerInnen – das war bei Willi Brandt so, aber sonst… – es handelt sich um den Abschied von einer Ära, wenn‘s wichtig ist, sonst geht’s ab in die Mülltonne der Geschichte. Bei Merkel ist es besonders interessant, weil ihr Amtsende in die Zeit des neuen großen Kriegs fällt.

Ich habe mich in meinen Publikationen, Blogs etc. in den letzten Wochen aus verwandten, aber unterschiedlichen Gründen der Kommentare zu Corona und zum Krieg Russlands gegen die Ukraine enthalten. Zu diesem Krieg muss ich heute schreiben, weil er uns vielleicht bald mit mehr Schrecken überziehen wird als die Bilder aus Mariupol es ansagen; weil das Wir – wir Deutschen, wir Europäer – auf einmal konkret betroffen ist, und nicht nur zu politisch ko0rrekten oder eben unkorrekten Meinungsäußerungen gedrängt wird.

Ich schreibe also über zwei Abschiede: den Abschied von der Ära Merkel. Und den Abschied vom Kriegszustand in Friedenszeiten, wie Slavoy Zizek schreibt, einer meiner beiden Referenzen in diesem Blog. (Zizek 2022). Zizek ist eine bei mir häufig umstrittene, aber immer anregende Referenz, die in die transdisziplinäre Region freien Denkens gehört. Die andere Referenz ist eine Rezension von Fintan O’Toole einer ganz neuen amerikanischen Merkel-Biographie von Katie Marton. (O’Toole 2022). Die NYRB gehört zu einem Bildungskanon, der meine tägliche „politische“ Aktualisierung in jedem Bereich komplementiert.

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O’Toole und Marton beschreiben sehr genau die Parallelität von Putins und Merkels Sozialisation, aber mit sehr unterschiedlichen Ausgängen hin zur politischen Macht. Hier zum Missbrauch, dort zum demokratischen Aufbruch. Beide werden undiskutierte Anführer/in jeweils ihrer Sphären, er in Russland, sie in Europa (eben mehr als nur Deutschland), unter unterschiedlichen Prämissen allerdings. Hier kann man das Verhältnis relativer Lokalität zur Globalität (siehe meinen gestrigen Blog) genau studieren. Ob Merkel wirklich die „Letzte ihrer Art“ (O’Toole) war, bleibt offen, Sie war jedenfalls herausragend jenseits ihrer realpolitischen Verdienste und Fehler. Das Putin nicht der letzte Diktator ist, gehört zu den Abschieden einer weitverbreiteten Vorstellung, einschließlich der falschen Scheu, ihn mit Hitler und Mao und Stalin zu vergleichen, und nicht mit irgendwelchen kleinen Autokraten.

War der Wandel durch Annäherung prinzipiell falsch, also seit Willi Brandt, oder wurde er unangemessen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs? Teilweise geben die beiden Essays Antworten.

Zizek macht eine tiefschürfende Analyse, einen gewagten Dreischritt: 1. Ein neuer Krieg würde das Ende der Zivilisation bedeuten, „wie wir sie kennen“ – wobei er schon als Dritter Weltkrieg mit lokal beschränkten Kriegen begonnen hat (dem stimme ich zu). 2. „Wir müssen einen neuen großen Krieg verhindern, aber der einzige Weg dazu ist die totale Mobilisierung gegen den heutigen „Frieden“. Kriegszustand in Friedenszeiten. Vielleicht ist dies der Begriff, den wir für unsere heutige Lage verwenden sollten“. Zizeks Friedenskritik kann ich teilweise zustimmen, seiner Schlussfolgerung anderswie auch. Ob es bis dahin geht, dass wir uns überlegen müssen, ob und wieweit wir so für die Ukraine sterben wollen, wie die Ukraine ihrer Zugehörigkeit zu Europa, ist ein Schwergewicht. (Nebengleis: dass die Rechten sich da plötzlich flüchtlingsfreundlich draufsetzen, kann man nicht groß ändern. Bleiben wir im Hauptstrang). 3. Jetzt kommt der Hammer. Huntingtons Kampf der Kulturen „IST die Politik am „Ende der Geschichte““, womit er ihn mit Fukuyama zusammenbringt. Und deutlich macht, dass die liberale kapitalistische globale Gesellschaftsordnung dazu führt, dass „ethnische und religiöse Spannungen die einzig legitime Quelle von Konflikten“ wird (wenn ich das verstehe, stimme ich dem sehr zu, bis auf Zweifel am Wort „legitim“). Aber ich meine zu wissen, worauf es hinausläuft: dass man bei diesem globalen Kapitalismus nicht stehen bleiben kann. Und will man nicht überfallen werden, muss man sich wehren.

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Zizek unterstützt den Protest der Russen gegen die Politik ihrer Anführer, dieser Widerstand sei „Patriotismus“, richtig. Und hier drehe ich mich wieder nach uns um.

Dass und solange wir den Ukrainer auf allen – auf allen – Ebenen helfen, sind die Motive zwar nicht egal, aber auch nicht im Vordergrund. Was machen wir, wenn es zu einem heißen Frieden kommt, zu einem lokalen Kalten Krieg?

Spontane Antworten dazu sind schlecht, auch meine wären es. Wie denkt man darüber nach? Zunächst: zu einem gewissen Grad kann man personalisieren. Das Trio Schröder-Merkel-Scholz hat Deutschland über mehr als ein Jahrzehnt bewusst und reflektiert in russische Abhängigkeit gebracht (Energie): die Annäherung war eine ohne großen Wandel, aber mit einer Abspaltung der Ökonomie von der Politik (dazu darf man Hegel und Karl Marx, oder Zizek lesen). Den Abschied von Merkel muss man nicht als Fanal der Kritik inszenieren, weil die meisten von uns von der Politik der Großen Koalition profitiert haben. Die Selbstkritik am Profit muss aber genau hinschauen, wo Merkel NICHT Putin gefolgt ist, in der Politik sicher stärker als in der Wirtschaft. (Übrigens wäre ein ähnliches Muster gegenüber China angebracht).

Und jetzt? Es wird kälter, langsamer im Verkehr und weniger in der Warenzirkulation. Ja, und? Die Sozialpolitik ist gefragt, um denen zu helfen, die wirklich frieren und hungern werden. Aber nicht denen, die seit Jahren wissen, dass sie mehr Leisten müssen, um den Klimawandel abzuwenden, sonst können sie sich selber gleich Kriegerdenkmäler für ihre Nachkommen ausdenken.

O’Toole, F. (2022). „The Last of Her Kind.“ NYRB LXIX(6): 4-8.

Zizek, S. (2022). „Heißer Frieden.“ SPIEGEL(13): 46-49.

Global am Ende der Welt?

Langsam hat sich die Globalisierung als umfassende, fast alles bestimmende Dimension in unsere Diskurse zur Zukunft der Welt eingefunden. Sie wurde nicht eingesetzt oder konstruiert, zusammengesetzt aus Einzelteilen, sie war erst allmählich, und dann immer da.

Schnell fanden sich Propagatoren ihrer Vorzüge und ihrer Nachteile.

Globalisierung löst die obsolet gewordenen Nationalstaaten ab, ohne Nationalismen keine Ethno-nationalismen, keine lokale Demokratie ohne die aller anderen, keine Information, die nicht allen zugutekommt, „He’s got the whole world in his hands“, wie es im Gospelsong heißt.  Die ganze Welt, das ist doch was. Keine Grenzen der Digitalisierung, keine Reisebeschränkungen, keine Ware, die nicht überall produziert werden kann, überall hin transportiert wird, und überall konsumiert werden kann. Dass das möglich sein wird, dafür sorgt der global notwendige soziale Ausgleich.

Da sehen andere das ganz im Gegenteil: wenn irgendwo eine Lieferkette unterbrochen wird, wenn ein Sender abgeschaltet wird, wenn ein Land ein anderes überfällt, wenn die Menschen einer Region die einer anderen schon gar nicht verstehen, wenn sich die Religionen nicht vertragen, obwohl alles gleich sein muss, um gleich und gerecht zu sein…nein, das geht gar nicht.

Die Antiglobalisten haben in diesen Tagen anscheinend mit fast allen Argumenten Recht, die Globalisierer können nur darauf verweisen, dass sie die Zukunft im Prinzip global oder gar nicht gestalten können. Klimawandel als Paradigma.

DAZU, liebe Leserin, lieber Leser, gibt es sehr viel und ziemlich eindeutige Literatur.

Ich will einen anderen Aspekt herausholen. Globalisierung ist ein überwiegend vom Westen geprägter Begriff, und bekanntlich ist der Westen bislang von klugen Leuten leichter zu definieren und differenzieren gewesen als der „Osten“ oder der „globale Süden“, die „“ zeigen ja, noch steht der Begriff für uns nicht fest. Das ist in diesen Tagen doppelt wichtig: wir können zB. über die Fehler des Westens uns ausbreiten, die schließlich den Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine provoziert haben, aber wir wissen, trotz so genannter Geheimdienste, nicht wirklich, was im Osten vor sich geht. Wirklich nicht? Das andere Beispiel ist mir heute wichtiger: Unter Global verstehen wir einigermaßen richtig, dass es um die ganze Erde geht. Was ist die Gegenseite, nicht unbedingt das Gegenteil, von Globalisierung?

Die Entdeckung der Lokalität ist nicht wirklich neue, frühe und präzise Globalisierung-Kritik hatte auch ihre Stärke und wirkt bis heute: Zygmunt Bauman ist dabei ein ganz Großer, ein Anreger (Bauman 2001)(Bauman 2005) u.a. Der schöne Begriff der Glokalisierung stammt m.W. auch von ihm.

Der etwas zu platte Slogan „Global denken, lokal handeln“ weist auf ein wichtiges Problem: was bedeutet es für Inter-Nationalität, wenn es nationale und regionale Verdichtungen von Produktion und Auslieferung gibt, wenn Transaktionskosten gesenkt werden, wenn transnationale Verträge gekappt werden?

Auch hier quellen die Dokumentationen und Analysen über, aber es gibt einen ins Unbewusste abgedrängten Aspekt. Bedeutet am Ende die Renationalisierung, die Lokalisierung, die Verdichtung der Kommunikation nicht einen neuen Nationalismus? Bede3utet sie nicht die Stärkung von Autokratien und lokaler Personalisierung, das Ende des Kosmopolitismus – der sich dann auf die boomenden Urlaubsreisen in die unpolitischen Enklaven der Hotelstrände beschränkt?

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Und vor allem: was bedeutet diese Entwicklung für das Klima? Will man sich lokal sanieren, muss man oft naturgeschützte Landschaften kleinteilig angreifen? Und der globale Süden kommt als Rohstofflieferant so unter die Räder wie Zulieferungen aus den schlimmsten Diktaturen, wenn nur die nationale Wirtschaft nicht stockt? Ich mache die Fragezeichen, weil es hier um Fragen geht, um Fragen, die die Diskurse längst stellen und oft ethnonational beantworten. Man kann das auch globalen Rückschritt nennen, zu dem auch schon Corona eingeleitet hat.

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Das sind Fragen, zu denen es keine Antworten gibt, an den Stammtischen oder in der dünnen Luft der Regierungsspitzen in Floskeln darum herumgeredet. Der Krieg der Ukraine ist auch einer, der unsere Humanität leicht abschwächt, gerade weil sie ein noch von fast allen geteiltes Objekt hat (die aus der Ukraine Geretteten): win-win, sagt nicht nur die Wirtschaft. Sie sagt das zur Rettung, sowie sie ihre Laufbänder laufen sieht, ohne den täglich 300 Covid-Toten die gebührende Achtung und Hilfe (im Gesundheitswesen) zu gewähren.

Die „alte“ Globalisierung ist so oder so zu Ende. Die neue kann nicht mehr stabil sein, wenn Staaten sie ohne Rücksicht auf ihre Gesellschaften aushandeln. Kosmopolit ist, wer die Welt in seine oder ihre Gesellschaft hereinholt und sie an Ort und Stelle wiederfindet und dann wiederum hinausführt. Fridays for Future also nicht nur klimabezogen, sondern auch Lebensqualität und Kommunikation im Fokus; das geht nur mit Menschenrechten, und streng traditional, ohne die Abspaltung der Ökonomie von der Politik, wie jetzt, zur Zeit, üblich und manchmal notwendig.

Dazu kommen weitere Fragen: warum werden der Osten und der Süden meist von denen in Gedanken mitgetragen, die den Westen eher kritisch sehen? Das ist nicht nur eine Frage der Prioritäten in der Forschungspolitik, sondern gehört zum Alltag sich politisch verstehender Alltagsmenschen? Die Diktaturen aller Ecken betrachten solche Gedanken als Gefahr, sie zensieren, verbieten, strafen…das zeigt, dass etwas Wahres dran sein muss. Umgekehrt, sie lügen selbst nicht, darum steckt auch in ihren Aussagen kein Stückchen Wahrheit, wie Hannah Arendt sagen würde, nein, sie lügen nicht, sie sind nackt wie der Kaiser oder Zar. Oder, im Falle Putins, wie Hitler oder Stalin. Und viele haben verlernt, ihren ausweichenden und besänftigenden Zweifeln zu misstrauen, die das berühmte „Hinterheristmanklüger“ schon als Entschuldigung gelten zulassen. Wiedergutmachung ist das keine.

Nachsatz: ich zitiere hier nicht die umfangreichen Belegstellen. wer schnell lesen will und kann: Bernd Ulrich: Sieben auf einen Streich, ZEIT24.3.2022, S. 4. Über die Verzahnung der Krisen, deretwegen es kein Zurück gibt, weder zur Normalität (sagt Ulrich) noch zur Globalisierung (sage ich)

Ohne Antworten zu leben, macht schlaflos.

Bauman, Z. (2001). „Identity in the globalising world.“ Social Anthropology 9(2): 121-129.

Bauman, Z. (2005). Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburg, Hamburger Edition.