Finis terrae XXXVI 3. Teil: Blockwart und Gott

Prolog:

Nun ist die Zeit der Blockwarte und Denunzianten wieder im Anbruch. Wo allgemeine Regeln gelten, wird jeder Verstoß gern gemeldet, und geahndet. Vigilantes heißt das bei den Rechten. In ihrem CoVid Roman beschreibt Marlene Streeruwitz die Wandlung der Nachbarn (https://mail.yahoo.com/d/search/name=Marlene%2520Streeruwitz&emailAddresses=mail%2540marlenestreeruwitz.at&emailAddresses=office%2540marlenestreeruwitz.at&listFilter=FROM&contactIds=74dd.5a4a/messages/93617?reason=invalid_cred). Eine Welt von Beobachtern, man zählt selbst dazu, weil einem plötzlich das Verhalten einer großen Menge auf dem Wochenmarkt auffällt, wenn sich die Hälfte nicht an die Regeln hält, die man auch dann befolgen muss, wenn sie einem nicht klug erscheinen. Habeck hat heute früh (DLF 7.15) das Richtige dazu gesagt: auch wenn man Regeln befolgt, darf und soll man kritisieren: nicht die auferlegten Regeln, sondern die Politik dahinter.

Die Strafe Gottes:

Einen Gott, den „es gibt“, gibt es nicht. Dietrich Bonhoeffer 1929. Lest auch sein Glaubensbekenntnis.

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,…(aus dem apostolischen Glaubenbekenntnis)

Gott ist einzig, darum sollst du ihn lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft! Aus dem Sch’ma Israel

Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist. Muslimische Shahada

Ich kann hier endlos fortfahren mit Dogmen, die das politische Handeln der Herrschaften, wo sie gelten, legitimieren sollen. Macht wenig Freude, weil generell die Staatsreligionen Herrschaftsreligionen sind, und wo das nicht der Fall ist, die Religionen bis heute mit dem Staat um das Recht konkurrieren, in das Leben der Einzelnen oder kleinster Gruppen eingreifen zu dürfen…und sei es nur, die Ziviltrauung zu verhindern. In Zeiten großer Not lehrt diese beten, sagt man. Mag sein, nur was kommt dabei heraus?

In vielen Ländern wehren sich Kleriker gegen die Sperrung von Gotteshäusern und die Beschränkungen beim Gottesdienst. Makabre Gestalten behaupten, dass CoVid niemanden befällt, der so richtig an den richtigen Gott glaubt (Allah zur Zeit besonders häufig, Ramadan ist und Ostern ist vorbei, was den Evangelikalen eine Chance gegeben hat). CoVid als Strafe Gottes macht es sich leicht – sündig hat man vor Januar 2020 gelebt, schnell holt einen die irdische Strafe ein. Und da die Mehrheit der Menschen an einem Ort nicht an den richtigen Gott richtig glauben, werden die Kollateral-Geschädigten aufs Jenseits verwiesen, sterben müssen wir alle, wie der Faschist Bolsonaro richtig sagt, und nicht nur er…um die Tatsache geht es nicht, sondern um die Unzeit des Sterbens und die Umstände.

Im Schatten der Seuche versuchen die Religionsgemeinschaften verlorenes Terrain wieder zu gewinnen. Macht die Kirchen auf, die 15, die noch immer gekommen sind, dürfen auch jetzt hinein, und den Mitgliederschwund werden sie ja jetzt ein wenig abflachen, da es nicht um Kirchensteuer geht, sondern um ein Vorsorgeticket ins Paradies. Lass sie doch glauben, wovon sie wissen, dass es wenig Sinn hat, zumindest kausal. Gott war in Auschwitz grad nicht dabei, beim Ausbruch von HIV und Ebola auch nicht, in Fukushima und Chernobyl schon gar… wäre er dabei gewesen und hätte nicht eingegriffen, hätten die Sünder ja recht behalten, die Satmarer, Islamisten, christlichen Fundamentalisten, Hindus in Indien, Buddhisten in Myanmar –  alles das gleiche Spiel: Das Virus ist ein Trajectory, eine Rutschbahn zur Wiederbelebung Gottes, bzw. einer Gotteskonstruktion. Wer daraus Trost zieht, soll nicht daran gehindert werden. Nur: welche Hoffnung jenseits der vielfältigen und solidarischen Tröstung gibt es dabei?

„Das von den Vereinigten Arabischen Emiraten initiierte Hohe Komitee der menschlichen Brüderlichkeit (Higher Committee of Human Fraternity) schlägt den 14. Mai als weltweiten Gebetstag gegen die Coronavirus-Pandemie vor.“ ORF online 2.5.2020

Die Kirchen öffnen Meditationsräume, um die Versäumnisse der utilitaristischen Politik zu kompensieren. Wenn man glaubt, am besten an den allmächtigen Gott, dann muss man sich fragen lassen, warum der nicht eingreift – die Antwort ist klar: weil ER nicht will. (oder er (nicht ER) kann nicht, dann ist der Glaube vielleicht etwas zu schwach…). Wir werden mit allen menschengemachten Katastrophen bestraft: unsere Umwelt-, Wirtschafts-, Sozial-, Kultur-, Justiz-, Migrations-etc. Politik, hat mitverursacht, worunter manchmal viele, manchmal wenige leiden, je nachdem, ob die Klassenunterschiede eine größere oder kleinere Rolle spielen.

Da Virus wird benutzt, um die Frauen zu diskriminieren (Rückkehr an den Herd, weltweit, nicht nur in Bayern), um die Kinder zu schädigen (anfangs hat man die Kitas und Schulen gar nicht im Blick gehabt), um die Umwelt unter das Normalitätsprinzip des ökonomischen Ausnahmezustands zu unterwerfen (siehe Habeck oben), … und es gibt denen Auftrieb, die die Verursacher in den Juden, Chinesen, Amerikanern, Wissenschaften, Ungläubigen oder im schicksalhaften Zufall suchen. Das freut die Regelbrecher aller Schattierungen, von den Klinikbetreibern, Seniorenheimbesitzern, bis hin zu Freigängern einer nicht funktionalen Justiz…(schaut mal, welche Prozesse jetzt eingestellt werden, dem Virus sei Dank).

Zurück zu Gott.  Religionsfreiheit bedeutet, dass das soziale Ordnungssystem Kirche (pauschal, alle organisierte Konfessionen) eine Rolle neben andern Akteuren bei der Stabilisierung einer Gesellschaft spielt…alle haben die Wahl, und wenn jetzt viele Gott als Begründung für religiöses Handeln und Solidarität aus Ritual wählen: in Ordnung. Glaubensfreiheit heißt in diesem Zusammenhang, einen Wirkungszusammenhang anzunehmen, den niemand beweisen kann, weshalb es eine persönliche Entscheidung ist. Diese führt nicht notwendig zur Wahl einer Religionsgemeinschaft, aber sie kann. Dass die Öffnung der Kirchen und Moscheen gegen die Öffnung der Möbelhäuser und Friseurläden ausgespielt wurde, ist rhetorischer und ideologischer Unsinn. Auch die Kirchen könnten, wenn sie wollten, eine Umkehr oder Veränderung ihrer Politik nach der akuten Zeit der Virusausnahme anstreben und damit werben…das können die Autohäuser und Blumenläden nicht so richtig. Aber zurück zum Vorwurf: Der Glauben wird angerufen, weil die Politik und die Zivilgesellschaft nicht hinreichend die betreuen, die sich nicht positionieren können. Das heißt, dass alles falsch ist, das die Politik macht? – keineswegs; es heißt aber, dass man Fragen, wie sie Schäuble und Palmer  aufwerfen, nicht einfach abbügeln darf, sondern beweisen kann, dass die Antworten ein Mehr und kein Weniger an Solidarität erbringen können, um den Preis von vielleicht größeren Opfern an Wohlstand und Lebensqualität als man uns, der Bevölkerung zutraut.

Gott hat noch jede Krise überlebt. Wir übrigens auch, mit einer unterschiedlichen Zahl von Opfern und mit sehr ungleich verteiltem Leid. Die Pointe ist nicht ganz einfach: wer daran glaubt, dass seine oder ihre Handlungen (=gelebte Solidarität, Handeln) im Jenseits vergolten werden, der handeln und dann, wenn noch Zeit ist, beten. Er oder sie würden, dem Dogma entsprechend, auch ohne Gebet mit einem schönen Jenseits belohnt. Wer Gott anruft, um Vertrauen gegen Handlungen einzutauschen, soll sich nicht wundern, wenn Gott wieder einmal nichts tut. Also haltet die Moscheen, Synagogen und Kirchen offen, es tut ja auch gut, sich vom Handeln auszuruhen.

  • Übrigens: Blockwarte kommen nicht in den Himmel.

Finis terrae XXXVI: 2. Teil Hoffnung und Enttäuschung

Hoffnung und Enttäuschung. Kehrtwende vor dem Weltuntergang?

Kann Hoffnung enttäuscht werden? „Sie wird enttäuscht werden, ja, sie muss es, sogar bei ihrer Ehre; sonst wäre sie ja keine Hoffnung“ (Ernst Bloch).

Nicht zufällig teile ich mit einem nahen Freund zeitgleich eine Erwartung, die zur Hoffnung sich steigert, in der Vorstellung: wir steuern auf den dritten überheissen Sommer zu, mögen die Polkappen schmelzen, mögen die Brandenburgischen Wälder abbrennen, die Ernten verdorren und die Wasserspeicher austrocknen. 2020, nicht erst 2025 oder 2030.

Wir werden die panik-produzierende CoVid-Zeit noch nicht überwunden haben, da würden die Menschen, in Deutschland, Europa, anderswo schnell den Unterschied zwischen Ursachen und Anlässen der Talfahrt unserer Spezies verstehen.

*

Die Wirtschaft hofft auf Erholung, damit der Lebensstil der Wohlstandsgesellschaft mit einem etwas abgesenkten Wohlfahrtsstaat bald wieder aufrechterhalten wird.

Die Hoffnung wäre, dass die Lebensqualität bei massiv abgesenktem Konsum- und Reisewohlstand bei uns und einer wirtschaftlichen Restrukturierung in den armen Ländern (3/4 aller Länder, 4/5 aller Menschen) so verteilt würde, dass es keine internen Klassenkämpfe gibt und wir gut leben. (Wirtschaftlich würde diese Absenkung bedeuten, dass wir etwa das Niveau der Schweiz von 1975[1] etwas gerechter verteilen können…das soll nicht ohne Opfer möglich sein?).

Die Erwartung ist allerdings, dass die Herstellung der alten Ungleichheit wieder durchgesetzt wird, mit zwei Argumenten: 1. wenn es den Unternehmen und den Investoren gut geht, dann profitieren auch die Arbeitnehmer, und man kann sogar ökologische Zugeständnisse machen, wenn die Finanzen stimmen und die Aktionäre bei Laune bleiben, letztlich sollen staatliche Hilfen nur dazu dienen, dass der Markt wieder auf die Beine kommt. 2. Wenn alle gesellschaftlichen Herrschafts- und Druckmittel – Gender pay gap, Einschränkungen von Meinungs- und Kritikfreiheit, Zuteilung von Anerkennung und Integration, Flüchtlings- und Migrationsrestriktionen, – in einem Nationalismus zusammengefasst werden, der die Konkurrenz des nation-first Ansatzes in jedem dazu fähigen Land als legitim anerkennt.

Die Freiheit spielt sich im Bewusstsein vieler Menschen, vielleicht der Mehrheit, außerhalb der Sozio-Ökonomie ab. Bösartig gesagt, in Kultur, Freizeit, Gefühlen und in Wahlentscheidungen, die nur dann politisch sind, wenn sie wenig Wahrscheinlichkeit mit sich tragen, die Wähler zu enttäuschen. Das klingt so einfach wie es wohl ist, dass weltweit Demokratien, auch bei uns, gefährdet oder auf dem Rückzug sind.

Wie Demokratie auf dem Rückzug auch in noch nicht abgewirtschafteten Demokratien aussieht, ist anhand des Österreichers Kurz gut und knapp beschrieben: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/sebastian-kurz-coronavirus-krisenmanagement-strategie?utm_source=pocket-newtab (1.5.2020).  Und ich selbst lobe ja viele Entscheidungen, die Österreich hinbekommt und die deutsche Flickschusterei nie. (Das Beispiel: In Wien darf im Regelfall künftig kein Wohnhaus mehr ohne Solaranlage errichtet werden. So ist es in einer neuen Bauordnungsnovelle festgeschrieben, die dieser Tage in Begutachtung geschickt wird, wie am Montag bekanntwurde (27.4.2020). Damit will ich etwas heikles sagen, dass es nämlich nicht unbedingt der Grundrechte und demokratischen Prozesse bedarf, um sinnvolle Maßnahmen gegen Partikularinteressen durchzusetzen. Ich finde das nicht richtig, aber es funktioniert. Meine Kritik ist, dass es auch funktionieren kann, wenn man die Prozesse wieder demokratischer und offener gestaltet, wie bei der Solarverordnung.  

Und das wird unausweichlich, alternativlos, Angela! sein, wenn wir die Gesellschaft auf die notwendige Klimapolitik der nächsten Jahrzehnte einstellen wollen, damit die nachkommenden zwei bis drei Generationen überhaupt eine Chance zur Politik bekommen. Denn weniger Wohlstand und mehr Solidarität zu Lasten unserer Generation kann man nicht befehlen, wie das umgekehrt Trump, also zu entgegengesetzten Zielen Trump, Modi und Bolsonaro ja erfolgreich tun. Nur ist nicht zu erwarten, dass denen schnell jemand die Gurgel zudreht, weil davon ja die richtige Klimapolitik auch nicht heraufdämmert.

Wer meint, dass das auf eine undemokratische Verzichtethik hinausläuft, irrt. Wer meint, dass die jetzt schon Benachteiligten die Generationen der terrestrischen Endphase gerne mit weiteren Waffenkäufen und Bürgerkriegen vergeuden, sollte die hiesiegn Waffenlieferanten siomt ihrer Arbeitsplätze und Gewerkschaften erst einmal zur Räson bringen. Dann wird Politik daraus, und weiterhin etwas hellerer Himmel – hoffen wir.

Morgen geht’s zur Religion, betet schon einmal.


[1] Die Zahlen habe ich von einem prominenten Umweltphysiker 1990, anlässlich einer Podiumsdiskussion an der Humboldt Universität.

Finis terrae XXXVI, 1. Teil: die unvollendete Demokratie und das deutsche Auto

Die Wirklichkeit ist nicht mehr als großer Bissen zu schlucken. Im Prolog zu diesem Abschnitt von Finis terrae habe ich versucht, an kleinen Zeichen für einen epochalen Irrsinn den Geschmack am Nachdenken über Widerstand und Hoffnung zu beleben: Ausdörrende Demokratie als Entwicklung, und Befehlsnotstand als individuelle und kollektive Entschuldigung. 

Ich fange wieder klein an: am 29.4. hat die unverschämte Präsidentin der Autolobby, Hildegard Müller, Staatshilfen (=Euer Geld, liebe Leserinnen und Leser) für ihre Branche zu fordern, und zwar auch für Diesel und Benziner, UND sie hat das Recht der Aktionäre auf Dividende bekräftigt; mit Argumenten, die jedem Börsenspekulanten eine Erektion im Portemonnaie verursachen müssten…

Dass Müller das so unverblümt und rhetorisch unaufgeregt kann, zeigt, wie weit sich bestimmte kapitalistische Rhizome (Wurzelgeflechte) schon als Ring um den Hals der Regierung und des Parlaments gelegt haben. Wenn man ihre Biographie verfolgt, dann scheint sie eher das Musterbeispiel vielfältig engagierter politischer Menschen in der Demokratie zu sein – von Unicef bis Konrad-Adenauer-Stiftung, als eine knallharte Lobbyistin. Dass sie das aber dennoch ist, zeigt, wie die bloße antikapitalistische Rhetorik der Kapitalismuskritiker zu kurz greift.

*

Die Endzeit, finis terrae, ist auch dadurch gekennzeichnet, dass die Herrschenden und ihr Trabantengürtel eine Normalität der Systemlogik vorgaukeln, die den fortgesetzten Ausnahmezustand zudecken (Man sieht nicht, dass der Kaiser keine Kleider hat, und man versteht nicht, warum die Wirtschaft mit Kaufprämien für neue Autos nicht wieder anlaufen soll, es geht ja nicht um Autos (nein?), sondern um Arbeitsplätze. Die Logik: wenn beinahe alle tot sind, muss es noch Totengräber geben, damit die Toten ordentlich begraben werden.

Nein, ich hetze jetzt nicht gegen Autos generell. Sie sind sozusagen ein Symptom für vieles.

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Wenn die Recht haben, die jetzt sagen, nach CoVid wird alles anders sein als vorher, sollen sie ihren Spruch ernst nehmen. Dass die Generation unserer Kinder wahrscheinlich, die unserer Enkel sicher schlechter leben werden als wir, stand schon vor Ausbruch des Virus fest. Die politische Ökonomie sowohl der Globalisierung als auch der Naturzerstörung bringt dies notwendig und fast „alternativlos“ mit sich. Fast. Sonst könnte ich mir diesen Blog auch sparen. Und essen gehen. 

Dass die Demokratien zerbrechen, und nicht nur in Polen und Ungarn, sondern weltweit Faschismen blühen, hängt auch damit zusammen, dass in vielen Ländern die Menschen einem Führer mehr Macht anvertrauen als ihrem eigenen Denkvermögen. Dass ein Teil dieser Diktatoren anscheinend demokratisch gewählt wurden, ist keine Ausrede, sondern Kritik an der jeweils und immer unvollendeten Demokratie. Dass der Widerstand sich fast fanatisch auf Nebenwidersprüche konzentriert, ist ein Zeichen für diese Unvollkommenheit. Und die ist eben notwendig, um sie weiterentwickeln zu können. Dynamische Diktaturen und Despotien gibt es kaum. 

Dass die Kritik an der Politik jetzt, mit CoVid „zunehmend giftiger“ würde (Giovanni di Lorenzo,  ZEIT 30.4.20), ist Unsinn: seit Jahren wird verkündet, dass und wie der Diskurs „verroht“. Daran ist nur richtig, dass die Verrohung zirkulär erfolgt, bestimmtes immer wieder kommt, immer weniger verkleidet wird – und es gehört zum Populismus, das hervorzuheben, worin die Politik nie eindeutig und schuldfrei handeln kann. Gehört Verrohung, Entzivilisation auch zur unvollendeten Demokratie? Nein, natürlich nicht. Aber Verfeinerung auch nicht. Angesichts des drohenden klimatisch bedingten Untergangs der Zivilisation sind zwei Dinge besonders wichtig: die Evolution wieder anzutreiben dadurch, dass die Menschen wirklich wissen, was ihnen, also unseren Nachkommen droht – und dass uns nichts mehr bedroht außer vielleicht ein  Virus oder ein Erdbeben. Das bedeutet tatsächlich eschatologische Bildung und Erziehung. Und zweitens das Ablegen jener Haltung, die meint, dass wir vor dem unausweichlichen Schicksal alle gleich seien. Das stimmt nur für die Klimakatastrophe, aber nicht fürs Virus, nicht für den Krieg, und nicht für die Lebensumstände, für unsere und die der kommenden Generationen. Die derzeitige Demokratie wird das nirgendwo stemmen, sie muss nicht nur in Brasilien und  Indien weiterentwickelt werden, auch bei uns.

Für die Autolobby und die Möbelhäuser und die Fußballmillionäre etc. sind die sozialen Schranken vielleicht jetzt schärfer konturiert als früher, und da sind die einen im Schatten und die andern im Licht. Wenn das bis zum Weltuntergang so bleibt, schadet das Öffnen der Kirchen und Moscheen für die gläubige Ansteckung an unscharfen Erwartungen auch nicht. Dazu demnächst mehr.

Finis terrae XXXVI / 1: Jahrhundert des Irrsinns – Prolog

So eine harte Überschrift, und so kleine Maßnahmen? Die Rückeroberung demokratischen Territoriums geht nicht in einem großen Schritt, sie muss den Scheinriesen diesen Boden unter den Füßen wegziehen.

Nicht nur die Bäume vertrocknen. Die Demokratie dörrt aus…die letzte Bertelsmannstudie (https://www.deutschlandfunk.de/bertelsmann-stiftung-studie-warnt-vor-aushoehlung-der.1939.de.html?drn:news_id=1125547) nennt über hundert Länder, in denen in den letzten zehn Jahren Demokratie ab-, und autoritäre Exekutivherrschaft aufgebaut wurde, darunter Indien, Brasilien, und Ungarn und Polen. Die USA sind noch nicht prominent genannt, und der Demokratieabbau bei uns ist noch nicht irreversibel oder bedrohlich? Polen und Ungarn: streicht ihnen sofort die EU-Zuschüsse, suspendiert ihre Stimmrechte und betrachtet sie als eingekapselte Fremdkörper in der EU.  Und droht den Ländern, in denen sich ähnliches abzeichnet, mit denselben Maßnahmen. Das sagt sogar Alexander Lambsdorff, früher Europaparlament FDP…und wir sollen da noch zögern?

Unter dem Deckmantel von Corona feiern a) die Nationalisten mit ihren Grenzschließungen und Flüchtlingsbarrieren, b) die Mafia, c) die korrupten Lobbys der großen Wirtschaftsverbände fröhliche Urständ. Und Teile der Bevölkerung tragen das mit. Halten keinen Abstand und kaufen.

(Im alten Österreich der 50er Jahre sagte der Satiriker immer „…bei uns in Bagdad“ und meinte damit, dass wir nicht auf andere schielen sollten, uns selbst aber ans Portepee fassen müssten. Heute kann man Bagdad nicht mehr sagen, da kann man ein Wort zum Beispiel für das Außen- oder Innenministerium erfinden, um nicht gleich ins Denunziatorische zu verfallen).

Dieser Prozess hat VOR CORONA begonnen…Aber das Virus ist jetzt eine Ausrede für alles und jedes.

Werden wir Demokratie so einfach wiederherstellen können? Meine Frage ist, ob viele das wollen. Obwohl wir sie ja weiter entwickeln müssten. Ich fürchte, das ist nicht der Fall.

Heute früh, im DLF, hat die Autolobbyistin Hildegard Müller eine derart unverschämte Sichtweise ihrer Profitvisionen abgeliefert, rhetorisch gut und nicht flach zu kontern, dass einem graut. Fördern wir den Diesel und ermutigen wir den Autotausch und die Aktionäre…aber ist das nicht auch mehr oder weniger die Position derer, denen Möbelhäuser und Autoläden wichtiger sind als Kinder und Schulen?

Die nationalen Grenztrottel, die Markttrottel und die Blockwartmentalität beschränken sich nicht auf unser Land, aber ich fürchte, die Spreizung zwischen vorbildlichen, solidarischen und aktiv Handelnden gegenüber den  egoistischen, zukunftsblinden und partikularen Interessen wird größer, auch bei uns. Beispiel 1: Man kann Schäubles und Boris Palmers‘ Aussagen zu Überleben und Sterbenswahrscheinlichkeit unterschiedlich auslegen; so bösartig, wie sie in der Sumpfpresse gelesen werden, können sie gar nicht gemeint gewesen sein, der Streit wäre nicht schlecht, wenn nicht dahinter das alte Denunziantentum stünde, das keine Meinungsdifferenzen mehr öffentlich austragen lässt. Übrigens hat Margot Kässmann (die ich sonst nicht wirklich mag) recht: wie immer man in diesem Fall entscheidet wird man schuldig. Das ist ein Problem der Politik immer gewesen.  Beispiel 2: Der Rückbau von Demokratie ist eine Folge von Ausnahmezuständen, die als langsam wiederhergestellte Normalität verkleidet werden (nicht: wiederhergestellte Demokratie).

Das ist nicht nur Maßen bei uns so, sondern weltweit. Und lässt, scheinbar paradox, die Autokraten, Diktatoren und Gauner auf ihrem Thron leichter mit einander handeln und verhandeln als demokratische Regierungen. Das ist nicht wirklich paradox, es ist ein Rückfall, wie ihn Trump vorexerziert (noch wehrt sich die US Demokratie, wie lange hält sie es durch?). Schon sehe ich die Entschuldigungen in der nächsten Generation: Befehlsnotstand. Was hätten wir denn tun sollen?

Fangen wir mit Ungarn und Polen an. Rabiat. Ansonsten bleibt die Tagesordnung Klima, Flüchtlinge, Hunger, Armut. Wohlstand verträgt Einbußen, die vier nicht.  Ihre Bekämpfung ist an die Demokratie gebunden.

Jüdischer Einspruch XVI: Schuster, bleib

Deutschlandfunk 25.4.2020

„Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert die Absetzung von Ruhrtriennale-Chefin Stefanie Carb.

Präsident Schuster sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, er könne nicht nachvollziehen, dass sie weiterhin Intendantin sei. Die Verantwortlichen sollten endlich Konsequenzen ziehen. Hintergrund ist Carbs Entscheidung, den kamerunischen Politologen Achille Mbembe als Eröffnungsreferenten zur Ruhrtriennale einzuladen. Mbembe vertrete die Auffassung, Israel verhalte sich heute schlimmer als Südafrika zur Zeit der Apartheid, kritisierte Schuster. Das sei historisch falsch und nicht zu akzeptieren.

Intendantin Carb war schon vor zwei Jahren in die Kritik geraten. Damals hatte sie eine Band zur Ruhrtriennale eingeladen, die der israelkritischen Boykottbewegung BDS nahe steht.“

Die Position kann Herr Schuster haben,  auch andere Mitglieder des Zentralrats – hier gibt es Meinungsfreiheit.

Aber die Forderung des ZR, Frau Carb abzusetzen, geht so nicht. Nicht im Namen von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, die sich vom Zentralrat NICHT VERTETEN wissen oder nicht wollen, dass die jüdische Integration in unser Gesellschaftssystem von Schuster und seinen Kollegen vertreten wird. (Der ZR macht ja auch viel Gutes, vor allem in den Grenzen derer, die ihn als ihre Vertretung wollen).

*

Weder Frau Carb noch Herr Mbembe noch BDS dürfen sich auf meinen Protest berufen. Frau Carb kenne ich nur aus der Presse, Mbembe hat viele Aussagen gemacht, die ich nicht teile, und BDS ist für mich ein israelfeindlicher Gegner.

Ohne diese Einleitung sollte niemand meinen Blog zitieren.

Ich berufe mich gar nicht nur auf meine Familiengeschichte, die holt man bei andern Gelegenheiten heraus, wenn es um die Beziehungen zur deutschen Schuld geht oder um die Begründung, warum man für den Staat Israel einstehen sollte. Ich spreche als Mit(neu)begründer einer jüdischen Gemeinde, als Buchautor, zB. „Der Antisemitismus macht Juden, 2006), als Initiator von Jüdischen Studien an einer Universität, als aktiver Verteidiger Israels in Debatten wie zB. gegen den BDS. Aber hier beginnt das Problem: 

Mit welchen Argumenten greift man Israelkritiker an?

Mit der BDS-Gegenbewegung SPME? Mit der Behauptung, diese Kritiker seien Antisemiten? Israel ist kein Judenstaat, sondern ein jüdischer Staat mit einer Verfassung, die nichtjüdischen StaatsbürgerInnen und jüdisch-orthodoxen Staatsfeinden durchaus Grundrechte einräumt. Und wenn man die Gründungsgeschichte Ernst nimmt, dann hat man genügend kritische Anknüpfungspunkte an die Politik anderer Staaten, die es dem neuen Staat schwerer machten, die (einzige?) Demokratie in der Region zu werden. Deshalb kann man, kann ich,  Israel fast bedingungslos verteidigen, auch wenn die Besatzungspolitik des Landes zu kritisieren ist. Diese Kritik würde ich nicht unbedingt denen überlassen, die sie entweder aus Antisemitismus oder aus unvertretbaren religiösen Gründen (christlich, islamistisch, ideologisch) gegen Israel richten und einen Staat oder eine Gesellschaft sozusagen in Haftung nehmen. Gegen diese falsche Kritik muss man aber vorgehen, anstatt sie so auszugrenzen, dass sie subkutan weiterwirkt.

Herr Schuster, wäre es nicht besser, sie kritisierten Herrn Mbembe oder BDS, anstatt Frau Carb absetzen zu wollen. Sind Sie fähig, an umstrittenen Wissenschaftlern und Politikern Kritik zu üben, bevor Sie Maßnahmen fordern, die selbst wiederum schlimme Assoziationen auslösen? Ein versöhnlicher Schlussspruch: Diskutieren Sie doch mit den Betroffenen, öffentlich – jetzt halt über Video – und sagen Sie deutlich, was Sie kritisieren. Nicht den Staat und eine falsch geortete Öffentlichkeit zu Hilfe rufen…

Wann und wie wir sterben

„Statistisches Bundesamt Deutsche kaufen weniger Klopapier

Stand: 23.04.2020 11:20 Uhr Desinfektionsmittel und Seife sind weiterhin stark gefragt, der Bedarf an Klopapier und Nudeln scheint erstmal gedeckt. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Vor Ostern stieg die Nachfrage nach Bier, Wein und Kondomen“.

Glück gehabt, wer heute erst wieder Klopapier braucht oder Bolognese kochen will.

Meine bösartigen Angriffe auf Hamsterdam haben längst aufgehört, würdig bereitet sich das deutsche Volk auf die Wallfahrt ins Lemmingland vor. Mit sauberem Hintern und ohne Reizdarm werden viele in der zweiten Welle des Virus dahingehen, im stolzen Bewusstsein, alles, aber auch alles getan zu haben, um sich und den Angehörigen bis zum Schluss die Analogie zum 2. Weltkrieg und zur Nachkriegszeit erspart zu haben. Die statistische Meldung verwundert nicht: zu Ostern stirbt man nicht, da steht man wieder auf. Deshalb auch die Kondome.

*

Bolsonaro, ein faschistischer Stiefelknecht von Trump, verkündete zu Beginn des Virus, dass es ohnedies egal ist, „sterben müssen wir irgendwann alle“ (30.3.2020). Das sagt sich so leicht, wenn man nicht mehr lebt, sondern als Zombie die Wälder abbrennt und als Gangster die Massen verführt. Es kommt nie auf das DASS an, immer auf das WANN und WIE. Dass viele in Brasilien jetzt gegen die Maßnahmen, die ihr Führer doch durchsetzen will, protestieren, weil sie um ihr Überleben fürchten, ist keine Quittung, sondern folgerichtig. In den USA ist es in demokratisch geführten Bundesstaaten mit vernünftiger CoVid-Politik nicht anders.

Trotzdem werden unsere Politiker am Leichnam von Trump heucheln, und mancher wird so erleichtert sein über seinen Tod, dass er sich ähnlich ausdrückt wie bei einem Arbeitszeugnis eines endgültig abgetretenen Angestellten, den man eigentlich gefeuert hatte.

Ja, sterben müssen wir, und die Hamsterei, vor allem von Klopapier und Nudeln, hat etwas von atavistischen Grabbeigaben an sich, die man besser ansammelt als den Verwandten überlässt, weil man sich auf die nicht verlassen kann – vielleicht sterben die gar nicht oderwollen den Verblichenen auch nichts ins Jenseits mitgeben?

*

Diktaturen haben es gut. Dort stirbt man nicht, da gibt es nur den Tod. Den Heldentod, den Tod fürs Vaterland, den Tod für die Anderen…In Demokratien ist das anders. Da gibt es keinen Tod, nur das Sterben jedes einzelnen Menschen. Mit Folgen für all die, die mit diesem Menschen gelebt, gearbeitet, gestritten oder geliebt haben, und wenn man alle Sterbenden nimmt, ist es eine ganze Gesellschaft. FAST, das ist ein Haken bei der Sache, fast die ganze Gesellschaft. Die Zurückgelassenen hinterlassen keine Folgen.

Warum ich das schreibe? Nein, da schließt sich keine Fastenpredigt an, sondern ein Reflex. Heute früh beklagte sich ein Arzt, glaubwürdig und empirisch belegt, dass sehr viele krebskranke Menschen (wohl auch solche mit anderen schweren Krankheiten) sich nicht mehr in Arztpraxen trauen, dass zu spät diagnostiziert und behandelt wird, was nicht Corona ist. Die Seuche beschleunigt das WANN, und vernachlässigt das WIE. Und zwar für lange Zeit und für viele Menschen.

Noch im vorigen Jahr (2019) starben Menschen in Indien an der Pest, noch vor hundert Jahren wurde die Pest hier immer wieder importiert. Aber keiner hat heute mehr Angst vor der Pest. So wird es bei CoVid auch sein, und an der Einsamkeit vieler Abgehängter in ihren Altersheimen wird diese Normalität nichts ändern. (Ich überlassen Begriff ungern den Nazis, „abgehängt“ sind sehr viel mehr Menschen aus der Bevölkerung als aus dem deutschen Volk).

Nicht woran man stirbt, sondern wann und wie, kann zu einem vernünftigen Gespräch und zu etwas mehr Lebensfreude bei weniger Panik führen.

Heute zu, morgen offen?

Erinnert ihr euch an Claire Bretecher, die französische Karikaturistin? In einem Strip mault der Mann: Du rauchst zu viel, vom Rauchen bekommt man Lungenkrebs! Und sie: Vom Nichtrauchen bekommt man Arschkrebs! Nicht lustig, ich weiß.

*

Alle tragen Mund- und Nasenschutz, Masken. Weil man soll, an manchen Orten muss. Ob das irgendjemandem nützt, ist selbst bei den Virologen umstritten, und die Frage, wie man eine Maske aufzusetzen, abzusetzen hat, wird die Beraterliteratur ebenso anfeuern, wie die, die jetzt mit überteuerten Gesichtsfeudeln ein Zusatzgeschäft machen.  Ich hab auch eine Maske bei mir, und ich trag sie an den vorgesehenen Orten, nicht, weil ich eine Meinung dazu habe, sondern weil ich aus einem Nebenwiderspruch keine private Politik machen möchte.

Warum die Menschen ein Fußballstadium brauchen, wenn man die Vereine so gut im Fernsehen sieht?

Warum Möbelhäuser und Kirchen und … offen sind oder geschlossen bleiben?

Warum sich die Wiederkehr der kapitalistischen Normalität, also einer sozialen Verschlechterung unter dem Deckmantel staatlicher Solidarität als Verstätigung des Ausnahmezustands tarnt, oder umgekehrt?

Ihr kennt alle die Antworten. Immerhin ist heute das erste Mal seit Wochen, dass das Klimaproblem Teil der staatlichen Diskussion ist, nachdem es wochenlang in den Hintergrund geschoben wurde.

Ihr kennt alle die Antworten?

*

Zu den Kirchen noch ein Wort. Da der jeweilige Konfessionsgott bewiesen hat, dass er gut abwesend sein kann von bestimmten Orten, mögen manche glauben, dass er wenigstens in der Kirche anwesend ist und dass Hostien so wenig ansteckend sind wie rituelle Fastenspeisen. Gemeinschaftsgefühl, nicht kollektive Solidarität…Die Politik macht daraus natürlich Politik, so wie mit dem Fußball. Sozusagen die Trump-Wahlkampfmasche auf niedrigerem, weniger weltpolitischen Niveau. Hausaufgabe: warum geht es um die Religionsfreiheit (=Ritualgenehmigung) so sehr viel mehr als um die Glaubensfreiheit, die ich sogar zu Hause ausleben kann?

Sieht denn niemand, dass dieses Problem unsere Gesellschaft auch spaltet? Ja, für ein paar Wochen wird es mehr gemeinsame Gebete geben – analog oder digital – dann wird der Gott, der abwesend zu sein hat, sich wieder verflüchtigen und was bleibt, ist die Erinnerung an die schreckliche Zeit. Rückwärts immer, vorwärts nimmer.

St. Corona

Dreh das Fernsehn ab

Hab ich geschlafen?
Hab ich geträumt?
Gab ich nicht acht?

Und zu passiv?
Ging etwas schief,
Während ich schlief?

Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Und der Abend ist zu schön für solche Sorgen
Und das morgige Programm beginnt erst morgen
Ich weiß schon heut, was man dann sieht –
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!

Jeder Feldmarschall kriegt ein besond’res Dekret
Was er tut, gilt sofort als verjährt
Man lässt trotzdem die Strafanstalt steh’n, wo sie steht
Sie wird einfach zum Irrenhaus erklärt
In der Ferne, wo niemand erkennen ihn kann
Geht ein Mann auf und ab ohne Ruh‘
Ich geh hin und – mein Gott! Ich bin selber der Mann
Und ruf einsam und leise mir zu:

Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Auf den Feldern reift das gestrige Gemüse
Die Antennen wachsen langsam durch die Wiese
Wer noch jung ist, wird schon jede Woche zäher
Und die Tränenlieferanten kommen näher
Irgendwer schreit, irgendwer flieht –
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!

Georg Kreisler, https://www.songtexte.com/songtext/georg-kreisler/dreh-das-fernsehn-ab-5bc21f7c.html (18.4.2020)

Georg Kreisler, einer der wichtigsten Anreger meiner Entwicklung und bis zu seinem Tod einer der wirksamsten und unbestechlichsten Künstler der intellektuellen Off-Szene (er war schon berühmt), hat dieses Lied zu einem eindringlichen Aufruf werden lassen.  Hör genau zu oder dreh ab.

*

Na klar: in den Medien, aus dem Mund der meisten Politiker und Sykophanten kommt bei den ersten LOCKERUNGSÜBUNGEN ein Schwall von Normalisierungsforderungen. Das Licht am Ende des Coronatunnels: wir werden alle besser , klüger, geläutert, erfolgreicher, ertragreicher. Die meisten seriösen Medien berichten darüber eben: seriös. Das ist in Ordnung (ich rede nicht von Fox oder Tass oder der englischen Gossenpresse). Aber das, was sie 23 von 24 Stunden berichten, ist fatal. Corona zentral, peripher, als Bezugspunkt für die fernstliegenden Themen… In der Ferne, wo niemand erkennen ihn kann / Geht ein Mann auf und ab ohne Ruh‘ / Ich geh hin und – mein Gott! Ich bin selber der Mann. Mit einem Wort, niemand, auch ich nicht, kann sich diesem HINTERGRUNDRAUSCHEN ENTZIEHEN:  Worüber auch immer du mit einem andern Menschen redest, dauernd kommst du auf Corona zu sprechen, und eben nicht auf das was dich, uns, unsere Gesellschaft betrifft, sondern das, was sich ereignet oder thematisiert wird, damit die großen Probleme kleingeredet werden können oder gar verschwinden. Die verheerenden Einschränkungen von Demokratie  (nicht gleich die Grundrechte und -freiheiten, sondern ein Mechanismus). Ein böses Beispiel: Jahrzehntelang hat die katholische Kirche jede Menge Mitgliederschwund gehabt – zu Recht: Missbrauch, Zölibat, Heuchelei, Tyrannenhilfe (Polen, Lateinamerika)…jetzt plötzlich möchte sie die Kirchen schnell öffnen, damit die Gläubigen, ja was? Schutz suchen vor Corona, hoffen, dass der Gott, der schon in Auschwitz nicht war, ihnen jetzt beim Einatmen hilft…? Es gibt auch andere Seiten der katholischen wie auch der anderen christlichen, muslimischen, jüdischen Religionsgemeinschaften. Aber die Glaubensfreiheit – mit der Religionsfreiheit – zu verwechseln, DAS ist das, was mich am Hintergrundrauschen stört.  Man stört sich an der „Öffnung der Herrenboutiquen“ (ein Bischof). Ein weniger böses Beispiel: die Maskenpflicht wurde in Deutschland zu spät eingefordert.  Jetzt wird das Tragen der Masken empfohlen, aber nicht angeordnet, weil es schlicht zu wenig Masken gibt (Fehler der Regierung, aber was solls). Nun können sich die Muslimas schnell wieder vermummeln, weil es ja ein Taschentuch oder Schal auch tut. Wohlgemerkt: mir geht es NICHT um die Berichterstattung, aber um die Logik der dahinterliegenden Nachrichten über die Wirklichkeit, die dauernde Verwechslung von Anlass und Ursache, von Gefahr und Risiko und von Politik und Erkenntnis.

Bei Kreisler wird eben dieses Phänomen entwickelt. In den letzten Zeilen wird es klar: das ist der bedrohliche Zustand. Der Widerstand gegen die Tränenlieferanten kann sich aber nicht entwickeln, wenn alles und jedes mit dem heiligen Corona begründet wird. Die Seuche ist ernstzunehmen, wir können etwas gegen sie tun (vier , nur vier, Verhaltens-Regeln) und es gibt besonders betroffene Gruppen, hier wie anderswo, denen wir helfen sollen und können. Punkt. Und dann gibt es die Probleme der Welt.

Ein winziges Beispiel,  wie es auch und positiv gehen kann: eine junge Abgeordnete schreibt:

Corona-Verordnung in Brandenburg.

Mir persönlich liegt besonders am Herzen, dass wir durchsetzen konnten,

dass wieder Demonstrationen stattfinden können (selbstverständlich unter

Beachtung des Infektionsschutzes). Auch gegen die neue Regelung mit

einer Obergrenze von 20 Personen für Versammlungen gibt es

verfassungsrechtliche Bedenken u.A. vom wissenschaftlichen Dienst des

Bundestages, aber immerhin sind wir aus dem für eine Demokratie kaum

erträglichen Zustand des kompletten Demonstrationsverbotes nun heraus.

Meine Pressemitteilung zum Thema Seebrücke und Versammlungsfreiheit von

letzter Woche (ich hatte leider versäumt, sie hier über den Verteiler zu

schicken) findet ihr übrigens…

(Marie Schäffer, MdL Brandenburg, 20200417)

So öffnet man die Wallfahrt nach St. Corona wieder zur Welt.

Übrigens gibt es einen Ort mit 400 Einwohnern in Österreich „Sankt Corona am Wechsel“, kein schlechtes Programm: https://de.wikipedia.org/wiki/St._Corona_am_Wechsel

Nachwort: wenn wir Verschwörungstheorien (China, Labor, Jüdische Weltverschwörung etc.) kritisieren, werden wir oft als grüne Spinner abgetan. wenn wir Zusammenhänge früher als andere erkennen, traut sich das im Augenblick keiner: aber gesagt haben wir das schon früher: https://www.faz.net/aktuell/wissen/corona-krise-verschaerft-schmutzige-luft-das-pandemie-desaster-16728901.html?utm_source=pocket-newtab

Faschismus: Schlange und Maus

Antifaschismus war immer eine Art Baldrian auf die kontemplative Seele der Linken. Man war Antifa, und schon auf der richtigen Seite. In der DDR und im Staatssozialismus wurde der Begriff wie bei Orwells 1984 zur Propaganda des Gegenteils, und damit weit über die Grenzen der Diktatur hinaus ein Unwort. Im Westen war die Beruhigungswirkung etwas anders, sie löste sich in der Gleichgültigkeit, glich=gültig, von allem und jedem auf, und antifaschistisch zu sein war einfach, man konnte den Nazis den „Sozialismus“ aus dem Parteiprogramm und Namen wegdenken.

Die Auseinandersetzung mit diesem Problem gehört seit Jahrzehnten zu meinem beruflichen, d.h. wissenschaftlichen und politischen Programm, und zu meinem persönlichen, nicht nur privaten, obendrein.

Für einen Augenblick lasse ich eine Dimension – den Unterschied und die Gemeinsamkeiten von Nationalsozialismus und den Faschismen – außer Betracht, hier ein Nebenwiderspruch.

Mein Befund ist, dass die politischen Eliten und die populären Massen (also die Herrschenden und die Plebs, NICHT das Volk, NICHT die Zivilgesellschaft…) wie die Maus der Schlange ins Auge schauen, erkennend, was da ist, aber nicht handelnd, oder zumindest nicht genug handelnd.

Neben der beruhigenden Wirkung eines ozeanischen Antifaschismus (ozeanisch=ich mag ALLE Menschen, ich könnte die Natur ÜBERALL umarmen) gibt es eine ganz andere, dynamisierende Funktion: wenn ich Trump oder Putin des Faschismus zeihe, muss ich – müssen wir, politisch – handeln. Man kann nicht sagen: du bist ein Mörder, und dann das Glas erheben und weiter Hummer essen. Genau das geschieht aber.

Es ist leichter, Putin,  Xi und ca. 100 autokratische Machthaber unter den Faschismus einzureihen, als einige, die anscheinend zu „UNS“ gehören. Faschismus ist eben nicht eine dumme Ausgeburt des Kapitalismus (allein), nicht ein Ergebnis völkischer Suprematie (allein), nicht ein Produkt des Exzeptionalismus (allein), sondern ein Produkt aus all dem und mehr, immer in neuer Kombination und deshalb schwerer zu greifen.

Nehmt als Ausgangspunkt nicht die große Theorie (heide Gerstenberger: Unmittelbare Herrschaft), sondern eine kleinere, aber gut nachvollziehbare: Umberto Eco: Der ewige Faschismus (Eco 2020). In 14 Thesen fasst er seine Theorie zusammen (S. 30-40). Ich könnte es hier zusammenfassend nicht abdrucken, weil es zu dicht ist, aber ihr könnt das in einer Stunde verarbeitet haben, und ihr erkennt nicht nur die AfD oder die FPÖ oder – jetzt wird es heikler – Seehofer oder Maassen oder … ihr erkennt jeweils deutliche Kombinationen bei Erdögan (NATO Schwergewicht), Kaczynski (lenkt mit der deutschen Schuld von der Polnischen Gegenwart ab) oder Orban (ungerührte Neuauflage des Faschismus), und die EU, die deutsche Regierung,  viele kultivierte „Europäer“ sind die Mäuse.

(Selbstkritischer Einschub: wir, die 68er +/- 10 Jahre, haben mit unseren Parolen gegen das Neuaufleben des Nazismus/Faschismus etwas anderes gemeint, als gesagt, wir haben unser Pulver der Systemkritik dadurch verschossen, dass wir Faschismus dort identifizierten, wo er schon isoliert war, und wir haben übersehen, wo er noch gar nicht aufgetreten ist…das ist ein anderes, bitteres Thema).

Ich erwarte jetzt sofort einen Gegenschlag: Erdögan, naja, Kaczynski – da verkehrt man ja die Dimensionen deutscher und polnischer Schuld, Orban – mal sehen, wie er das nach Corona durchhält…und Seehofer: da gehst du jetzt zu weit. Der ist ein „fremder Blindgänger“, wie du ihn sonst nennst, bald unzurechnungsfähig, unempathisch gegenüber den Flüchtlingen und ausgesprochen EU-feindlich mit seiner Grenzpolitik, aber nein, Faschist ist er keiner. Hab ich auch nicht behauptet. Aber auch in seiner Innenpolitik sind genügend Elemente aus der Ecoschen Varietät enthalten um ihn zu nennen. Ich habe schlimmere Feinde – rhetorisch und in Gedanken. Aber: es kommt darauf an, diese Elemente des Faschismus auch dort zu erkennen, wo sie noch nicht aktiviert sind, wo sie noch keine Herdenimmunität produziert haben. Das ist mein Stichwort: es gibt so etwas wie demokratische Herdenimmunität gegen Faschismus, aber die hat keine lange Halbwertszeit.

Kennzeichnend schauen wir erst einmal auf Trump, noch immer Selbstherrscher unserer Bündnisse:

Nicht nur seine Schläge gegen die UNO, gegen die Klimabeschlüsse, gegen WHO, nein, seine Alltagsautokratie ist faschistisch:

Trump’s war against the Postal Service could have another casualty: tens of thousands of military veterans with disabilities   The Postal Service employs nearly 100,000 military veterans. Over half of them have a disability rating.   Business Insider
Sailor on USS Roosevelt, whose captain was fired after pleading for help, dies of coronavirus   The ship’s captain was fired after pleading for help for his crew of 4,800. The sailor is the first active-duty service member to die of the disease.   USA TODAY

Zusätzlich zu seinen Lügen, sexuellen und rassistischen Schweinereien, agiert er sehr wohl in dem Rahmen, den wir auch dann faschistisch bezeichnen könne, wenn er nicht alle Merkmale einer Diktatur erfüllt, sowenig wie die polnische, ungarische und Teile anderer EU-Regierungen in unterschiedlichem Maße. Darum geht’s mir auch gar nicht.

Der „ewige Faschismus“ entspricht der Apodiktik von Hannah Arendts Titel: „Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher“ (Knott 2000). Texte von 1941-45, von teilweise erschreckender Voraussicht, wie übrigens später bei Eco. Einen klaren Zusammenhang sieht man bei den Faschisten in Polen und Ungarn, anderswo sind die Bausteine etwas anders gemischt. Aber Netanjahu-Trump ist z.B. eine brisante Mischung.

Dass wir nicht Erdögan aus der NATO schmeißen, hat ja einen komplizierten Grund: hätten wir die Türkei vor mehr als 20 Jahren in die EU eingeladen, wäre sie vielleicht demokratischer geworden. Und heute ist das Problem, dass wir die NATO kritisieren können, wir haben aber keine europäische Armee, auch aus falsch verstandenem, „passiven“ Pazifismus). Dass wir den polnischen und ungarischen und anderen Autoritarismen nicht entgegentreten, ist noch komplexer: die meisten dieser betroffenen Länder hängen am ökonomischen Tropf der EU, richtig so, aber da muss man schon den Primat der Politik über die Ökonomie, die regionale Struktur- und Wirtschaftshilfe stellen…Aber Trump: der Führer des Westens ist der Führer, weil man ihn in seiner „Form“ noch anerkennt, während sich fast alle demokratischen Politiker einig sind, dass er „inhaltlich“ ein Verbrecher ist (ein Verbrecher am Klima, an unserem Leben, nicht nur dem der Amerikaner). Das hat man mit verschiedenen Faschisten der Vergangenheit auch gemacht, zeitweise und meist lange genug, um sie zu stabilisieren. Faschismus mag ewig sein, er ist nicht ubiquitär (=allgegenwärtig), und er tritt nicht mit geballtem, sichtbarem Herrschaftsanspruch auf; er ist oft bürgerlich gewandet (Eco) und noch öfter zitiert er unsere Werte, um sie uns bitter zu vergällen.

Wie werden wir, immer wieder, die Faschisten los?

Literatur:

Eco, U. (2020). Der ewige Faschismus. München, Hanser.

Knott, M.-L., Ed. (2000). Hannah Arendt: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. München, Piper.

Finis terrae XXXV: Tod oder Sterben? Keine Frage.

Sterben ist nicht schön, meistens. Und die es erlebt haben, erzählen wenig darüber. Die es beobachtet haben, erzählen viel, empathisch, ratlos, abgestoßen oder angezogen.

Ganz anders der Tod. Eine literarische Gestalt, auch mal weiblich, meist männlich: ohne Tod gäbs fast keine Literatur, Kunst und Philosophie.

In diesen Tagen werden Sterben und Tod meist zu einem schwer genießbaren rhetorischen Cocktail gemixt, den man 23 von 24 Stunden in den Medien, aus dem Mund von Politikern, Virologen, Nachbarn und Passanten hört, bzw. serviert bekommt.

Sollen wir etwa nicht aufklären? Sollen wir etwa unsere guten, hilfreichen, notwendigen, etc. Absichten und Empfehlungen bei uns behalten? Sollen wir etwa chinesisch beschweigen, bevor wir Trompeten erschallen lassen, wenn sich die Infektionskurve abflacht? Und was wird aus der Wirtschaft?

So schallt es beim leisesten Aufkommen von Kritik. Liebe BlogleserInnen: nicht Kritik an den paar Maßnahmen, die wir in überwältigender Mehrheit befolgen, und klugerweise wenig kommentieren. Mehr als vier sind es nicht. Nein,  Kritik daran, dass die Welt sich nur um CoVid-19 dreht und ansonsten offenbar stillsteht.

Was tut die Politik nicht alles, um zu verdecken, dass sie jetzt keine Zeit hat, für die Diktatoren,die im Schatten des Virus wüten – nicht nur Orban oder Bolsonaro oder Trump oder Modi, die Liste ist sehr lang und reicht bis in das feine Kapillarsystem persönlicher Beziehungen. Keine Zeit für Klima, keine Zeit für sterbende Flüchtlinge, keine Zeit für Kriminelle, die auf dem Ausnahmezustand ihre Suppen kochen, keine Zeit…

Offenbar sind die Dompteure der Überzeugung, dass nur die endlose Schleife die Murmeltiere, aus denen die Menschheit besteht, zu angemessenem Verhalten bewegt, und vor allem zur Unterwerfung unter den gaaanz groooßen Bruder, der nicht überm Sternenzelt, sondern in der Veränderung der Gewichte von Freiheit und Ordnung sich verwirklicht. China ist ein gern imitierter, wenn auch mild kritisierter Vorreiter. Statistik organisiert die Normalität, bzw. rechtfertigt den Ausnahmezustand, – nicht einfach als Freund/Feind-Konstellation, sondern:  du willst doch nicht, dass andere sterben? Oder gar du selber?

Und just da geht die Drohung vom Sterben zum Tod über. Die vier Regeln befolgen, ist für die meisten mehr oder weniger einfach. Eine Klassenfrage, keine des Gewissens oder der Bildung. Wer in einer engen Wohnung mit geringer Einrichtung und mehreren Kindern lebt, oder allein erzieht, oder gebrechlich ist, oder isoliert ist, leidet jetzt mehr als wir privilegierten, mit dem Park vor der Tür, dem Hund als Auslaufgrund, den Verwandten am Telefon oder Skype, dem dauernden Rattern der Mails. Viele, erfreulich viele, haben das erkannt und helfen so gut es geht, die allermeisten, ohne die Sonne öffentlicher Dankbarkeit und Anerkennung auf sich zu lenken. Prima. Aber gerade weil das irgendwie eine Zeitlang gut gehen kann, dürfen doch die Themen des Lebens, des Weiterlebens, nicht verdrängt werden.

Jetzt kommt die Pointe: Das Gerede um die Exit-Strategie, so pragmatisch notwendig es ist, hat doch wenig zu tun mit dem Weiterleben in der Klimakatastrophe, dem Weiterleben in den FlüchtlingsKZs zwischen der EU und dem Außen, dem Weiterleben im Bürgerkrieg in Syrien, dem Weiterleben zwischen drei Epidemien im Ostkongo etc. – die Liste ist viel länger! – nein, Exit ist keine Rechtfertigung dafür, die Welt aus den Augen zu verlieren und zu sagen: das hat alles Zeit. Nichts hat Zeit.

Bis zu einer Impfung werden viele Menschen an CoVid 19 sterben,  so viel ist ziemlich sicher und zu erwarten. Und das kann lange dauern. Vielleicht bleiben die vier Regeln auch in Kraft, für lange Zeit. Aber die Konstruktion des Todes wird jetzt schon benutzt, um Elemente des Ausnahmezustands für alle Zukunft zu befestigen. Schon die Drohung, dass nichts mehr so sein wird wie früher, ist eine  Gemeinheit, wenn man nicht dazu sagt, was sich ändern muss (außer einige grundlegende Reformen am Gesundheitssystem – siehe Expertise von 2012). Soll es denn so sein wie früher? Wir trauern ja dem Plumpsklo und dem Kopfsteinpflaster auch nicht nach…Es ist etwas anderes gemeint: Bürger und Bürgerinnen, gewöhnt euch daran, dass wir vorsorgen…ja, wofür? fürs nächste Virus? Gebongt. Haben wir bei HIV, SARS, Ebola etc. gemacht oder nicht gemacht? Siehe auch: Armutsfrage und Dritte Welt. Mehr Waffen exportiert als Gesundheit weltumspannend und transnational verbessert, und dann lässt man den Verbrecher Trump die WHO ruinieren (die hat auch Fehler gemacht, und? Ihr nicht? Nein). Alle Vorsorge steht über dem Virus. Das Mantra wiederholt sich nicht nur in den Blogs. Es wird im Raum stehen, wenn die Wirtschaft wieder „anfährt“. CO2? Feinstaub? Und: die Reorganisation des sozialen Zusammenhalts wird, hoffentlich, viel am Konsum einschränken bei denen, die das ordentlich ertragen, also bei uns, und das heißt nicht sofort wieder das Wirtschaftswachstum anfahren, wie das die Weisen prognostizieren und anordnen.

Was hat das mit dem Tod zu tun? Sehr viel, denn der Mythos der Todeskonstruktion lenkt natürlich ab vom elenden Sterben derer, die schwer geschlagen vom Virus sind. Was haben die Rundfunkanstalten von der Auferstehungshoffnung zu Ostern gedröhnt (um auferstehen zu können, muss man erstmal gestorben sein). Plötzlich sehnen sich viele nach der spirituellen Erlösung, die ihnen lange Zeit eher zweitrangig war, jetzt, wo sie einmal nicht in die ansonsten gemiedenen Kirchen dürfen. In den Predigten wird, Kennzeichen der Todeskonstruktion, Hoffnung mit Zuversicht verwechselt (–> Ernst Bloch hat dies immer wieder aufgebracht). Statistiken geben keine Hoffnung.

Wir brauchen beides: die empirische und damit auch bedenkenswerte Kategorie des Lebens zwischen Geburt und Sterben, das sind wir, da können wir abwägen, uns wiedersehn oder Abschied nehmen oder stoisch die letzte Prozedur jenseits der Patientenverfügung erwarten oder verhindern; aber jedenfalls uns freuen, dass wir geboren worden waren, dass wir geboren wurden, dass wir leben und gelebt haben.

Und dann den Tod, dessen gegenüber NICHT die Gebürtlichkeit ist, sondern eben das Leben, das, wenns uns oder andern nicht gefällt, in ihm mündet.

Glaubt Ihr das:

Es ist der Tod der tröstet und belebt ·
In dem wir einzig ziel und hoffen sehn ·
Er giebt den trank der uns berauscht erhebt
Und mut bis zu dem abend hinzugehn.

Er ist der engel mit magnetnem finger ·

Der wonneträume und des schlafes bringer ·

Damit er armer menschen lager glätte.

Er ist der götter ruhm das kornverlies
Des bettlers schatz und alte heimatstätte
Das thor zum unbekannten paradies.

(Baudelaire, übersetzt von Stefan George, 1901)

Das  Gedicht heißt „Tod der Armen“. Und das ist etwas anderes als die Ereignisse am Intensivbett.

Es ruft auf zu einer sich verlängernden, andauernden Situation nach dem Exit, nach dieser Krise, als wärs die letzte, obwohl wir in der anderen, dem Ende der Menschheit durch das –> Anthropozän, schon längst drin sind.  (ach so,  sind wir nicht? Die Börsenkurse steigen schon wieder).

Ich bin alt, und ich habe Panik nur nötig, wenn ich an meine Kinder, Enkelinnen denke und meine Familie und Freunde. Das heißt, dass ich mich leichter vom Mythos Tod trennen kann als die Jüngeren, denen die Ikone des Todes immer die Furcht mitgibt, ihr Leben könne verkürzt werden (oft haben sie ja Recht, bei uns und anderswo noch mehr).

Aber lest mal: https://www.sonnenseite.com/de/umwelt/schellnhuber-wir-riskieren-den-fortbestand-unserer-zivilisation.html (15.4.2020). Der Artikel begründet, was der Titel sagt. Sogar in der Jungen Freiheit findet sich ein Schatten davon, das gibt zu denken: https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2020/schellnhuber-wer-achtlos-co2-freisetzt-gefaehrdet-das-leben-seiner-enkel/ (dto). Ihr müsst die Zeitung sonst nicht lesen. Aber das, was Schellnhuber sagt.

Und nochmal: der Tod der Armen ist noch eine Allegorie dessen, was uns erwartet, wenn das Leben ungerecht und einseitig diskriminierend ist. Das Ende der Zivilisation heißt aber, dass die nach uns sterben die Verursacher ihres Verschwinden aus der Welt bestenfalls erinnern, aber nicht mehr kennen. Der Tod ist dann kein Richter.