Finis terrae XXXV: Tod oder Sterben? Keine Frage.

Sterben ist nicht schön, meistens. Und die es erlebt haben, erzählen wenig darüber. Die es beobachtet haben, erzählen viel, empathisch, ratlos, abgestoßen oder angezogen.

Ganz anders der Tod. Eine literarische Gestalt, auch mal weiblich, meist männlich: ohne Tod gäbs fast keine Literatur, Kunst und Philosophie.

In diesen Tagen werden Sterben und Tod meist zu einem schwer genießbaren rhetorischen Cocktail gemixt, den man 23 von 24 Stunden in den Medien, aus dem Mund von Politikern, Virologen, Nachbarn und Passanten hört, bzw. serviert bekommt.

Sollen wir etwa nicht aufklären? Sollen wir etwa unsere guten, hilfreichen, notwendigen, etc. Absichten und Empfehlungen bei uns behalten? Sollen wir etwa chinesisch beschweigen, bevor wir Trompeten erschallen lassen, wenn sich die Infektionskurve abflacht? Und was wird aus der Wirtschaft?

So schallt es beim leisesten Aufkommen von Kritik. Liebe BlogleserInnen: nicht Kritik an den paar Maßnahmen, die wir in überwältigender Mehrheit befolgen, und klugerweise wenig kommentieren. Mehr als vier sind es nicht. Nein,  Kritik daran, dass die Welt sich nur um CoVid-19 dreht und ansonsten offenbar stillsteht.

Was tut die Politik nicht alles, um zu verdecken, dass sie jetzt keine Zeit hat, für die Diktatoren,die im Schatten des Virus wüten – nicht nur Orban oder Bolsonaro oder Trump oder Modi, die Liste ist sehr lang und reicht bis in das feine Kapillarsystem persönlicher Beziehungen. Keine Zeit für Klima, keine Zeit für sterbende Flüchtlinge, keine Zeit für Kriminelle, die auf dem Ausnahmezustand ihre Suppen kochen, keine Zeit…

Offenbar sind die Dompteure der Überzeugung, dass nur die endlose Schleife die Murmeltiere, aus denen die Menschheit besteht, zu angemessenem Verhalten bewegt, und vor allem zur Unterwerfung unter den gaaanz groooßen Bruder, der nicht überm Sternenzelt, sondern in der Veränderung der Gewichte von Freiheit und Ordnung sich verwirklicht. China ist ein gern imitierter, wenn auch mild kritisierter Vorreiter. Statistik organisiert die Normalität, bzw. rechtfertigt den Ausnahmezustand, – nicht einfach als Freund/Feind-Konstellation, sondern:  du willst doch nicht, dass andere sterben? Oder gar du selber?

Und just da geht die Drohung vom Sterben zum Tod über. Die vier Regeln befolgen, ist für die meisten mehr oder weniger einfach. Eine Klassenfrage, keine des Gewissens oder der Bildung. Wer in einer engen Wohnung mit geringer Einrichtung und mehreren Kindern lebt, oder allein erzieht, oder gebrechlich ist, oder isoliert ist, leidet jetzt mehr als wir privilegierten, mit dem Park vor der Tür, dem Hund als Auslaufgrund, den Verwandten am Telefon oder Skype, dem dauernden Rattern der Mails. Viele, erfreulich viele, haben das erkannt und helfen so gut es geht, die allermeisten, ohne die Sonne öffentlicher Dankbarkeit und Anerkennung auf sich zu lenken. Prima. Aber gerade weil das irgendwie eine Zeitlang gut gehen kann, dürfen doch die Themen des Lebens, des Weiterlebens, nicht verdrängt werden.

Jetzt kommt die Pointe: Das Gerede um die Exit-Strategie, so pragmatisch notwendig es ist, hat doch wenig zu tun mit dem Weiterleben in der Klimakatastrophe, dem Weiterleben in den FlüchtlingsKZs zwischen der EU und dem Außen, dem Weiterleben im Bürgerkrieg in Syrien, dem Weiterleben zwischen drei Epidemien im Ostkongo etc. – die Liste ist viel länger! – nein, Exit ist keine Rechtfertigung dafür, die Welt aus den Augen zu verlieren und zu sagen: das hat alles Zeit. Nichts hat Zeit.

Bis zu einer Impfung werden viele Menschen an CoVid 19 sterben,  so viel ist ziemlich sicher und zu erwarten. Und das kann lange dauern. Vielleicht bleiben die vier Regeln auch in Kraft, für lange Zeit. Aber die Konstruktion des Todes wird jetzt schon benutzt, um Elemente des Ausnahmezustands für alle Zukunft zu befestigen. Schon die Drohung, dass nichts mehr so sein wird wie früher, ist eine  Gemeinheit, wenn man nicht dazu sagt, was sich ändern muss (außer einige grundlegende Reformen am Gesundheitssystem – siehe Expertise von 2012). Soll es denn so sein wie früher? Wir trauern ja dem Plumpsklo und dem Kopfsteinpflaster auch nicht nach…Es ist etwas anderes gemeint: Bürger und Bürgerinnen, gewöhnt euch daran, dass wir vorsorgen…ja, wofür? fürs nächste Virus? Gebongt. Haben wir bei HIV, SARS, Ebola etc. gemacht oder nicht gemacht? Siehe auch: Armutsfrage und Dritte Welt. Mehr Waffen exportiert als Gesundheit weltumspannend und transnational verbessert, und dann lässt man den Verbrecher Trump die WHO ruinieren (die hat auch Fehler gemacht, und? Ihr nicht? Nein). Alle Vorsorge steht über dem Virus. Das Mantra wiederholt sich nicht nur in den Blogs. Es wird im Raum stehen, wenn die Wirtschaft wieder „anfährt“. CO2? Feinstaub? Und: die Reorganisation des sozialen Zusammenhalts wird, hoffentlich, viel am Konsum einschränken bei denen, die das ordentlich ertragen, also bei uns, und das heißt nicht sofort wieder das Wirtschaftswachstum anfahren, wie das die Weisen prognostizieren und anordnen.

Was hat das mit dem Tod zu tun? Sehr viel, denn der Mythos der Todeskonstruktion lenkt natürlich ab vom elenden Sterben derer, die schwer geschlagen vom Virus sind. Was haben die Rundfunkanstalten von der Auferstehungshoffnung zu Ostern gedröhnt (um auferstehen zu können, muss man erstmal gestorben sein). Plötzlich sehnen sich viele nach der spirituellen Erlösung, die ihnen lange Zeit eher zweitrangig war, jetzt, wo sie einmal nicht in die ansonsten gemiedenen Kirchen dürfen. In den Predigten wird, Kennzeichen der Todeskonstruktion, Hoffnung mit Zuversicht verwechselt (–> Ernst Bloch hat dies immer wieder aufgebracht). Statistiken geben keine Hoffnung.

Wir brauchen beides: die empirische und damit auch bedenkenswerte Kategorie des Lebens zwischen Geburt und Sterben, das sind wir, da können wir abwägen, uns wiedersehn oder Abschied nehmen oder stoisch die letzte Prozedur jenseits der Patientenverfügung erwarten oder verhindern; aber jedenfalls uns freuen, dass wir geboren worden waren, dass wir geboren wurden, dass wir leben und gelebt haben.

Und dann den Tod, dessen gegenüber NICHT die Gebürtlichkeit ist, sondern eben das Leben, das, wenns uns oder andern nicht gefällt, in ihm mündet.

Glaubt Ihr das:

Es ist der Tod der tröstet und belebt ·
In dem wir einzig ziel und hoffen sehn ·
Er giebt den trank der uns berauscht erhebt
Und mut bis zu dem abend hinzugehn.

Er ist der engel mit magnetnem finger ·

Der wonneträume und des schlafes bringer ·

Damit er armer menschen lager glätte.

Er ist der götter ruhm das kornverlies
Des bettlers schatz und alte heimatstätte
Das thor zum unbekannten paradies.

(Baudelaire, übersetzt von Stefan George, 1901)

Das  Gedicht heißt „Tod der Armen“. Und das ist etwas anderes als die Ereignisse am Intensivbett.

Es ruft auf zu einer sich verlängernden, andauernden Situation nach dem Exit, nach dieser Krise, als wärs die letzte, obwohl wir in der anderen, dem Ende der Menschheit durch das –> Anthropozän, schon längst drin sind.  (ach so,  sind wir nicht? Die Börsenkurse steigen schon wieder).

Ich bin alt, und ich habe Panik nur nötig, wenn ich an meine Kinder, Enkelinnen denke und meine Familie und Freunde. Das heißt, dass ich mich leichter vom Mythos Tod trennen kann als die Jüngeren, denen die Ikone des Todes immer die Furcht mitgibt, ihr Leben könne verkürzt werden (oft haben sie ja Recht, bei uns und anderswo noch mehr).

Aber lest mal: https://www.sonnenseite.com/de/umwelt/schellnhuber-wir-riskieren-den-fortbestand-unserer-zivilisation.html (15.4.2020). Der Artikel begründet, was der Titel sagt. Sogar in der Jungen Freiheit findet sich ein Schatten davon, das gibt zu denken: https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2020/schellnhuber-wer-achtlos-co2-freisetzt-gefaehrdet-das-leben-seiner-enkel/ (dto). Ihr müsst die Zeitung sonst nicht lesen. Aber das, was Schellnhuber sagt.

Und nochmal: der Tod der Armen ist noch eine Allegorie dessen, was uns erwartet, wenn das Leben ungerecht und einseitig diskriminierend ist. Das Ende der Zivilisation heißt aber, dass die nach uns sterben die Verursacher ihres Verschwinden aus der Welt bestenfalls erinnern, aber nicht mehr kennen. Der Tod ist dann kein Richter.

unterJAMMERgau

Der Titel kein Witz. Ich höre mir im DLF Stückl an, den Intendanten der Oberammergauer Passionsspiele. Bin schwer beeindruckt von seiner dramaturgischen Aufgeklärtheit, inclusive der Variante vom großen Gescheiterten, Jesus, neben dessen vorbildhaftem Leben für die Gläubigen; auch sein Aktionismus gegen Antisemitismus, gegen die Frauendiskriminierung im Stück, gegen den Ausschluss von Nichtkatholiken vom Mitspielen…Manchmal sind die Basisgläubigen angenehmer als die Kreuzblasphemiker,  obwohl ja auch Söder im guten Sinn dazu gelernt hat. Seehofer nicht, leider hilft verfluchen auch nicht; aber seine Grenztrotteligkeit hilft nicht der Bekämpfung der Seuche, sondern nur den Nationalisten und EU Gegnern.  Der Titel ist kein Witz: es wird gejammert, wörtlich sagte gestern jemand „unser Wohlstand ist in Gefahr“. Ach ja. Und dass nur die Armen noch ärmer werden (Grundrente christlich in Frage gestellt), dass der Zusammenhang von Naturzerstörung und Virus (nicht nur Corona, alle Infektionen sind umweltinteraktiv auf uns Menschen übergesprungen…),dass es in guten Zeiten kein zurück gab, also auch nicht in schlechten, darüber wird gejammert.

*

Das hebräische Tikkun heißt Reparatur, ewige Verbesserung, aber es meint nicht die Welt, sondern uns. Umkehr heißt nicht Rückkehr. Und damit kann man die Welt doch verbessern?

Keine Angst, ich bin nicht fromm geworden. Aber die vielen Anlässe in den Medien und in den Gesprächen über die Erwartung dessen, was uns erwartet, machen es sinnvoll, darüber nachzudenken, worauf die Menschen warten, worauf auch ich warte.

Mich beschleicht der Verdacht, nein, der schleicht schon länger um mich herum: es wird nach dieser Epidemie, nach diesem Ausnahmezustand, schnell wieder so werden wie vorher, nur noch restriktiver, noch unfreier, noch überwachter, noch nationaler. Faschisten wie Orban oder Klerikofaschisten wie Kaczinski sind die europäischen Vorbilder, aber von der Leyen tut nichts, wie sie schon vorher nichts getan hat – Röschen plappert halt gern. Aber das wäre ja dann nicht so schlimm, wenn sich Widerstand auf breiter Front abzeichnete, wenn sich Illoyalität politisieren ließe. Aber mich erinnern die Warnungen an die FdGO (wisst ihr noch, was das war? Die freiheitlich demokratische Grundordnung). Das Gericht wollte nicht, dass wir uns ihr kühl=distanziert, wenn auch formal korrekt unterwerfen.  Wir sollten sie auch noch gernhaben, an sie glauben.  Es reicht also nicht, die Gesetze und Regeln zu befolgen, man muss sie sozusagen in sich aufnehmen, verkörpern…haben wir nicht Ostern?

Glaubt jemand, dass eine Krise die betroffenen Menschen besser macht,  dass die Ethik einen festeren Grund bekommt, und die Moral weniger selbstisch wird? Warum sollte das eintreten? Noch keine Seuche hat das geschafft, nicht die Pest, nicht die Syphilis und nicht AIDS. Aber es hat sich ja etwas geändert: die Umweltbedingungen des –>Anthropozäns begünstigen Infektionen, die man schon besiegt glaubte (–> Harari: Homo Deus). Macht nichts, denke ich. Unsere Lebenserwartung wird leicht sinken, ebenso unser Lebensstandard…na und? Denkt an die, denen die Todesursache angesichts ihrer Lebensumstände ziemlich egal sein muss, weil sie ohnedies ihr mögliches Rentenalter nie erreichen können. Bei uns auch und in den armen Ländern sowieso. Die Sterbensarten sind allerdings nicht ganz gleichgültig, aber das geht vorbei, habe ich mir sagen lassen. Stirbt man nicht am Herzinfarkt oder am Krebs, sondern an einer Infektion, kann man nicht von Impfung zu Impfung sausen, weil halt immer neue Viren kommen und die alten nie ganz verschwinden. Es wird halt doch eine soziale und keine hygienische Frage, ob der Ausnahmezustand zur Normalität wird, und es nicht um die Lebenserwartung, sondern schlicht um Herrschaft geht, Orban, Trump, Seehofer, alles ein Stamm.

Merkel und Steinmeier appellieren an unsere guten Seiten, an unsere Empathie und Solidarität. Zu Recht, ist auch sympathisch der Tonfall, aber auch die beiden wissen, dass hier bestenfalls Hoffnung, aber wenig begründete Zuversicht im Spiel ist.

Lassen wir einmal die Krisengewinnler aus dem Blick. Vergessen wir die Abzocker, die die 6 Cent-Masken für 10 € verkaufen. Vergessen wir die kleinen Gauner, die jetzt unbeobachtet ihre Spiele treiben können, vergessen wir die Richtlinien für Pflegeheime, vergessen wir die alltäglichen Sicherungsmaßnahmen, für die wir Steuern zahlen, damit sie der Staat gewährt.

Denken wir lieber ans Größere, z.B. die EU: nichts macht die EU gegen die Faschisierung mancher Mitgliedsstaaten. Alle reden sich mit allem auf das Virus heraus. Klar, damit kann man uns zunehmend unterdrücken, loyal werden wir dadurch nicht. Ich erinnere mich an die Zeit, als AIDS noch unerforscht war und sich ausbreitete…nach ein paar Wochen wussten wir „alles“, auch dass es nicht heilbar war, und da schrieb BILD, es gäbe ein neues Virus, das achtmal gefährlicher als HIV war. Achtmal. Und wenn in einem halben Jahr wieder ein CoVid kommt, ein anderes? Dann wird man rechtfertigen, die Freiheitsrechte gleich gar nicht wieder hergestellt zu haben, denn jetzt sei man gerüstet. Natürlich muss das nicht so kommen, aber es kann, und es ist wahrscheinlich, dass die genannten Nationalisten, Faschisten und Autokraten darauf setzen. Vor 200 Jahren hieß das Biedermeier. Damals auch schon ungemütlich.

Wenn ich Unrecht habe, solls mir Recht sein.

(Übrigens kann man innerhalb der EU die meisten Grenzen nach wie vor unbemerkt und unkontrolliert überschreiten, wenn man nicht den Grenzübergängen den Vorzug gibt. Das Spiel ist ein anderes: Mir san mir, und ihr seids ihr).

Schatten. Sieg ohne Krieg

Schattenkrieg heißt ein gutes Buch von Ronen Bergmann über den Mossad.  Was ein Geheimdienst ist, wie er arbeitet, wie er Menschen und Moral herausfordert, und wo er Grenzen verlässt, wenn sich Menschen auf diese Grenzen verlassen.

Zur Zeit gibt es einen Schattensieg, der dem Virus zugeschrieben wird. Es ist ein Sieg über Politik, Moral und Menschenverstand. Das Virus wird vermenschlicht und institutionalisiert, und dann kann man ihm Verantwortung  und Handlungsfähigkeit zusprechen. 

Das Problem ist, dass wir uns in bestimmter Weise verhalten müssen, um andere und uns vor Erkrankung zu schützen, und dennoch nicht den einen oder andern Gott gegen das Virus eintauschen und mit ihm alles begründen, was wir sonst ablehnen würden. Das Virus wirft einen Schatten, und in diesem Schatten geschehen Dinge, die nichts mit der Krankheit und dem Schutz der Menschen zu tun haben. Beispiele:

  •  Die Einstellung des Loveparade Prozesses. Damals gab es ein Systemversagen, nicht einen, sondern viele Schuldige – und die gehen jetzt wahrscheinlich frei und gelten als unschuldig. Die vielen Toten bleiben unbegraben.
  • Unschuldig ruft auch der Papst zur Entscheidung, den mutmaßlichen Kinderschänder und Missbrauchsvertuscher Kardinal Pell als unschuldig aus dem Gefängnis zu entlassen, weil es zuwenig Zweifel an seiner Unschuld gab…damit kann man fast alle Täter, die beim Begehen der Tat nicht beobachtet werden, freilassen…
  • Der Faschist Orban und der Klerikofaschist Kaczinsky verstecken sich im Schatten des Virus und befestigen ihre autoritären Regime in unserer Europäischen Union. In unserer wohlgemerkt.
  • Die Grenzregime,  wie sie schon während der frühen Flüchtlingskrisen immer mehr nationalistisch gestaltet wurden – Deutschland und Seehofer sind nur besonders markante Akteure – zerstören auf lange Sicht die Einheit der Union.
  • In diesen Tagen ist der Konflikt um die Coronabonds und Eurobonds in der EU besonders widerlich, weil es dabei den nationalen Wirtschaften um künftiges Geld und nicht um künftige Solidarität geht (als ob es weitergehen würde, wie vorher –  Wirtschaftswachstum alter Ordnung wird herbeigebetet…). Dass die Reichen nicht den schwächeren Ländern wirklich helfen müssen bedeutet in der Tat, dass sie weniger haben werden als jetzt.  (Es gibt keine Pareto-optimale Lösung, für die Experten…).
  • Angriffe auf Klimapolitik, incl. CO2 Grenzwerte, wie schon in den USA beschlossen, auch bei uns.
  • Dass der irre Nationalist Trump jetzt die WHO aushebeln will, überrascht nicht: Gesundheitspolitik hängt auch mit dem Virus und seinen Ursachen zusammen.
  • Man braucht mehr als 6 Wochen, 1500 Kinder vor dem wahrscheinlichen Tod in den Flüchtlingslagern in Griechenland zu retten, von den 20.000 – 30.000 dort nicht zu sprechen. Die europäische Vormacht Deutschland zeigt sich hier so staubkriecherisch unfähig wie zur Zeit des Kalten Kriegs im Schutz eines anderen Schattens. Lang lebe Corona, das unsere Unfähigkeit  kaschiert. Heute (8.4.2020) wird beschlossen, 50 Kinder aufzunehmen. 

Das ließe sich verlängern. Egal, man findet immer etwas zu kritisieren. Sollen wir jetzt nicht zusammenrücken (Abstand halten)? Nicht kleinlich die Autorität untergraben, in deren Schutz wir überleben sollen? Was sind denn die Alternativen?

Wir können die Schwerpunkte unserer nach-Krisen Gesellschaft eigentlich alle, ausnahmslos aufrecht erhalten. Unser Verhalten wird sich nicht ändern, Kontaktbegrenzung, Isolation und Mundschutz,  mehr gibt’s nicht. Das ist aber auch richtig so, einschließlich Bedenken unserer Sterblichkeit. Aber: wir brauchen auch Politik: Die Krankenhäuser sind schlecht gerüstet (anders als die Propaganda),  die Krisengewinner freuen sich, Hamsterkäufer haben ihre Gezeiten, aber das war ja vorher auch so. Seit 2012/3 ist die Bundesregierung exakt im Bild, worauf sie sich vorbereiten soll, und geschehen ist nichts. Dass es nachher nicht mehr so sein muss, ist eine Frage der Politik. Und da geht es nicht um nachholende Dividenden, Bonuszahlungen und Arbeitsplätze im heutigen Komfort, sondern um Klima, Hunger, Krieg, Flucht und Asyl, Artenschutz.

(Übrigens zum letzten: nicht nur Corona hängen auch davon ab, dass Übertragungen auf die Menschen durch Verkleinerung der Naturräume begünstigt werden).

Also: Tretet aus dem Schatten raus, das Virus ist kein Geheimdienst.

Orthodox und Unorthodox

UNORTHODOX ist ein vieldiskutierter Film. Einige Rezensionen sind überaus positiv, einige kritisch. Eine, von Alan Posener, habe ich mir herausgesucht, weil sie exemplarisch einige Probleme aufzeigt, die uns hier in Deutschland wirklich beschweren: wachsender Antisemitismus, der sich in vielen Punkten vom allgemeinen Rassismus unterscheidet, aber auch vom Antiislamismus; das Problem, Kunst anders zu reflektieren als Dokumentation oder Reportage; das Problem, mit jüdischen Themen exemplarisch anders umzugehen als mit anderen – sowohl was coming of age als auch ethnokulturelle Differenzen betrifft. Und dann Berlin…Vor vielen Jahren sagte Ignaz Bubis zu mir, anlässlich der Einführung Jüdischer Studien an der Universität Oldenburg: was sollen wir 100.000 eigentlich beanspruchen, es gibt 3 Millionen Türken (das war vor über 20 Jahren), wir sollten bescheiden sein, wenn wir etwas für uns fordern, aber wir sollten es für alle Menschen fordern.

Und Berlin…ist es die leichtlebige Metropole, die manche sehen wollen, oder ein neuer Schmelztiegel, der alles hat, was Multikultur braucht?

Und heute: nicht alle jüdischen Probleme, mehr als genug gibt es ja, lassen sich linear oder kausal mit und aus der Shoah erklären, religiös oder säkular.

Antisemitismus oder Ambiguität

Alan Posener hat seine Verdienste als konfliktfähiger Publizist, er ist keiner, der von den prekären Rändern aus ein Cliché bis zum Überdruss bedient. Sein Artikel in der WELT vom 3.4.2020 ist zu ambig, als dass man ihn mit einer Gegenrezension außer Kraft setzen könnte. Dennoch halte ich ihn für fatal. Mein Vorwurf: die Antisemitismus-Keule wird aus jüdischer Feder gerade nicht gegen die Antisemiten geschwungen, sondern gegen die teilweise noch lange nicht aufgearbeitete Geschichte  der Überlebenden der Shoa, inclusive „Survivors‘ Guilt“, teilweise gegen die seltsame Vermengung von Ritual und Folklore bei den Gruppen, die wir zu Recht Ultra-Orthodox nennen und bei manchen Orthodoxen. Es geht um den Film „Unorthodox“ bei Netflix, jiddisch, m.U.

OriginaltitelUnorthodox
ProduktionslandDeutschland
OriginalspracheJiddisch, Englisch, Deutsch
Jahr2020
Länge53–55 Minuten
Episoden4
GenreDrama
RegieMaria Schrader
IdeeDeborah Feldman
DrehbuchAnna Winger,
Alexa Karolinski
ProduktionAlexa Karolinski
MusikAntonio Gambale
KameraWolfgang Thaler
SchnittHansjörg Weißbrich,
Gesa Jäger
Erstveröffentlichung26. März 2020 auf Netflix

Posener fasst die Geschichte perfekt zusammen: „Es geht um die Selbstbefreiung einer jungen Jüdin aus ihrer ultraorthodoxen Community.“  Schon dazu müsste man sofort einige Informationen geben, um das wichtige Wort Selbstbefreiung zu verstehen:  Esther (Esty) ist 19, als das geschieht, und sie flieht nicht „aus ihrer Heimat New York in die multikulturelle Weltstadt Berlin“, sondern sie flieht aus der Satmarer Gemeinde in Williamsburg in New York – Noch hat New York, was Multikulturalität und Weltläufigkeit einen kleinen Vorsprung vor Berlin, aber sei’s drum. Und was die Satmarer betrifft, muss man schon ihre Besonderheit innerhalb der ultra-orthodoxen Communities (von Posener gut gesetzter Begriff) genauer kennen.

Auch wenn wikipedia nicht meine Grundlage ist, ist der Artikel wichtig, auch was die zahlenmäßige Übersicht über die Sekte betrifft und einen Hinweis des von Posener ausdrücklich gewürdigten Hannes Stein: https://de.wikipedia.org/wiki/Satmar (6.4.2020) und Hannes Stein: Die Parallelwelt der ultrafrommen Kinderschänder. Die Welt, 14. November 2014.

Natürlich sollte man die Quellen,  vor allem Deborah Feldmans originale autobiographische Bücher, v.a. Unorthodox. Eine autobiografische Erzählung. Secession Verlag für Literatur, Berlin 2016, ISBN 978-3-905951-79-0. kennen: hier wird nicht 1:1 gefilmt und verarbeitet. Auch kommentiere ich ausdrücklich nicht die ersten zehn Verweise beim Aufruf von „Satmar“ bei Google – überreichliche Literaturhinweise bis in die heutigen Tage  (bis auf eine Meldung: 26.03.2020 – Anhänger der Satmarer Sekte in New York verletzten Corona-Regeln – die Angst vor Antisemitismus wächst, von Daniel Killy: https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/ignoranten-und-suendenboecke/ (6.4.2020). Genug der Einleitung. Ich habe fünf Kritikpunkte an Alan Poseners Artikel anzubringen, und dann eine Betrachtung zum Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs.

  1. Die Eingangsmetapher – eine muslimische statt der jüdischen Parallelgesellschaft – ist eine missglückte Parodie, wenn Aisha aus Berlin nach New York flieht (nicht nach Williamsburg…), und zwar, weil die Rahmenbedingungen nicht übertragbar sind. Zu Recht verweist Posener darauf, dass bis jetzt die ultraorthodoxen jüdischen Gruppen in New York mehr Freiheitsraum gehabt haben als in Berlin,  aber die Verhältnisse zwischen den respektiven Umgebungen und verschiedenen muslimischen Gruppierungen (und deren Konflikte untereinander und mit der deutschen Umgebungskultur) sind weder religions-soziologisch noch migrationstheoretisch zu vergleichen. Sei’s drum…was er meint ist klar: dass wir mit der analogen Geschichte der  muslimischen Aisha anders umgehen würden als mit der jüdischen Esty) – aber ob dies „anders“ den Vorwurf des antimuslimischen Rassismus auf sich ziehen würde, bezweifle ich – außer bei bestimmten ideologischen Gruppen, die gerade nicht differenzieren: siehe mein Résumé.
  2. Eine tatsächlich irre Szene: die Berliner Freundesgruppe, grad einmal konstituiert, geht zum Wannsee schwimmen.  Esty geht fast voll bekleidet ins Wasser und entledigt sich dort ihres Sheitls, der Perücke (zur ersten Information: https://www.gra.ch/bildung/gra-glossar/begriffe/judentum/juedische-kopfbedeckungen-inkl-kippa-und-sheitl/ (6.4.2020).  Posener kritisiert, dass einer der jungen Männer aus der Gruppe Esty auf das gegenüber liegende Haus der Wannseekonferenz hinweist.  Ich interpretiere das so: er wollte der jungen Jüdin sein Wissen und seine Sensibilität beweisen,  aber nicht eine politische Aussage machen, wie sich junge Berliner gegenüber ihren jüdischen Gesprächspartnerinnen verhalten sollen. Mein Eindruck: Esty wusste nicht, worum es sich handelt. Und hätte der Junge nicht ins Wasser springen sollen?
  3. Posener behauptet, dass „es für jede Esty, die nach Berlin kommt, fünf Jüdinnen und Juden gibt, die aus Europa nach  Israel oder Amerika fliehen, weil sie sich hier bedroht fühlen“. Das ist mehr als Chuzpe. „nach Berlin“, aber „aus Europa“ sind zwei ganz verschiedene Sachen.  Die Einwanderungsbilanz nach Berlin ist eindeutig positiv. In einigen von mir betreuten Arbeiten und aus meinem Umfeld weiß ich mit Bestimmtheit, dass die Gründe, nach Berlin zu kommen sehr vielfältig und teilweise kontrovers sind (es gibt auch religiöse Begründungen, aber auch solche, dem religiösen Umfeld zu entkommen, und es gibt eine Attraktivität, die mit Religion nichts, aber mit dem kultivierten urbanen Raum viel zu tun hat) – und nur „Wir haben es so herrlich weit gebracht, dass nun die Juden vor ihresgleichen bei uns Schutz suchen“. Ja, Alan Posener, das gilt für etliche Muslime/innen auch, und ja, das ist ein anderes Deutschland als die bleiche Mutter. Das kennen die Jungen oft so wenig wie die Wannseevilla – Historisierung ist keine Erfindung der Antisemiten.
  4. Fördert denn der jüdische Miethai den Antisemitismus? Ist der Cousin mit Pistole und Bordell-Connections auch ein Verfestiger der Clichés? So ein Unsinn. Warum sollen wir jüdischen Menschen nicht genauso vielfältig und ausdifferenzieren wie Christen oder Muslime oder – die gibt’s auch – Menschen ohne Religion? Ich denke, Netanjahu, Shaked, Liebermann, Bennett u.a. befördern, wenn man hierzulande zur Kenntnis nimmt, was sie tun, den Antisemitismus weit mehr. Und wenn Clichés befestigt werden, dann muss man wohl ihre Grundlagen bloßlegen und dekonstruieren – meine beste These dazu ist:“ Der Antisemitismus macht Juden“ (Daxner 2007).
  5. Der wichtigste Punkt, sich mit Posener auseinanderzusetzen ist aber sein Hinweis auf die Said-Barenboim-Akademie. Zunächst: Barenboim ist nicht Said. Dann: auch ich habe starke Vorbehalte und Kritik gegenüber Said, aber der war nicht einfach nur Israel-Hasser, sondern ein fast prekärer, aber vielfältiger Wissenschaftler. Das aus dem Kontext genommene Said Zitat über die Religion des Islam, die den Mord an Juden erlaube, kann man auch so lesen, dass alle Religionen – die jüdische inbegriffen – extreme Auslegungen erfahren (haben), die genau dies erlauben, immer mit einem Deus lo vult versehen, Gott will es. Jedenfalls übersteigt das die Geschichte von Esty und ihre Umgebung um eine Dimension, die weder im Buch noch in der Serie so zu finden sind, dass z.B. die Beziehung zu Israel (und damit zur komplizierten Barenboim-Verbindung dahin) thematisch werden sollte. Wenn Posener das will, kann man das sicher machen, ich bin dabei, aber dann nicht mit der Geschichte von Esty verquirreln, noch etwa den jüdischen Miethai mit dem Ergebnis der Klavierstunden…(die spielen für Estys Emanzipation ja doch eine Rolle).

Coda: Als deutsch-österreichischer jüdischer Kosmopolit  habe ich mich mehr 50 Jahre lang mit dem Thema Antisemitismus persönlich, familiär und wissenschaftlich auseinandergesetzt, wobei letzteres oft mit den persönlichen Gefühlen und Assoziationen kollidiert.  Es geht mir dabei immer um beides – um Religionskritik und um die soziale Konstellation im Judentum nach der Shoah. Religionskritik setzt Achtung nicht außer Kraft, und die Rituale sind nicht Folklore. Auch nicht bei den Satmarern. Aber die haben z.B. weder halachisch noch säkular das Recht, sich über die Grundrechte von Frauen und Kindern hinwegzusetzen, und Moishes Nebensatz von den „Zwei Thoras“  verweist eben auf das Dilemma aller dogmatischen Religion. Dass sie in den USA, und auch anderswo sich zu einer verbreiteten chassidischen Sekte entwickeln konnten, hängt mit dem Phänomen zusammen, dass zentrifugale Kräfte pluraler Religionen immer auch, auch!, eine Drift zu den Extremen begünstigen.

Die Wiederbelebung der Satmarer nach dem Krieg und also nach der Shoah ist ein ganz schwerwiegendes Problem. Die Shoah als Strafe (eines) Gottes für den säkularen Lebenswandel davor ist kein neuer, aber ein blasphemischer Gedanke für die, die glauben, und ein kontrafaktisches Argument für die, die nicht glauben. Da aber die, die aus der Shoah gerettet wurden oder sich gerettet haben, nicht mit dem Maß zu messen sind, wie die jüdischen Überlebenden, die sozusagen neben der Shoah, unter wie schwierigen Bedingungen auch immer, überlebt haben, fällt hier ein Urteil über die ersten beiden Generationen Satmarer schwer. Aber wie ist es danach, jetzt? Dazu sollte man sich die Diskussion nach dem Abspann, u.a. mit Deborah Feldman und Anna Winger anschauen.

Der Film verstärkt weder den real existierenden Antisemitismus noch die spöttische Betrachtung der Satmarer von Außen. Er verweist darauf, dass die Grundrechte auch dort geschützt werden müssen, wo die Religionsfreiheit eigentlich schon zu Ende ist. Das ist ja bei uns auch der Fall. Nur kann Grundrechte nur in Anspruch nehmen, wer sich an sie selbst gebunden fühlt – Ultraorthodoxe aller Konfessionen, hört.

Zu Posener: ein Versuch, Wert durchdacht zu werden; auch Wert kritisiert zu werden.

Frohe Ostern, Chag sameach Pessach

  • Daxner, M. (2007). Der Antisemitismus macht Juden. Hamburg, merus.

Hunde Hamsterhunde

Eilmeldung:

Bekanntlich berät die Bundesregierung mit den Ländern über Dauer und Ausgestaltung der Kontaktbeschränkung genannten Ausgangsreduzierung.

Ein Beschluss hat wie ein Hundehalsband eingeschlagen: ab heute, 1. April 2020, 22.00, dürfen Einzelpersonen nicht mehr ihre Wohnung verlassen, sofern sie über 35 Jahre alt, deutschen Ursprungs und tief ernst sind. Einzige Ausnahme: wer einen Hund hat, darf zwischen 19.00 und 24.00 Uhr aus dem Haus und mit diesem Tier spazieren gehen. Der Radius ist weiter als der in Moskau (100 m), aus Tierschutzgründen, aber weniger weit als auf Grönland (4 km).

Kurz nach Bekanntwerden dieses Beschlusses haben sich hunderttausende Deutsche vom Hamstern von Klopapier, Nudeln, Desinfektionsmitteln und Gesichtsmasken umorientiert und haben Tierhandel, meist Tier-online-Versand, gestürmt. Schon um 17.00 h gab es keinen Jack Russell und keinen deutschen Schäferhund mehr, von kleinsten Rattlern und Pinschern ganz zu schweigen.

Umgehend haben die Tierhändler Höchstverkaufsmengen von 1,5 Tieren pro Besteller festgesetzt und eine Prüfung der Personalien durch dafür vom Zoll bzw. den Länderinnenministerien bereitgestellten Kontrolleuren veranlasst. 2,8 Millionen Hunde dürfen ab heute zusätzlich mit ihren BesitzerInnen auf die Straße, sofern die ersteren einen Maulkorb und die letzteren eine Maske gegen hündisches Aerosol tragen.

Proteste der Katzengruppen auf facebook und der Vereinigung der Hauspythonbesitzer gingen ins Leere: die können während der Krise auch am Fensterbrett frische Luft schnappen.

A propos schnappen: per Erlass wird eine auf die Dauer der Ausgangsbeschränkung befristete Beissamnestie für rezent erworbene Hunde festgelegt, die aber nicht für Althunde gilt.

So gut gehts uns.

Wenn das alles nicht wahr ist

Wenn ein Bahnwärter ruft: Lieber Eilzug, verschieb dich,
wenn die Köchin den Braten beschwört: Sei doch gar!
Wenn ein Jäger sagt: Häslein, ich schieß nicht, ergib dich!
Und wenn du immer wieder beteuerst: Ich lieb dich!
Das ist alles nicht wahr, das ist alles nicht wahr,
das ist alles gar nicht wahr.

Georg Kreisler 1958

Was sein wird, wenn die Kurve abflacht und wir wieder mehr Kontakte haben dürfen, wenn die Alten stärker abgeschottet werden als die arbeitsfähigen Menschen unter 65, wenn die Wirtschaft boomt, um die Verluste aufzuholen, wenn die Krisengewinnler, die es massenhaft gibt, sich weigern, nachzuzahlen und ihre Extra-Profite zu vergesellschaften, wenn die in der Krise Beschädigten und Verarmten ihre Nachkriegszeit erleben und einen Wiederaufbau ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Status machen müssen, dann aber im Stich gelassen werden vom Staat – wir haben genug getan – und von den weniger betroffenen Überlebenden – wir müssen doch wieder aufbauen, was abgebrochen worden ist.

was also dann sein wird, ist schwer abzusehen. Wenn andere Konstellationen eintreten, als die die ich befürchte und vermute, ist auch nicht gesagt, ob sie sehr viel besser sein werden als dieses Szenario.

Zunächst schaut in die USA… (es gab vor 50 Jahren eine österreichische Satiresendung, da hieß es immer: In Österreich geht das ja nicht, aber bei uns in Bagdad…Heute würde niemand Bagdad sagen).

„March 28, 2020, 12:40 PM GMT+1 Jim Watson/AFP/Getty

Shortly after the U.S. death toll from the coronavirus pandemic reached 1,500 on Friday, President Donald Trump took to the podium at a White House press briefing and complained that certain state’s governors  are not “appreciative” enough of the federal government’s help—so much so that he said he’d told Vice President Mike Pence, the leader of the coronavirus task force, to skip calling governors of some hard-hit areas. Trump singled out the Democratic leaders of Washington and Michigan, noting that he had advised Pence not to call them as the healthcare crisis plagues their states and people fall sick and die. “He calls all the governors,” Trump said. “I tell him, I mean, I’m a different type of person. I say Mike, don’t call the governor of Washington, you’re wasting your time with him. Don’t call the woman in Michigan.” 

“If they don’t treat you right, I don’t call,” Trump said.  Michigan’s health department is reporting 3,657 COVID-19 cases and 92 deaths. In Washington, there have been 3,700 cases, according to the state, and 175 deaths.  “We have done a hell of a job,” Trump said. “The federal government has really stepped up.” Trump’s message to governors was that he wants “them to be appreciative.” (https://news.yahoo.com/trump-says-told-pence-ignore-233921228.html?.tsrc=daily_mail&uh_test=1_04) 29.3.2020”

Ja, Dankbarkeit erwarten manche, zB. für die Schönfärberei vor drei Wochen, wie gut Deutschland gerüstet sei…Und für die hunderten Milliarden, die in deutsche Wirtschaft gesteckt werden, und in den Ausblick, wie wir handeln werden, wenn die Kontaktsperre gelockert und die Wirtschaft wieder angekurbelt sein würde…Di mi quando, di mi when…

Zur Zeit

  • Zahlen auch die reichen Großunternehmen keine Miete mehr (adidas u.a.)
  • Setzen die betrügerischen Abrechnungskriminellen bei der Altenpflege munter ihr Handwerk fort (DLF 28.3.2020)
  • Muss man mit Vorständen großer Unternehmen verhandeln, um sie zur Rücknahme von Boni und überhöhter Gehälter zu bewegen (verhandeln, da kann man nichts anordnen, Freiheit!)
  • Schaut man bei den Flüchtlingen weg; als potenzielle Landarbeitskräfte spielt man sie gegen ausgesperrte Saisonarbeiter aus, soll die Landwirtschaft doch verrecken, in drei Monaten können wir ja wieder importieren…
  • Haben die Nationalisten hohe Zeit (die Grenzschließungen sind ja nicht nur Seehofers und anderer „Deutscher“ Erfindungen, da machen ja Faschisten, Anti-EU Politiker und sonstige Autoritäre in und außerhalb der EU mit. Ohne jeden Effekt, die Hauptsache, das Virus beeinträchtigt den Warenfluss nicht – das ist Dialektik. Dass dabei wertvolle Polizeitätigkeit schwer behindert wird, schert den Innenminister nicht)
  • Wir nicht europäisch, sondern deutsch gedacht: jetzt will Minister Altmayer eine deutsche Pharmaindustrie wieder nach Deutschland holen. Wenn man europäisch hilft, will man „appreciation“, siehe oben.
  • Haben die Versicherheitlichungs-Fanatiker hohe Zeit (ich hab den vertrottelten Begriff nicht erfunden, der ist offiziell im Jargon gelagert): man hat ja gute Vorbilder. Bitte lest alle den Zusammenhang zwischen innerer Sicherheit und Sozialsystem: Julia Friedrichs und Andreas Spinrath: Alibaba überall (ZEIT Magazin #14, 26.3.2020) über die vollständige Steuerung der Menschen durch Überwachung…nicht hier, aber bei uns in China.
  • Denkt man zwar über die Zeit nach dem Ende der Restriktionen nach, aber nicht darüber, wie Art 14 des Grundgesetzes und die Grundrechte wieder in ihre Normalform – Freiheit und Solidarität – zurückgeführt werden können.

Ach jammern Sie doch nicht, die machen das doch alle so gut sie können…von Trump lernen, heißt vielleicht den Ausnahmezustand ausnutzen lernen. Aber das wollen wir doch nicht, wirBürgerinnen und Bürger, die sich an die Anordnungen des Staates ja halten (Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung). Das ist weder dankbar noch widerwillig, aber auch das muss von den Regierenden verstanden werden.

Warum ist es so schwer einzusehen, dass es nicht um Corona geht. Die Seuche ist ein Anlass, aber nicht die Ursache des Umsteuerns.

Einerseits, ich wiederhole mich gern, sind die Ursachen Klima, Hunger, Umwelt, Armut, Krieg und Flucht; anderseits treffen die Folgen der Politik und die Bewältigung des Anlasses ja nicht nur die Wirtschaft, sondern vor allem unsere Zivilisation, die Kultur (nicht nur die großen Theater und Konzertsäle, sondern  hunderttausende Künstlerinnen und Künstler – die lt. Statistik jetzt noch ein Monatseinkommen von 1200 netto im Durchschnitt haben, Musikschulen, städtische Aufträge, und schlicht selbständige Kunstproduktion). Auch das ist zumindest ein EUROPÄISCHES Problem, wenn kein globales, und nicht nur ein deutsches.

Dass sich u.a. die Reichen, Deutschland, Österreich, die Niederlande gegen Coronabonds sperren, ist ein Zeichen denkfaulen Nationalismus, der Beifall der Nazis ist ihnen sicher (AfD, FPÖ etc.). Italy, Spain, France will not appreciate…

Die Millenials werden ärmer sein als wir. In Deutschland, Österreich etc. wird es noch eine Generation vor dem Klima-Zusammenbruch geben, wo man, verglichen mit dem Großteil der Erdoberfläche ziemlich sehr gut leben wird. Aber: Auch in dieser Zeit der Wohllebe wird es (hoffentlich gerechte) Einschnitte in diesen Wohlstand geben (ohne die Hamsterkäufe des nationalistischen Kleinbürgertums. Dieser Zusammenhang muss schon klar werden, dass die Raffgier der randständigen Mitte auch gesellschaftlich etwas von dem „Deutsche zuerst“ an sich hat).

Nachtrag 30.3.2020 Tagesspiegel online

Guten Morgen,

zu den vielgelesenen Büchern dieser Tage zählt „Die Pest“ von Albert Camus, 1947 veröffentlicht. Manches darin klingt erschreckend aktuell – hier ein Auszug (Rowohlt Verlag):

Breitet sich die Epidemie zu schnell aus?“, fragte Rambert.

Rieux sagte, das sei es nicht, die statistische Kurve steige sogar weniger schnell an. Nur seien die Mittel gegen die Pest einfach nicht ausreichend.

Es fehlt uns an Material“, sagte er. „In allen Armeen der Welt wird der Mangel an Material im Allgemeinen durch Menschen ersetzt. Aber uns fehlt es hier auch an Menschen.“

Es sind doch Ärzte und Sanitätspersonal von außen gekommen.“

Ja“, sagte Rieux. „Zehn Ärzte und etwa hundert Mann. Es ist scheinbar viel. Es ist kaum genug für den gegenwärtigen Stand der Krankheit. Es wird unzureichend sein, wenn die Epidemie um sich greift.“

Soviel zu und von Albert Camus. Es gibt tatsächliche viele Gründe zur Besorgnis, aber es wird auch viel dafür getan, dass es nicht zum Schlimmsten kommt – politisch und gesellschaftlich. Alles in allem ist es beeindruckend, wie solidarisch und verständnisvoll die Berlinerinnen und Berliner mit der Situation umgehen – und vor allem miteinander. Trotz alledem.

Na endlich!

Manchmal komme ich mir arrogant vor, wenn ich ein Thema zwei Tage vor der Medien-Verbreitung selbst angreife (weil ich Zeit habe, kein Gegenlesen durch eine Redaktion brauche, die Zensur nicht fürchte und – ich bin). Jetzt freue ich mich mehrfach: Kurt Kister hat in seiner wöchentlichen SZ-Rubrik das Decameron aufgenommen und sehr lebensnah ausgelegt. Und mein dauerndes Beklagen, wie wenig Corona – Panik oder Ignoranz – mit den wichtigen mittel- und langfristigen Zeilen gesellschaftlicher Veränderung in Verbindung gebracht wird – Klima vor allem – hat der prominenteste Klimaforscher unseres Landes, John Schellnhuber, aufgegriffen:

+++ Pressemitteilung +++

Generationengerechtigkeit auch beim Klimaschutz

(Berlin, 26. März 2020) Der Bundesverband Geothermie unterstützt den Appell von Hans Joachim Schellnhuber zur Einführung eines Klima-Corona-Vertrags. Der Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung hatte am Donnerstag in der Frankfurter Rundschau gefordert, auch bei der Bekämpfung des Klimawandels Generationengerechtigkeit walten zu lassen. Der Präsident des Bundesverbandes Geothermie, Dr. Erwin Knapek, verweist zudem auf die ökonomischen Chancen der Energiewende.

Statement des BVG-Präsidenten Dr. Erwin Knapek:

„Professor Schellnhuber trifft absolut ins Schwarze. Die exponentiell nach oben gehenden Zahlen der Corona-Patienten erinnern mich täglich an die ähnlich exponentiell verlaufende Kurve der anthropogenen CO2-Emissionen, die weitgehend unterschätzt bereits Klimakrisen in einigen Regionen der Erde hervorrufen und ebenfalls Menschenleben kosten.

Wir müssen den jungen Menschen dankbar sein, dass sie Rücksicht auf die älteren und durch Corona gefährdeten Menschen nehmen. Sie erdulden nicht nur deutliche Einschränkungen bei der Freizeitgestaltung, sondern auch Einbußen beim Verdienst, Kurzarbeit und Existenzsorgen. Im Gegenzug zu dieser Solidarität können sich ältere Menschen damit revanchieren, alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um den jungen Menschen ein lebenswertes Weltklima zu hinterlassen. Auch hier wird Verzicht nötig sein. Doch die Chancen sind weitaus größer. Gerade Deutschland als rohstoffarmes Land kann davon profitieren, dass Energieimporte ersetzt, regionale Wertschöpfung gesteigert und Arbeitsplätze geschaffen werden. Ein Klima-Corona-Vertrag kann Generationen näher zusammenbringen und so auch unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.“

Wörtlich hatte Professor Schellnhuber der Frankfurter Rundschau im Interview gesagt:

 „Mir schwebt eine Art ‘Klima-Corona-Vertrag‘ vor, der insbesondere das Verhältnis der Generationen zueinander symbolisiert. Derzeit wird sehr zu Recht von den jüngeren Teilen der Bevölkerung Solidarität mit den Älteren eingefordert, die ja viel stärker durch das Virus gefährdet sind. Umgekehrt sollten die Älteren beim Klima Solidarität mit den Jüngeren üben, denn Letztere werden die Folgen der Erderhitzung in ihrem Leben viel stärker spüren. Die Solidarität muss also wechselseitig sein.“

Quelle: https://www.fr.de/wissen/coronavirus-klima-niemand-ueber-positiven-klimaeffekt-freuen-klimaforscher-schellnhuber-13615225.html 

Dem ist nur hinzuzufügen, dass wir es sind, wir alle, die politischen Druck und wenn nötig Widerstand gegen die überholte Ökonomisierung der aktuen Krise ausüben müssen, wenn wir wollen, dass etwas geschieht, das uns nicht nur die Krise normalisiert, sondern ihre vorgebliche Überwindung in ein paar Wochen die Politik nicht in die Klimapassivität zurücksinken lässt.

Solidarisch UND kritisch – eine Momentaufnahme

Ja so ein Räuscherl is mir lieber als wiara Krankheit, wiara Fieber.

(Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, IV/13)

Der Kontext betrifft auch die täglich wiederholte, und UNSINNIGE Aussage, „seit dem Zweiten Weltkrieg“ oder „wir sind im Krieg“, (Vgl. auch https://books.google.de/books?id=EDs7DwAAQBAJ&pg=PT438&lpg=PT438&dq=A+so+a+R%C3%A4uscherl,+das+ist+mir+lieber+-+Karl+Kraus+Die+letzten+Tage&source=bl&ots=iOj86ToahG&sig=ACfU3U2dLCN5vBWbHs5l3NqnYsVYXQMrqA&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjj66z2qbXoAhUPuaQKHcPOBrQQ6AEwBXoECAwQAQ#v=onepage&q=A%20so%20a%20R%C3%A4uscherl%2C%20das%20ist%20mir%20lieber%20-%20Karl%20Kraus%20Die%20letzten%20Tage&f=false). Der Hinweis ist so lang und tut mir leid, aber der Kontext dieses Verses ist erhellend. Die Kriegsmetapher ist so unpassend wie kaum etwas anderes.

Manchmal ist man gerne Österreicher.

Aber im Ernst: es gibt auch hier in Deutschland Bemühungen („das wird noch ein paar Tage/Wochen dauern“) Materialien zu beschaffen. Aber die Konkretheit der Erfolge, wie in Österreich, lässt auf sich warten. Und natürlich hätte man selber gern eine Maske, wenn man in eine Arztpraxis geht, und dort im auf ein Rezept warten muss – zum Beispiel.

Ikea Österreich hat heute 50.000 chirurgische Schutzmasken gespendet. 20.000 gingen an die Salzburger Landeskliniken SALK, 30.000 Stück an die Wiener Ärztekammer für die niedergelassenen Ärzte. Die Masken stammen aus den Beständen, die während der Vorbereitung auf die Vogelgrippe vor mehr als zehn Jahren beschafft worden waren.

Mehr dazu in wien.ORF.at
In Wien-Schwechat sind heute Nachmittag zwei AUA-Maschinen aus China gelandet, die 130 Tonnen Schutzausrüstung an Bord hatten. Das Material soll morgen von einem zivilen Frächter in Begleitung von Polizei und Militärpolizei nach Tirol und in weiterer Folge teilweise zur Grenze nach Südtirol gebracht werden, wo es den italienischen Behörden übergeben wird. (Orf.at)
Was bedeutet das, wenn Russland und China helfen, während andere verhandeln, um die nationalen Rechte (auch innerhalb der EU) nicht einzuschränken?

Aber da gibt es auch Parallelen zum Altreich:

Klopapierproduktion rund um die Uhr

Die Ausnahmesituation führt bei vielen zu Hamsterkäufen, besonders Toilettenpapier ist gefragt. Um die gestiegene Nachfrage bedienen zu können, laufen die Maschinen beim Hygienepapierhersteller Essity in Ortmann in Niederösterreich auf Hochtouren.Mehr dazu in noe.ORF.at

In Österreich arbeiten jetzt die Staatsanwaltschaften gegen die Verursacher der Katastrophe von Tirol. Mehr als hoffen kann man noch nicht…


Aber auch: Eine Medienmeldung:

Wir haben Menschen gefragt, warum sie tonnenweise Klopapier kaufen

„Wenn du glaubst, dass die Welt untergeht, warum brauchst du dafür einen sauberen Arsch?“ (ich vermute, damit man im Paradies sauber ankommt… MD)

von Eddy Lim16 März 2020, 5:03pm Ein Virus, das die Atemwege befällt, bringt das öffentliche Leben nach und nach zum Erliegen. Was tun die Menschen? Sie horten Klopapier. Und das nicht nur in Dresden, sondern auf der ganzen Welt. In Duisburg kam es wieder zu handfesten Streitereien in einer Drogerie, aus Hongkong gibt es Berichte über bewaffnete Klopapier-Räuber, in Japan werden Klopapierrollen auf öffentlichen Toiletten nach Diebstählen jetzt mit einer Kette gesichert.

Keine Fake-News, nur etwas verschleiert:* aus einem Krankenhaus wurden Atemmasken und Handschuhe entwendet* Ärzte mussten eine Maske für zwei Personen verwenden* es fehlt in Kliniken an Schutzanzügen* getestet wird oft nicht Symptomen und Risikogruppen, sondern nach Vorhandensein von Test-Kits
…Kann ja sein, dass es irgendwo nicht klappt, weil man nicht vorbereitet war. (Keine Verallgemeinerung von Schuld-Zuweisung, eher Systemkritik). Warum  eigentlich? Report Mainz (ARD:  24.3.2020) berichtet, dass man seit 2012 eigentlich hätte vorbreiten müssen und können, und dass wirkungsvolle Arzneimittel – die in Deutschland mit öffentlichen Geldern erforscht werden – ohne staatliche Förderung bei der Umsetzung  in Pharmaprodukte bleiben – da greifen andere von außen zu.

Und Nächstenliebe im Alltag:

Mangelware : Jägermeister liefert Alkohol für Desinfektionsmittel

Pflegekräfte schlagen Alarm: Sie fühlen sich in Zeiten des Coronavirus nicht gut genug geschützt, vor allem Masken fehlen. Für Widerspruch sorgt eine Empfehlung des RKI, Masken mehrfach zu verwenden.

Von Edgar Verheyen, SWR (25.3.2020)

Nun ist man bekanntlich hinterher klüger. Aber vollmundig vorher die Vorbereitungen zu loben, ist politisch falsch, teilweise offensichtlich gelogen und untergräbt langfristig das Vertrauen:

Klare Pandemiepläne – Spahn zu Coronavirus: „Wir sind gut vorbereitet“

Datum:27.01.2020 15:07 Uhr ZDF ist noch in der Mediathek aufrufbar:  Klare Pandemiepläne zu Coronavirus: „Wir sind gut vorbereitet“, sagt Minister Spahn

*

Dass man viele Maßnahmen (des Staates“, der Behörden, anderer Autoritäten) gutheisst und befolgt, bedeutet nicht, dass die Kritik der Unterwerfung geopfert werden darf. Sowenig, wie die individuellen Hamsterkäufe irgendeine Rechtfertigung erfahren dürfen, sowenig darf das beruhigende Reden als alternativlose Therapie gegen Panik einfach hingenommen werden.

(Dass und was man „alles richtig macht, bis es zu spät ist“, zeigen die Beispiele Ischgl und St. Christoph in Tirol, an letzterem Ort waren viele Ärzte mitbeteiligt).

Trump ist verrückt und gefährlich. Aber er versteht es, Notbremsen publikumswirksam zu ziehen. Wenn er jetzt Südkorea um Hilfe bittet, ist das wirtschaftlich begründet und wahrscheinlich notwendig, weil die USA mit ihrem maroden Sozialsystem gar nicht anders können. Wir müssen es ihm nicht nachmachen, aber wir können das was gut läuft UND das was schlecht läuft und gefährlich ist, für unsere Verhältnisse besser kommunizieren.

Ich habe diese Sachen gesammelt, weil ich mit all diesen Ansichten ohnedies nicht allein bin und die Medien ein wenig aus der Duldungsstarre erwachen.

Die Ausgangssperre hat wenig mit der Einschränkung von Freiheit zu tun, sie ist sinnvoll und wird eingehalten.  Unscharfe Ränder gibts immer. Andere Probleme sind wirklich gefährlicher: In vielen Ländern nutzen autoritäre Politiker die Krise zum Abbau von Demokratie, Beispiel Ungarn, und Tendenzen gilt es bei uns zu begegnen (die Grenzregime sind zT überflüssig, zum Teil lösen sie  jetzt nationalistisch ein, was sie noch vor zwei Monaten nur gegen erhebliche Widerstände geschafft hätten) und was die sinnvolle Lockerung bestehender wirtschaftlicher Regulierung bedeutet, so ist ihr Rückbau jetzt zu planen, und nicht erst zu verhandln, wenn wieder alles ruhig und normal scheint. Da scheinen mir viele Freiheiten und soziale Errungenschaften tatsächlich gefährdet.

Für mich das Wichtigste kann vielleicht eine echte Wende bedeuten. Es ist nicht schwer, erhebliche Kredite und Finanzsicherungen jenseits der schuldenbremse und der Verschuldungsgrenzen zu erwirken – weil es schnell gehen muss und weil man sich sorgt, dass nach der Krise der Absturz erst wirklich erfolgt. Das ist weitgehend richtig. Und jetzt nehmt die gleichen Argumente und macht bei den Klimamaßnahmen genauso ernst, denn das muss auch schnell gehen, wenn euch das Überleben eurer Enkel und Urenkel lieb. Ich denke nicht, dass für Deutschland Klimaneutralität bis 2030 oder 2035 mehr als 600 Milliarden € kosten wird – das ist der heute beschlossene „Schirm“…
Und für die Gesundheit kann man auch noch vorsorgen, die meisten Pläne hat man in der Lade…immerhin.

Freiheit bleibt

Was für ein Unsinn. Noch „nie seit dem Zweiten Weltkrieg hätte es so schwere Eingriffe in die persönliche Freiheit gegeben…“ so oder so ähnlich tönt es rund um die Uhr aus den Medien. Und was das mit den Menschen macht bzw. machen wird, und wie man es wieder zurückfahren kann, wenn die Krise vorbei sein wird, und wann das geschieht.

Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit. Das ist ein vielfach verwendeter und gewendeter Satz von Hegel, dessen Auslegung einem die Stunden in Quarantäne vertreibt. Man kann z.B. die Vorrede zur Philosophie des Rechts von 1820 lesen, da steht viel vom Verhältnis zum Staat in diesem Kontext und zur Vernunft. Man muss aber nicht…

Täglich, rund um die Uhr, werden die durch Ausgangssperre und Bewegungseinschränkung und Kontaktbegrenzung bewirkten Folgen beschrieben, erklärt, interpretiert. Wer sich an die Erlasse des Staates nicht hält oder sie scharf kritisiert oder auch nur öffentlich bezweifelt, wird als unmoralischer Mensch, Leichtfuß, unsolidarisch und gefährlich gebrandmarkt, als ob für die allermeisten ein Nichtbefolgen durch Wenige oder Einzelne der geltenden Anordnungen – außer bei nachweislicher Unkenntnis – den Kampf gegen die Krise nachhaltig schädigen würde. Dabei reichen Information und Strafandrohung offensichtlich. Und all das hat wenig mit Freiheit zu tun, ein paar Grundfreiheiten werden nicht genommen, sondern eingeschränkt, ein paar unsinnige Maßnahmen allerdings gefährden Autorität und Glaubwürdigkeit der anordnenden Exekutive, aber alles in allem ist der Vergleich mit Zweiten Weltkrieg, das heißt: mit der Nazizeit, oder auch anderer Diktaturen eine ungehörige, freche Analogie.

Ein kluger Freund vergleicht die Ausgangssperre dann doch mit der Verdunklung während der Bombenangriffe. Das ist konkret, das ist richtig, und wer sich daran nicht hält, gefährdet in der Tat andere (nicht viele, die halten sich ja an die Beschränkungen) und sich selbst.

Unsere Meinungsfreiheit ist nicht geringsten  durch die staatlichen Maßnahmen beschränkt, sie leidet höchstens durch die Art der Rezeption von Informationen;  man muss nicht alles glauben, was in den Medien verbreitet wird, und man muss auf die Politik schauen, und nicht nur auf die Wissenschaft. Die Autorität der beiden ist ja unterschiedlich:

„Ich sehe meinen Job nicht darin, die Wahrheit zu verkürzen, sondern darin, die Aspekte der Wahrheit zu erklären, aber auch Unsicherheiten zuzulassen und zu sagen: Das weiß man so nicht – und dass dann eine politische Entscheidung nötig ist. Und solange es als politische Entscheidung kommuniziert wird, finde ich das in Ordnung.“ Das sagt Christian Drosten[1], den ich für eine Autorität in der Wissenschaft halte und anerkenne, zu Recht fordert er von der Politik beides, Handeln und Erklärung. Ersteres funktioniert ziemlich gut, letzteres weniger. „Ziemlich“ gutes Handeln bedeutet, dass es immer noch Nebenschauplätze (partikuläre Interessen, nicht nur ökonomische) oder Vernachlässigung anderer überlebenswichtiger Bereiche gibt (Klima, Kriegseinsätze, Hunger, Flüchtlinge, Zensur etc.). Aber das kann man überwinden. Die Kommunikation aus der Politik zu den Menschen im Land ist vielfach defizient. Unwillentlich, zugegeben, wir die Krise zur Normalität hochgeredet, und zwar zur Normalisierung des Ausnahmezustands. Da kommt es auf jedes Wort, jeden Begriff an. Es wird u.a. diskutiert (DLF 222.3.2020), dass man Bewegungsbeschränkungen anordnen soll/werde,  aber den Begriff „Ausgangssperre“ vermeiden, weil er falsche Befürchtungen und Assoziationen auslöse. Zu spät…Und die klare Ansage fehlt, dass die Wirkung einer Verlangsamung der Ausbreitung des Virus nur sein kann, ab einem bestimmten Zeitpunkt das Virus als normal – weil irgendwie beherrschbar – zu behandeln, also genügend Kapazität  zur Intensivtherapie für die dann weniger, aber kontinuierlich vorhandenen Fälle zu haben. Dann wird es wieder normal,  Kinder gehen zur Schule, Arbeitskräfte kehren an den Arbeitsplatz zurück, Restaurants sind offen – und Menschen stecken sich weiterhin in einer bestimmten Größenordnung an. Das ist nicht lustig oder beruhigend, weil es ja schwere und schwerste Fälle und Sterbefälle geben wird, nur nicht so viele, aber für einen langen Zeitraum.  Dann darf natürlich der Ausnahmezustand nicht mehr gelten, und darauf bereitet uns die Politik nicht vor. Das aber können die Wissenschaftler nicht, weil sie eine andere Autorität haben, soziales Handeln zu regulieren. Wenn die Politik das ziemlich richtig macht, ist das nicht angenehm, d’accord, aber doch kein Eingriff in die Freiheit…verharmlost nicht die Zwangssituation der Diktatur, die das Virus instrumentalisiert um ihre Herrschaft zu legitimieren!

Noch etwas, indirekt hängt es zusammen: China und jetzt auch Russland  helfen direkt und unmittelbar den Italienern. Die EU hat noch immer keinen europäischen einheitlichen Rahmen gefunden, oder wie ein deutscher MdEP gestern im Ersten sagte: Die Gesundheit bleibt Ländersache…China und Russland haben vielfältige Motive so zu handeln, aber die ethnozentrische Häme gegenüber anderen Ländern, denen es schlechter geht, soll der Kommentierung im Hals stecken bleiben. Drosten: Handeln und Kommentieren. Handeln heißt: EU weit, europäisch handeln. Kommentieren: es geht nicht um Deutsche, es geht um Menschen. Und dabei nicht vergessen, dass an den Außengrenzen tausende Hilfsbedürftige darauf warten, weiter leben zu dürfen mit unserer Hilfe.

P.S. Zur Zeit schreibe ich an einem Essay zur derzeitigen politischen Rhetorik. Susan Sontags aufregender Essay von 1978 sollte wieder aufgerufen werden: New York Review of Books:

“Nothing is more punitive than to give a disease a meaning—that meaning being invariably a moralistic one,” wrote Susan Sontag.

We published her essay Disease as Political Metaphor in our February 23, 1978 issue. As we grapple with a global health crisis, it’s hard not to look for meaning in the pandemic. We’ve unlocked Sontag’s essay for subscribers and non-subscribers to revisit her essential perspective on illness. 

“The medieval experience of the plague was firmly tied to notions of moral pollution, and people invariably looked for a scapegoat external to the stricken community. (Massacres of Jews in unprecedented numbers took place everywhere in plague-stricken Europe of 1347-1348, then virtually stopped as soon as the plague receded.) With the modern diseases, the scapegoat is not so easily separated from the patient. But much as these diseases


[1] https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-03/christian-drosten-coronavirus-pandemie-deutschland-virologe-charite 20.3.2020

Im Schatten der blauen Blume

Mi son alzato
O bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao
Una mattina mi son alzato
E ho trovato l’invasor

O partigiano, portami via

Ché mi sento di morir

E se io muoio da partigiano

Tu mi devi seppellir

E seppellire lassù in montagna
Sotto l’ombra di un bel fior

Quelle: LyricFind

In diesen Tagen spricht man viel von Lebensgefahr und Sterbensgefahr. Oder man spricht so auffällig NICHT davon, dass die andern wissen, man denkt gerade daran.

Beschwörungen der realen Gefahr nützen nichts, die Risiken sind klar benannt und man könnte sich den Problemen zuwenden, die durch das Virus nur verdeckt sind. CoVid ist eine schöne Blume, in deren Schatten so manche Politik begraben wird, nachdem sie gestorben ist, ich sags ja Klima, Flüchtlinge, Diktaturen.

In den 68ern hat uns der Kitsch von Bella ciao durchaus ernste Momente im Geist durchleben lassen, wenn und wie wir als oder wie Partisanen oder Guerilleros unter den schönen Blumen begraben werden, nachdem uns die Schöne (Bella) dorthin verfrachtet hat, Begräbnis halber. Wenn ich als Partisan sterbe, soll mich die angesungene Schöne begraben.

Nun binich kein Partisan mehr, und wenn ich mit meinem Hund durch den Park gehe, sehe zu Frühlingsbeginn hunderttausende blauer Stiefmütterchen, in deren Schatten bestenfalls ein kleines Virus mit Familie begraben werden kann. Ach so, allegorisch…ein Freund hatte mir dazu den Endvers von Matthias Beltz übermittelt:

Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben?

Partisan und Parmesan, beide sind zerrieben.

Es lohnt, Bella ciao bei Wikipedia genauer nachzulesen. https://de.wikipedia.org/wiki/Bella_ciao

Da ist auch eine deutsche Übersetzung, die schmerzt, weil ein altes italienisches Arbeiterlied auf Italienisch umgedichtet werden kann, aber in unserer Sprache eher nicht…Die Aufmerksamkeit des begrabenen Widerstandskämpfers wird von den Grabpassanten geweckt, die Blume ist schön, aber wer liegt denn da?  Beim Begräbnis des von mir geschätzten Dario Fo (2016) wurde das Lied wieder einmal gespielt, und Hit ist es geblieben.

Habe ich in diesen viralen Zeiten nichts Besseres zu tun als mich der Bella zu erinnern, ciao ciao? Eigentlich nicht. Denn so deutlich wird die Differenz zwischen dem Tod als Konstruktion aller Heldenlegenden und dem Sterben eines Co-Partisanen selten unterschieden. Gestorben für die Freiheit…wenigstens für die Freiheit der Erinnerung an den Kampf um sie, und dazu brauchte es immer Partisanen. Widerstand spielt sich nicht am Brett ab. Widerstand wurde und wird regelmäßig zerrieben, wenn sich die Kontrahenten zu einer höheren Sache zusammenschließen (Oder wenn eine Partei zerrieben wurde und nicht mehr existiert). 

Was aber die höhere Sache ist? Verhalten – Widerstand nachdem man in gebührendem Abstand zum Mitmenschen sich die Hände gewaschen hat und den Nachbarn nicht anniest. Falsch geraten: dies ist nicht ironisch, sondern eine Beschreibung der Bedingung von politischem und ethischen Widerstand: nur wer sich so verhält wie beschrieben, darf wieder an Widerstand denken. So kommt das Höhere in die Niederungen unseres jetzigen Lebens.