Situation

Ich hatte mit dem Titel immer Probleme: Die geistige Situation der Zeit. Jaspers‘ noch rechtzeitig 1933 erschienene 5. Auflage, klein und in Leinen gebunden, vor mir, heute nicht leichter zu lesen als vor vierzig Jahren. Was ist eine geistige Situation? Fragte ich mich, bevor ich mich an Inhalt machte. Bis heute schwierig. Aber Gegenwartsanalysen, wie wir sie heute betreiben, sind auch nicht einfacher.

Ich habe mir Titel & Buch hergenommen,  weil die letzten 24 Stunden Nachrichten schon eine Herausforderung an das Durchdenken einer Situation bedeuten, in der jedes Reduzieren von Komplexität fast ein Verrat an der Wirklichkeit wäre – was kann ich denn ablegen, um es „später“ wieder aufzugreifen?

In vielen Fällen bedeutet „später“ zu spät. Hier sind die Zeiträume variabel, aber man kann es deutlich machen: für das Klima und damit das Überleben haben wir noch 10, vielleicht 15 Jahre zu handeln; für den EU Haushalt haben wir noch 24 Stunden; für harte Sanktionen gegen die Klerikofaschisten in Polen und die Faschisten in Ungarn haben wir eigentlich gar keine Zeit, aber viel Aufwand für die unmittelbaren Folgen; für das sofortige Beenden der Coronaparties – überall im Land – haben wir keine Zeit, müssen aber über legitime Gewaltanwendung bei ihrer Beendigung nachdenken; gleichzeitig müssen wir uns fragen, welche Teile unserer Sicherheitsorgane dazu legitimiert wären und wie wir Bürgerwehren unter allen Umständen verhindern müssen. Ich höre die Außenpolitik im Deutschlandfunk, und denke, was eigentlich den zerrfallenden republikanischen Rechtsstaat der USA noch vor dem way of no return in die Autokratie abhält; zugleich sehe ich eine Situation, die mir so klar auch nicht war in letzter Zeit, das Gewitter ist langsam heraufgezogen. Wir können uns nicht kritisch genug mit dem Vorrang der Wirtschaftsbeziehungen vor den Menschenrechten mit China, Russland, und allen möglichen anderen Partnern winden; wir können auch nicht kritisch genug mit den USA und ihren hörigen Kollegen aus den östlichen NATO-Ländern auseinandersetzen und mit dem Einfluss der Autokratien auf die OSCE und und und…

Das alles ein Vormittag im Deutschlandfunk und ein Durchlesen der letzten Ausgabe der New York Review of Books. Das alles jeden Tag ergibt eine Situation.

Man kann…

Man kann sich recht spontanen Zukunftsvision hingeben, z.B. bei Matthias Horx & Familienkonzern: https://www.horx.com/

Man kann sich der Abschichtungsmethode hingeben, d.h. mit jedem zu lösenden Teilproblem hoffen, dass man nicht alle und schon gar nicht die großen Probleme selbst noch erleben wird.

Man kann sich dem pessimistischen Hedonismus hingeben und am Rand des Weltuntergangs die letzten Gläser der guten Jahrgänge zum knapp gewordenen Kaviar aufnehmen.

Man kann hoffen, dass ein bisher noch nicht angebeteter Gott hilft (die bisherigen helfen jedenfalls nicht) oder man kann Erlösung aus der Verschwörung erhoffen (indem man gegen die Juden oder die Baha’i oder …hetzt)

Usw.

Man kann aber auch sich der Vergewaltigung durch ein Übermaß an Realität entziehen. Ist ja alles richtig, was ich da oben geschrieben haben und jeder Leserin fällt dazu noch etwas ein. Wenn ich mich entziehe, bedeutet es nur, dass die Inventur des Schreckens keine Problemlösungen und keine Konfliktregelungen in sich birgt.

Wenn ich von den Abstraktionen „Der Mensch“ und „ich“ abstrahiere, kann ich mich der Politik zuwenden und postulieren, dass das richtige Politik ist, die in dem Netzwerk des Schreckens mit jeder Handlung das Verhältnis der wichtigsten Akteure und Situationen verändert (Marx sagt so schön „zum Tanzen bringt“, dazu muss man aber die Richtung kennen). Hier könnte ich jetzt viele Beispiele der politischen Philosophie anführen, will ich aber nicht: es ist doch auch so einsehbar, dass Maßnahmen zur Klimapolitik die Regierungspolitik vieler Länder beeinflusst, reversibel oder unwiderruflich; es ist auch so beweisbar, dass Maßnahmen gegen Korruption in einem EU Land, sich auf die vergleichbaren Tatbestände in anderen auswirken; es ist wenigstens begründbar, dass wir dazu das Forum der „unbedingten“ Öffentlichkeit suchen müssen (und es nicht gleich Arena nennen), damit sich unsere Widerständigkeit ablesen und erkennen lässt. Das kann individuell oder für ganze Gruppen üble Folgen haben, Verfolgung, Justiz, Ächtung. Auch für mich, für dich, Leserin und Leser. Mit politischer Korrektheit kommt man nicht weiter, aber mit dem Sagen, was ist. (Damit ist es nicht genug: à Parrhesia (Foucault u.a. Michel Foucault: Der Mut zur Wahrheit:). Da reicht es nicht, zu jeder der beschriebenen oder erlebten Katastrophen eine Meinung zu haben, da muss schon Denken Politik werden (und damit die Kritik der Politik einbeziehen). Schwierig? Ja.

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Es hängt nicht alles mit allem zusammen. Aber was zusammenhängt, etwa im obigen Katalog, können wir in Bewegung bringen.

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Jaspers arbeitet sich an all dem ab, in einem knappen Büchlein behandelt er die Situation als Wunderkammer und unsere Geistigkeit als selbstverantworteten Museumsführer durch die Existenz. Wir können ihn übersetzen, müssen wir aber nicht. Aber da stehen auch ganz zeitgenössische Sätze:

„Die Konstruktion der geistigen Situation der Gegenwart, welche nicht in die runde Gestalt eines geschaffenen Bildes vom Sein verfallen will, wird sich nicht schließen“ (S.24)

Heute kann ich Jaspers, wo ich ihn verstehe, gut lesen. Er hilft dort, wo wir in der Situation, in der Wirklichkeit, Gefahr laufen, etwas zu übersehen, und sei es, um uns selbst zu schützen.

Finis terrae XXXVII: Yourope Först

So dumm wie andere sind wir noch lange…und die lästige Rechtsschreibung wird auch bald ein Ende haben. Masken- und Tabletpflicht in Schulen, und immer einen draufsetzen, wenn die lustigen Hackerbuam (=“Buben“ für Norddeutsche) wieder einmal schuhplatteln. (nicht nur inTirol: https://www.suedtirol.com/kultur/traditionen/schuhplatteln)

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Die demütigende Haltung, mit der sich deutsche Außenpolitik und Industrie den großen Diktaturen unterwerfen und die kleinen in Gesprächslaune halten, ist beschämend, aber sie zeigt auch, dass Made in Germany keine Germany First bedeutet. Und in der Tat, Mittelmacht heißt, dass man nach oben sich beugt, und neben und unter sich selbst wenn nicht bereichert, so doch ermächtigt.

Dabei ist es nicht so wichtig, wie und ob die Bezugsländer autoritär oder diktatorisch regiert werden, auch ist es mit den geteilten Werten nicht so weit her: die Gefahr dieses wirtschaftsbestimmten Pargmatismus ist, dass immer weniger Angriffsflächen für Kritik gibt. Herr Pompeo aus dem Hinrichtungsland USA kann die Menschenrechtsverletzungen in Hongkong anprangern, wir fürchten dabei um unsere Wirtschaftsbeziehungen. Umgekehrt kann China mit 5G Huawei uns besser drohen als den USA oder Russland mit Nordstream, wogegen die Gasfuzzys aus den USA wiederum Sturm laufen.

Es hat den Anschein, dass eine der Hauptkomponenten des Kalten Kriegs wiederkehrt,  die Politik durch Drohung.

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Nun ist es nicht so, dass die EU keine Macht und keinen Einfluss hätte, aber sie wendet unverhältnismäßig viel Kraft auf, um die innere Balance zu halten. Das ist nicht viel anders als im ersten Jahrhundert der USA, und bis heute. DAS BERUHIGT KEINESWEGS; ES IST AUCH NICHT NORMAL: Warum sanktioniert man die Klerikofaschisten der PiS oder die Faschisten um Orban nicht? Die EU ist mehr gefährdet, wenn man diese Kräfte im Inneren wirken lässt – Demokratie als Tarnung, Einstimmigkeit als undemokratische Norm – als wenn man bestimmte Prinzipien bedingungslos und andere bedingt durchsetzt.

Aber dagegen spricht auch, dass wir – in Deutschland, in Österreich, im EU Norden, im globalen Norden – ja nicht frei von dem sind, was wir dem europäischen und globalen Süden vorwerfen, oft noch nicht einmal ansatzweise empirisch nachweisbar. Deutsche Korruption, deutsche rechtsradikale Unterwanderung der Sicherheitsorgane (nicht nur Hessen), deutsche Geldverschwendung (bis ins Kabinett hinein), Deutsches Bildungsversagen etc. – alles DEUTSCH. Und deshalb zu Recht von Italien oder Griechenland kritisiert werden. Was wiederum nicht heißt, dass man in diesen Ländern nichts kritisieren dürfte, im Gegenteil, aber dann muss man sehen, was von diesen Missständen auch uns wieder satte Profite gebracht hatte usw.

Ausweglos? Keineswegs. Aber auch nicht hoffnungsvoll.

Seit langem verfolgt mich ein Widerspruch: noch nie – zu meinen Lebzeiten jedenfalls – hat es derart viele und gute Analysen des gegenwärtigen Spektrums weltpolitischer, global kultureller, wirtschaftlicher Situationen gegeben. Und noch nie war ihnen eine gewisse Folgenlosigkeit geradezu emblematisch eingeschrieben. Bewegungen hingegen – die gibt es, auch bei uns – haben Situationen bewegt – Fridays for Future, Black Lives Matter – und werden von den anscheinend drängenderen Aktualitäten – CoVid – verdrängt. Immer wieder die Vertauschung von Anlässen und Ursachen; sind wir so blöd? Wohl ja.

Warum so wenig Ungeduld? Weil die meisten gar nicht glauben, dass die Klimakatastrophe nicht umkehrbar ist. Weil die meisten nicht daran glauben, dass sie auf das Virus anfällig wären oder für Altersarmut. Drei Beispiele, die nicht auf der gleichen Ebene sind. Aber das zu erkennen, braucht nicht nur Bildung, sondern auch einen Blick dafür, wo in welcher Situation auf dieser Welt man sich befindet. Finis terrae im Anzug, und man plant sanfte Energiedrosselung bis 2050. Wenn es zu spät sein wird, darf es auch globale Coronaparties geben. Aber wir werden sie nicht mehr erleben.

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Das alles ist nicht neu, nicht originell.  Ich schreibe es auch nicht hin, um jemanden zu beruhigen (nichts Neues) oder zu beunruhigen (es ist bald zu spät). Aber ich kann mir vorstellen, dass es zur Lebensqualität beiträgt, doch etwas zur Veränderung beizutragen, und da kann man sich vielleicht aus der nationalen Umklammerung etwas befreien und mehr als einen Gegner des freien Europa identifizieren. DEN Konflikt müssen wir ohnehin aushalten, aber je früher desto besser.

Konservative, billig abzugeben

Japan verkauft saubere Gebirgsluft in Konserven. (https://herisau24.ch/articles/17130-bergluft-in-konservenbuechsen-verpackt). Keine schlechte Idee. Das Schmelzwasser zurückgehender Gletscher könnte man gewinnbringend unter Memento Mori unter klimabewusste Gourmets bringen. Wer partout nicht vegan leben will, kann sich mit Konserven des Eichenprozessionsspinners eindecken. Fetischisten, die früher die Unterwäsche von Prominenten gesammelt haben, können jetzt ungewaschenen Mundschutz ihrer Idole in hübschen Gläsern kaufen, z.B. Söders weißblaue Raute oder Trumps schwarzen Mundslip. Auch gebrauchte Akupunktur-Nadeln mit nachgewiesenem Heileffekt sollten konserviert werden. Auf unappetitliche Varianten dieser Vorschläge verzichte ich, man kann sich statt konservierten Körpersekreten berühmter Spender ja auch Tonnies-Fleisch im Supermarkt einschweißen lassen, Hauptsache Konserve.

Soweit die materielle Kultur. Das Konservieren spiritueller Inhalte und Bedeutungen ist erheblich schwieriger, aber bisweilen lohnend. Man öffnet eine Dose und zieht das Grundgesetz heraus oder eine Anleitung zur Kritik. Diese Papierrollen kann man sammeln, manche versiegeln sie wieder, damit sie nicht herumliegen und verstauben. Das Urmodell sind chinesische Glückskekse. Das Haltbarkeitsdatummuss immer angegeben werden, denn konservierte demokratische Verhaltensregeln oder eine Therapie gegen Kriecherei vor den Potentaten in den USA oder China verfallen schnell und erwecken zu spät bestenfalls nostalgische Gefühle.

Überhaupt kann man Konserven besser hamstern und horten in diesen Zeiten, statt Klopapier und Spiritus. Die oben genannten Anregungen führen unweigerlich zu Konservenheimatmuseen und der vergleichenden Forschung, wer in welcher Gegend was konserviert, einschließlich sich selbst. 

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Die Konserven spiritueller Natur sind gewöhnlich langlebig, aber sensibel. Amerikanische, vor allem republikanische Rechtsextreme, horten seit Jahren Goldwater-Konserven. Sie öffnen sie, um sich ihres halbirren Rassisten Trump zu versichern. Dass das beinahe 60 Jahre her ist, gibt einem das Gefühl von sehr altem, aber leider gekippten Rotwein: A Long View: Goldwater in History, von Richard Hofstadter, NYRB 8.10.1964. Barry Goldwater kommt einem geradezu simpel vor im Vergleich Trump, aber viel Aroma und Nachgeschmack seines Wahlkampfs kann man heute noch nachempfinden. Die Fabrikation von Erinnerungskon-serven ist ein weites Feld, für viele nur ein lukratives Geschäft. Aber für einen selbst eine wichtige Freizeitbeschäftigung.

CoVid schädigt bekanntlich auch das Hirn, und damit das Gedächtnis. In ein paar Jahren, wenn die meisten das Wort Pandemie schon wieder nicht mehr schreiben werden können, werden die Konserven der maskentragenden Zeit geöffnet, und man wird sich der trotzigen unbedeckten Mäuler von Widerständlern und Polizisten erinnern (die Bayern machen wieder Grenzkontrollen mit schwer bewaffneten Dorfsheriffs, man darf erst einsteigen, wenn diese langbeinigen Konserven einer bösen Zeit den Zug durchschritten haben; naja, ich sitze ja schon…). Böse Erinnerungen werden wach, da muss man schnell andere Konserven mit Gegengiften öffnen. Aber CoVid wird es schaffen,  unsere Erinnerung in Museumsstücke zu verwandeln, und am Ende war gar nichts. Gut so, esst lieber ein paar frische Erfahrungen als zu viel Konservierungsstoffe im Dosenfleisch.

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Meine freundlichen Blogleser*innen sind irritiert: will der Daxner, dass wir vergessen? Keine Sorge, es ist nur die wachsende Aggression gegen die politisch und kulturell verabreichten Zusatzstoffe in den Erinnerungskonserven. Aktive Erinnerung gehört doch zu unserer Gegenwart, ich muss nur die Verpackung immer wieder entfernen.

Freudlos

Freudlos schreibe ich heute diesen Blog. er war gestern schon fertig geschrieben, da stürzte mein PC ab. Freud hätte dafür eine Erklärung. So wie viele Erklärungen heute Freud-los sind, und daher nicht so gut wie sie sein könnten.

Freudlos, weil wir uns in diesen Tagen schwer von der Wiederkehr einer seltsamen Prüderie, die politisch so korrekt ist, dass man sich beinahe als Laienmitglied einer klösterlichen Weltgemeinschaft fühlt: nichts darf, kann, soll man sagen oder zeigen, das nicht die eine oder andere Gruppe, den einen oder die andere Einzelperson beleidigt, zurückstuft, diskriminiert oder gar ausgrenzt aus der Gemeinschaft, der anzugehören offenbar für alle, also auch die Angegriffenen erstrebenswert ist.

HALT. Dieser mein Text bisher könnte auch von a) Betroffenen b) wehleidigen Kritikunfähigen c) rechtsradikalen Selbstveropferern d) altmodischen linken Erfindern der politischen Korrektheit zweiter Ordnung e) schwer getroffenen Objekten berechtigter Angriffe stammen.

Na, vielleicht nicht: für manche dieser Gruppen ist der Text zu gut, aber man weiß ja nie.

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In der neuen ZEIT N° 29, 9.7.2020 steht auf Seite 45 ein Manifest: Widerstand darf kein Dogma werden. Verfasst von 152 Intellektuellen, von denen ich einige wahrhaft verehre, viele schätze, einige abscheulich finde und wenige ganz ablehne. Aber sie haben sich zusammengefunden, mit einem Aufruf  gegen die Zensur. Ihr erstes schwer wiegendes Argument: „Aber Widerstand darf nicht – wie unter rechten Demagogen zum Dogma werden“ (Daher auch der Titel). So ein Dogma heißt bei Karl Marx Kritik der kritischen Kritik und will mit allem aufräumen, das Verhandlung und Politik ermöglicht. Zu Recht wendet sich das Manifest gegen das Ausspielen von Gerechtigkeit gegen Freiheit, „das eine ist nicht ohne das andere zu haben“. Klingt einfach, ist aber unendlich schwer: Wenn die Tatbestände so komplex sind wie Gender, Hautfarbe, sozialer Status, Integration…und wenn der Zugang zur politischen Verhandlung und zur Kommunikation nicht nur mit gleich Gesinnten objektiv und persönlich schwierig ist, ja, wie bekommt man Freiheit und Gerechtigkeit unter einen Hut und kann darüber etwas folgenreich sagen? Zensur, vorauseilender Gehorsam, Feigheit vor Konflikten, aber auch unmittelbare soziale Unsicherheit, vor allem aber die Drohung von all dem, behindern alle, die schreiben, denken, sich und ihre Werke darstellen, als Kunst und Arbeitsergebnis.

Schlagt bitte meine Blogs zurück, zweimal habe ich schon Ingeborg Bachmanns Gedicht ALLE TAGE aufgeschrieben, lest es, einmal, mehrmals. Ich schreibs wieder her, es erklärt fast alles:

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

(mehr davon: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/alle-tage-265)

Die 152 sagen weiter: „Unabhängig von den Details der einzelnen Fälle werden die Grenzen dessen, was ohne Androhung von Repressalien gesagt werden darf, immer enger gezogen“. Was für viele dazu führt, dass sie um ihren Lebensunterhalt fürchten müssen. Nicht nur bei den Drei Großen Diktaturen und vielen mittelgroßen autoritären Ländern, nein, auch bei uns droht diese Gefahr. Sie ist noch nicht so ausgeprägt wie in Russland, China und den USA, wie in der Türkei, Ungarn und und und…aber Seehofers Weigerung, in die rechtsradikalen Netzwerke der Polizei zu schauen, ist nur ein besonders bedenkliches Beispiel, weil es  die Berechtigung von Generalverdacht statt differenzierter Betrachtung unterstützt. Sagen, was ist: das hat schon den Gottheiten der Religionsgründer nicht gefallen, das hat noch keinem Diktator Freude bereitet…Sagen was ist schließt auch die Möglichkeit des Irrtums ein, zu dem man stehen kann, wenn der Irrtum erkannt wird. Jetzt sollte man auch dabei vorsichtig sein.

Damit hängt zusammen, dass die neue politische Korrektheit meint, man könne ANTI-sexistisch, -kolonialistisch, – rassistisch etc. handeln, indem man einfach Straßen umbenennt und bestimmte Worte ächtet. Wo solche Handlungen richtig sind und wo sie einfach Geschichte auslöschen, bestimmen nicht die Meinungsführer, sondern der Kontext. Und den zu wissen gehört zu den wichtigen Elementen aufgeklärter, risikobereiter, wagemutiger und selbstkritischer Bildung. In vielen Ländern wird schon hier zensiert, wie sollen dann die heranwachsenden jungen Menschen wissen, wie man sich zum kritischen öffentlichen Menschen entwickelt?

Wegen des Kontexts bringe ich hier keine Beispiele, weil ein Blog keine vielfältigen Kontexte wiedergeben kann. Jeder einzelne Fall aber ist ein Fall für die Politik und für den Selbstschutz.

Vorbereitung auf die Diktatur – oder auf eine neue Demokratie

Kannst du nur schwarzmalen? Nein, ich kann auch allen, die keine Kleider anhaben, welche andichten, schmuck und erstaunlich anziehend.

Aber ich will nicht zuschauen, dazu ist meine Lebenszeit zu kurz, ich will nicht zuschauen, wie sich unsere gemeingefährlichen Politiker – nicht alle, die gemeingefährlichen – aus der Wirklichkeit beamen, keine Kleider tragen, aber sich für Kaiser halten. Um dies nicht auszuhalten, muss man kein Politiker sein, aber politisch.  Und man sollte versuchen zu unterscheiden, welche Meinung man zu verschiedenen Dingen hat und was sie wirklich sind.

Können wir uns drauf verständigen, dass die Anführer der großen Drei Putin, Xi und Trump, Verbrecher sind? Dass die beiden Erstgenannten jederzeit durch ihre diktatorischen Systeme ersetzbar sind, während Trump eine Demokratie zu zerstören versucht, um unersetzlich zu werden?

Wenn nein, ist das eine Debatte,  die wir nicht via Blog führen sollten, sondern in genauer Auseinandersetzung. Wenn ihr mir zustimmt, dann kann man Vergleichbares und Ungleiches bei den großen Drei feststellen. Jedenfalls trifft zu, dass die EU und schon gar ihr stärkster Staat, Deutschland, relativ geringeres Gewicht haben als ihnen zustünde, würden sie bessere Politik machen. (Bei Orwell in 1984 heißen die drei Drei: Ozeanien, Eurasien und Ostasien).

Auch sind die jeweiligen Vasallen der Großen Drei häufiger Objekte unserer (meist berechtigten) Kritik als die drei selbst.  In China müssen wir bei Menschrechtsverletzungen Rücksicht auf Siemens, VW und hunderte Zulieferfirmen in beiden Richtungen nehmen. Bei Russland geht es nicht allein um Northstream, sondern um die Rettung der letzten supranationalen Abrüstungs- und Kontrollverträge und – natürlich auch ums Klima. Und bei den USA klammern wir uns an die Hoffnung, dass das Land nach Trump schon wieder demokratisch und ein Partner würde, weshalb man sich jetzt maas-voll wegduckt und demütigt.

Die Vasallen und die Handlanger der Diktatoren haben oft eigene Interessen, die man in den Vordergrund stellen kann. Das ist beliebt beim Volk. Russland und China sind keine Probleme, sondern ziemlich schreckliche Tatsachen, Diktaturen, mit denen zu verhandeln immer nur Sinn macht, wenn man ihre Handlungsmöglichkeiten beschränkt, nicht aber um Kompromisse bzgl. Menschenrechten und Freiheiten zu erzielen – da sind die Diktaturen unbelehrbar (so wie die Olympischen Spiele 1936 ja die Nazis auch nicht besser gemacht hatten). Darüber sollten wir uns keine Illusionen machen. Unsere Widerstände sind nach wie vor möglich, aber das bedarf vieler politischer Überlegungen, etwa zur Illoyalität gegenüber der NATO,  zu ernsthaften Einschränkungen wirtschaftlicher Profite aus der Unterwürfigkeit gegenüber der chinesischen Ökonomie, zu diplomatischen Restriktionen gegenüber allen Grenells in unseren Hauptstädten usw….

Alles geschenkt? Wasdie Politikwissenschaft und die außenpolitischen Erwägungen dazu sagen, können wir natürlich kennen, aber bevor und wenn wir handeln, müssen wir schon glaubwürdig sein uns selbst gegenüber. Der KSK/Polizei/MAD Skandal zeigt eine fatale Bruchlinie auf, und da muss der Generalverdacht oft bessere Dienste leisten als die Mehrheitsbeschaffung durch schwarze Schafe; der unglaubwürdige Betrug am Steuerzahler durch Scheuer, das Hofieren der Schweinemäster durch die Frau Klöckner, das Säuseln des Außenministers gegenüber vielen Menschenrechtsverletzungen, der Zynismus des Innenministers gegenüber schutzsuchenden Flüchtlingen etc. all das hat mit Außenpolitik und mit uns gleichermaßen zu tun, weil wir den Rassismus und Sexismus und die Kriegslust des amerikanischen Faschisten Trump nicht als Marotte, die in einer Demokratie nun mal vorkommt, verkleinern dürfen, wenn wir uns schon den Russen und Chinesen – in diesem Fall auch den Brasilianern, Indern und Türken – gegenüber als die bessere Demokratie darstellen, die wir ihnen gegenüber wohl noch sind, oder? Ja, sind wir, und deshalb müssen wir doch bei uns ein wenig von dem tun, was wir andern zurecht abfordern.

Ich habe oben Trump einen Faschisten genannt. Ich habe diesen Vergleich weder erfunden, noch kann ich als Wissenschaftler Vergleichbares und Unterschiedliches nicht beachten. In der Öffentlichkeit ist das längst ein dominantes und kontroverses Diskursthema: https://www.google.com/search?q=Trump+Hitler+Vergleich&client=firefox-b-d&sxsrf=ALeKk019bj2GtyA20ne6m96CvCbFbbzcUA:1593964496768&ei=0PcBX_PELtD6gAb09Yf4CA&start=10&sa=N&ved=2ahUKEwjz7PS8vLbqAhVQPcAKHfT6AY8Q8tMDegQICxAw&biw=1173&bih=556 (5.7.2020).

Angesichts von Trumps Einstellung zum Staat würde ich ihn eher mit den frühen und mittleren Nazis vergleichen als mit den Faschisten. Ich sehe auch die Resilienz und den Widerstand der demokratischen Institutionen in den USA und die Tatsache, dass die Nichtweiße Bevölkerung sich zum nächsten Schritt ihrer Befreiung zusammenschließt wesentliche Unterschiede. Kein Vertun: die USA sind nicht Russland oder China. Aber Trump ist gefährlicher als die austauschbaren Köpfe dieser Diktaturen, weil er die Demokratie unseres Verbündeten abzuschaffen im Begriff ist und wir aufpassen müssen, dass unser Hochmut, es ist ja vieles wirklich besser bei uns, auch in Coronazeiten, uns nicht verführt,  die leeren Worthülsen von der Wertegemeinschaft aufzuplustern, die wir natürlich mit dem US-Präsidenten der USA nicht haben.

Corona ist für viele in der Politik ein willkommener Anlass, ihre eigentlichen Anliegen sozusagen unter der Decke durchzusetzen und die Ursachen für Missstände, die Ursachen für Klimaverschärfung. Flüchtlingssterben, Hungernöte und Kriege, hinter der CoVidPriorität zu verstecken. In den USA sterben vor allem Nichtweiße und Arme. Bei uns werden die sozial Benachteiligten die Folgen der Pandemie härter erleben, und vor allem Frauen und Kinder werden jetzt schon benachteiligt. Vergleichbarkeit ist nicht Gleichsetzung.

Jüdischer Einspruch XVII: Falter

Man kann nicht abschalten, oder nur unter großen Verlusten. Ständig bricht die Isolierung, die Abdeckung des Beschwiegenen auf und lässt ein- und zurückblicken in das, was auch unsere Geschichte ist, selbst wenn wir sie noch nicht miterlebt haben oder nicht dieser oder jener Variante an Erinnerung nahegekommen sind. Dazu reicht ein Antippsen, oder eine Bemerkung oder ein Lesestück unter vielen, die man sonst überfliegt, und dann ist immer etwas da, das ich gerne „als das Ganze“ bezeichnen würde, es ist nicht ganz, sondern zerbrochen, immer.

Vorspiel: an diesem Wochenende war Mitgliederversammlung der Jüdischen Gemeinde Oldenburg, einer seit über 30 Jahren bestehenden Wiedergründung, die damals ca. 30 Mitglieder mit ca. 15 verschiedenen Pässen zählte, und heute 300, überwiegend russischen Muttersprachlern, und unzerstritten, schon mit der zweiten Rabbinerin, also angenehm. Während der Sitzung plötzlich der Stich: was wissen wir über russische jüdische Menschen vor 1990? Genauer: was weiß ich, mit all meinen jüdischen Studien, als Alltagswissen…eigentlich eine Menge, aber was nicht angenehm ist:  aus diesem Wissen habe ich, haben wir, viel zu wenig gemacht…dazu ein andermal.

Hauptspiel: ich arbeite einen Packen von neuesten Ausgaben des Falter durch, und wollte eigentlich eine sehr positive Beschreibung dieser in Deutschland nicht vorhandenen kritischen Wochenzeitung aus Österreich verfassen.Es ist das beste Inlandsjournal, das ich kenne, und neben Corona und dem Ibizaskandal gibt es noch andere Themen, immer.Ausgabe 6/20Da lese ich das Interview von Anna Goldenberg mit Peter Michael Lingens, zu meiner Zeit (1972 ff.) Herausgeber des Magazins Profil. Vorher war er unter anderem Sekretär bei Simon Wiesenthal, dem Eichmannjäger. Lingens war immer ein guter Journalist (* 1939) und betreut jetzt eine Kolumne im Falter. Der Artikel heißt: „Im Grunde ist es unerzählbar“. Abgesehen von der Biographie des Lingens haben mich zwei Passagen aufgeschreckt: die Erinnerung daran, wie der sozialistische jüdische Remigrant, unser verehrter Kanzler Bruno Kreisky, mit Wiesenthal aneinander geriet, weil der die SS-Geschichte des Koalitionspartners von der FPÖ aufgedeckt hatte, und Lingens von einem Gericht wegen der Wertung verurteilt wurde „unmoralisch, ungeheuerlich und opportunistisch“. Die Geschichte kam hoch, als wäre sie von heute. Ja, und das wichtige hier: Lingens berichtet über seine Mutter Ella Lingens (*1908), einer Ärztin, die erst in Auschwitz, dann in Dachau gefangen war. Lingens beschreibt eine Auseinandersetzung in Auschwitz, als es um Fleckfieber ging. Sollte man es der SS sagen, dann fürchteten die einen,  alle würden umgehend vergast. Die andern – u.a. Lingens Mutter – plädierten für die Anzeige, und hofften auf Maßnahmen, die vielleicht einige Frauen retten könnten. So kam es. Nach der Infektion einiger SS Leute hat Menge gehandelt.  Ich zitiere Lingens wörtlich:

„Der berühmte Lagerarzt Doktor Mengele hat Folgendes gemacht: Er hat die Belegschaft eines Blocks komplett ins Gas geschickt, den Block desinfiziert, die Belegschaft des nächsten Blocks desinfiziert, sie in den desinfizierten Block übersiedelt. Das tat er mit einem Block nach dem andern. So hat Herr Mengele wahrscheinlich de facto tausenden Häftlingen das Leben gerettet“

Man liest das. Ein Milderungsgrund? Nein. Ein Zufall? Nein. Eine Maßnahme, die auch die SS schützte? Wahrscheinlich. Die Mutter überlebt. Und Lingens zieht die Analogie zur gesperrten Mittelmeerroute für Flüchtlinge, bei der weniger Flüchtlinge sterben als ließe man sie in ihren Booten einfach weiter durchs Meer strömen. Ich teile diese Ansicht nicht, aber ich verstehe die Analogie, und es graut einem, wenn man plötzlich mehr analoge Situationen vor sich hat als man ertragen kann, und sich nicht Milderungs- oder Verschärfungsgründe ausdenken muss, um an der Realität irre zu werden.

Lingens‘ Mutter hat nach dem Krieg in gehobener gesundheitspolitischer Position unter zwei ehemaligen Nazis im Sozialministerium gearbeitet. Die Lebensgeschichte ist gut zusammengefasst https://de.wikipedia.org/wiki/Ella_Lingens-Reiner (1.7.2020) und ihre Bücher wichtig. „Prisoners of Fear“ (1948), bzw. Gefangene der Angst (2003) sind vergriffen, nur antiquarisch zu erhalten. Ein Betrag in H.G.Adler u.a. Auschwitz…(6.Aufl. 2014) ist zugänglich.

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Nachspiel: ich halte mich auch ohne Falter informiert. Aber ich schaue natürlich viel auf Österreich und auf die Differenz zwischen unseren Ländern (das hat nichts mit Wertungen zu tun, wie besser oder schlechter, was die Bearbeitung des noch nicht Vergangenen betrifft). Aber manchmal ist ein Glück im Unglück, wenn man beim Nachbarn findet, was man hier noch gar nicht gesucht hat.

Rasse grassiert

Allenthalben ist das Nadelöhr-Thema, durch das alles muss, jetzt Rassismus und die späte Einsicht, dass davon keine Gesellschaft frei ist, wenn sie sich auch noch so davon distanziert. Wie kompliziert das alles ist, kann man bei Jill Lepore nachlesen, der hervorragenden Historikerin der USA: „Diese Wahrheiten“ (Beck, 2020) (These Truths 2018). Es gab über Jahrhunderte vor und nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung eine nicht aufgelöste Dialektik von Freiheiten für die (männlichen, weißen) Bürger und der Praxis von Versklavung von Schwarzen. Nachwirkungen bis heute, und wer alles am Sklavenhandel und der Misshandlung beteiligt war, glaubt man heute kaum mehr. Aber man soll es wissen, z.B. am Jahrestag der Unabhängigkeit für den Kongo (als vor genau 60 Jahren der König Balduin noch den König Leopold, Repräsentant eines der schlimmsten rassistischen Systeme, gefeiert hatte: schließlich hätte die koloniale Beherrschung ja die Zivilisierung der Naturvölker mit sich gebracht). Und viel von diesem Argument steckt tatsächlich auch in den heutigen Rassismen, hochverpackt und kaum zu dekonstruieren, wenn man es nicht wahrhaben will…

Schuldbekenntnisse kennen wir zur Genüge: die sind beim Feminismus und bei der Umweltzerstörung nicht viel anders als jetzt beim Rassismus: als ob das bloße Eingeständnis – WIR HABEN UNS GEIRRT – etwas an den Folgen und am Weiterwirken der Diskriminierung änderte. Wie sehr die Ökonomie die Politik ausbremst, kann man bis heute nicht nur Im Kongo sehen oder in der sanften Behandlung unserer Wirtschaftspartner. Im Inneren wird das Problem dadurch abgeflacht, indem man zunächst die potenzielle Kritik als Generalverdacht ablehnt, und dann die einzelnen Vorkommnisse als „schwarze Schafe“ subjektiviert. Welch hübscher rassistischer Begriff, viel schlimmer noch als Negerkuss…

Der Generalverdacht ist ehrlicher. Der Begriff sagt nicht, dass alle Polizisten eine rassistische oder rechtsradikale Neigung haben, oder alle in der KSK, oder beim Verfassungsschutz. Aber er sagt, dass wir dort we3lche finden können, und es ärger ist, bei der Polizei, der Bundeswehr und bei den Diensten solche Rassisten zu finden als anderswo, weil der juristische Zugriff und die öffentliche Auseinandersetzung mit „Sicherheitsorganen“ schwieriger ist als mit anderen gesellschaftlichen Gruppen. Aber es hat sich in Politik noch nicht herumgesprochen, dass Verdacht keine Vorverurteilung ist. Das ist ein Problem der allgemeinen politischen Bildung.

Allein die jetzt wieder aufgerufenen Einzelfälle machen die flauschige Abwehr des Generalverdachts verdächtig (nicht nur in Deutschland, auch in Österreich). Der Alltagsrassismus beschränkt sich natürlich nicht auf die Sicherheitskräfte, aber sie manifestieren und vor allem exekutieren ihn besonders folgenreich, denn eigentlich sollte man ihnen ja vertrauen, damit sie uns schützen. Und die von ihnen misshandelten oder nicht geschützten Menschen sind ja Teile von uns (wenn nicht, dann folgen wir dem Muster, für das eben nicht nur AfD und FPÖ stehen, sondern viele Institutionen in anderen Bereichen).

Was mich dabei irritiert: so verständlich Denkmalstürze und Straßenumbenennungen sind, so gefährlich ist das Ausradieren aller rassistischen Belege der Vergangenheit, analog aller frauenfeindlichen, behindertenfeindlichen, kinderfeindlichen…weil es kurzfristig das Gewissen der Erben erleichtert, aber dann bleibt nichts mehr, über das man sich zu einer Änderung der Politik verständigen könnte. Der Kommentar macht aus den Worten Begriffe, aus den Kunstdenkmälern gesellschaftliche Aneignungsmöglichkeit…und aus Othello noch lange keine weiße Frau.

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Die Eindämmungspolitik gegen Corona ist (gewollt und ungewollt) rassistisch, sie trifft die Ärmsten und Ausgegrenzten härter als alle anderen, und die Ärmsten sind weniger weiß.

Dialektik und Oberfläche – was für eine Überschrift!

So ein sperriger Titel…so eine verfahrene Situation.

Auf den ersten Blick schaut es so aus, als hätten die Polizeigewerkschaft, die AfD, die verschiedenen rechten und sonstigen Flügel, und natürlich Seehofer nur auf die Stuttgarter Krawalle gewartet. Kaum hatte es für ein paar Wochen fundierte und weniger fundierte Kritik an „unserer“ Polizei gegeben, wird das Pendel umgekehrt, jetzt sollen wir die Polizei respektieren und von jedem Generalverdacht reinigen, als hätten wir ihn vorher gehabt.

Seehofer: nur harte Strafen schrecken ab…ja wen, oder was? Die USA beweisen das Gegenteil, und: gibt es eigentlich harte Strafen gegen das Wegschauen, gegen das Beschweigen, gegen die Verachtung einer Kultur der Hilflosigkeit?

Das Versagen von Politik, und zwar fast aller der Öffentlichkeit sich präsentierenden Politikerinnen und Politiker, ist evident: nicht dulden…nicht hinnehmen …schnell und gründlich strafen.

Ein FDP Politiker: Vorbild sind die schnellen Aktionen nach G20 in Hamburg. Die haben einen Kanzlerkandidaten hochgespült und kein Problem beseitigt.

Randale von Unpolitischen, von  Drogen- und Alkoholjugendlichen, von unerzogenen, respektlosen Partyfeierden. Die Nazis von der AfD sagen unzensiert im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: das sind Linke und Ausländer. Aber Seehofer will eine, zugegeben missglückte, Satire verklagen.

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Ich will mein Lied nicht wiederholen, das Kreisler’sche „Schützen wir die Polizei“. Und im Blog „Glucken für die Polizei“ vom 11.6. habe ich einiges vorweggenommen. Aber es scheint ernster zu sein. Selbst Seehofer ahnt, dass es verrohende und verrohte Diskurse sind, die der Gewalt vorangehen…das muss nicht richtig sein, ist aber ein Ansatz. Das Politikversagen liegt u.a. darin, Anlässe zu Ursachen zu machen, und diese mit Drohungen und Gesetzesverschärfungen zu bekämpfen.

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Könnten wir der Polizei vertrauen, dann würde diese Polizei die Kritik und selbst Fehleinschätzungen souverän beantworten können – oder eben annehmen. Sie flüchtet sich aber, nein – nicht die Polizei, ihre Funktionäre – flüchten sich in den Schutz der Staatsorgane. Aber um deretwegen sind sie nicht da, sondern für uns, die Bürgerinnen und Bürger. Und an die Kritiker dieses Zustands sei gesagt: die Toten im Polizeigewahrsam, die Offizierskameraderie bei Aussagen und Anschuldigungen, das häufige Drohen und an der Sache Vorbeiagieren sind weder Einzelfälle noch Systemfehler. Das alles liegt auch an der Kurzsichtigkeit und Reflexionsarmut der Politik – was soll, was kann Polizei in der Demokratie? – und an einem Denkfehler.

Wir haben unsere Waffen abgeliefert, damit der Staat uns beschützt, unsere Sicherheit garantiert. (Es gibt noch immer zu viele Waffen in privater Hand)

Wir gehorchen (am besten ohne großes Aufmotzen, aber auch nicht vorauseilend), selbst dort, wo wir die Anlässe für ungeeignet oder die rechtlichen Bestimmungen für falsch halten (nicht viel anders wie bei der Straßenverkehrsordnung, deren Bestimmungen oft unsinnig sind, aber wollen wir sie dekonstruieren, nur um bei Rot um 3 Uhr früh über eine verkehrsarme Kreuzung zu schlendern?).

Wir haben bei der Bundeswehr Jahrzehnte lang die Staatsbürger in Uniform diskutiert. Bei der Polizei weit seltener, warum eigentlich? Die Polizei braucht nicht mehr Respekt, mehr Schutz, mehr Vertrauen als jeder andere Mensch in unserer Gesellschaft auch, aber auch nicht weniger.

Ich sage „in unserer Gesellschaft“, nicht in unserem Staat. Vielleicht hilft das der einen oder Polizistin und dem einen oder andern Polizisten, im Vertrauen auf die Bürgerinnen und Bürger ihre Politik nicht defensiv oder beleidigt und schon gar nicht aggressiv einfach zu gestalten. Seehofer und Wendt sind da falsche Ratgeber. Und als wie wenig „gleich“ die Menschen bei uns erachtet werden, haben die Reaktionen auf Stuttgart in Windeseile gezeigt. Wenn erst einmal die Schuldfrage geklärt ist, lebt es sich wieder leichter (Vorsicht, Innenminister, psychoanalytische Satire).

Am Wegesrand

Der Sommer wendet sich. Am letzten Tag des Frühjahrs droht kein Regen, die politische Korrektheit bleibt zu haus, wir wandern, ist ja auch Sonntag. Die Nachrichten eines Tages schrumpfen zusammen, des Bürgers Lieblingsspruch treibt die schönsten Blüten: is ja alles nicht so schlimm.

Blüten, wohin man schaut, also am Feldrand, und in einem geschützten Feld. Es dominiert der Mohn, aber tatsächlich, alle Farben, und reichlich – auf dem drei Meter breiten Streifen ist alles nicht so schlimm. Schau nicht nach links: große glyphosatgesättigte Felder ohne einen Halm, ohne eine Mohnblüte. Nur nicht dran denken, man kann sich doch auch am Wegrand erfreuen, zumal es hier einige Insekten gibt (Kinder, wisst ihr noch, was das ist – Insekten?).

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Hab ich mir gleich gedacht, dass es nicht so idyllisch bleibt. Nach vier Stunden bekommen wir die Mittagsnachrichten, und – es reicht für eine Extraausgabe von Titanic und der Fackel. Nun, liebe Blog-LeserInnen, keine Neuauflage der wiederholungsbedürftigen Litanei, was alles aus den Fugen gerät. Das kommt bald wieder. Zurück zur „Natur“.

Die Assoziationen über den blühenden Wegesrand waren durchgängig politisch, manchmal haben wir auch darüber gesprochen, aber meist war es ein innerer Dialog mit denen, die darauf brennen, zu handeln, etwas zu tun. In dem, was ich sehe, ist viel Monet, und viel Glyphosat. Die Kultur des Sehens wird durch die Chemie genauso behindert wie gesundes Essen. Sie wird genauso gefördert durch den Anblick der selten gewordenen Blütenmischung; der (wenigen, aber immerhin) Insekten, der Vögel im Gehölz. Mit dem Glück des Schauens kommt (verhalten) die Wut auf die hoch, die es uns nehmen, aber es kommt keine Rosamund Pilcher kitschig hoch, dass sich nur im Blütenmeer gut leben lässt. Auf dieser Wanderung leben wir nicht, wir besuchen. Für mich war es ein Besuch in der Vergangenheit, das heißt auch: ich erinnere genau, was sich seit damals gut erhalten hat an positiven Reflexen zu unserer gemachten Natur, da ist ja nichts ursprüngliches, aber der Wegrand selbst als schmaler Abschnitt der Agrarindustrie ist eine Erinnerung, wie sich Natur umgestaltet erhalten hat lassen, immer kärglicher (Nicht zufällig denke ich an den Hungerkünstler bei Kafka (1922), an dessen Aushalten sich die Menschen nach anfänglichem Mitleid bald gewöhnt haben – so wie heute an den Klimawandel oder dahintreibenden toten Flüchtlinge…).

“Aber die Zeiten ändern sich und das Hungerkünstlertum kommt außer Mode. Der Hungerkünstler ist nicht mehr die Attraktion. Er trennt sich von seinem Impresario und befindet sich nun in einem der vielen mit Stroh ausgelegten Käfige eines Zirkus neben den Tieren. Hier hungert er immer weiter, von Zuschauern kaum noch bemerkt.

Arbeiter entdecken ihn irgendwann ganz klein unter seinem Stroh. Bevor er stirbt, verrät er ihnen mit seinen letzten Worten den wahren Grund seines Hungerns. Er könne nicht anders, weil er die Speise, die ihm schmeckt, nicht gefunden habe. Hätte er sie gefunden, er hätte sich „vollgegessen wie alle“. Er wird mit dem Stroh zusammen begraben.

In seinen Käfig wird ein junger kraftvoller Panther gesteckt, der sofort zum neuen Anziehungspunkt wird.“  

Die Speise, die uns geschmeckt hätte, haben wir uns weitgehend abgewöhnt. Unsere Kinder und Enkel kennen ganz viele Naturerscheinungen nicht mehr, und ich selbst freue mich heute nur noch an einem Stück Gletscher, über den ich früher habe stundenlang laufen können. Das ist mir wichtig einzugestehen, dass die Bedeutung des Anblicks natürlicher Schönheit sich verändert hat, und zwar anders als mit dem Wechsel zwischen Zivilisation und Evolution, oder anders gesagt: die Nostalgie ist aus mir herausgetreten, aus der Emotion, aus meinem subjektiven Bedauern, sie ist in einen bereits fast vollzogenen Abschied übergetreten, den wir schon vielleicht selbst gar nicht mehr abschließen können. Der Panther ist die Erinnerung.

So lacht doch endlich.

Machen wir eine Übung: jeder von euch kann Thomas Manns „Tod in Venedig“ (1912)[1] aus dem Regal nehmen oder sich aufs Tablet laden. Man muss den Mann nicht gänzlich mögen, wie ich, aber eine so großartige Erzählung sollte man heute besonders genau lesen. Vor allem das fünfte und letzte Kapitel. Wenn man, aus Zeitmangel oder Ungeduld, NUR dieses Kapitel liest und von der invasiven Liebesgeschichte abstrahiert, geschieht etwas unheimliches. Der bis zum Überdruss gegenwärtige Coronadiskurs der letzten Wochen und Monate wird zusammengedrängt auf wenigen Seiten so plastisch, so lebendig, dass man sich schon frägt, ob die Cholera-Infektion im herrlichen Venedig nicht doch das bessere Vorspiel zur globalen Farce der Pandemie war.  

(Ich habe das ungute Gefühl, dass ich bei der Lektüre immer an Nietzsches Wiederkehr des immer Gleichen denken musste, weil sich unsere Zivilisation in einiger Hinsicht wirklich nicht so viel weiter entwickelt hat, aber das lass ich den Philosophen).

Es geht um eine komplizierte Liebesgeschichte, es geht um Zeitdiagnose, Kunstheorie – das gibt es heute ja auch noch, und es geht um eine Beobachtung, die heute fast anstößig realistisch wäre. „Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstärkte Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt…“  ((569/570) (was minutiös beschrieben wird, und während „Europa zitterte“, ging der Erreger schon in mehreren Mittelmeerhäfen an Land. Kommt CoVid nun aus China oder aus dem Labor und wer hat es bei welchem Flug wohin eingeschleppt? Bei den ersten Anzeichen schon fragen beunruhigte Sorgen „Man desinfiziert Venedig. Warum?“ – Der Spaßmacher antwortete heiser „Von wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze und bei Scirocco“ … Der Dialog geht weiter und man liest“ Ein Übel? … Ist der Scirocco ein Übel? Ist vielleicht unsere Polizei ein Übel? Sie belieben zu scherzen!“ (566). So lacht doch. Alles nur vorsorglich…Die vier Tyrannen Putin, Trump, Erdögan und Bolsonaro lachen (Monitor 18.6.2020), die haben verstanden, dass man nicht vorsorgen soll, sondern die Herrschaft ausweiten im Schutze der Seuche, die andern…wir andern…denkt an die Demonstrationen, den Streit der Virologen und die Gefährdung des Tourismus. „sie (die Behörde) vermochte ihre Politik des Verschweigens und des Ableugnens hartnäckig aufrechtzuerhalten“. (571). Ischgl. „der oberste Medizinalbeamte Venedigs, … , war entrüstet von seinem Posten zurückgetreten und kurzerhand durch eine gefügigere Persönlichkeit ersetzt worden“. (572). Brasilien. Der nächster Absatz ist zu lang in seiner Einführung in die Klassenkampfgeschichte der Seuche, also nur Brückenfetzen: „…die Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit, dem Ausnahmezustand, …brachte ein gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor…antisoziale Triebe…Unmäßigkeit, Schamlosigkeit…ausschweifende Formen, wie sie sonst hier nicht bekannt und nur im Süden des Landes und im Orient zu Hause gewesen waren“. Mit ein paar Änderungen kann man hier Trumps Politik gegenüber den Coronakranken Nichtweißen, Nichtreichen, Nichtkonservativen der Wirklichkeit der Diskurse in den USA einschreiben.

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Cholera ist CoVid, ist nicht AIDS, ist nicht Ebola…1912 ist nicht 2020. Ach, das haben wir gar nicht bemerkt. Aber die Maßnahmen Venedigs sind nicht viel anders als in den meisten Ländern heute – isolieren, beschweigen, beschwichtigen oder hilflos zusehen, wie sie dem Infektionsgeschehen nichts entgegensetzen können; jedenfalls werden die Medien zensiert (damals verschwanden die Zeitungen von den Hoteltischen).

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Es gibt eine Menge CoVid-Romane, oft in Tagebuchform. Den meisten fehlt die Einbettung in das wirkliche Leben, also in Gefühle, Politik, Kommunikation, sie machen das Virus zur Ursache allen Leidens. Thomas Mann hatte Recht: die Cholera war ein Anlass, all diesen Ursachen die Wirkungen zur Prüfung aufzugeben, und koste es dasLeben


[1] Mann, T. (1986). Der Tod in Venedig. Die Erzählungen. Frankfurt, Fischer: 493-584.