Neues Deutschland? – !

In diesen Tagen wird der November 1989 immer und immer wieder aufgerufen. Gut so. Viele anrührende, auch betroffene und ambivalente Erinnerungen und Bewertungen von ganz normalen, d.h. nicht prominenten ZeitzeugInnen, vergegenwärtigen diese doch einmaligen Tage und Wochen.

Natürlich habe ich mich auch gefreut – über die Befreiung aus der Botschaft in Prag, über den Zusammenbruch der Diktatur der DDR, über die Maueröffnung. Auch, ebenso ehrlich, weil ich dieses Ereignis vorhergesagt hatte. Kein Triumph, aber Freude über eine gewisse Hellsicht, die etwas damit zu tun hat(te), dass ich zwar in Deutschland lebte, aber kein Deutscher, sondern Mitteleuropäer war. Aber ich habe einen Irrtum und eine zweifelhafte Deutung begangen, die mich lange belastet haben und bis heute nicht freuen:

Am 3. Oktober 1990 hatten wir Gäste aus der DDR zu Gast an unserer Universität, und ich hatte eine Rede zu halten, Willkommen, Reflektion, Analyse. Bis heute sage ich, keine schlechte Rede. Aber da war ein Satz: Wo die Nazis Leichenberge hinterlassen haben, hinterließ die Stasi Aktenberge. Beifall. So ein Unsinn. Ich habe den Vergleich, der in dieser Rede sehr wohl eine Rolle gespielt hatte, abgeschliffen und geglättet. Man hätte es schon damals wissen können und wusste es: der Vergleich war in diesem Bereich unangemessen, auf anderen Ebenen aber weniger.

Der zweite Kommentar ist komplizierter und verfolgt mich hartnäckiger. Mit vielen anderen – von Angela Merkel über Gregor Gysi zu Oskar Negt und Björn Engholm, habe ich zu einem Buch beigetragen: (Daxner 1993). Meine drei Seiten waren überschrieben: „Was mich nichts angeht, was mich ärgert“ und nehmen die Satire der Diskurse und Kommentare zur Einheit aufs Korn, das würde heute auch passen – in diesen Tagen: aber wie schnell werden die Kommentare wieder vergessen werden? Die Ausgangsthese war ja richtig, dass die alte BRD einen Teil ihrer späten demokratischen Errungenschaften und ihr ökonomisches Glück „gerade durch den antifaschistischen Friedenswall“ mitbegründet hatte. Aber es war falsch, die Anerkennung der baltischen und osteuropäischen Nationalstaaten als voreilig zu kritisieren, und deren Staatsbildungen nicht als Reflex ihrer langen Unterdrückung durch den kommunistischen Herrn in Moskau zu erkennen. Ich betrachtete die demokratischen Belehrungen der Westdeutschen gegenüber den befreiten Ländern als Satire, weil sie vergessen hatten, wem sie vor allem den langen Prozess der Demokratisierung im Westen zu verdanken hatten, was gerade die „Linken“ verdrängt hätten.  Hinter dieser Doppelbödigkeit stand die Hochachtung vor der ostdeutschen Widerständigkeit und vor dem Mut des sich konstituierenden Volks (hab ich damals richtig gesehen); und die falsche Vorstellung, wie wir den erreichten Stand von Demokratie durch Übernahme statt Vereinigung in Demokratie würden halten können (hatte ich falsch gesehen).

*

Heute, 2019, wissen wir mehr und können wir mehr verstehen und erklären.  Aber wie hartnäckig sich der unterworfene Osten hält, zeigen gerade die gutwilligen Aufklärer: in der neuen ZEIT werden 100 besondere Ostdeutsche hervorgehoben, landauf landab wird die Unzufriedenheit der Ostbürger analysiert, die die reale Freude über die Befreiung relativiert (als wäre die wahre Freiheit das gewesen, was die untergegangene BRD täglich über die Mauer ausgestrahlt hatte – man ist an Platons Höhlengleichnis erinnert: die Vorstellung, nicht die Hoffnung, begründete bald eine Enttäuschung, die viele westdeutsche Politiker in Kauf genommen hatten). Heute erinnern sich nur die Älteren an die wirkliche Geschichte. Aber die Erzählung hat gefährliche Folgen angenommen, nicht nur in der Ideologie von AfD und anderen Rechten, aber auch in der Verweigerung vieler Leute aus der Linkspartei, ihre Wählerabgabe an die AfD anständig zu erklären.

Wir müssen uns heute mit dem Nationalismus und der erstarkten rechtsradikalen Identitätspolitik nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und darüber hinaus auseinandersetzen. Und wir müssen ehrlicherweise feststellen, dass die Rechts-links-Koordinate zur Beschreibung der politischen Strukturen nur sehr bedingt taugt. Mein Unverständnis für die Verwerfungen von Mittel- und Osteuropa hatte einen richtigen Ansatz: „Ich habe den Prozeß der Auflösung der DDR mit großer Sympathie verfolgt, weil dieses Land meine weniger internationalistisch als kosmopolitisch gefärbte Weltsicht immer schon beleidigt hatte“. Und ich beschwere mich über das westdeutsche Gejammere, das viele heute nicht mehr erinnern wollen.

Von 1990 bis 1993 habe ich sehr viel im „Osten“ mit-gearbeitet, u.a. an der Humboldt-Universität Berlin und in der GEW. Es sollte nicht lange dauern, bis ich erkennen musste, wie missmutig-kleinhirnig gerade das westliche Misstrauen gegen den demokratischen Aufstand kurz vor der Wende war (z.B. bei Frau Seebacher-Brandt noch im August 1989), und wie sich die Freude über die gelungene Einheit in eine Spaltung zweier ungleicher Hirnhälften von Stund‘ an vertiefte.

Das beleidigt mich heute noch, und mein geringfügiger Anteil an diesem Irrtum ist ungut. Ein Heilmittel habe ich: lest die über 20 Aufsätze in diesem Buch. Ein weiteres Heilmittel sind die ungleich besseren Aussichten des heutigen deutschen Ostens gegenüber den anderen befreiten Nationen in Mittel- und Osteuropa, ob in der EU oder nicht – daraus kann man sogar etwas lernen.

Wer meint, das sei doch auch besserwessihaft, möge in – sagen wir: — einem Jahr auf das Thema dieses Blogs zurückkommen. Und die Aufarbeitung des nicht mehr existierenden westdeutschen Staats kann auch nicht mehr lange warten (da hat man sich einen zu großen Bissen zugemutet), und die EU gibt’s ja auch noch, die durch die neuen Mitglieder kurzfristig schwächer geworden ist, aber langfristig ohne sie nicht existieren kann.

Ich will nicht trösten, steht mir ja nicht zu; und mich nicht über meine  Distanziertheit 1993 hinwegtrösten. Aber gerade jetzt wäre ein wenig großzügiges Beachten der Umstände von kollektiver und persönlicher Befreiung angebracht, um nicht die Abgehängten zu betreuen, sondern die Bürgerinnen und Bürger eines der wenigen demokratischen und freien Länder.

(Pathos statt Ironie tut manchmal gut)

 

 

Daxner, M. (1993). Was mich nichts angeht, was mich ärgert. Neues Deutschland – Innenansichten einer wiedervereinigten Nation. S. Kogel, Zimmermann. Frankfurt, Fischer: 42-45.

 

Zug um Zug

Ich bitte um Entschuldigung. Wieder die deutsche Bahn, die mich Nerven und Lebenszeit kostet. Nein, ich kaufe mir kein Auto, auch kein E; ich kann aber auf Reisen in Deutschland nicht verzichten, und ich bin ungehalten, weil rundherum, also in Europa, fast alle Züge besser sind, pünktlicher fahren und die Toiletten funktionieren.

Dieser Blog besteht aus zwei Teilen. Einem Preisausschreiben und eine Aufforderung zur gewaltfreien Befreiung Deutschlands von einem Clan.

Preisausschreiben für Bahnreisende. Welche der folgenden Begründungen für Verspätungen ist ein fake und wurde so nie gesagt? „Grund dafür ist…

  • Die verspätete Bereitstellung des Zuges
  • Eine Störung im Betriebsablauf
  • Ein Fehler im Bremssystem
  • Die Verspätung eines davor fahrenden Zugs
  • Die Verspätung aus vorheriger Fahrt
  • Die plötzliche Erkrankung des Lokführers, Ersatz konnte nicht gefunden werden
  • Eine Weichenstörung
  • Ein Überlauf der Zugtoiletten
  • Eine technische Störung am Zug
  • Eine technische Störung an der Strecke
  • Ein Polizeieinsatz im letzten Bahnhof
  • Die verspätete Übergabe an der Grenze
  • Die Unmöglichkeit die Türen zu öffnen
  • Abwarten anderer verspäteter Anschlusszüge
  • Vorrang für einen Vorstandszug auf dieser Strecke
  • Witterungsbedingte Schäden an der Oberleitung

Zu einer Ansage ein reflektierender Kommentar:

  • Grund dafür sind Menschen im Gleis

Diese Begründung ist nicht im Wettbewerb. Entweder es ist die taktvolle Umschreibung eines Suizids, dann macht man keine Witze. Mehrere Selbstmörder am selben Zug sind unwahrscheinlich. Aber Menschen im Gleis kann auch eine Metapher für spielende Kinder oder pausierende Bahnarbeiter sein. Also bitte nicht mitzählen.

Wenn Sie die drei Fakes erkannt haben, bitte ankreuzen und dem Blogmaster mitteilen. Die Verlosung findet unter Ausschluss des Rechtsweges im Bahnreparaturwerk Schöneweide statt.

  1. Preis: Zwei beliebige Schwarzfahrten mit abgelaufener Bahncard 25 im Netz der DB
  2. Preis: Eine Schlafkur im Geschäftsbereich von Herrn Pofalla während einer Vorstandssitzung

3.-100. Preis: Eine Freifahrt ab einer Verspätung von mehr als 10 Minuten.

Übrigens habe keine Begründung für Verspätungen von weniger als 10 Minuten aufgelistet.

Angehörige der DB und ihre Angehörigen sowie des Ministeriums für Verkehr sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

Zweiter Teil. Schluss mit lustig.

Der Aufsichtsrat der DB wird morgen beschließen, dass die Vorstandsmitglieder statt jährlich 400.000 € nunmehr bis zu 520.000 € bekommen sollen. Überlegen Sie einmal, wie viele Fahrten mit ermäßigter MWST (7% statt 19%) zur Klimabegrenzung Sie im Jahr zurücklegen müssen, damit Lügenpofaller und Kollegen auf diese Beträge kommen. Weiter schön ruhig bleiben und auf den nächsten pünktlichen Zug warten. (Gestern und heute 19 von 24 angezeigten Zügen mit Verspätungen von 10 bis 45 Minuten).

 

Vorschau des Bösen?

Als hätte alles Übel mit der Tat angefangen; mit einer von vielen.

Als hätte der Nationalsozialismus im Januar 1933 begonnen.

Als wäre die Pest beim ersten Toten ausgebrochen.

Als wäre die AfD aus dem Nichts entstanden.

*

So, wie es ein „antizipierendes Bewusstsein“ (Ernst Bloch) gibt, so gibt es auch vorbereitende Praktiken, die von einem Bewusstsein eingeholt werden, das erste seine Begriffe formulieren muss.

Es war die Praxis des Verfassungsschutzes (auch teilweise seines damaligen Chefs Maassen), die den NSU geschützt hatte; ich bezeichne sie als Vorfeld-Organisation der Rechten.

Dazu aber bedurfte es der Mitarbeiter, V-Leute, Schreibtischtäter, die wiederum in langen Traditionen furchtbarer Juristen, Legenden und Ermutigungen durch die randständigen Extremen standen, einschließlich der autoritären Erziehung, die keineswegs nur ein deutsches Erbe ist.

Das alles entlastet keine Person und keine Institution, es erklärt sie.

Nehmen wir das Beispiel des fremden Blindgängers Seehofer. Jahrelang hat er ein Feuer geschürt, an dem er sich jetzt nicht mehr wärmen möchte, aus Todesangst vielleicht, oder weil er sich als Hexenmeister außerstande sieht, die Zauberlehrlinge noch einzufangen. Nun ja, er war und ist nicht allein. Glaubwürdigkeit entsteht zwar aus Praxis, aber selten spontan.

(Ich sage jetzt selbst polemisch und ungerecht: das Zeitalter der Globkes ist keineswegs ganz vorbei, aber es gibt auch Gegenbewegungen, etwa die Zeiten von Heinemann, Brandt und …mir fallen da noch welche ein, aber strengt euch selbst an, Vorbilder und Widerständigkeit gegen totalitäres Denken und Handeln zu benennen).

*

Das Unverständnis darüber, wie ein politisches Unglück zustande kommt, ist fast so schlimm wie das Unglück selbst. Falsche Bildung, könnte man sagen; falscher Lebensstil; falsche Umstände … naja, wie haben wir es denn bis jetzt bis dahin daher gebracht? Das wäre zu einfach. Die Macht der anderen, das ist schon richtiger. Auch die Unsicherheit über die eigene Macht, die Widerständigkeit, die Immunisierung gegen die Blödheit. Aber immer lese ich auch über das Unverhältnis der Forderung nach Freiheit für alle und die Auswirkungen der Freiheit auf einzelne, bzw. einen selbst, und dann sollen die andern plötzlich nicht mehr frei sein.

Angeregt werden diese Gedanken durch die verlogene, nur scheinbare Streitsituation um die Grundrente zwischen CDU und SPD. Es geht gar nicht um die Vermögensprüfung für die besser gestellten Kleinstrentner, es geht auch nicht um die lebenslang geleistete Arbeit. Es geht darum, dass durch das gesamte Arbeitsleben die Sozialabgaben für die spätere Alterssicherung immer zu selektiv und zu niedrig waren und sind, und man überhaupt nachbessern muss (ob man will oder nicht). Das privilegierte Gesindel, zu dem leider ich auch statistisch gehöre, profitiert von diesem Zustand, Beamte, Selbstständige, Unternehmer. Und die relativ Armen begehren nicht auf und die relativ Reichen sprühen vor Gerechtigkeitsfloskeln und dann wundert man sich, wenn endlich an die Oberfläche tritt, was lange sich vorbereitet hat.

*

Der Diskurs der Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist etwas anderes als ungerechte, ungleiche Lebensverhältnisse. Aber er heizt an, was diese lange zurückhalten können. Zusammengehalten wird das durch einen zähen, unappetitlichen Kleister aus Treue zur Vergangenheit und Flucht vor der Gegenwart.

Das wird mir so deutlich, wenn es um die PrimärSekundärTertiärQuartär Analyse geht, warum die Ostdeutschen angeblich noch unzufriedener, noch abgehängter, noch unfreier bis heute sind als die ehemaligen Westdeutschen. Mehr Freiheit, sich darüber öffentlich auszutauschen hatten wir im Westen schon, aber wir sind zu spät draufgekommen, dass das nur ein Teil der Freiheit war, den die andern später erfahren sollten. Ich habe zwei Tage in verschiedenen Tagungen zu 1989  verbracht, und genau dies bestätigt gefunden. Es bleibt dabei, die Freiheit kann dir niemand bringen, du musst sie dir nehmen, und das geht meist nicht ohne Konflikt, meist nicht ohne Gewalt, und meist nicht ohne sich selbst etwas zu verändern ab.

(Als wir, keineswegs ich allein, 1989 den Nationalismus als notwendig und unerfreulich in Osteuropa vorhergesagt hatten, weil das kommunistische System, selbst auch nationalistisch, das Gegenteil als Glaubensbekenntnis verbreitet hatte, wurden wir ausgelacht, weil man meinte, das Geld und der Markt aus dem Westen würden den Menschen schon ihre Ideologien austreiben. Dann kam der Nationalismus, und hierzulande kam das Wort „Undankbar“ zu oft aus den Gesprächen hervor, bis man sich selbst im gleichen Fahrwasser entdeckte und leider nicht verstummte). Verstehen heißt nicht verzeihen, das macht den Nationalismus so wenig erträglich wie die Herablassung, aber hinterher wird man klüger sein).

 

Geniestreich Söder

In manchen bayrischen Amtsstuben hängen Kreuze, mit und ohne Christus dran, mit und ohne Bedeutung für das Amt. Seinerzeit wurde Marcus Söder arg gescholten, so einen blasphemischen Unfug zu betreiben, und seit seinem Antritt als CSU-Chef hat man vom INRI Kult ja auch nicht mehr viel gehört. Ich aber sage euch, der hat gewusst, was er tut. Die Belohnung durch den jeweiligen Gott kommt unerwartet und auf seltsamen Wegen. Nun hat der neo-ökologische Bayernführer tatsächlich eine Eingebung. Er konkurriert ja gar nicht mit der AfD, sondern mit den Grünen. Aus seinem Mund quillt dasE§ktoplasma der Einsichten: richtig, es wird um Grün-rot-rot-rotz gehen, nicht um Rotz-rot-grün; richtig, die Grünen werden die linkere Volkspartei werden, wobei die Frage, was das eigentlich sei als Verschleifung von Widersprüchen, eine Volkspartei, den Lehrstühlen für mikropolitische Wissenschaften überlassen bleibt.

Natürlich hat Söder Recht: die Grünen sind seine Gegner, sonst kann er keine Koalition mit ihnen machen.     

Und wenn nicht Habeck  oder die Baerbock nach dem Kanzleramt greifen, bleibt ohnedies nur er als Kandidat (wer glaubt denn an Merz, Laschet, Spahn oder, wie hieß sie noch, AKK?).

Über das, was er als single-issue meint, Ökologie, wird man sich verständigen, die andern Kompetenzen hat er bei den künftigen Gegner noch nicht erkannt, Advantage Grün. Der Kretsch macht es ihm vor, und er machts nach.

 

Aber warum nicht die AfD bekämpfen? Vielleicht hat er da, durch göttliche Eingebung, versteht sich, etwas kapiert: wenn man die Nazis runterredet, runterschreibt, dann gewinnen sie dazu – vom Pöbel, von den Abgehängten, von den Nationalisten, von treuen Heimattreuen Treuen, und kratzen damit am Rand der CSU, den wir seit Seehofer hinter uns zu lassen geglaubt hatten, aber das weiß man in Bayern besser.  Na, der Söder weiß das schon. Rechts reden, grün und sozial handeln und damit den Rechten Sand in die Augenstreuen.

 

Was Söder nicht weiß. Die Gnade des Wissenstransfers vom Heilagen zum Profanen, vom Himmel zur Staatskanzlei, ist zeitlich begrenzt. Der Genieblitz wird vom Donner des bösen Erwachens abgelöst.

Was jetzt kommt: Beifall von der AfD. Klar, die sehen sich nicht mehr in der Schusslinie der Ablehnung, klingt fast wie ein Duldungsangebot. Ist es nicht, schaut aber so aus.  Kritik von links. Klar, die sehen sich marginalisiert und die AfD entlastet. Zweispalt bei den Grünen. Die verstehen schon, was Söder meint, aber zu viel Weihrauch schwärzt die Heiligen, und das kann ihnen gefährlich werden. Aber zu heftig dürfen sie jetzt den Bienenfreund auch nicht angehen, sonst verurteilt er die Bayern zu einer Sühnewallfahrt.

Was jetzt nicht kommt: Politik

Tot, gestorben, Tod, weg…

Jetzt kommen sie, die Feiertage der KONSTRUKTIVISTEN. Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag, Volkstrauertag, … nur keine  Panik. Hä – Konstruktivisten? Was soll denn das?

Ich sags ja immer: der Tod ist eine Konstruktion, nur das Sterben ist wirklich.

Zur Einstimmung:

„Zu Allerheiligen gedenken viele der Verstorbenen, an den eigenen Tod denken die meisten Menschen aber nur ungern. Israelische Forscher haben nun sogar herausgefunden, dass uns das Gehirn davor schützt, zu sehr über das eigene Dahinscheiden nachzudenken“ (https://orf.at/#/stories/3142789/) 1.11.2019

Das ist ja richtig: wie man unsägliche Schmerzen, absurde Halluzinationen, Verblendungen gegenüber dem eigenen Körper und eine finale Unerträglichkeit durchlebt, stellt man sich ungern vor. Aber drüber nachzudenken, wie man den Gestorbenen nachtrauert, wie sie einem fehlen werden oder wie froh man ist, dass wenigsten sie nicht mehr leben, – darüber hat sich unsere Kultur in Jahrtausenden entwickelt. Ohne Liebe und Tod gäbs kaum lesenswerte Literatur oder Kunst oder Themen, die das Leben begrenzen oder seinen Rahmen füllen.

Kennen wir alle, und gehen damit nicht allzu unterschiedlich um. Die große Spaltung allerdings gibt es wirklich: die einen glauben daran, dass „Tod“ der Begriff ist, der dieses Leben von einem künftigen scheidet; d.h. dass es ein Weiterleben, verklärt, als Wurm, als erlöster verklärter Leib oder als gemarterter Körper, als Seele, als Widergeburt, etc. geben wird. Und die anderen glauben, dass Tod eine Gleichung ist: Tod=Nicht, Tod=Nichts, jedenfalls Tod=aus.

In der Schule erklärte uns ein Lehrer, dass Tod noch irgendwie lebt, bei tot ist man wirklich tot, gestorben. Darum gibt es so viele Personifikationen des Todes, v.a. im religiösen Bereich, in der Kunst. In Österreich allerdings unterscheidet man im Alltag nicht zwischen t und d…da ist man nie wirklich tottt.

In diesen Tagen gibt sich die Medienlandschaft todes- und friedhofsaffin, Philosophinnen werden bemüht, uns die Vergänglichkeit und das „Respice finem“ (denk an das Ende) wieder näher zu bringen, weil wir es so gerne verdrängen? Ich glaub das nicht, wir verdrängen  nur ganz hauchdünn unter der empfindlichen Lebenshaut, und es bräuchte mein Finis terrae nicht, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass der Tod der Spezies den milliardenfachen Sterben der einzelnen Menschen durchaus nicht fern liegt.

Ihr merkt, ich bin genervt. Im Jüdischen gibt es wenigstens vor und nach Yom Kippur freudige und hoffnungsvolle Feste, in unserem Kulturraum herrscht die reaktionäre Anschauung vor, dass, wenns draußen kalt und neblig ist, man ruhig auch Einkehr und Besinnung auf sein Ende pflegen dürfte, nichts da, munterer Gesell im Everyman, im Jedermann, Tänze auf dem Vulkan und Orgien kurz vor Morgengrauen, bevor der Henker kommt.

So sind wir also.  Der Völkermörder Erdögan lässt in Syrien sterben, sein Kontrahent ist ein Verbündeter beim Morden, Assad, seine Protektoren sind Verbündete von Russland bis zu den USA. Da tut es offenbar gut, hinter dieser großen, globalisierten Wirklichkeit das Sterben in der Familie, am Ort, im Umkreis einer Lebenswelt aufzusuchen, quasi als Trost: irgendwann stirbt auch Trump (hoffentlich) und alle seine Spießgesellen (hoffentlich). Eine politische Litanei zu Allerheiligen könnte statt der kalendarisch nicht erfassten Seigen und Heiliggesprochenen eine Liste derer herunterklagen, deren Ende man sich sehnlicher herbeiwünscht als das aller anderen Menschen. Die Politik des Sterbenlassens um der Prinzipien der Machterhaltung willen ist so furchtbar wie die Haltung des Sterbenlassens, um den eigenen Lebensstil, um seine Haltung zu bewahren. Ihr merkt, ich bin genervt.

Die christlichen Kirchen gedenken der Toten, schön unterschieden in Märtyrer, Kriegstote, Alltagstote usw. um den noch Lebenden klar zu machen, ohne Vorstellung von ewigem Leben hat dieses rituelle Brimborium  schon gar keinen Zweck mehr, Leben  aufs Totsein hin, und selber aufwecken kann sich ja keiner. Dass da noch eine unordentliche Gerichtsbarkeit eingefügt wird – dies irae, dies illae… – kommt noch dazu, man muss sich jetzt schon fürchten vor dem, was kommt, weil man sich ja sicher in der Mehrzahl der Verdammten weiß. Modernistische Kirchenmenschen haben das natürlich im Seminar längst überwunden, aber das kommt beim Ritual noch lang nicht an.

Mir ist das ewige Leben aller mit, neben, vor mir Lebenden in der Erinnerung lieber, die Gedächtnisleistung, die auch nicht so einfach zu erbringen ist (Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist….einmal anders). Das ist insofern nicht trivial, weil wir uns am Grab noch so tränenreich das Niemals-Vergessen zusichern, um es doch mehr oder weniger schnell in unser Weiterleben einzubauen. Zu den Selbstmördern sagt Améry (Jean): Recht haben die Überlebenden. Wir.

Wir haben Recht, damit aber müssen wir denen, die das Überleben gefährden oder unmöglich machen, Widerstand entgegensetzen. Moralisch ist das einfach. In der Politik kann man leider nicht all diesen Mördern das Gespräch verweigern oder die Drohung, nur darf man nicht in einen gleichberechtigten Dialog mit den Trumps, Putins und Erdögan eintreten, man muss ihnen als Überlebende gegenübertreten, ihnen, die schon Zombies sind. Das ist im Privaten leichter, zugegeben. Aber wenn die Politik vor den mächtigen Henkern sich beugt, bitte nicht: hündisch, auch wenns den Eindruck macht, siehe den letzten Blog, und wenn sie auf die formale Beziehung verweist, weshalb sie nicht schärfer vorgeht, dann ist das wie bei einer Ehe, die längst entzweit ist, aber man lebt noch im gleichen Haus und benützt das gleiche Klo…G 20 zum Beispiel, oder NATO oder…

Ich habe jedes Jahr um diese Zeit die gleichen Gedanken, und an den Gräbern der Kriegstoten spaltet sich die Erinnerung so auf wie beim Gedenken an die verstorbenen Menschen, die man gekannt, geliebt oder gehasst hatte. Es ist so ähnlich, wie man auch seine Elternbeziehung nicht auf den Muttertag oder den besoffenen Vatertag reduzieren kann, oder wie wenn man an Yom Kippur das Ende des Versöhnungstags nicht abwarten kann, um wieder zu…leben, wie es ein Witz sagt.

Also, Friedhöfler aller Länder und Varianten, lasst mich in Ruhe mit den Gräberfahrten, gerade an den angezeigten Tagen, und denkt an Catull: „Vivamus, mea Lesbia, atque amemus…“ Für meine Übersetzung dieses Gedichts hatte ich in der Schule eine schlechte Note und beinahe eine Ohrfeige bekommen, aber ich lebe.

 

Wer stirbt wie ein Hund?

Der geistesgestörte Präsident der USA, noch immer nach dem diplomatischen und internationalen Protokoll hofiert, beschreibt den Tod von IS Al-Baghdadi;

According to Trump, al-Baghdadi and a “large number” of his fighters were killed on Saturday night in Idlib Province, Syria, after a raid by U.S. Special Operations forces. Trump offered a dramatic narration of the raid, which he said he was able to watch and took “approximately two hours.” He gave a graphic account of the terrorist being chased down a tunnel by American troops “whimpering and crying and screaming all the way.”

“He reached the end of the tunnel as our dogs chased him down,” Trump said of Baghdadi. “He ignited the vest, killing himself and three of his children. “He died like a dog.”

(https://news.yahoo.com/trump-isis-syria-abu-bakr-al-baghdadi-140659854.html)

Hunde beleidigen ist eine unappetitliche Sache, aber leider wird das auch bei uns alltäglich gepflegt:

Blöder Hund, Dumme Sau, Du Affe

Wenn ein hochrangiger Politiker so redet, kann man sich einen Reim drauf machen: Herkunft, Ideologie, Weltanschauung, moralische Minderleistung etc. – aber Trump beweist, dass ein autoritärer Psychopath sich fast alles erlauben kann, solange er in seiner Machtausübung nicht als der Kaiser ohne Kleider behandelt wird. Er kann das,

  1. Weil er die Finger am Atomknopf hat
  2. Weil er tatsächlich unmittelbare exekutive transnationale Macht hat
  3. Weil er die Instinkte eines Teils der Bevölkerung bedient, die gerade nicht das Volk sind
  4. Weil er keine organisierten Gegner hat.

Die Diplomatie ist keine Ausrede dafür, mit diesem Menschen und über ihn in bezeichnenden Worten zu reden. Natürlich kann sie andere Begriffe als ich verwenden, aber was z.B. die Pathologie des Trump’schen Narzissmus betrifft, die keine verminderte Schuldfähigkeit bedeutet,  oder sein Sexismus, Rassismus und seine Verachtung, muss man schon ganz nahe an diesen Worten bleiben, damit sie verstanden werden, und man selbst.

He died like a dog. https://edition.cnn.com/videos/politics/2019/10/27/sotu-thornberry-partial.cnn: Ein republikanischer Abgeordneter schließt bei CNN daraus: „Congressman Mac Thornberry tells Jake Tapper that President Trump’s language gives less incentive to remaining ISIS fighters to retaliate” – weil der Hund im Islam und für IS ein verachtenswertes Tier ist? Oder weil Trump den Toten im Tod Kleiner macht, als er im Leben war? Nun, wer wird schon Al Baghdadi nachweinen? Wer würde Trump nachweinen? Nach—weinen ist eine Tätigkeit, die überhuapt fragwürdig ist. Zurück zum Hund. Wie stirbt der heldenhafte Hund, den Trump gefunden hat, damit er den IS Führer findet:

(Trumps Tweet):We have declassified a picture of the wonderful dog (name not declassified) that did such a GREAT JOB in capturing and killing the Leader of ISIS, Abu Bakr al-Baghdadi!

505.000 SPIEGEL ONLINE 21:02 – 28. Okt. 2019 (https://www.spiegel.de/panorama/donald-trump-lobt-den-hund-der-abu-bakr-al-baghdadi-bis-zuletzt-verfolgte-a-1293809.html) (29.10.2019)

Ich mache jetzt den gleichen Fehler, den die dauernde, meist kritische und fast immer korrekte Erwähnung der AfD in den deutschen Medien bewirkt. Durch ständige Hinweise auf die wirklich Bösen macht man das Böse populär, etwa so, wie die Meldung, dass es auf der B1 heute keinen Unfall gab, niemanden Interessiert, und das himmlische Harfenspiel weniger spannend ist als das teuflische Ziehharmonikaspiel (Gary Larsson).

Aber mich verfolgt der Hund, der in unserer Kultur mehr geschätzt werden sollte als in der des IS oder des Islam? Du Hund…naja, das kann ja liebevoll sein, aber doch auf eine etwas peinliche Art, wenn es um den Tod geht, um die Konstruktion des ewigen Kampfes – bei Trump der weißen Suprematie über alle anderen Menschen, Tiere, Geister und Frauen.

Trump wird man nicht so leicht durch ein Attentat los, da wachsen die Pences nach wie die Köpfe der Hydra. Trump wird man vielleicht durch Wahlen nicht mehr los, weil die US Demokratie schon hinlänglich beschädigt ist. Ein Attentat würde eine unsägliche Welle von Gewalt auslösen. Ein weiterer Wahlsieg wird die USA noch stärker ins Lager unserer Gegner abdrängen.

Um Demokratie bei uns zu verbessern und zu stärken, brauchen wir nicht Trump als Negativfolie, sondern uns als positive Akteure – was aber heißt, angesichts der knappen Zeit: finis terrae! – dass wir uns darum kümmern, wie wir leben wollen, nicht wie andere sterben sollen. Banal? Mein Hund schläft und kann keinen Twitter lesen.

 

Zensur oder: da kommt noch mehr.

Zensur und Politische Korrektheit – Benehmt euch schlecht!

So eine Überschrift würde schon Wasser auf die Mühlen derer sein, die die Verrohung der Sprache schon in der Verwendung dieser Begriffe orten.

Die Begriffshoheit über die political correctness changiert seit Jahrzehnten zwischen linken und rechten Außenpositionen. Zur Zeit macht sie sich die AfD zunutze, es ist  nicht lange her, dass eher die politische Linke und autonome Kommunikatoren sich über die PC beklagten. Wäre nicht weiter schlimm, weil man ja jenseits der PC bei uns öffentlich auftreten kann und die Meinungsfreiheit jedenfalls hier weit besser entwickelt ist als in anderen Ländern.

Zur Zeit wird das Thema hochgekocht. An falschen  Ereignissen, und in unzulässig verkürzter, oft taktischer Weise.

Zunächst: Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jeder Mensch zu jeder Zeit an jedem Ort vor einem ausgewählten oder zufälligen Publikum reden oder präsentieren darf. Im  konkreten Fall ging es um eine Die Raum/Zeit-Koordinate ist in diesem Fall wichtiger als die rechts-links Koordinate oder PC.  Im konkreten Fall ging es um eine Universität. Natürlich ist es unzulässig, eine Lehrperson am Vortrag ihres Lehrprogramms zu hindern, egal, wie nahe stehend, widerlich, oder fachlich inkompetent oder kompetent diese Person ist. Die Meinungsfreit wird u.a. durch die Befugnis zu lehren hergestellt (Natürlich kann man in einer Lehrveranstaltung protestieren oder sie explizit gutheißen, aber immer im Rahmen der Tatsache, dass hier ein Mensch autorisiert ist, seine Meinung zu äußern – wobei die Grenzen des im Rahmen der Wissenschaft sagbaren unsagbar weit sind…übrigens, für meine linken studentischen Freunde: so argumentiert ihr seit 100 Jahren für das politische Mandat der Studierendenvertretung, nur so nebenbei). Das heißt natürlich nicht, dass Lehrende sagen können, was sie wollen und vor institutioneller Kritik geschützt sind, bzw. wegen ihrer Aussagen nicht in juristische und politische Haftung genommen werden können.

Seit dem Beginn meiner politischen Sozialisation war und ist diese Freiheit eines meiner Hauptthemen, bis hin zu meinen Erfahrungen mit wissenschaftlichen Aussagen bei der Exekutive der derzeitigen Politik.

Die Demonstration gegen einen Hochschullehrer – öffentlich, nachvollziehbar – muss sein können. In Österreich, ich war noch Gymnasiast, gab es die Affäre Borodajkewicz: https://en.wikipedia.org/wiki/Taras_Borodajkewycz (26.6.2019). Sie hat zu eben dieser Sozialisation beigetragen und auch gezeigt,  wer wie agieren kann, u.a. der spätere Bundespräsident Heinz Fischer und der spätere Finanzminister , Ferrdinand Lacina.Mit beiden war/bin ich befreundet.

„1962, Heinz Fischer, former President of Austria, attacked Borodajkewycz in a journal article over remarks made during a lecture, which he reported based on a fellow-student’s class notes. Since he did not want to identify the student (Ferdinand Lacina, later Austrian minister of finance, who had not graduated yet and might not have been able to do so had he been revealed), Fischer was successfully sued by Borodajkewycz for defamation, and had to pay a fine. Borodajkewycz felt encouraged by the verdict and disclosed his views more openly in his lectures from that time onwards.

The 1965 scandal

In March 1965, student groups, former resistance members, and unions organized a demonstration to call for Borodajkewycz’s removal. The demonstration clashed with a countermarch organized by the Ring Freiheitlicher Studenten, the student organization of the Freedom Party of Austria. Ernst Kirchweger, a former resistance member and concentration camp survivor, who was watching the demonstrations but not participating himself, was seriously injured by a right-wing demonstrator. He died some days after the demonstration, becoming the first political death of the Second Republic.

In April 1965, the defamation trial against Fischer was reopened, and he was acquitted on the basis of a testimony by Lacina, who had graduated in the meantime. An appeal by Borodajkewicz was rejected. Another lawsuit attempted to implicate Borodajkewicz in Kirchweger’s death, but he was exonerated.

Ultimately, Borodajkewycz was forced to take early retirement (with full salary), despite strong efforts by the minister of education, Theodor Piffl-Percevic, to defend him. During the following years, he continued to publish articles in right-wing journals.” (aus dem obigen)

Dies war der Anfang meiner eigenen Auseinandersetzung um die Meinungsfreiheit.  Bei Piffl saß ich als studentisches Mitglied später in der Hochschulreformkommission; Allmählich wurden die sehr konservativen Universitäten für die kontroverse öffentliche Debatte, übrigens auch für ihre satirische Variante, geöffnet. Und es war keineswegs eine linke oder studentische Domäne.

ABER:  es gab damals wie heute eine effektive Zensur, auch in der Wissenschaft, was in einer Lehrveranstaltung sagbar war und ist, wenn man die Veranstaltung oder nur ein Argument zu Ende führen möchte.

Ich erinnere mich wieder persönlich: als beständiger und aktiver Kritiker der RAF hatte ich einmal in einem Seminar über die pädagogischen Ansichten von Holger Meins gesprochen, eher analytisch, aber nicht die RAF in seine Gedanken projizierend. Das wurde in einer Prüfung so wiedergegeben, und der Mitprüfende, ein Schulrat, stellte mich peinlich zur Rede…

Wenn jetzt Lucke und de Maizière nicht reden können, weil sie von Studierenden daran gehindert werden, ist das falsch (nicht skandalös, zu gewöhnlich). Zu einfach macht es sich die Satire, die den zensierenden Studierenden einfach politische Blödheit und Grobheit vorwirft, wie Stefan Kuzmany im SPIEGEL 44/2019 „Das Recht der Lauteren“. Denn eigentlich könnte man die Meinungsbildung selbst bei extremen Ansichten extremer VertreterInnen getrost der kritischen Zuhörerschaft anvertrauen, wenn nicht, ja, wenn nicht die fatale Verführungskunst derer da wäre, die man zuerst nicht für voll nimmt (Rechte sind blöde), um dann aus dem Kontext gerissene Thesen doch für anerkennenswert zu halten oder in ihnen die Wiedergänger des Bösen zu erkennen.

Falsch war es auch, den Tierrechtler, Humanisten und kontroversen Philosophen Peter Singer, nicht sprechen zulassen (2015 und später) https://www.welt.de/politik/deutschland/article141455268/So-begruendet-Peter-Singer-Toetung-behinderter-Babys.html (26.10.2019); richtig ist es, ihn oder andere vor Ort, öffentlich und wenn es sein muss, mit scharfen Worten für dier Auffassung zu behinderten Kindern zu kritisieren, nicht aber, ausdrücklich für den Rahmen seiner Philosophie und Ethik. Bei Lucke wäre mir in der Wirtschaftsvorlesung weniger als bei de Maizière eingefallen, dafür hätte ich in Lucke in einer politischen Veranstaltung härter angegriffen, als dies in den späteren Auseinandersetzungen mit der AfD geschieht.

Worum es mir geht, kann man am Handke Nobelpreis ebenso studieren. Ein großartiger Schriftsteller, ich meine das, und er hätte den Nobelpreis nicht bekommen dürfen, weil er selbst die Trennlinie zwischen unsagbaren politischen Äußerungen und der Literarisierung von Zeitumständen nicht deutlich gemacht hatte, wo zu ihm jede Gelegenheit geboten wäre.

Die Freiheit der Wissenschaft hat andere Redefreiheiten als die der Kunst. Kunst kann sich durch sich selbst und den Kontext legitimieren. Wissenschaft muss sich aus sich selbst ausweisen, was Forschungsgegenstand, Methode, Ergebnis und Konsequenzen betrifft. Alle vier können kritisiert und abgewehrt werden, aber nicht pauschal in den moralischen Diskurs überführt werden, oder in den politischen. Die Hochschule ist jener republikanische Ort, an dem diese Rechtfertigung und das Sagen von Wahrheit – beide – stattfinden müssen, und zwar auch dann, wenn sich andere Menschen durch das Gesagte angegriffen oder beleidigt fühlen. Hier ist das Recht (juristisch, logisch und sachlich) immer bei der Wissenschaft, allenfalls gibt es Kompromisslinien bei der Ausdrucksform).

Bei Lucke geht es um eine Lehrveranstaltung. Das ist etwas anderes als ein Vortrag, der außerhalb des Curriculums von KollegInnen eingeladen wurde, oder noch anders, von Außen – ggf. bezahlt – innerhalb der akademischen Örtlichkeit angemeldet und gehalten wird. Wenn der Hausherr (Präsident, Rektor etc.) das verhindert, mag es politisch oder moralisch falsch sein, ist aber juristisch statthaft. Es gibt kein Recht als Nichtmitglied einer Hochschule in ihr zu reden, aber es kann gute und beste Gründe dafür geben, und das Vortragsereignis ist auszuhandeln. Wird auch meist so gemacht.

Wie es in den USA zugeht, wenn zB. der Präsident an einem Black College sprechen möchte: https://news.yahoo.com/in-trump-pitch-at-black-college-its-students-were-largely-absent-225444175.html?.tsrc=daily_mail&uh_test=1_04 (26.10.2019)

Vorhersehbare Gewalt ist ein Risiko, das man durch Auftrittsverbot vermeiden kann; antizipierte, aber nicht begründete Gewaltvorhersage ist oft eine Ausrede.

Um diese Ausrede geht es mir: politische und ideologische Kritik oder Gegenposition mit dem Gewaltrisiko zugleich zu überhöhen und zu verschieben. Und da ist mir lieber, ich höre einen wissenschaftlichen Gegner oder einen politischen Feind, auch den gibt es, als dass ich ihn durch seine Verhinderer kennen lerne. Kenne ich diesen Feind, kann es sein, dass ich auch versuche ihn fern zu halten.

Und hier beginnt die Diskussion um Zensur und politische Korrektheit.

 

Jüdischer Einspruch XII:wir sind keine Minderheit

Zunächst einige Absätze des sehr reflektierten Journalisten Richard Chaim Schneider aus Tel Aviv. Zu seinem Widerspruch dann weiter unten eine deprimierte Meinung:

Ein Kommentar von Richard C. Schneider

„Diese lächerlichen Mahnwachen vor Synagogen“

Immer dasselbe: Erst werden Juden attackiert, dann wird getrauert – spart euch eure Rituale! Richard C. Schneider erklärt, warum er als Jude nicht mehr in Deutschland leben will.

  1. Oktober 2019 DIE ZEIT Nr. 43/2019, 17. Oktober 2019 1.444 Kommentare

Als mich die Nachrichten aus Halle erreichten, war ich gerade in Paris. Ich saß bei einer jüdischen Freundin zu Hause. Es war Jom Kippur, und ich brach erst gar nicht zur Synagoge auf, da ich davon ausging, dass man sich auch in Paris, wie mittlerweile fast überall in Europa, aus Sicherheitsgründen vorher anmelden muss, wenn man als Nichtmitglied einer Gemeinde in eine Synagoge zum Gebet will. Jüdische Realität in Europa, 2019. …

…Seit Jahren warnen wir Juden vor den Entwicklungen. Und niemand hört uns zu. Wir warnen davor, dass Antisemitismus längst wieder salonfähig geworden ist, aber nur wenige glauben uns. Im Gegenteil, wir werden dann gern als „überempfindlich“ abgewertet. Doch Nichtjuden wollen selten einsehen, dass nur wir wirklich wissen, wie sich das Leben als Jude in Deutschland anfühlt. … Die Schamlosigkeit hat sich breitgemacht. Nicht nur bei Rechtsextremen und Neonazis, nicht nur bei rassistischen Linken, die in ihrem Hass auf Israel gerne antisemitische Klischees benutzen und nicht merken, dass sie keinen Deut besser sind als ihre NS-Vorfahren, von denen sie sich doch so gern unterscheiden möchten.

Der Antisemitismus ist längst wieder in der Mitte der Gesellschaft, nein, nicht „angekommen“, denn er war ja nie weg: Er ist einfach wieder hervorgekrochen aus seinen Löchern, er ist überall präsent, und wir sehen, lesen und hören ihn, egal, ob es sich um antisemitische Karikaturen, Klischeefotos oder Verschwörungstheorien in renommierten deutschen Tageszeitungen handelt, egal, ob in gepflegten Kreisen über die „Allmacht der jüdischen Lobby“ oder über unseren „unendlichen Reichtum“ fantasiert wird. Wir sind „die unbekannte Welt nebenan“, wie der Spiegel unlängst titelte, also auf keinen Fall Teil der deutschen Gesellschaft.

Man muss kein Jude sein, um zu wissen, was sich in Deutschland zusammenbraut

Bildungsbürger, Intellektuelle, Lehrer, die sich gern für vorurteilsfrei halten, glauben und reden denselben Unsinn wie der Attentäter von Halle. Lediglich sprachlich etwas gewählter und nicht mit der Absicht, am nächsten Tag loszuziehen und Juden in einer Synagoge oder sonst wo zu ermorden. Aber sie tun es inzwischen wieder laut und ohne Bedenken. Ob im Großraumwagen der Deutschen Bahn, in einem Restaurant oder in einem Buchladen. Und nur selten schreitet jemand ein, macht den Mund auf, sagt etwas. Ich habe das in den letzten Monaten und Jahren immer öfter erleben müssen.

…Als ich mich vor zweieinhalb Jahren entschied, unter anderem auch wegen des wachsenden Antisemitismus nach Israel zu ziehen, waren viele meiner nichtjüdischen Freunde entsetzt, hielten meine Entscheidung für überzogen. Ja, natürlich, es gebe Antisemitismus, das stritt niemand ab, aber so schlimm sei es ja nicht. Nur, wie schlimm muss es denn sein? Wie viele Juden müssen angegriffen, geprügelt oder gar getötet werden, damit die Mehrheitsgesellschaft endlich begreift? 6 Juden? 600, 6.000 oder gar: 6 Millionen?

Vieles von dem, was Schneider schreibt, geht mir täglich durch den Kopf. Nein, ich wandere nicht aus nach Israel, das hatte ich vage vor über 20 Jahren vor und wieder verworfen. Nein, ich bin nicht überzeugt davon, dass gleich die Mordzahlen steigen, wenn es schlimmer wird; aber es wird schlimmer werden.

Doch Nichtjuden wollen selten einsehen, dass nur wir wirklich wissen, wie sich das Leben als Jude in Deutschland anfühlt.“, schreibt Schneider. Das ist nicht richtig: viele nichtjüdische Menschen in Deutschland wissen um die Probleme sehr genau Bescheid, und viele jüdische Menschen sind blind, unempfindlich oder haben eine ganz andere Meinung zum Antisemitismus, der uns umgibt. Wir sind halt ganz normale Menschen…Aber natürlich nicht so normal, wenn es um bestimmte Aspekte unserer Vergangenheit geht, und die wird keineswegs nur durch die Shoah bestimmt, so wenig, wie der Antisemitismus erst mit ihr beginnt…es gibt ihn seit Jahrtausenden. Mit seinem letzten Satz macht Schneider einen komplizierten Fehler: „Wie viele Juden müssen angegriffen, geprügelt oder gar getötet werden, damit die Mehrheitsgesellschaft endlich begreift?“. Sind wir die Minderheitsgesellschaft? Sind wir dort, wo wir in den letzten Jahrzehnten gerade erreicht haben, dass es nicht mehr so ist: Deutsche und Juden, Mehrheit und Minderheit? Das „und“ war und ist antisemitisch im Kontext.  Wir sind Bestandteil dieser Gesellschaft, und die Mehrheiten und Minderheiten in ihr sind so vielfältig wie ihre sozialen, kulturellen und ökonomischen Strukturen sind, und ihre politischen Bandbreiten in den legitimen Korridoren. Was Schneider meint, ist wohl, dass wir anders sind, und andere Maßstäbe an unsere Sicherheit und unser Leben in dieser Gesellschaft anlegen. Aber dieses anders, das es ohne Zweifel nicht nur bei uns, sondern bei allen sozialen, ethnischen, religiösen…Gruppen gibt, ist kein grundsätzliches, sondern ein kontext- und situationsabhängiges, genauso wie in Israel.

Ich bin jüdisch und Teil der Mehrheitsgesellschaft. Die Antisemiten finden Gefallen daran, die Juden zur Minderheit zu machen, nicht nur um die Differenz hervorzuheben, sondern zu rechtfertigen was sie uns angetan haben und antun werden/wollen. Als Teil der Mehrheitsgesellschaft stelle ich mich ihnen entgegen und leisten Widerstand.

Das ist kein Widerspruch zu Hannah Arendts Meinung, wenn man als Jude angegriffen wird, müsse man sich als Jude wehren. Natürlich fühle ich jüdischer Mensch mich anders angegriffen als wenn ich mich politisch dagegen wehre, dass andere Gruppen angegriffen, weil der Angriff mir gilt. Andererseits gilt er der ganzen Gesellschaft, genau so,  wie wenn andere Gruppen oder Individuen angegriffen werden (nein, ich zähle sie jetzt nicht auf, denn die Angriffsflächen für die Rassisten, Xenophoben, religiösen Eiferer, Nationalisten, Sexisten etc. sind nicht eo einheitlich, wie man sich das wohl wünschen möchte…).

Es gibt Gefahren, die vom Antisemitismus ausgehen und z.T. Von den Sicherheitsorganen der Gesellschaft, die auch meine ist, vernachlässigt oder gar befördert werden. Oft sind die Ursprünge gar nicht antisemitisch, aber der Antisemitismus ist besonders geeignet, weitere Anhänger illegitimer Gewalt und Ausgrenzung zu finden, der Schoß bleibt wohl noch fruchtbar. Aber gerade dann muss ich Politik in diesem Staat machen.

(Ein Polizist vor der Synagoge ist da vielleicht ein falsches Signal?)

Schneider will da vielleicht nicht: aber versetzt uns hier in Deutschland in die potenzielle minoritäre Opferrolle. Die spielen wir nicht, und da spielen wir nicht mit.

 

Stellt mehr Flüchtlinge und Ausländer ein – Bahndebakel

Schmeisst den Vorstand der DB raus, nicht nur Pofalla.

Macht Mehdorn für diesen Schrottladen haftbar und fordert Schadenersatz.

Kauft ein neues Gebiss für die Fahrgastverbände.

Feuert alle unfähigen Disponenten und EntschuldigerInnen dieses Vereins.

Ich warte auf einen verspäteten ICE. 35 Minuten „Grund dafür ist ein technischer Defekt“. Bis der Zug kommt, andere Meldungen für andere Züge „Grund dafür ist verspätete Bereitstellung des Zuges“, „Grund dafür ist eine technische Überprüfung am Zug“. Im Zug dann „Die Geschwindigkeit unseres Zuges wird von 200 auf 160 km/h heruntergesetzt“. Sonst „Störungen im Betriebsablauf“.

Hab ich nichts besseres zu tun als mich über die Bahn zu beschweren. Nein. man würde sich ja freuen, wenn Züge an die Front verspätetet oder gar nicht führen. Aber sonst gibts wenig Grund zur Freude. Fahrpreiserstattung ist ja gut & schön, aber meine verlorene Lebenszeit, Terminkollisionen, Stress, – das alles ist den Leibeigenencharakteren des Bahnmanagements und Infrastrutkurpersonals gleichgültig. Prämien nur für Schaffner.

Die heutigen Ärgernisse waren die vierten in einer Woche. Der Infoschalter am Bahnhhof, umlagert, ahtte kurz entschlossen den Rolladen runtergelassen, wahrscheinlich suchte der einzige Mensch dort ein nicht verstopftes Klo. Bei einem andern Zug stand: „Der hintere Zugteil ist leer, die Wagen sind verschlossen“. Das freut die Stehplatzbesucher.

Mein Ärger verraucht, der Tag ist hin, aber was solls. Solange Scheuer im Amt und seine Vorgänger straffrei bleiben, sind wir im Reich der Freiheit noch nicht angekommen.

 

 

 

Finis terrae XX: Nichts tun. Tunix. Oder globaler Zwischenfaschismus

Ein schwieriger Blog. (Ich berichte eingangs, dass der fertige Text durch ein Versehen gelöscht wurde. Die Erinnerung muss korrigieren und erneut schreiben. Das ist gut so in Zeiten wegbrechender Gewissheiten).

Das Klimaziel – <2° C wird nicht erreicht. Unwiederbringlich wird diese bewohnbare Erde verschwinden. Die Dummköpfe, die noch immer die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie predigen, werden verstummt sein, wenn ihr Enkel längt um ihr Leben bangen. Der Dummheit wird kein Denkmal gesetzt, aber der Zorn der Enkel wird ihren Todeskampf nicht leichter machen. So viel steht fest.

Warum müssen dann in dieser schmalen Zeit zum Ende der Welt die bislang wenigen haltbaren Befestigungen unserer menschlichen Gesellschaften auch noch in Blut- und Gewaltorgien gefärbt werden. Die globalen Konflikte und die Beschränktheit der zunehmenden Zahl autoritärer Herrscher („Selbstherrscher“ hieß das einmal) lassen eine ungute Übergangszeit vor dem Schritt in den Abgrund erwarten. Keine Apokalypse, beileibe nicht, und keine Eschatologie kann da aushelfen. Ich zitiere auch keine Prophezeiungen oder Textstellen aus heiligen Büchern, die sind ja vergangen und gleichgültig.

Warum sind die Menschen (Gattungsmehrheit, nie alle, nie überall, aber verallgemeinerbar) so blöde? Erklärungen werden schon mal lauter und wenig geschliffen geliefert: die Evolution ist erschöpft, die Problem wachsen, aber wir können ihnen nicht mehr folgen und resignieren vor dem, das eintritt. (Also nicht die Frosch-Strategie, zu strampeln, bis wir wieder festeren Boden unter den Füßen haben; oder gerade die Froschstrategie, ohne an den Erfolg zu glauben (so zB. die deutsche GroKo mit ihrem Ziegenköddel-Klimapaketchen); oder die Eliten (nur wer im Überfluss lebt, imaginiert den Hunger Armen; oder ein spezieller Pöbel, der sich die Allüren der Oberschicht anmutet und nichts tut (Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist); oder die Eselstrategie, zwischen zwei Problemhaufen sich nicht entscheiden zu können und deshalb aufrecht zugrunde gehen, obwohl es bei richtiger Problemwahl eine Chance gegeben hätte, eine Chance, keine Sicherheit.

Ich denke, dass die erschöpfte Evolution noch die haltbarste Hypothese ist, aber es kann auch einen kontaminierten Mix aus mehreren Gründen für die Antwort geben.

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Auffällig oft wird in diesen Tagen Hölderlin zitiert, es „naht sich das Rettende auch“. Woher? Einzig plausible Begründung wäre, dass unsere Kapazität, uns als globale Spezies zu retten, plötzlich aus der lethargischen Destruktivität in ihr Gegenteil umschlüge. Das ist aber erkennbar unwahrscheinlich.

Vor dem Ende eine verheerende Endzeit anzukündigen, damit die Erlösung besser gefalle, ist ein altes Mittel der Jenseitsreligionen, den Abschied vom Leben zu versüßen: Brand, Mord, Vertreibung und Folter, das alles wird ein Ende haben, und dann, ja dann…Unsinn.

Tritt die angekündigte Endzeit ein, steigt die Hoffnung nicht, sie erodiert in eine moralische Gleichgültigkeit und praktische Barbarei. Wobei die Untaten der stärkeren Gewaltherrscher entsprechend größer, globaler sind als die der kleineren. Einen Orban kann man leichter aus dem Feld schlagen als einen Trump oder XI.

Wenn sich die Zukunft auf die Fortsetzung falscher Politik in die schlechte Unendlichkeit fortsetzt, dann ist das ein Argument für die Hypothese von der erschöpften Evolution (das Argument fehlt bei Hararis Homo Deus, der uns alt werden lässt, aber weder die Demenz noch die Unfähigkeit, aus der Reife Gewinn zu ziehen, hinreichend einbezieht).

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Die deutsche Jugend steht positiv zur Demokratie, aber sie traut der Politik (den Politikern) nicht (zu), die Probleme der Gesellschaft zu lösen. Das ist nicht unlogisch. Die Sensibilität für die Generationenfrage verlangt nach einem Regimechange. (D.h., dass auch brauchbare Erfahrung meiner Generation für die Future of Fridays diskreditiert ist, kein Bündnis in Sicht?). Sie verlangt auch nach anderen Mitteln, wohlgemerkt: der Demokratie, nicht nur dieser allerdings.  Implizit steht die gesellschaftliche Gewaltdrohung immer dort an, wo die Untätigkeit x Unfähigkeit der Regierenden so evident ist, dass die oben beschriebenen Probleme – Klima & Krieg – nicht angegriffen werden. Werden sie aber angegriffen – nicht, in dem man Fliegen um 10€ teurer macht oder Zufahren um 5€ billiger – werden sie ernsthaft angegriffen, bedeutet das Verzicht und Umdenken für alle, auf der materiellen Ebene ganz sicher wieder zulasten der Ärmeren. Davor schrecken die Sozialdemokraten zurück, die AfD Nazis profitieren davon, die Konservativen vermitteln. Das wird es auch bedeuten, wenn man nichts tut, aber viel brachialer und schmerzhafter. Aber so weit denken die meisten Menschen nicht in die Zukunft, weil ihnen das Schicksal ihrer Kinder und Enkel tatsächlich meist scheissegal ist. (Caveat: das gilt für so viele, dass ich verallgemeinere, wohl wissend, dass für mich nicht gilt und viele andere auch nicht…aber nehmen wir die Argumente der Kohlekumpel als ein Beispiel, dann wisst ihr, was ich meine). Anders gesagt, gegen die Parteiprogramme der alten Linken: Unsere Kinder können es nicht besser haben, unsere Enkel fechten es nicht aus, es sei denn…

Vor dem richtigen Handeln kommt die Politik, vor der Politik die Demokratie, vor der Demokratie die Einsicht, dass zumutbare Veränderungen unserer Lebenswelt nicht durch einfache Absagen an das System zu erzielen sind, also auch nicht durch seine Zerstörung – wie das die Nazis und Bolsonaros und Erdögans etc. gern hätten. Sie müssen verhandelt werden, also: Umdenken.

Einwurf meiner Kritiker und früherer Blogs: haben dann die Verfechter von Erziehungsdiktatur, incl. Herbert Marcuse, nicht doch recht, und muss man die notwendigen Maßnahmen nicht erzwingen, wo zum ausdiskutieren keine Zeit bleibt, und sei es mit Gewalt?

Selbst wenn wir uns alle mit guten Gründen für eine negative Antwort entscheiden: wie lauten die Alternativen?

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Ich sagte oben: Klima & Krieg seinen die Wurzeln aller anderen globalen Probleme. Ein Fest für Ableitungsexperten und Ordnungsfanatiker. Um ans Klima heranzukommen, sollten wir die Krieger bekämpfen, wenn es sein muss, mit Gewalt.  Solange die Krieger nicht fürchten, ihre Macht zu verlieren, kommen nur unbrauchbare Placebos aus der Klimapolitik. Das haben z.B. die Rüstungsexportgespräche gegenüber den Mörderregimen Türkei oder Saudi Arabien deutlich gezeigt. Und da dürfen uns die Arbeitsplätze bei Krupp-Atlas, Heckler&Koch, Krauss Maffei etc. nicht stören.  Wir brauchen Menschen, die etwas anderes lernen und können, das Umschulen geht oft ganz fix, und natürlich: die Einkommen werden geringer, für alle dazu: dazu braucht man Sozialpolitik, hier reguliert der Markt nichts. Die Krieger sind stark und wirken in das hinein, was sie Volk nennen (meistens in Landsleute und Staatsbürger, das Volk, von dem das Recht ausgeht, gibt es in den meisten Fällen ja gerade noch nicht). Die blöden Fußballer, die zum Krieg salutieren, die deutschen Erdöganwähler und Ditib-Rattenfänger, um bei türkischen Beispielen zu bleiben, und beliebig viele andere,  das sind die Krieger – also, verallgemeinert, rund ums uns ganz viele zukunftslose Krieger.

Ich weiß, das klingt fatal nach retro, nach Polemos usw. Es ist nicht schwer, zu beweisen, dass der Kontext ein anderer ist, und ein anderes Wort gibt es nicht. Wenn sich die globalen Warlords auf die Geschichte berufen, dann finden sie immer frühere Schuldige (davor drücken wir uns). Deshalb sagte ich: Umdenken um radikale Praxis zu ermöglichen steht vor der Durchsetzung der großen Schmerzen.

Das kann sich überschneiden und geht nicht rein. Kann nicht rein funktionieren, weil es zu viele berechtigte Ansprüche an das gute Leben gibt. Endzeit-Governance. Darum machen wir Politik (im Kleinen: Das Bienen-Volksbegehren und die Ansprüche der Landwirtschaft; im Großen: Russland-Iran-Syrien-Türkei-Kurden-USA…haben England und Frankreich eigentlich für Ihre Vorkriegspolitik bezahlt? Nein, aber zur Konfliktanalyse braucht man die beiden…Das IST kompliziert, deshalb Bewusstsein, also Umdenken. Und dann, wenn wir schon beim Öl sind, kommen wir doch ganz schnell zum Klima.

  • Wir befinden uns in der Phase des Zwischenfaschismus. Dessen eines Ende ist die Klimakatastrophe, bei der es gleichgültig ist, welche Macht sich behauptet. Das andere Ende wäre die Befreiung. Die beginnt bei uns mit der Befreiung von der AfD und den Identitären, in Österreich von der FPÖ, in Ungarn von Fidesz, in Polen von PiS. Und von den Metastasen dieser Bewegungen in anderen Parteien und Politikfeldern. Dazu brauchen bei uns die Grünen Verbündete in anderen Lagern, und überall analog. Sozusagen kosmopolitische Rettungsbündnisse.
  • Beim Umdenken gibt es keine Kompromisse, sowenig wie bei den Maßnahmen, deren Wirksamkeit wir schon kennen. Die daraus entspringenden Forderungen müssen durchgesetzt werden, wenn nötig mit Verboten und staatlicher Gewalt. Die zu akzeptieren ist Bestandteil eines Umdenkens, das zu Verhandlungen führt, im öffentlichen Raum. (Zieht einmal Konsequenzen: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/deutsche-bahn-warum-der-traum-vom-schlafwagen-in-deutschland-wohl-nicht-so-bald-wahr-wird/25108692.html?utm_source=pocket-newtab)
  • Demokratie ist es nicht, wenn über Maßnahmen abgestimmt wird, bevor man ihre Wirkung absehen kann (Brexit…10€ CO2…). Damit dieser Prozess nicht hinausgeschoben wird, bedarf es allerdings starken Drucks. In dieser Phase steht die Ethik der Gewalt(androhung) auf dem Prüfstand. Die Herausforderung, dies nicht nur in der eigenen Gesellschaft, sondern transnational zu gestalten, ist gewaltig. Vielleicht agieren wir vergeblich. Das ist auch nicht schlimmer als unterlassen.

Liebe Blogleserinnen und Blogleser. Nehmen Sie das so weit ernst, dass Sie mir eine Liste der Maßnahmen schicken, deren Wirkung wir schon kennen.Ich stelle sie zusammen und veröffentliche sie als Update hier. Danke.