Die letzten Tage haben viel politpsychologische Abdeckungen zerrissen oder löchrig gemacht. Das zeigt sich in der Sprache und Kommunikation, wenn die Zuständigen und die (angeblich oder echten) Sachverständigen, Zuständigen, über Trump, über Netanjahu und Ben Gvir, über Putin, über unsere Struktur- und Bildungsschwächen öffentlich sprechen oder Schweigekulissen aufbauen. Ich bin Frau Knobloch wirklich dankbar für ihren Vergleich der AfD mit der NSDAP (aus vielen Journalen: Knobloch über AfD und NSDAP: „Vergleichen sollte man“). Sie war innerhalb des deutschen Judentums nicht mein Idol, umso wichtiger, was uns zusammenfasst: Erkenntnis der Wirklichkeit, nicht abgedämpfte Vorsicht vor falscher Kritik. Was also die Knobloch gestern sagte, was Stephan J. Kramer heute im DLF von sich gab, das ist wichtig – wenn der Faschismus droht, hat Abwägen eine ambivalente Bedeutung. „Bundespolitik: Knobloch: „Bei AfD-Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt werden Juden auswandern““, das sagt sie heute (21.8.) muss man nachdenken. Wohin sollen sie auswandern? Ernsthaft.
Aber weiter: was bei uns ist, ist nicht nur bei uns.
Ein gut gemeinter Artikel geht daneben: „Israel. Eine Verteidigung“ von Jan Ross (ZEIT #36, 20.8.2026) wendet sich gegen ungerechte Kritik oder Verurteilung Israels, aber shon im Untertitel wendet er sich gegen die deutsche Unterstellung, Israel sei ein „Schurkenstaat“. Das sagenn nun wirklich nicht die meisten Kritiker, sondern es geht um den Abbau einer wichtigen Demokratie in Nahost, um grausame und unmenschliche Handlungen im Gaza, und um die faktische Abkehr von jeglicher Zweistaatenlösung. Aber eben nicht „Schurken“, sondern teilweise Faschisten, teilweise US Untergebene, teilweise aber auch eine rechtsgerichtete Entwicklung der Bevölkerung, an der sicher auch die Palästinenser ihren Anteil haben – aber eben nur einen Anteil. Hätte Ross doch etwas mehr Geschichte eingebracht, und sich nicht nur auf Schlomo Ben-Ami beziehen, da gibt es auch andere Diplomaten, die anders kritisch zu Netanjahu stehen, es gibt Literatur und Kunst…und, da hätte Ross recht, eben eine immer fester verbunkerte Position der Verteidigung Israels gegen die herausgehobene Besonderheit dieses Landes – das muss mann aber historisch und systematisch beschreiben, sonst verstehen nur wir es, aber nicht die Gegner Israels und die Antisemiten. Naja, Ross steht nicht im Zentrum von Kritik.
Ich will auf etwas anderes hinaus: Kritik an Israel muss sich entscheiden: politisch, ökonomisch, militärisch – wie an jedem anderen zu Recht kritisierten Staat, ODER an der Besonderheit des Verhältnisses von Juden (ethnisch) zu jüdisch (ethisch, sozial, kulturell), mit der besonderen Verbindung der beiden durch die Religion. (Weil Israel so alt ist, und die Religion sehr früh andere gesellschaftliche Strukturen als anderswo beeinflusst hatte. Es gibt auch einige andere Beispiele dieser Art, aber die kennt in Europa niemand). In beiden Fällen muss man Geschichte und Struktur erkennbar und erklärbar machen. Und man muss deutlich machen, welche Mächte (nicht einfach: Personen) in den letzten 120 Jahren in Palästina bzw. ab 1948 Israel eingegriffen haben, und weshalb und wie, und wie sich das demokratische Israel, mehr oder weniger erfolgreich, diese Eingriffe bewältigt, bis heute. Dann muss man über dieses Land denken und sprechen, über die jüdische und die anderen Bevölkerungen, Einwanderungen, religiöse und soziale Hintergründe etc.
Hier schließt sich der Kreis zum Anfang.
Erfahrungen: * 2009 wählte ein berühmter, auch in Europa bekannter Philosoph und Psychologe, Netanjahu, weil ihm die „Doppelmoral“ der Zionisten auf die Nerven ging – er hat das zwar bereut, aber immerhin…* In den 90er Jahren und Anfang des 21. Jhdts. erlebte ich das Kulturleben, vor allem Kunst, Cinema, Diskussionen in Tel Aviv so vielfältig wie komplex: aber ich konnte und kann bis heute nicht genau sagen, wer damals wie „jüdisch“ bzw. nicht-jüdisch war – auf die Genauigkeit kommt es den Antisemiten in diesem Punkt an…*jetzt könnte ich ganz viele Beispiele angeben, auch seitenweise Literatur. Mache ich natürlich hier nicht. Aber, da hätte Jan Ross tiefer einsteigen sollen, ohne die Verarbeitung der Geschichte empirisch, nicht illusionär – der letzten 12 Jahrzehnte kann man Israel nicht verstehen und seine Vorgeschichte. Und die Geschichte der anderen ethnischen Gruppen, nicht nur der Palästinenser, sollte man auch im Kontext so weit kennen, dass man die jüdische (Re)aktion jeweils versteht. Nicht ganz angenehm aus europäischer, aus deutscher Sicht, aber doch auch ertrag- und hoffnungsreich.
Ich hätte nach dem ersten Absatz nicht über Israel denken und schreiben müssen. Ich hätte viele Länder und Politiken heranziehen können. Aber das ist eben ein Gewicht, das auch auf mein Leben drückt…